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„Viele betrachten dieses Buch als einen Wutschrei“

In ihrem Roman „Der Duft von Kaffee und Kardamom“ erzählt die saudi-arabische Autorin Badreya El-Beshr vom alltäglichen Kampf der Frauen um etwas mehr persönliche Freiheit. Hier ein Gespräch mit der in Dubai lebenden Schriftstellerin und Kolumnistin.

05.06.2011 Drucken Senden Kommentieren
Badreya El-Beshr
Zur Person: Badreya El-Beshr
Die saudi-arabische Schriftstellerin studierte Literatur- und Sozialwissenschaften an der König-Saud-Universität, Riad und der libanesischen Universität in Beirut. Sie arbeitet als Journalistin und schreibt literarische und sozialkritische Kolumnen für mehrere saudische Zeitungen, zurzeit hauptsächlich für die Tageszeitung „Al-Hayat“.

E urasisches Magazin: Hat es Sie überrascht, dass Ihr Buch in Saudi-Arabien überhaupt zugelassen wurde?

Badreya El-Beshr: Ja, das war wirklich eine Überraschung. Aber unter dem jetzigen König Abdullah hat es einige Veränderungen in Saudi-Arabien gegeben, und man rechnete mit dem Beginn einer neuen Reformbewegung. Deshalb wurden einige Bücher genehmigt, wodurch auch mein Roman diese Chance bekam.

EM: Wie waren denn die Reaktionen auf Ihr Buch in der saudischen Öffentlichkeit?

El-Beshr: Gegen das Buch wurden drei Vorwürfe erhoben. Erstens, dass es gegen den Islam verstoße, weil die Protagonistin einen Roman mit dem Titel „Jesus wird wieder gekreuzigt“ liest (während es laut dem Koran überhaupt nicht zur Kreuzigung kam, Anm. d. Red.). Zweitens dass ich jeden, der sich meinen lüsternen Wünschen widersetze, als Moralpolizei anprangere. Und drittens warf man mir vor, dass ich in dem Roman meine Mutter schlechtmache. Diese Kritiker halten das Buch nämlich für autobiografisch.

„Es gibt die Liebe, aber wenn man darüber spricht, ist das ein Skandal“

EM: Ist es nicht erstaunlich, dass sich die Kritik gerade daran festmacht und nicht daran, dass Sie zum Beispiel offen über sexuelle Belästigung sprechen oder sich über die Religionspolizei lustig machen?

El-Beshr: Viele betrachten dieses Buch als einen Wutschrei. Aber das Problem liegt auch bei diesen konservativen  Gesellschaften, die immer alles unter der Decke halten wollen. In solchen Gesellschaften ist alles ein Skandal, worüber man schreibt, sogar die Liebe. Mehr als die Hälfte der Frauen in Saudi-Arabien heiratet meines Erachtens aus Liebe: die junge Frau, die den Nachbarssohn liebt, die einen Cousin oder sonst einen Verwandten liebt. Es gibt die Liebe also, aber wenn man darüber spricht, ist das ein Skandal. Und genau das ist das Problem. Nicht was tatsächlich passiert, gilt als Skandal, sondern dass man darüber spricht.

EM: Glauben Sie, dass die meisten Menschen in Saudi-Arabien ihre Sicht der Dinge teilen?

El-Beshr: Ein Teil oder vielleicht die Hälfte meiner Generation stimmt mit mir überein, aber die nächste Generation wird das, was ich schreibe, schon banal finden. Für die Jugend von heute, die mit Satellitenfernsehen, Handys und Internet aufwächst, ist mein Roman wahrscheinlich nur noch eine Sammlung von Geschichten alter Frauen. Beziehungen zwischen jungen Männern und Frauen sind mittlerweile etwas ganz Normales geworden. Es ist sogar umgekehrt: Wer keine Beziehung hat, wird schon als rückständig betrachtet.

„Es findet ein schneller Wandel statt“

EM: Könnte man also sagen, dass das Buch die Kämpfe einer bestimmten Generation von Frauen beschreibt?

El-Beshr: Meine Großmutter und meine Mutter sind nicht einmal zur Schule gegangen, während ich promovieren konnte. Das ist ein gewaltiger Sprung, da klafft eine Lücke zwischen den Generationen. Und dann gibt es einen weiteren Sprung zur Generation der Globalisierung, des Satellitenfernsehens und des Mobiltelefons. Es findet ein schneller Wandel statt, der ein Stück weit beunruhigend ist, der aber auch Fenster der Hoffnungen aufstößt. Von einem Beobachter der Revolution in Ägypten habe ich einen schönen Satz gehört: Die Jugend kann revoltieren, weil sie im Zeitalter des Internets genau wieß, was Freiheit bedeutet - anders als die Generation davor, die die Freiheit nicht gekannt hat.

EM: Wie schwerwiegend sind die wütenden Reaktionen auf ihr Buch, von denen sie sprachen?

El-Beshr: Eine andere Frau würde sich an meiner Stelle vielleicht bedrängt oder in Gefahr fühlen, aber für mich gehört das zum Beruf des Schreibens und der Veränderung dazu. Deshalb akzeptiere ich, dass viele das ablehnen, was ich schreibe, denn ich schaue einfach auf diejenigen, die es annehmen. Mir persönlich genügt es, wenn die Hälfte der Leute oder weniger als die Hälfte akzeptieren, was ich schreibe. Das ist doch schon etwas, finde ich.

„Frauen haben mehr Mut, und mehr Wut“

EM: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Rolle von Frauen bei den Veränderungen in der saudischen Gesellschaft oder auch in anderen arabischen Gesellschaften?

El-Beshr: Ich glaube, die Frauen leisten einen realen und aktiven Beitrag. Ihr Problem ist, dass sie in der zweiten Reihe bleiben müssen und nicht an vorderster Front stehen dürfen. Aber die Frauen haben mehr Mut, mehr Wut und ein genauso ausgeprägtes Bewusstsein. Wann immer Frauen heute die Chance bekommen, machen sie die schnelleren Fortschritte.

EM: Ist das auch so, weil auf den Frauen mehr Druck lastet, weil sie mehr unter den Verhältnissen leiden?

El-Beshr: Natürlich. Es gibt ein gemeinsames Leiden von Frauen und Männern, es mangelt insgesamt an Rechten. Aber es ist die Art von Druck, wie ihn die Frauen ertragen müssen, der diese Art von Ausbruch hervorbringt. Deshalb werden Frauen auch stärker die Initiative ergreifen.

„Der Weg kann nur nach vorne gehen“

EM: Wie wird die saudi-arabische Gesellschaft nach ihrer Einschätzung in fünf oder zehn Jahren aussehen?

El-Beshr: Ich wieß nicht, wie weit unsere Fortschritte gehen werden. Aber der Weg kann nur nach vorne gehen. Es kann nicht rückwärtsgehen oder so bleiben wie bisher.

EM: Wie schätzen Sie die politischen Ereignisse in Saudi-Arabien in letzter Zeit ein - zum Beispiel die Demonstrationen und die Petitionen an das Königshaus?

El-Beshr: Ich glaube nicht, dass es eine Revolution geben wird. Aber es gibt einen starken Drang nach Veränderungen von innen. Doch niemand wieß, inwieweit dem entsprochen werden wird.

EM: Aber irgendetwas wird sich ändern müssen?

El-Beshr: Sicher, absolut - das muss einfach geschehen.

EM: Frau El-Beshr, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

*

Zuerst erschienen in Qantara.
© Qantara.de 2011
http://de.qantara.de/wcsite.php?wc_c=16183&wc_id=16417

Das Interview führte Christoph Dreyer
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