„Vom Bild der Welt“, Roman von Andrea JeskaGELESEN

„Vom Bild der Welt“, Roman von Andrea Jeska

Ein Flugzeug stürzt ab, eine Frau verschwindet. Ist sie verunglückt, untergetaucht? Götz, ihr Mann, weiß es nicht, ahnt, dass Johanna nicht zurückkommen wird.

Von Hans Wagner

„Vom Bild der Welt“, Roman von Andrea Jeska  
„Vom Bild der Welt“, Roman von Andrea Jeska  

D er Leser sei gewarnt. In diesem Buch ist alles schon gesagt. Wer je seinem Liebesschmerz Ausdruck verleihen möchte, wird kaum mehr eigene Worte dafür finden. Dabei erwarten ihn nicht Herz-Schmerz-Seufzer, wie man sie tausendmal gelesen hat. Kein Schluchzen. Sondern er liest die Analyse dessen, was sich in einer Beziehung abspielt, abgespielt hat. Nach all den Jahren, nach all den Nächten. Und diese Analyse ist es, die so sehr unter die Haut geht – viel mehr als Jammer.

Die Autorin lässt Götz und Johanna zu Wort kommen, in der Zeit, in der die Frau verschollen ist. Zu Wort kommen heißt, dass sie beide ihre Gedanken offenbaren und in ihnen ihre Emotionen, ihre Leidenschaften, ihren Schmerz, die Hilflosigkeit, die Wut, die Trauer – und die Gemeinheiten, die man sich antun kann, wenn man geliebt hat.

Dialoge, die vorkommen, spielen in der zurückliegenden Zeit. Werden von beiden rekapituliert. Dabei ist es oft weniger wichtig, wer etwas sagt, als vielmehr was zur Sprache kommt – die Autorin verkörpert  beide.

Lebenslinien kreuzen sich

„Lebenslinien kreuzen sich, verbinden sich und verlassen einander. Der Zufall einer Begegnung und dann der Zufall einer neuen Begegnung“, so nähert sich Andrea Jeska dem Rätsel einer Liebe und ihres Vergehens. Sie schildert  das Aufeinandertreffen wie das zweier Himmelskörper, die aufeinander zurasen, sich vereinigen -  um sich dann wieder zu verlieren.

„Verteidigen darf man nur, was zu einem Guten führt und aus einem Guten stammt, jede politische Intention, hinter der sich Macht verbirgt, ist ihr zuwider“. So ist Johanna. Götz weiß um ihre Wunden, aber nicht, wer sie ihr beibrachte. Er erinnert sich an ihren „Bärenhunger auf das Leben. Wild und groß, dass sie manchmal selbst mich verschlingen konnte.“ - „Wie kann man denn deine Art der Liebe ertragen?“

Wie kannte er sie? Sie, die immer nur für Lebensaugenblicke nach Hause kam? Durch den Geruch zum Beispiel, „jenen, der ihrem Koffer, ihren benutzten Kleidern entstieg. Afrika roch nach erdigem Fleisch, als habe sie mit Ziegen ein Feld umgepflügt, nach Holzfeuern und staubiger Sonnenhitze. Der Kaukasus nach Kohleöfen und Bergwind, Afghanistan nach Indigo und undefinierbarem Rauch. Keiner dieser Gerüche gefiel mir. Sie erzählten mir, dass meine Frau fortging und als eine andere zu mir zurückkam.“

Wo beginnt das Ende?

Diese uralte Frage. „Wo beginnt das Ende?“ - War es vorher nicht wahr, oder ist es jetzt gelogen - oder was hat sich verändert? Was ist vergangen?

„Zwölf Jahre später wird sie ihm die Briefe vorlegen als Beweis ihrer Anklage, ihm das gegebene Versprechen und die Rücknahme eines gemeinsamen Lebensentwurfes vorhalten. Nach seinen Händen fassen und ihn fragen, ob das alles nun nicht mehr gelte. Wie es denn sein könnte, dass einer so etwas schreibt und es eines Tages von sich weist wie eine Jugendsünde?“

„Jeden Tag, seit er sie betrog, hatte sie sich gewünscht, das Leben einfrieren zu können. Nicht dass sie sterben wollte, nur seiner Mitleidlosigkeit entkommen, nur schlafen und erst erwachen, wenn alles gut war.“

Sie hätte es nicht ertragen, noch einmal in sein Verrätergesicht zu sehen

Johanna ging fort nach Afghanistan, als er sie ungeniert mit einer anderen betrog. Sie die Entwicklungshelferin mit den Koffergerüchen. Er der Anwalt, der sich nicht in moralische Skrupel verstrickte.

„Sie hätte es nicht ertragen, noch einmal zurückzukehren und seine Lügen auszuhalten. Ihm in das Verrätergesicht zu sehen.“ – „Ich wollte nur unsichtbar werden. Ein Nichts, ein Sandkorn. Ich habe mich so geschämt. Wofür?
Dass ich ihn nicht halten konnte. Dass ich ihn loslassen musste. Gegen meinen Willen. Und gegen mein Herz.“

Johanna am Hindukusch. Irgendwo auf dem Weg oder bereits in Afghanistan  fragt sie sich:  „Wie lange würde das Geld reichen? Und danach? Es ist ihr egal. Ihre Gedanken, wie Blasen in einen Eisklotz eingeschlossen, alles im Innern gefroren. Licht und Dunkel verlaufen. Springen, schreien, schreien wäre nicht schlecht, die Arme um den Körper geschlungen. Bewegen. Keinen Whisky mehr. Davon hatte sie genug gehabt in den ersten Wochen. Drei Flaschen die Woche unter dem Bett versteckt. War trotzdem fast immer nüchtern, selbst vier, fünf Gläser reichten gerade mal für eine Stunde Schlaf.“

Die Demütigung

Die Phase, in der Alkohol nicht mehr wirkt, weder entspannend, noch betäubend, nur noch zerstörend.

„Ich will nicht mehr mit dir leben.
So einen Satz sagen zu können. Ohne dass sich der Boden auftat.
Und der Himmel herunterfiel.
Und ihm übel wurde (wie ihr)
Und sein Kopf zerplatzte (wie ihrer)
Und seine Genitalen schrumpften (…)“

Sie legte sich neben ihn in der Nacht und – er stieg wortlos über sie hinweg, um in der Küche Wasser zu trinken – die Demütigung dieser Geste am Morgen. Sie tat sich selbst die an.

„Nur ein unbeteiligter Zuschauer hätte gewusst, dass sie sich selbst betrog. Schon damals. Womit sie sich also nicht versöhnen konnte, war die Selbsttäuschung. Dass das Bild von ihm so falsch war wie die Beichte eines Diebes.“

Im Taxi nach Jalalabad. „More than a day, Mam“, sagte der Taxifahrer entsetzt, „maybe even two days.“ 300 Dollar. Egal.

Erinnerungsfetzen

Die lange Fahrt. „Vielleicht noch einmal mit dem Kopf an seiner Schulter liegen. Mit den Fingern über die kühle Stelle oberhalb seiner Lenden streicheln…“

„Johanna schläft, und neben ihr zieht Afghanistan dahin.“

Erinnerungsfetzen. Sie mag Kabul nicht. Kandahar ja. „Erdbrauner Staub über den Häusern. Im Herzen des Paschtunenlandes, nicht fern ziehen sich die Berge…Kandahar: freudlose Öde. Aber das Licht, sagte sie, dieses Brechen der Sonnenstrahlen auf den lehmbraunen  Häuserwänden, dieses Schöpfungsgelb. Auflösen und Werden, Anfang und Ende.“

„Es war längst zu Ende. Nach all den Jahren gemeinsam Dosen öffnen, Häppchen bereiten, Steuererklärungen ausfüllen, Staubsauger durch die Wohnung fahren … Zähne haben wir nie zusammen geputzt. So viel Intimität doch nicht…Das ist der Punkt, wird sie später sagen.“

„Das Ende hatte keinen Zeitpunkt, keinen Ort. Nur Umstände.“

Geh Schuhe kaufen!

Und Götz? Ihr Mann? – „Ich hätte nicht gedacht, dass Träume müde machen können. Ihre taten es. Sie stellten mein Leben in ein schales Licht, sie lösten die Hoffnungen.
Selig sind, die geistig arm sind, Jo. Deine vielen Gedanken führen in kein Himmelreich. Geh Schuhe kaufen. Genieß dein Leben.“

Von Götz: „Alles ist relativ. Ich meine damit nicht, dass es meine Erkenntnis ist. Ich verinnerlichte sie nur, es gab keinen Grund, keinen offensichtlichen. Nur ein Frauengesicht neben mir, ein weicher Körper, das Angebot von Lust und Halt. Die Einsicht, dass es der Sonne egal ist, durch welches Fenster sie auf mich scheint. Das Leben stellt keine Bedingungen. Nur die: Sei, was du willst.“

Erinnerungsfetzen: Mit dem Stock eines Alten zeichnet sie Afghanistan in den Sand. Das Land der Menschen, die es bewohnen. Sie zeichnet es für jene – und erfährt dabei: Sie wissen nicht, dass die Erde eine Kugel ist…“

Ein Lied, aufgelesen in den Lagern von Inguschetien. Ein Männergesang. Grosny betreffend. Stille Wehmut. – „Was nützt denn dein Mitleid?“, fragte Götz

Er ließ sie als Asche zurück

„Johanna, die sich durch Länder bewegte, als wären sie ein vertrauter Ort, war starr vor Angst, als er aufhörte, neben ihr zu sein. Ein Mensch auf Reisen kann die Einsamkeit der größten Wüste ertragen und das langsame Verrinnen der stillsten Nächte. Die Gewissheit ihres Zuhauses hatte die Bedrohung genommen. Die Hülle, die seine Anwesenheit um sie legte.
Er ließ sie als Asche zurück.“

Und Götz?  „Bleib – wie oft habe ich das gesagt und du hast mir lächelnd über die Haare gestrichen. Ich bin bald wieder da, sorge dich nicht, ich liebe dich. So einfach. Fuck you, Johanna, sagte ich.“.

„Wenn sie die Fotos von Götz anschaute, dann sah sie eine Frau, die es nicht mehr gibt. Eine dumme Frau, die an solche Dinge wie Liebe und Treue glaubte. Die blind vertraute.“

„An einem Maimorgen, im staubigen Licht des Tages, der nichts verspricht und nichts halten muss, findet ein alter Nomade eine Leiche. Seine Ziegen hatten im Boden gescharrt …Der Alte bückt sich, hebt den halbskelettierten Arm einer Frau hoch. Lässt ihn entsetzt fallen. Reste von Stoff bleiben in seiner Hand…“.

„Wie endet die Geschichte von den falschen Erwartungen und getäuschten Hoffnungen? Von den Begierden und Wünschen, die. plötzlich auf sich selbst gestellt, erstarren?
Den Erinnerungen fehlt die Vollkommenheit. Sie werden um ihrer willen selbst erzählt, nicht der Wahrheit willen.“

Eines der letzten Worte in diesem Buch von Andrea Jeska – auf Seite 288 – ist das Wort Irrtum. 

Bedrückend? Beklemmend? Ja.

Erhellend auch. Aber tröstlich nicht. - Vom Bild der Welt ist Trost nicht zu erwarten. Das Leben geht nicht auf.

*

 

Rezension zu: „Vom Bild der Welt“, Roman von Andrea Jeska, Brendow Verlag, Moers 2006, 288 S., 16,90 Euro, ISBN 3-865-06146-X.

Afghanistan Rezension

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