„Von Polen bis Kasachstan“GOEAST-FILMFESTIVAL

„Von Polen bis Kasachstan“

„Von Polen bis Kasachstan“

Was das Internationale Filmfestival von Cannes für das globale Glamour- und Kassenschlagerkino ist, das ist das Wiesbadener goEast-Festival für das bescheidenere Kino aus Osteuropa, Russland oder Zentralasien. Anfang April fand es zum sechsten Mal statt.

Von Gunter Deuber

Szene aus dem preisgekrönten russischen Film Hapasturm. Regisseur Alexej German wurde für die beste Regie ausgezeichnet  
Szene aus dem preisgekrönten russischen Film Hapasturm. Regisseur Alexej German wurde für die beste Regie ausgezeichnet
(Pressefoto „goEast“-Festival)
 

U ngewöhnlich viele große Schwarze Skoda-Limousinen mit Chauffeur und Prominenz im Fond rollen durch die Straßen Wiesbadens und der Besitzer eines solchen Automobils aus Mlada Boleslaw kann sogar ohne Eintritt zu bezahlen ins Kino gehen. Das sind untrügliche Zeichen für ein besonderes Ereignis: das Filmfestival „goEast“, das in diesem Jahr zum sechsten Mal in der hessischen Landeshauptstadt veranstaltet wurde. Zu sehen waren Filme aus Osteuropa, vom Balkan, aus dem Kosovo unter UN-Mandat, aus Kaukasien, aus Russland und bis an dessen eurasische Grenzen. Dieses Jahr reichte das Programm des mittel- und osteuropäischen Films „von Polen bis Kasachstan“, wie Christine Kopf vom Deutschen Filminstitut (DIF) und goEast-Direktorin formulierte. Ein Programm vom „russischen Blockbuster bis zum kompromisslosen litauischen Filmkünstler“, so das Programmheft.

Das Festival des mittel- und osteuropäischen Films lockt jedes Jahr Anfang April Regisseure, Filmkritiker, Cineasten und Filmstudenten von Lissabon bis Wladiwostock an. Natürlich kommen auch in Deutschland lebende Filminteressierte deren Land auf dem Festival vertreten ist zu diesem herausragenden Filmereignis. So war beispielsweise die in Hradec Kralove (Königsgrätz) geborene Dagmar Brauerova anwesend. Sie lebt schon zwanzig Jahre in der Bundesrepublik und wollte gerne mal wieder Kino in ihrer Muttersprache Tschechisch sehen. Der einzige Filmbeitrag aus Kasachstan im offiziellen Festivalprogramm lockte auch Saltanat Rachimschanowa nach Wiesbaden. Die junge Kasachin studiert in Darmstadt Germanistik und ist in einer Vereinigung deutschsprachiger Studenten aus Kasachstan aktiv, die sich als Atameken bezeichnen.

Auch wenn Vergangenheitsbewältigung im modernen mittel- und osteuropäischen Kino durchaus noch ein Thema ist, widmeten sich viele der über 150 Kino-, Dokumentar- und Kurzfilme aus über 17 Ländern ebenso dem alltäglichen Leben in den Nachwendezeiten. So entstanden Streifen mit Bildern von privatem Glück und Heiterkeit, von Konsumlust oder dem Kampf ums Überleben mit Würde – ein Unterfangen, das für den Außenstehenden oft hoffnungslos erscheint. Vor der Verarbeitung von Themen wie dem Leben als Homosexueller oder dem Alltag hinter Gittern, in Gefängnis oder Psychiatrie, wurde freilich auch nicht Halt gemacht. Nicht vorbei kommt man in Nachwendezeiten auch an dem Themenkreis Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Arbeitslosigkeit im Turbokapitalismus nach dem EU-Beitritt, wurde vom slowenischen Regisseur Damjan Kozole unter dem Titel „Arbeit bedeutet Freiheit“ (Slowenien, 2005) gekonnt aufgegriffen. Der Film war der Jury eine lobende Erwähnung wert.

Vom Mafiastreifen „Blinde Kuh“ bis hin zu Musikkomödien aus der Stalinzeit

Alleine über 20 Beiträge der großen Filmnation Russland waren vertreten. Streifen aus dem heutigen Russland und Klassiker der Sowjetzeit flimmerten über die goEast-Leinwände. Teils liefen sie im Hauptwettbewerb, teils außer Konkurrenz. Das Spektrum reichte von Aleksej Balabanows neuem Mafiastreifen „Blindekuh“ (Russland, 2005) über den legendären „Brat 2“ (Russland, 2000) bis hin zu Musikkomödien aus der Stalinzeit. Zu sehen waren auch „Eastern“, das sowjetische Pendant zum Westerngenre wie etwa die „Die weiße Sonne der Wüste“ (UdSSR, 1969), zu sehen. Daneben sowjetisches Actionkino wie „Piraten des 20. Jahrhunderts“ (UdSSR, 1979).

Diese Filmschau unter dem Titel „Mainstream Made in Russia“ machte in der historischen Aufarbeitung deutlich: Der Kreml versuchte schon immer Hollywood Paroli zu bieten. Der Eastern überträgt die typischen Handlungsmuster abenteuerlicher amerikanischer Western in die damalige Sowjetunion, genauer nach Zentralasien. Was in Hollywood der Cowboy ist, das ist hier der sowjetische Rotarmist. Die Rolle der Indianer im amerikanischen Western war hier dem muslimischen Vorder- oder Zentralasiaten zugedacht. Ihm brachte der Dawarisch sogar bei, dass es im Sozialismus nur eine Ehefrau für einen Mann geben konnte.

Die Produktionen spielen alle in den Weiten der eurasischen Wüsten, an der Küste des kaspischen Meeres und vor beeindruckenden muslimischen Baudenkmälern. Das russische Actionkino der 1980er war die kollektivistische Antwort auf Hollywood. Nicht der einzelne Held besiegt das Böse, sondern ein perfekt funktionierendes Kollektiv. Die mehr oder minder ideologischen Kassenschlager der Sowjetzeit erreichten ein Millionenpublikum. Den Eastern „Die weiße Sonne der Wüste“ sahen einst fast 35 Millionen, der Actionstreifen „Piraten des 20. Jahrhunderts“ fesselte seinerzeit 87 Millionen Zuschauer. Heute lassen sich mit Russenkino und Filmen wie der „Antikiller“ (Russland, 2002) oder „Türkisches Gambit“ (Russland, 2005) Millionen verdienen. Das nun vordergründig unpolitische post-sowjetische Actionkino der letzten Jahre belebt mit seinen Blockbustern derzeit sogar den kränkelnden Markt in Hollywood und das russische Nationalgefühl. Die russische Filmbranche gilt dank ihrer Erfolge der letzten Jahre, die im Ausland Erstaunen hervorriefen, als finanziell saniert. Aus dem Nichts kommt der heutige Erfolg des russischen Kinos mitnichten, wie der Filmhistoriker Hans-Joachim Schlegel auf dem „Russia-Mainstream-Symposium“ aufzeigte. Mainstream-Kino und Kassenschlager haben eine lange Tradition in Russland, wenn auch eben mit Sowjetideologie.

„Der russische Film wird geliebt, weil er die Wahrheit sagt“

Szene aus dem preisgekrönten georgischen Film TIFLIS, TIFLIS von Levan Zakarejsvili.  
Szene aus dem preisgekrönten georgischen Film TIFLIS, TIFLIS von Levan Zakarejsvili.
(Pressefoto „goEast“-Festival)
 

Das Symposium versuchte zu ergründen, wie es wirklich um das aktuelle russische Kino steht, wo die Grenzen zwischen Imitation und Innovation verlaufen und auf welche Weise die nationale Besonderheit des russischen Kinos heute zum Tragen kommt. Kontrovers wurde über Stand und Perspektiven des russischen Kinos diskutiert. Sein Erfolgsrezept, ob in der Heimat oder in Hollywood, ist allerdings einfach: „Der russische Film wird geliebt, weil er die Wahrheit sagt, wenn auch hinterlistig. Er beschäftigt sich mit Gut und Böse und bedient die russische Seele“, so der Schriftsteller Wiktor Jerofejew. Aus seiner Feder stammt „Der gute Stalin“. Er gehört zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren, Essayisten und Kulturkritikern im heutigen Russland. Auf dem Russia-Mainstream-Symposium ließ er unter dem Titel „Vom Autorenkino zum Blockbuster“ seinen durchaus kritischen Gedanken zum russischen Gegenwartskino freien Lauf. Jerofejew thematisierte die wiederauflebende Politisierung des russischen Kinos. Als Paradebeispiel nannte er „Das 9. Regiment“ (Russland, 2005). Der Film mit Analogien zu Antikriegsfilmen über Vietnam, der das Schicksal von am Hindukusch verheizten russischen Rekruten im Afghanistankrieg zeigt, erzeugte Argwohn bei den russischen Militärs. In der russischen Filmindustrie spiegele sich der Verfall demokratischer Werte wider. Das Blockbusterkino zeige immer mehr den Alltag einer Gesellschaft, die zwischen archaischen Formen und Modernisierung hängen geblieben sei, so Jerofejew. Für die Zukunft erwartet er, dass die immer wichtiger werdende Stellung der orthodoxen Kirche im russischen Kino verarbeitet wird und sie möglicherweise sogar selber Einfluss darauf nimmt.

Der Film „UdSSS-Russland-Transit“ (Russland, 2005) von Andrej Titow, der zum Dokumentarfilmwettbewerb eingereicht war, zeichnet ein eindrucksvolles Bild vom Leben zwischen gestern und heute in der russischen Provinz. Es werden höchst unterschiedliche Schicksale gezeigt. So das eines Geschäftsmannes, der heute Bilder der alten Parteigranden sammelt, eines stolzen neuen Großgrundbesitzers, der träumend eine Kirche baut und letztlich sein Land verliert und eines Arbeitslosen, der in seiner Welt mit Weltraumreisenden und kosmischen Geheimnissen lebt. Der Schluss ist unspektakulär und eine Frau vom Land stellt fest, dass Russland letzten Endes nicht nur von Träumen leben kann. Diese ruhige Geschichte um den gesellschaftlichen Transit von der UdSSR nach Russland wurde mit dem Sonderpreis des Generalkonsulats der Russischen Föderation prämiert. Zum Sieger des Dokumentarfilmwettbewerbs wurde der Beitrag „Dem Tag ins Auge sehen“ (Kroatien, 2005) gekürt. Die Regisseurin Ivona Juka zeigt in ihrem Film den Gefängnisalltag im kroatischen Lepoglava. Er gelangt zu dem filmisch gelungen Schluss, dass ein Leben hinter Gittern durchaus mit Sinn zu füllen ist. Es sind die Proben zum „Mittsommernachtstraum“ die den Gefangenen im offenen Vollzug Anerkennung bringen. Draußen können sie sich kein besseres Leben erträumen -  und so bleiben sie im Mittsommernachtstraum gefangen.

Ein „Hypermarkt mit menschlichem Antlitz“

Von Träumen ganz anderer Art handelte der Dokumentarfilm „Tschechischer Traum“ (Tschechische Republik, 2004), der in seinem Heimatland für Aufsehen gesorgt hatte. Den jungen Prager Filmhochschulabsolventen Vit Lusak und Filip Remunda gelang es eindrucksvoll nachzuzeichnen, wie man den eigenen Landsleuten einen „Hypermarkt mit menschlichem Antlitz“ vorgaukeln konnte, den es gar nicht gab. Sie bewarben groß angelegt einen Supermarkt und dessen Produkte, die nicht existierten und lockten am vermeintlichen Eröffnungstag Massen auf die grüne Wiese. Vordergründig stilisiert der „Tschechische Traum“ gelungen die neue postkommunistische Konsumlust und hintergründig die Macht der Werbebranche und großer Öffentlichkeitskampagnen, wie etwa der damals fast zeitgleich laufenden Millionen Euro teuren Pro-EU-Kampagne in Tschechien.

Aus zentralasiatischer Perspektive war die Koproduktion „Parallelstimmen“ (Kasachstan-Russland, 2005) von Rustam Chamadow der Festivalhöhepunkt. Wenn auch nicht prämiert, so begeisterten die „Parallelstimmen“ – einziger Beitrag des zentralasiatischen Kinos im offiziellen Programm – doch das Publikum. Die eigenwillige und kunstvolle Annäherung des Modedesigners und Regisseurs Rustam Chamadow aus Usbekistan an Zentralasien zog das Publikum mit seinen Bildern und Klängen vor der Kulisse Kasachstans in Bann.

Von der surrealen Chamadowschen Mischung von Kino, Oper und Theater, die das Schicksal von Filmdiven mit traditionellen Lebensformen des Nomadenleben in der Steppe verbindet, zeigte sich die extra angereiste Saltanat Rachimschanowa sehr beeindruckt. „Erst einmal muss man all den Bildern Zeit geben, sich zu setzen. Aber ich bin froh, dass es solch ein Genre jetzt auch in Kasachstan gibt“, so die kasachische Germanistikstudentin über die eigenwillige surreale Produktion. Wer mehr zentralasiatisches Kino sehen wollte, der konnte bei der sympathischen aus Kazan stammenden Olga Lobanowa im Pressezentrum über 15 weitere Filme aus Kasachstan, Kirgisien oder Usbekistan anschauen.

Nicht nur die Filme sondern auch das Rahmenprogramm lockte zum goEast. Die russische Kultband „Leningrad“ präsentierte in Wiesbaden nicht nur brotbraune T-Shirts sondern ihr neues Album „Brot“ in typischem Punk-Ska-Polka-Latin-Gemisch. Im Anschluss gab es musikalischen Kulturmix pur auf der La Bolschevita-Fete, mit Balkan Beats und Soviet Ska gemischt mit türkischen und lateinamerikanischen Klängen. Etwas nachdenklicher ging es in der Ausstellung zum Schaffen Krzysztof Kieslowskis (die noch bis zum 7. Mai zu sehen ist) und dessen Filmen zu. Zum zehnten Todestag des großen europäischen Regisseurs aus Polen – von seiner Trilogie „Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“ hat fast jeder schon mal gehört - wurden in einer Retrospektive Filme von ihm gezeigt. So zum Beispiel „Das Personal“ (Polen, 1976) oder „Der Zufall möglicherweise“ (Polen, 1987). Sein sozialkritisches Kino aus dem Polen der 1970er und 1980er dreht sich um die Samisdat-Literatur, die Untergrunduniversität, den Traum von Freiheit und letztendlich um eine besondere ethisch-moralische Haltung: die Suche nach Menschlichkeit und Wahrheit vor sich selber, ob als kleiner Theaterangestellter, Staatsbediensteter oder Dissident. Kieslowskis filmisches Schaffen will aufzeigen, dass dies ein Weg aus der Alltagsgewalt des Totalitarismus ist.

„Außergewöhnlich hohes künstlerisches Niveau der Spielfilme“

Und wie in Cannes Filmschaffende und Cineasten der Verleihung der Goldenen Palme entgegenfiebern, so wurde in Wiesbaden der Verleihung der mit 10.000 Euro dotierten „Goldenen Lilie“ an den besten Spielfilm im Hauptwettbewerb entgegengefiebert. Insgesamt konkurrierten im Wettbewerb von goEast zehn Spiel- und sechs Dokufilme um vier Preise und insgesamt knapp 30.000 Euro Preisgeld. Der Hauptpreis für den besten Spielfilm ging an „Tiflis, Tiflis“ (Georgien, 2005), der künstlerisch Armut, Verfall, Alltag und Gewalt in der georgischen Hauptstadt und einer auseinander fallenden Gesellschaft porträtiert. Den Preis für die beste Regie erhielt „Harpastum“ (Russland, 2005), der an Hand der Begeisterung für Fußball gekonnt das Leben im zaristischen Russland kurz vor dessen Untergang nachzeichnet. Der Preis des Deutschen Auswärtigen Amtes ging an die Produktion „Death Rode Out Of Persia“ (Ungarn, 2005).

Die Jury war von dem „außergewöhnlich hohen künstlerischen Niveau der Spielfilme im Wettbewerb von goEast“ beeindruckt und an den Kinokassen zeigte man sich auf Nachfrage mit den Besucherzahlen zufrieden. Die Festivaldirektorin Christine Kopf vergaß anlässlich der Preisverleihung nicht zu betonen: „Die regen Diskussionen und das große Interesse an den Veranstaltungen belegen nicht nur, dass sich goEast als Festival bei seinem Publikum und den Fachleuten etablieren konnte, sondern auch, dass sich mit einem Ereignis wie einem Filmfest Neugier auf Osteuropa wecken lässt.“

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