Wahnsinn auf dem Weg ins ShowgeschäftRUMÄNIEN

Wahnsinn auf dem Weg ins Showgeschäft

Wahnsinn auf dem Weg ins Showgeschäft

Er soll den Weg ins Showbusiness ebnen: der Sieg im Roma-Schönheitswettbewerb „Miss Piranda“. Was für junge Mädchen zum Karrieresprungbrett werden kann, ist für die Roma in Rumänien Ausdruck ihrer Lebensart. Bei Bauchtanz und Musik zeigen sie Traditionen und Lebensfreude. Im Alltag jedoch verbergen viele von ihnen aus Angst vor Ablehnung ihre Herkunft.

Von Ruxandra Stanescu und Matei Cristian

Der erst 12-jährige Babi Minune („Baby Wunder“) ist ein Star der Roma-Musik. Ein Mädchen ist zu ihm auf die Bühne gesprungen, um zu tanzen.  
Der erst 12-jährige Babi Minune („Baby Wunder“) ist ein Star der Roma-Musik. Ein Mädchen ist zu ihm auf die Bühne gesprungen, um zu tanzen.
(Foto: Alex Spineanu)
 

I n ganz Rumänien soll der Wahnsinn beginnen“, singt ein knapp 12-jähriger Junge auf einer improvisierten Bühne im größten rumänischen Sportsaal. Im weißen Anzug und mit glänzend gegelten Haaren sieht er aus wie eine Miniatur-Kopie eines Chanson-Sängers. Es ist Babi Minune („Baby Wunder“), ein Star der Roma-Musik in Rumänien. Die Musik ist laut, die Klänge sind orientalisch. Der Saal ist voll, die Leute tanzen zu Babi Wunders schnellen Liedern.

Sie alle wollen bei der Wahl ihrer Schönsten dabei sein: „Miss Piranda“ – die schönste Roma – soll an diesem Tag in Bukarest gewählt werden. Neben ihrer Schönheit muss sie allerdings auch zeigen, dass sie den Bauchtanz wie keine andere beherrscht. In Rumänien leben laut Volkszählung rund eine halbe Million Roma, ihre tatsächliche Zahl soll mindestens drei Mal so hoch sein. Viele von ihnen wollen ihre Angehörigkeit zu der Roma-Ethnie nicht zugeben – aus Angst vor Ablehnung durch die rumänische Mehrheit. Doch an diesem Tag ist das anders.

Zum 19. Mal wird die schönste Roma gekürt

Veranstaltungen wie die Wahl der „Miss Piranda“ sind eine Chance für Roma, ihre Herkunft zu zeigen: „Es ist unser Stolz, das schönste Roma-Mädchen zu küren“, erklärt George Radu, Pressesprecher der Organisatoren. „Natürlich ist die Schönheit nicht das einzige Kriterium, sie muss nämlich auch gut tanzen können. Wir möchten der ganzen Welt zeigen, dass unsere Mädchen sehr talentiert sind.“

„Piranda“ heißt in Romani „Geliebte“. Bereits zum 19. Mal wird die schönste Roma gekürt, einige Dutzend junge Frauen haben sich beworben, um ihre Schönheit und ihr Talent beim Bauchtanz unter Beweis zu stellen. 16 Jahre sind die Jüngsten von ihnen, die Minderjährigen werden deshalb von den Eltern begleitet.

Barfuß tanzen die attraktiven Mädchen auf der Bühne, im Haar und an den Gelenken glänzen Goldketten. Ihre bunten, bauschigen, langen Röcke und die kurzen Blusen gestatten freie Blicke auf den Bauchnabel. Ihre Haare leuchten brünett, rothaarig oder blond. Die Damen bewegen energisch ihre Hüften und Busen, sie möchten Jury und Publikum überzeugen.

Alle hoffen auf das große Geld

Die Bewerberinnen für den Titel der „Miss Piranda“ müssen nicht nur schön sein, sie müssen auch Bauchtanz beherrschen.  
Die Bewerberinnen für den Titel der „Miss Piranda“ müssen nicht nur schön sein, sie müssen auch Bauchtanz beherrschen.
(Foto: Alex Spineanu)
 

Die 17-jährige Elena Dobre siegt nach zwei Durchläufen: der Präsentation im Badeanzug und dem Bauchtanz in orientalischer Bekleidung. Sie hoffe, erklärt sie nach dem Sieg, dass der Miss Piranda-Titel ihr den Sprung ins Showbusiness erleichtern würde. Wie die meisten Teilnehmerinnen kämpfte sie nicht um den Titel, sondern um die Aufmerksamkeit der Organisatoren, um so ins Showgeschäft zu gelangen. Sie glauben und hoffen, dass sie in dieser Branche viel Geld verdienen können.

„In ganz Rumänien soll der Wahnsinn beginnen, die Welt soll hören, wie die Manele klingen“. Das von Babi Wunder gesungene Lied dröhnt aus den Lautsprechern in dem Saal. Viele Leute werfen dem Jungen Geld zu, der sich kurz bedankt. Mehr als 5.000 Personen sind im Sportsaal im Zentrum der rumänischen Hauptstadt Bukarest versammelt, gemeinsam ist ihnen ihre Ethnie und die Leidenschaft zur Musik.

Ein Mädchen tanzt neben dem jungen Sänger, angezogen wie eine türkische Haremsfrau in blutroter Kleidung. Das Mädchen ist auf die Bühne gestiegen, nachdem sie von ihrer Mutter mehrmals dazu aufgefordert wurde. Auf Rumänisch werden die Lieder „Manele“ genannt. Manele, eine Kombination aus orientalischer Musik und einheimischer Folklore, sind auf dem ganzen Balkan verbreitet. Gesungen wird über das Leben und die Liebe, über Geld und Macht.

Die Lieder beim Wettbewerb erzählen vom Leben der Roma

Die Siegerin der Miss-Piranda-Wahl hofft auf eine Karriere im Showbusiness.  
Die Siegerin der Miss-Piranda-Wahl hofft auf eine Karriere im Showbusiness.
(Foto: Alex Spineanu)
 

„Musik und Tanz spielen eine große Rolle im Leben der Roma. Das ist kein Stereotypus, sondern Realität“, erklärt der Journalist Marian Chiriac, der viel über Minderheiten und die Probleme ihrer Integration schreibt. „Durch ihre Musik und Shows wie „Miss Piranda“, die auch von vielen Rumänen geschätzt werden, wollen sich die Roma in der Gesellschaft und in den Augen der Menschen außerhalb ihrer Ethnie behaupten.“ Zugleich seien die Shows ein Sehen und Gesehenwerden innerhalb der eigenen Volksgruppe. Man zeige, was man hat und mit welchem Musiker man befreundet ist. Das gleiche den üblichen Statussymbolen in anderen Gesellschaften.

Die wichtigsten Musiker der Roma sind bei der Wahl der „Miss Piranda“ 2009 dabei. Ihre Namen sind einfach, kommerziell und auch ein bisschen lächerlich. Die Namen sollen ihre künstlerischen Qualitäten symbolisieren: Sorinel Copilul de Aur (Sorinel das Goldkind), Dan Parfum (Dan Parfüm) oder Adi Minune (Adi Wunder).

Für die Musikwissenschaftlerin Speranţa Rădulescu sind die „Manele” – die Roma-Lieder – die Musik der sozial weniger integrierten Stadtbevölkerung: „Die Manele und Wettbewerbe wie Miss Piranda haben eine wichtige Qualität: Sie sind reell, sie sind lebendig und sie erzählen vom gegenwärtigen Leben der Roma. Die Shows stellen diese Ethnie dar, sie sind ein Beweis, dass die Roma es verstehen, sich frei auszudrücken.“

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Die Autoren sind Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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