Walenki - Russische Filzstiefel schützen vor KälteRUSSLAND

Walenki sind ideal bei bitterer Kälte

Walenki - Russische Filzstiefel schützen vor Kälte

Walenki gehören zu Russland wie der Wodka oder die Matrjoschka. Jährlich kaufen die Russen fünf Millionen Paar der Filzstiefel. Soldaten und Eisenbahner tragen sie ebenso wie Ölarbeiter und Häftlinge.

Von Ulrich Heyden | 02.12.2015

Waleri Schmakow ist ein kräftiger, hochgewachsener Mann. Der 49jährige lebt mit seiner Familie im Dorf Poretsche, zwei Zugstunden westlich von Moskau. Waleri hat nur noch wenig Zähne, dafür aber zwei kräftige Arme. Früher fuhr er zur See, heute sitzt er am Steuer eines schweren „Kamas“-Lkw. Weil das Geld für die Frau und die sechs Kinder nicht reicht, walkt der Lastwagenfahrer in seiner Freizeit Walenki. Das sind Filzstiefel ohne Naht, die aussehen, als wären sie aus einer Form gegossen. Das ideale Schuhwerk für extreme Kälte. Das Wort Walenki (Betonung auf dem „a“) kommt vom Russischen „waljat“ (walken).

Die Nachfrage im Dorf ist groß. Wer im Winter draußen arbeitet, bestellt bei Schmakow - Bauern, Jäger und Bauarbeiter. Pro Jahr verlassen Waleris Werkstatt in einem alten Holzhaus an die 50 Walenki. Das Geschäft lohnt sich. Ein Paar Männerstiefel verkauft er für 1.200 Rubel (35 Euro).

Wer will, kann seine Walenki – wie diese junge Russin – nach persönlichem Geschmack verzieren lassen. Wer will, kann seine Walenki – wie diese junge Russin – nach persönlichem Geschmack verzieren lassen. (Foto: Ulrich Heyden)

Ideal bei Extremtemperaturen

Heute gibt es in Russland 35 Walenki-Fabriken. Doch der Kenner schätzt handgemachte Stiefel, bei deren Herstellung weder Säure noch Färbemittel benutzt wird. Sie halten die Wärme besser, sind weicher und tragen sich angenehmer. Im legendären Walenki-Filzstiefel hat man noch bei 50 Grad Minus warme Füße. Das schätzten auch die sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Zu spät erkannten die Deutschen die Geheimwaffe.

Doch die Filzstiefel schützen nicht nur vor Kälte, sondern auch vor extremer Hitze. Deshalb werden Walenki auch im Stahlwerk getragen. Weil die sohlenlosen Stiefel bei Nässe schnell durchfeuchten, benutzt man bei Schneematsch „Galoschi“, Überschuhe aus Gummi.

Pro Jahr werden in Russland fünf Millionen Walenki verbraucht. Mit den Filzstiefeln werden Soldaten, Eisenbahn- und Ölarbeiter ausgerüstet. Die meist grauen oder braunen Stiefel tragen Verkehrspolizisten in Moskau, ebenso wie Häftlinge in sibirischen Arbeitslagern. Selbst die modeversessenen Moskauer greifen auf der Datscha gerne auf den Filzschuh zurück. Auf dem Weg zum Plumpsklo fällt das umständliche Schuhanziehen weg. Schnell schlüpft man hinein und hinaus. In den Großstädten sieht man Walenki selten, nur wer seinen Hund im Park ausführt, läuft in Filzstiefeln. Doch das Wort Walenki hat bei den Russen einen guten Klang. Es erinnert an Kindheit, Natur und bäuerliche Romantik.

In den Stiefeln lebt der Hausgeist

Walenki werden auch maschinell hergestellt und dann wie hier in speziellen Läden verkauft.Walenki werden auch maschinell hergestellt und dann wie hier in speziellen Läden verkauft. (Foto: Ulrich Heyden)

Wer die Filzstiefel trägt, muß ja nicht gleich einen Kuhstall ausmisten, haben sich russische Designer gesagt. Sie experimentieren seit einiger Zeit mit dem Schuhwerk, heraus kamen Kreationen, die heute auch auf Glamour-Partys vorgeführt werden. Walenki mit hohen Absätzen und aus dünnem Filz bis hinauf zum Oberschenkel wurden schon auf Modeschauen gezeigt. In der russischen Provinz, wo der Geldbeutel nicht so dick ist, begnügt man sich mit dem Standardmodell im schlichten Grau. Man kauft zwei gleiche Stiefel. Beim Tragen paßt sich der Filz dann an den Fuß an.

Die Russen lieben Walenki, auch wenn sie sich nicht immer öffentlich dazu bekennen. Man schätzt die heilende Wirkung des Filzes. Wer Grippe hat und sich abends mit den Stiefeln ins Bett legt, wacht morgens fast gesund wieder auf, so erzählt man. Und das ist noch nicht alles. Walenki erhöhen die Potenz, versichern die Frauen. Auch wer eine neue Wohnung bezieht, denkt zunächst an seine Filzstiefel. Man trägt die Walenki in das neue Wohnzimmer. Dort stellt man sie ab, damit der „Domowoj“ (Hausgeist) aus den Stiefeln schlüpfen und die neue Herberge in Besitz nehmen kann.

Aufwendige Fertigung

Für ein paar Filzstiefel braucht Waleri fünf Stunden. Zunächst legt er die gereinigte und gekämmte Schafswolle zu einer Form aus, die einem dicken „T“ ähnelt. Das Wollstück ist doppelt so groß wie das gewünschte Endprodukt. Um das Material zu verdichten, walkt er die Wolle dann mit einem Holzstab auf einem geriffelten Brett. Für ein Paar große Männerstiefel verbraucht er zwei Kilogramm Wolle. Dann wird das „T“ zusammengeklappt und die Randstücke miteinander verwalkt. Schließlich geht Waleri mit seinem Vorprodukt in die Banja, wo die Familie sonst schwitzt und sich wäscht. Dort steht ein Holzofen mit heißem Wasser. Damit sich die Wollfäden noch stärker ineinander verhaken, gießt er heißes Wasser über das Rohmaterial. Dann treibt er runde Holzleisten in die halbfertigen Stiefel und stellt sie in die Hitzekammer seines russischen Ofens im Wohnzimmer. Hier schrumpfen die Walenki sechs Stunden lang auf ihre Originalgröße. Schließlich schleift er den Filz mit Bimsstein ab, so daß die Oberfläche schön glatt wird.

In der Sowjetunion war vieles verboten, auch die Herstellung von Walenki. Doch die Kolchosbauern haben trotzdem gewalkt, meist am Wochenende oder nachts. Die Kenntnisse wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Waleri lernte sein Handwerk vom Schwiegervater. Der wiederum lernte es von sowjetischen Partisanen in den Wäldern von Poretsche.

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