Warum die polnischen Soldaten am Hindukusch kriegsmüde und beleidigt sindAFGHANISTAN

Warum die polnischen Soldaten am Hindukusch kriegsmüde und beleidigt sind

Die USA baten Polen nach dem Anschlag vom 11. September 2001 um Beteiligung an der Operation „Enduring Freedom“. Heute sehen sich seine Soldaten gehässiger Schmähkritik in US-Medien ausgesetzt. Die polnische Bevölkerung lehnt den Einsatz am Hindukusch längst mehrheitlich ab.

Von Wolf Oschlies

P olen lieben ihre Kirche, vertrauen auf ihre Feuerwehr und verehren ihre Armee. Letzteres taten sie sogar in kommunistischen Zeiten, und weil die polnische Nation so eisern hinter der polnischen Armee stand, waren in dieser Dinge üblich und möglich, die man anderswo vergeblich gesucht hätte – Feldgeistliche beispielsweise oder Armeesoziologen, die Sprachkonventionen und informelles Brauchtum der Soldaten untersuchten und darüber berichteten. Etwas, das man sich bei sowjetischer Roter Armee, ostdeutscher Nationaler Volksarmee und anderen Truppen nicht einmal vorstellen konnte.

Jahrhundertelang wurden Polen von Russen, jahrzehntelang von Sowjets unterdrückt, und das unter diesen Bedingungen entstandene Misstrauen und die Abneigung gegen Russen und alle Russische gehören zum polnischen Nationalcharakter. Deshalb war es für Polen auch ausgemachte Sache, so bald wie möglich zur NATO zu gehören. Am 12. März 1999 trat das Land dem Bündnis bei, gemeinsam mit Ungarn und Tschechien, zwei Länder, deren Empfindungen gegenüber Russen polnischen Kategorien nahekommen.

Der Einsatz in Afghanistan entsprang polnischem Ehrgefühl

Die NATO-Mitgliedschaft entspringt polnischem Sicherheitsinteresse, die Beteiligung am NATO-Einsatz in Afghanistan polnischem Ehrgefühl: Die USA baten Polen nach dem Anschlag vom 11. September 2001 um Beteiligung, Polen sagte am 22. Oktober 2001 zu, an der Operation „Enduring Freedom“ mitzumachen. Das erste polnische Kontingent bestand aus 150 Soldaten – inzwischen ist das 7. Kontingent vor Ort, das stolze 2.600 Soldaten zählt, dazu 400 als „strategische Reserve“. Jeder Soldat ist freiwillig in Afghanistan, jede „Schicht“ (zmiana) dauert sechs Monate.

Als die Polen 2007 von den Amerikanern mit der afghanischen Südostprovinz Ghazni betraut wurden, gab Verteidigungsminister Bogdan Klich die bündige Devise aus: „Man vertraut uns, und ich bin sicher, dass ihr niemanden enttäuschen werdet“.

Zehn Jahre sind polnische Soldaten schon am Hindukusch, schützen in Ghazni eine strategisch wichtige Fernstraße, bekämpfen die Taliban und schulen afghanische Polizisten. Das alles tun sie in dem Empfinden, in Afghanistan gewisse Parallelen vorzufinden, die ihr Oberbefehlshaber General Andrzej Reudowicz oft anspricht: „Auf unsere Unabhängigkeit mussten wird 123 Jahre warten und für sie kämpfen. Heute leitet uns im fernen Afghanistan die Erinnerung an unsere Vorfahren, die für Polens Unabhängigkeit gekämpft haben“.

Nur noch 15 Prozent der Polen sind für den Afghanistan-Einsatz

Polens Armee ist eine relativ kleine Berufsarmee von 150.000 Mann, die sich das Land aber einiges kosten lässt, wie der stattliche Wehretat von (umgerechnet) 10,2 Milliarden Dollar jährlich bezeugt. Aus diesem Budget muss das Verteidigungsministerium  (MON) auch das Polnische Afghanistan-Kontingent (PKWA) bezahlen, das mit einer Milliarde Zloty im Jahr, umgerechnet knapp 250 Millionen Euro, eigentlich bescheiden ausgestattet ist. Das mochte hinreichen, solange die Polen die Taktik verfolgten, „möglichst wenig Menschenverluste“ zu erleiden. Seit Mitte 2009 unternimmt man auch Angriffsaktionen, und die gehen ins Geld. Der Militärstaatsanwalt verhängt z.B. für Munitionsverschwendung – eine Geschützgranate kostet je nach Kaliber 600 bis 1.400 Zloty – happige Strafen, die bis zu fünf Jahren Haft gehen.

Wobei das noch Kleinigkeiten sind, gemessen an den wachsenden Menschenverlusten. Bislang sind 22 polnische Soldaten in Afghanistan gefallen, was zwar wenig ist im Vergleich zu den 152 gefallenen Kanadiern, 39 Dänen, 30 Spaniern und weiteren, deren Kontingente partiell kleiner sind als das polnische. Den Menschen in Polen ist es dennoch zu viel: Als 2001 die ersten 150 Soldaten nach Afghanistan gingen, waren 69 Prozent aller Polen von diesem Unternehmen begeistert – Ende 2010 billigten nur noch 15 Prozent der Polen den Einsatz ihrer Soldaten am Hindukusch. Und die Situation wird schwieriger: Die Aufgabe, die große und gefährliche Provinz Ghazni zu kontrollieren und die dortigen ca. 1.000 Taliban zu bekämpfen, erwies sich schon 2010 als zu groß und zu kompliziert für die Polen, woran auch modernste amerikanische Kriegstechnik nichts änderte - zumal die unbemannten, aber bewaffneten Flugobjekte „Predator“ den Polen nur überlassen wurden, weil sie von den Amerikanern nicht ausreichend genutzt werden konnten.

Polen am Ende seiner Möglichkeiten

Im Februar 2010 hatte Polen in Israel vier unbemannte Flugobjekte „Aerostar“ gekauft, die Ende 2010 zum Einsatz kamen. Trotzdem fühlte Polen sich 2010 „am Ende unserer Möglichkeiten, der menschlichen wie der finanziellen“. Dabei waren seine Soldaten 2008 aus drei Provinzen in Ghazni konzentriert worden, für dessen effektive Kontrolle mindestens 4.000 statt der vorhandenen 2.600 Soldaten nötig gewesen wären. Im Oktober 2010 erfolgte eine Umgruppierung: Die Polen zogen sich aus den Basen „Giro“, „Four Corners“ und „Band- Sardeh“ zurück, die an die Amerikaner gingen, die fortan unter polnischem Oberkommando agierten. Polen bezogen die Basen „Ghazni“ und „Warrior“, um von dort aus über 100 Kilometer der Fernstraße Nr. 1 Masar-e Scharif – Kabul – Kandahar – Herat zu kontrollieren.

Ein Problem der Polen, das laufend schwerwiegender wird, sind Mängel in der medizinischen Betreuung der Soldaten. Nach monatelanger Wartezeit bekam das PKWA Ende 2009 endlich ein modernes Feldlazarett, das aber nur mit amerikanischer Hilfe halbwegs fachgerecht genutzt werden kann, weil es an polnischen Chirurgen, Orthopäden und vor allem an Anästhesisten (von denen die ganze Armee nur sieben aufweist) fehlt. Im Lazarett Ghazni arbeiten polnische und amerikanische Ärzte (und betreuen polnische und amerikanische Patienten), was nicht polnischen Wunschvorstellungen entspricht, jedoch kaum zu ändern ist 

Zwar verdient ein Arzt im Offiziersrang 15.000 - 20.000 Zloty monatlich, aber die bekommt er auch in Polen, ohne dass er dafür die Heimat, die Familie etc. verlassen muss. Hier hat das MON, eigener Aussage zufolge, am falschen Ort gespart. Der größte „Geizhals“ ist ausgerechnet General Andrzej Wisniewski, Chef des Militärischen Gesundheitsdienstes. Der wollte schon das Feldlazarett nicht nach Afghanistan schicken, weil es zu offenherzige Schlüsse auf die Zahl der verwundeten oder gefallenen Soldaten zuließe, und ähnliche Ein-wände mehr, die Minister Klich so in Rage brachten, dass er General Weisniewski am liebsten gefeuert hätte.

Polens Doktrin ist seit Jahren, dass der „Krieg“ (wojna) in Afghanistan gerecht und nötig sei, weil die Taliban die ganze Welt bedrohen. Das hat man den Soldaten nicht recht klarmachen können, ihnen den Kriegseinsatz auch materiell kaum „schmackhaft“ gemacht. Soldaten und Unteroffiziere können bis zu 7.000 Zloty monatlich verdienen, aber das nur auf dem Wege einer Gefahrenzulage. Am besten besoldet sind die Pioniertruppen, aber auch am gefährdetsten und am wenigsten attraktiv.

Die Polen wurden vorgeführt

In dieser Situation muss sich Polen, das in Afghanistan ehrenwerten Einsatz zeigt, amerikanischer „Heckenschützen“ erwehren. Die Amerikaner sind wütend, dass nahezu alle Verbündeten in Afghanistan kriegsmüde sind: Deutsche, Slowaken, Norweger etc. wollen nicht mehr Kanonenfutter sein – sie halten ihre Soldaten zurück, beschränken ihre Einsätze auf kleinste und gut kontrollierbare Regionen und ähnliches mehr. Dabei verfahren sie weitaus direkter als die Polen, aber eben die wurden „vorgeführt“.

Am 17. Dezember 2010 publizierte Jason Motlagh - ein Experte für Nahost und Asien, aber ein Ignorant für Polen – im US-„Time Magazine“ einen boshaften Artikel über polnische Soldaten in Afghanistan, die von  anonymen US-„Kameraden“ als feige Drückeberger hingestellt wurden. Dieses Geschreibsel griff am 7. Januar 2011 die polnische „Gazeta Wyborcza“ auf, zitierte die gröbsten Anwürfe, konfrontierte sie mit Tatsachen („seit 2007 sind in Afghanistan 22 polnische Soldaten gefallen“) und fragte, ob hier polnische Winkelzüge im Vorgriff auf einen Rückzug aus Afghanistan und auf Polens Wahlen 2015 vorlägen. Diese Fragen und Erklärungen strich die deutsche FAZ am 8. Januar wieder aus und unterstrich die Gemeinheiten, die James Motlagh über Polen („die hängen nur herum“) verbreitet hatte. Am selben Tag strahlte die Deutsche Welle den Frankfurter Grobschnitt in polnischer Übersetzung aus.

Polens Soldaten fühlen sich beleidigt

Motlagh wusste nicht, was er wollte. Einerseits bescheinigte er den polnischen Soldaten „großen Mut und Hingabe“, andererseits urteilte er, das polnische Kontingent „taugt nicht viel“: „2.600 Polen bewirken in der Provinz Ghazni weniger als 600 amerikanische Soldaten“. Für solche journalistischen Tiefschläge, die offizielle Kritik an Polen wiederzugeben schienen, hatten sich höchste US- und NATO-Militärs längst bei Polens Verteidigungsminister Bogdan Klich entschuldigt und den polnischen Soldaten in Afghanistan Bestnoten erteilt. Aber das half auch nicht mehr viel. Die Soldaten „fühlen sich beleidigt“, sagte deren Oberbefehlshaber Reudowicz, und das NATO-Land Polen will sich aus Afghanistan zurückziehen, dabei den Rückzugstermin  rücksichtsvoll planen. Der Vorstoß der „Union der demokratischen Linken“- im polnischen Parlament (Sejm) 44 und im Europaparlament 6 Abgeordnete -,  „bis Ende 2010 auch den letzten polnischen Soldaten aus Afghanistan abzuziehen“, hat man abgeschmettert, aber nicht viel an Klarheit gewonnen.

Ein Geheimpapier von Regierung und MNO in Abstimmung mit der NATO sieht vor, das polnische Kontingent 2011 auf ca. 1.800 und 2012 auf „einige Hundert“ zu vermindern, „Militärberater und zivile Spezialisten aus vielen Bereichen“. Außenminister Radoslaw Sikorski hatte schon im August 2010 erklärt, dass man zwischen Ende 2012 und Ende 2014 abrücken wolle. Präsident Brosnislaw Komorowski hätte es gern zwei Jahre früher, zumal Kanadier, Niederländer und andere lange zuvor abziehen werden.

Afghanistan

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