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Warum sie Europa verlassen

Sie sind hervorragend ausgebildet, jung und motiviert, aber sie kehren Europa den Rucken. Der wissenschaftliche Nachwuchs sieht seine Zukunft immer öfter in den USA. Die Elite findet dort, was in der EU Mangelware ist: faszinierende Forschungsvorhaben und gut bezahlte Stellen. Immerhin scheint das Problem erkannt zu werden. Nach der EU-Kommission hat beispielsweise auch die deutsche Regierung mit ihrer Forderung nach Elite-Universitäten aufhorchen lassen.

Von Johann von Arnsberg

EM – Europäische Wissenschaftler brauchen nach Auffassung von EU-Forschungskommissar Philippe Busquin bessere Arbeitsbedingungen. Sollten diese nicht geschaffen werden, gingen noch mehr hochqualifizierte Kräfte als bisher schon in die USA. Busquin legte kurz vor dem Jahresbeginn 2004 Zahlen vor, wonach europäische Forscher und Ingenieure jährlich zu Tausenden in die USA auswandern. Allein aus Deutschland hätten im Jahr 2001 mehr als 4.202 hochqualifizierte Fachleute ein entsprechendes USA-Visum bekommen. Der „Brain Drain“ betrifft aber ganz Europa. Die EU-Kommission warnte deshalb schon wiederholt, die Abwanderung von Spitzenkräften über den Atlantik werde zu einer Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit der EU.

Rund 75 Prozent der Wissenschaftler, die aus EU-Ländern stammen und zwischen 1991 und 2000 in den USA einen Doktortitel erwarben, haben nach Angaben der EU-Kommission keine Rückkehrpläne. Kommissar Bisquin forderte die EU-Staaten deshalb auf, mehr Geld in die Forschung zu stecken. Sein bissiger Kommentar: „Schluß mit den Lippenbekenntnissen. Wir brauchen Taten - jetzt.“

Europas bittere Bilanz: Wenig Geld und flüchtige Forscher

Von durchschnittlich 1,9 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes sollten die Forschungsausgaben der EU-Staaten bis zum Jahr 2010 auf drei Prozent steigen. Das haben die fünfzehn europäischen Forschungsminister mehr als einmal, zuletzt im Frühjahr 2003 bei einem Treffen in Barcelona, als untere Marge gesetzt, um den Rückstand vor allem auf die Vereinigten Staaten sukzessive abzubauen. Dort betragen die Forschungsaufwendungen 2,6 Prozent des Staatshaushaltes. Tatsächlich aber geschieht in Europa das Gegenteil: Das in die Forschung investierte Geld ist zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts gegenüber den neunziger Jahren gesunken, die Kluft zu den investitionsfreudigeren Amerikanern wächst, statt zu schrumpfen. Wollten die Forschungsminister der EU-Staaten ihr hochgestecktes Drei-Prozent-Ziel erreichen, müßten rund 700.000 neue Forscher in Europa eingestellt werden, hat die Kommission errechnet. Doch niemand weiß woher diese kommen könnten.

Europäische Unternehmen transferieren ein Drittel mehr Forschungsgelder in die Vereinigten Staaten als umgekehrt. Das bedeutet einen Abfluß aus Europa von rund fünf Milliarden Euro jährlich. Verglichen mit der Situation vor zehn Jahren investieren im Gegenzug amerikanische Unternehmen zehn Prozent weniger auf dem alten Kontinent. Auch bei den Patenten und der Zahl wissenschaftlicher Publikationen hinken die Europäer weiter abgeschlagen hinter den Amerikanern her.

Eine Vielzahl der besten Informatiker aus Europa – aber zum Beispiel auch aus Indien - sind deshalb im letzten Jahrzehnt in die USA übergesiedelt. Laut einer Studie von IDC, dem weltweit führenden Anbieter von Marktanalysen für Informationstechnologien (IT), konnten deshalb schon im Jahr 2000 zwölf Prozent aller 10,4 Millionen Stellen für IT-Spezialisten in Europa nicht besetzt werden. Bis zum Jahr 2003 soll sich die Lage weiter verschlechtern. Von den dann erwarteten 13,1 Millionen offenen Stellen bleiben laut Prognose vermutlich 13 Prozent, was etwa 1,7 Millionen Stellen entspricht, unbesetzt. Deutschland dürfte der Mangel am härtesten treffen. Dort sollen in den nächsten drei Jahren 400.000 IT-Stellen offen sein, die höchste Nachfrage in Westeuropa.

Als wichtigste Gründe für die Abkehr der Wissenschaftseliten von Europa wurden von der EU die „Qualität der Arbeit, bessere Berufs- und Forschungschancen“ und „der leichtere Zugang zu modernsten Techniken“ ausgemacht. Zu diesem Trend tragen laut Busquin auch die mangelnde Attraktivität und gesellschaftliche Anerkennung bei, unter denen Forscher in Europa litten. Karriere- und Mobilitätschancen für Wissenschaftler müßten sich deutlich verbessern, und es müßten mehr Jugendliche für eine wissenschaftliche Laufbahn gewonnen werden. Attraktive Gehälter, klare Karrierechancen, weniger Bürokratie und mehr Möglichkeiten zu unabhängiger Arbeit würden vor allem junge Wissenschaftler anlocken.

Die Länder Europas werden regelrecht ausgesogen

Insgesamt geht jeder siebte Nachwuchswissenschaftler, der in Deutschland promoviert hat, in die USA. Von den rund 760.000 Gastforschern stellen die Deutschen dort die viertgrößte Gruppe, nach den Chinesen, Japanern und Briten. Drei von vier Nobelpreisträgern deutscher Herkunft arbeiten in Amerika.

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Ernst-Ludwig Winnacker sagte in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ über die Bedeutung und Ursachen des Brain Drains: „Nehmen Sie zum Beispiel die Zahl der internationalen Preise. In den letzten 15 Jahren sind 101 Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie verliehen worden. Von denen sind 68 in die USA gegangen und 23 nach Europa. Das ist ein Verhältnis von drei zu eins. Da wohl unterstellt werden kann, daß die durchschnittliche Intelligenz der Bevölkerung auf beiden Seiten des Atlantiks die gleiche ist, muß es andere Ursachen für diesen Erfolg geben. Warum zieht es so viele junge, gute Forscher in die USA? Das liegt natürlich am Geld und an den sehr guten Arbeitsbedingungen. Vielleicht noch wichtiger sind aber die Strukturfragen. Damit meine ich etwa die Transparenz von Berufungsverfahren, die bei uns zu lange dauern und für die jungen Leute nicht durchschaubar sind. Auch die lange Dauer der Qualifizierung zum Professor und die sehr späte Selbständigkeit der Forscher in Deutschland sind ein Problem. Die Besten können und sollten durchaus schon mit Anfang 30 eine eigene Arbeitsgruppe leiten.“

Wissenschaftler aus Europa werden in den USA umworben

Mindestens ein Viertel aller deutschen Forscher, die ins Ausland ziehen, bleibt auch dort. „Leider sind es die Besten, die nicht mehr zurückkommen“, sagt Wolfgang Benz, Personalleiter der Pharmafirma Schering: „Sie wissen, daß sie gut sind, und werden von den Amerikanern umworben. Wir müssen diese Leute auch hofieren.“ Laut einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft wollen sogar 43 Prozent aller deutschen Exilforscher nicht zurückkehren.

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Edelgard Bulmahn  

Die rot-grüne Bundesregierung hat das Problem erkannt. Keine Regierungserklärung, kein SPD-Parteitag vergeht, ohne den Aufruf zum „Wettbewerb um die besten Köpfe“. Bundeskanzler Gerhard Schröder predigt: „Technische Innovation, Forschung und Entwicklung sind der Schlüssel zur Zukunft unseres Landes.“ Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn weiß, daß es sich Deutschland nicht leisten kann, seine besten Leute gehen zu lassen. Seit Jahren versucht sie, den Trend zu stoppen - mit geringem Erfolg. „Wir wollen deutschen Nachwuchswissenschaftlern, die im Ausland arbeiten, die besten Chancen zur Rückkehr anbieten“, versprach sie vor drei Jahren. Damals traf sie sich in Kalifornien mit jungen deutschen Forschern und warb für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Doch die Berufsaussichten für junge Wissenschaftler haben sich seitdem wegen der schwachen Konjunkturlage eher verschlechtert, und die Abwanderung hat weiter zugenommen. Dabei hat die Ministerin einiges versucht: Sie lobte unter anderem zwei hoch dotierte Forschungspreise aus. Einer davon, der Sofia-Kovalevskaja-Preis mit individuellen Fördersummen bis zu 2,3 Millionen Euro ist höher dotiert als der Nobelpreis.

Bulmahn setzte mit ihrer Dienstrechtsreform außerdem durch, daß Professoren mehr nach Leistung bezahlt werden. Nach dem angelsächsischen Modell führte sie Bachelor- und Masterstudiengänge ein. Die vor zwei Jahren eingeführte Juniorprofessur soll jungen Akademikern die Habilitation ersparen und eigenständiges Arbeiten ermöglichen. Von den 800 bewilligten Stellen sind bislang 347 besetzt, 15 Prozent davon mit Wissenschaftlern aus dem Ausland. Für jede Juniorprofessur, die sie einrichtet, bekommt die Hochschule 60.000 Euro aus Mitteln des Bundes.

Uwe Hunger, Autor der Studie „Brain Drain – Brain Gain“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, analysiert: „Die Bundesregierung versucht zwar, die Wissenschaftler aus dem Ausland zurückzugewinnen, gleichzeitig werden in der Forschung aber Stellen gestrichen. Man muß endlich erkennen, daß Wissenschaft und Forschung die Basis der wirtschaftlichen Entwicklung sind.“

Deutsche Unternehmen arbeiten an einer Strategie für die Rückkehr der Eliten

Forschungseinrichtungen und Unternehmer, die auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen sind, haben inzwischen eine eigene Strategie zur Rückholung der besten Köpfe ersonnen. Vor einem Jahr schlossen sie sich zusammen zur „German Scholars Organisation“ (GSO). „Unser Ziel ist es, deutsche Nachwuchswissenschaftler im Ausland zurückzugewinnen“, sagt Wolfgang Benz von der Pharmafirma Schering. Er ist Vizepräsident der GSO. „Viele, die in den USA sind, haben den Kontakt zu Deutschland verloren. Sie glauben, daß sie hier nicht gebraucht werden, und bewerben sich nur noch in den USA.“ Seit kurzem bietet die GSO deshalb auf ihrer Internetseite ein Karrierezentrum an, in dem Wissenschaftler Kontakt zu Firmen und Forschungsstätten bekommen.

Es gibt ermutigende Beispiele von erfolgreichen Rückkehrern

Immer einmal wieder gelingt es, hochqualifizierte Wissenschaftler aus den USA zurück nach Europa zu holen. Ein Beispiel dafür ist der 43-jährige Michele Solimena aus Italien. Er hatte seit 1988 an der renommierten US-amerikanischen Universität Yale geforscht und gelehrt. 2001 kam er nach Dresden - ausgestattet mit dem höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis. Dieser von der Alexander von Humboldt-Stiftung vergebene Wolfgang-Paul-Preis sicherte dem Forscher einen Etat von rund 1,7 Millionen Euro, den er verteilt auf drei Jahre zum Kauf von Laborausrüstungen und dem Aufbau eines Forscherteams nutzte. In der Zwischenzeit ist der Zellbiologe zum Professor für experimentelle Diabetologie berufen worden.

Am 24. Februar 2004 konnte die Uni Dresden mitteilen, daß ihr renommierter Wissenschaftler eine möglicherweise bahnbrechende Entdeckung auf seinem Fachgebiet gemacht habe. Für die Märzausgabe der Fachzeitschrift „Nature Cell Biology“ werde Prof. Solimena einen Beitrag über die Wirkungsweise des Proteins PTB an den Zellen der Bauch-speicheldrüse von Ratten veröffentlichen. Darin zeige er, daß dieses Protein einen wesentlichen Einfluß auf die Bildung und somit auf die Ausschüttung von Insulin habe. „Dieses Eiweiß könnte eine Schlüsselrolle beim Diabetes mellitus spielen“, so Prof. Solimena, und damit die Entwicklung der medikamentösen Therapie von Diabetes-Patienten voranbringen, die bisher lebenslang auf die Insulinspritze angewiesen seien. „Ein auf die Aktivierung des PTB zielendes Medikament könnte eine bessere Therapieoption sein“, umreißt Prof. Solimena eine der Perspektiven, die aus seinem Forschungsergebnis resultieren.

Bekämpfung des Brain Drain durch die Europäische Kommission


Auf dem Treffen des Europäischen Rats im Juni 2001 in Lissabon haben sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet, Europa bis 2010 zum „wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftssraum der Welt“ zu machen. Zumindest die Europäische Kommission macht Ernst und kam bislang ihren Verpflichtungen nach. Im Haushalt 2002/03 wandte sie knapp 1,6 Milliarden Euro auf, um der Abwanderung von Wissenschaftlern aus der EU in andere Teile der Welt entgegenzuwirken. Das war ein Anstieg um nahezu 50 Prozent gegenüber dem vorher geltenden sechsten Forschungsprogramm und die stärkste Erhöhung eines Einzelpostens unter allen vorrangigen Forschungsvorhaben überhaupt. Diese Investition sei unter anderem in Form von Finanzhilfen für die verstärkte Rückkehr und Wiedereingliederung von Forschern gedacht, erklärte Philippe Busquin. „Weitere Schwerpunkte sind die Einrichtung eines europäischen Netzes von Zentren zur gezielten Unterstützung von Forschern, die Verbesserung internetgestützer Informationsdienste und der Wissenstransfer in die weniger entwickelten Regionen der Union und die neuen Beitrittsländer.“ Weitere Initiativen der Kommission zur Bekämpfung der Abwanderung von Wissenschaftlern betreffen die Beseitigung rechtlicher und administrativer Hindernisse für die Mobilität von Wissenschaftlern (beispielsweise in bezug auf die Einwanderungsbedingungen, die soziale Sicherheit, die Anerkennung der Diplome, usw.) sowie die Koordinierung der einzelstaatlichen Maßnahmen im Bereich der Forschung.

Zum Thema abwandernde Eliten siehe auch das EM-Interview mit Prof. Dr. Peter Glotz: „Amerika lebt vom „Brain Drain“ – vor allem aus Eurasien“.

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