Warum sterben Männer eigentlich früher?LEBENSERWARTUNG IN EURASIEN

Warum sterben Männer eigentlich früher?

Warum sterben Männer eigentlich früher?

Fast überall auf der Welt werden die Frauen älter als die Männer. Aber es gibt Länder, in denen die Lebenserwartung der Geschlechter ganz nahe beieinander liegt, wie beispielsweise in Japan. Und es gibt andere, wie Rußland, wo die Männer mehr als ein Jahrzehnt vor ihren Frauen sterben. In Deutschland leben Frauen im Schnitt sechs Jahre länger als Männer. Die Gründe der unterschiedlichen Lebenserwartungen analysiert Prof. Elmar Brähler von der Universität Leipzig. Er ist dort Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie.

Von Hans Wagner

Prof. Dr. Elmar Brähler  
Prof. Dr. Elmar Brähler  

Eurasisches Magazin: Frauen haben eine deutlich höhere Lebenserwartung als Männer. Wie groß ist der Unterschied?

Elmar Brähler: In Deutschland werden Frauen derzeit durchschnittlich 82 Jahre alt, die Männer hingegen nur knapp 76. In den meisten Industrienationen mit einem entwickelten Gesundheitswesen ist das ähnlich. In der dritten Welt, wo insbesondere die medizinische Versorgung von Mädchen und Frauen schlecht ist, sterben Männer und Frauen etwa gleich jung. Der dramatischste Unterschied ist jedoch seit rund 15 Jahren in Rußland und Weißrußland zu registrieren. Dort werden Frauen im Durchschnitt 72 alt, während die Männer schon dreizehn Jahre früher sterben und damit beispielsweise noch vor ihren Geschlechtsgenossen in Indien. Neugierig machen sollte uns Japan, wo die Menschen nicht nur generell sehr alt werden und prozentual die meiste Zeit behinderungsfrei genießen, sondern die Männer fast ebenso lange leben wie die Frauen.

EM: Welche Erkenntnisse gibt es über die Gründe für das gute Abschneiden japanischer Männer – was machen Sie besser als europäische, amerikanische oder russische Geschlechtsgenossen?

Brähler: Dort werden sowohl Frauen als auch Männer älter als bei uns. Über die Gründe gibt es keine genauen Untersuchungen, aber eine Reihe von Vermutungen und Indizien: Japaner ernähren sich gesünder, essen zum Beispiel weniger fettreich. Es gibt in Japan weniger Übergewichtige als hierzulande. Sie vertragen Alkohol nicht besonders und trinken deshalb auch weniger. Es wird auch ein genetischer Vorteil vermutet, denn Japaner erkranken seltener an Lungenkrebs. Auch das soziologische Phänomen, daß in Japan der Neidfaktor recht gering ist, scheint eine Rolle zu spielen. Die Lebensbedingungen zwischen Arm und Reich sind ausgeglichener als bei uns. Bei den Russen hingegen, wo die Lebenserwartung sehr gering ist, gibt es extreme Unterschiede. Rußland weist im internationalen Vergleich auch eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Selbstmorden auf.

„Das Leben eines Mannes ist riskanter, und das schon von Anbeginn an“

EM: Frauen haben bei uns eine um sechs Jahre längere Lebenszeit als Männer. Sind sie von der Natur bevorzugt oder leben sie bewußter und gesünder?

Brähler: Es trifft beides zu. Das Leben eines Mannes ist riskanter. Und das schon von Anbeginn an. Gleichzeitig mit 100 weiblichen Embryos werden 120 bis 130 männliche gezeugt; gleichzeitig mit 100 Mädchen erblicken 105 Knaben das Licht der Welt. Aber schon bei den über 65-Jährigen - da klammere ich also bereits die Kriegsgeneration aus - machen die Frauen 60,5 Prozent der Bevölkerung aus. Welche rein biologischen Dinge da eine Ursache sind und was aus dem Rollenverhalten resultiert, konnte bislang noch niemand genau abgrenzen. Fest steht, daß Männer durch ihren Alltag häufiger Unfälle erleiden, durch den Beruf mehr Gefahren ausgesetzt sind und auch, daß sie in jedem Lebensabschnitt häufiger den Ausweg des Suizids suchen. Das potenziert sich durch die ungesündere, sorglosere Lebensweise des Durchschnittsmannes: Er trinkt mehr Alkohol, ißt fettiger, raucht häufiger, geht seltener zum Arzt, nutzt deutlich weniger die Angebote zur Vorsorgeuntersuchung ?

EM: Und was sind sie besonderen Pluspunkte der Frauen?

Brähler: Diese Pluspunkte sind ebenfalls noch relativ unklar. Zweifellos war eine Entbindung früher eine der gefährlichsten Situationen in ihrem Leben. Die Müttersterblichkeit ist jedoch stark zurückgegangen. Inwieweit Mutterschaft oder Menstruation im Gegenzug gesundheitsförderlich sind, ist nicht zu sagen. Über protektive Faktoren wird derzeit viel spekuliert. Fest steht, daß sich die Frau mehr um ihre Gesundheit kümmert.

Die Klosterstudie zeigt wie gering die genetischen Unterschiede sind

EM: Woran ist umgekehrt zu erkennen, daß die sorglosere Lebensweise von Männern ihnen eine Reihe von Lebensjahren kostet?

Brähler: Es gibt da eine Studie, die ich besonders liebe, die so genannte Klosterstudie. Mönche und Nonnen - also Menschen, die in Sachen Alkohol, Rauchen, Streß, Ernährung, soziale Strukturen unter ähnlichen Umständen leben - erreichen fast das gleiche Alter.

EM: Welche Schlüsse kann man aus der Klosterstudie ziehen?

Brähler: In Klöstern erreichen Mönche bis auf knapp zwei Jahre die gleiche Lebenserwartung wie die Nonnen. Sie leben praktisch unter identischen Bedingungen. Und das legt den Schluß nahe, daß es kaum genetische Gründe dafür gibt, wie alt Männer oder Frauen werden. Jedenfalls scheint er nicht größer als diese knapp zwei Jahre zu sein.

EM: Sollten wir alle zölibatär leben, dem Individualismus abschwören und uns kollektiv hinter Klostermauern zurückziehen, um ein gesegnetes Alter zu erreichen?

Brähler: Das dürfte keine Lösung sein. Aber die Ergebnisse der Klosterstudie zeigen, daß eine Lebensweise, in der Menschen sich mit dem identifizieren, was sie tun, offenbar zu einer höheren Lebenserwartung beiträgt. Sie leben ruhig und ausgeglichen, arbeiten maßvoll nach festen Rhythmen, ernähren sich einfach und zweckmäßig. Eine Ausnahme ist vielleicht das Klosterbier. Aber da dies wohl in Maßen genossen wird, scheint es keinen negativen Einfluß zu
haben.

Heute geborene Mädchen haben gute Chancen hundert Jahre alt zu werden

EM: Wie entwickelt sich die Lebenserwartung heute geborener Kinder?

Brähler: Die Lebenserwartung beider Geschlechter steigt. Ein Mädchen, das heute in Deutschland geboren wird, hat gute Chancen, einhundert Jahre alt zu werden, ein Junge 95. Die Hypothesen, wohin das führen wird, überschlagen sich. Manche Experten meinen, daß die Lebenserwartung mit jedem Jahr, das ein Kind später geboren wird um zwei Monate steigen könnte. Ich bin da sehr vorsichtig, denn es gibt auch gegenläufige Tendenzen. Hierzulande wuchs noch nie eine Kinder-Generation heran, die im Durchschnitt so übergewichtig und so träge war wie die heutige. Wir wissen nicht, wie es den Computer-Spielern und Chips-Vertilgern in 50, 60 oder 70 Jahren gehen wird. Es ist auch zu befürchten, daß Aspekte wie das Bildungsniveau sich künftig noch stärker auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken werden.

EM: Weshalb wirkt sich das Bildungsniveau auf die Gesundheit von Männern und Frauen aus?

Brähler: Hierzu muß man sagen, es ist nicht allein das Bildungsniveau, sondern vor allem auch die daraus resultierende bessere Einkommenssituation. Lebensversicherer haben herausgefunden, daß ihre Klientel nicht nur wohlhabender ist als die Durchschnittsbevölkerung, sondern auch eine höhere Lebenserwartung hat. Das Robert-Koch-Institut hat ermittelt, daß 60-jährige Männer in den höchsten Einkommensschichten noch eine Lebenserwartung von rund 28 Jahren haben, Menschen in den unteren Gehaltsschichten dagegen nur noch eine von 15 Jahren. Menschen mit einem höheren Einkommen können einfach mehr für ihre Gesundheit tun - von der Ernährung bis zur ärztlichen Versorgung.

EM: Etwas gleichen sich die Lebenserwartungen in jüngerer Zeit ja wieder an. Wie ist Ihre Einschätzung – holen die Männer auf oder fallen die Frauen zurück?

Brähler: Ob das ein dauerhafter Trend ist, wissen wir noch nicht. Tatsache ist, daß Frauen derzeit immer öfter männliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Jüngere Frauen rauchen mehr als ältere. Auch der berufliche Streß, dem sich Frauen aussetzen, nimmt zu. Was die Männer und die Frauen betrifft, deutet sich innerhalb der derzeit allgemeinen Erhöhung der Lebenserwartung eine Annäherung an. Die heute 70-jährigen Männer sind ebenso fit wie ihre Frauen. Der Anteil der Pflegebedürftigen ist inzwischen etwa gleich. Möglicherweise fruchten die Bemühungen, auch die Männer zu gesundheitsbewußtem Leben anzuregen.

Dreiviertel der elftausend jährlich begangenen Selbstmorde werden von Männern verübt

EM: Wie wirkt sich die Tatsache, daß immer mehr Menschen als Alleinstehende leben, auf die Gesundheit und die Lebenserwartung aus – verkraften Männer das Alleinsein schlechter?

Brähler: Verläßliche Zahlen gibt es nur von verwitweten Männern. Sie sind unmittelbar nach dem Verlust des Partners von einer hohen Sterblichkeit betroffen. Es scheint aber so, daß partnerschaftliches Zusammenleben für beide Geschlechter eine günstige Auswirkung auf Gesundheit und Lebenserwartung hat.

EM: Welche Krankheiten sind es eigentlich, die bevorzugt die Männer früher dahinraffen?

Brähler: Dreiviertel der elftausend jährlich in Deutschland begangenen Selbstmorde werden von Männern verübt – vor allem von alten. Hinzu kommen mehr Autounfälle in der männlichen Bevölkerung, mehr Alkoholkrankheiten, mehr Lungenkrebs, mehr Herz-Kreislauferkrankungen. Hier allerdings holen die Frauen deutlich auf.

EM: Welche weiteren regionalen Unterschiede gibt es auf der Welt, was die Lebenserwartung angeht?

Brähler: Spanische Männer werden älter als deutsche beispielsweise. Manche sagen, das sei eine Auswirkung der Mittelmeerdiät, denn auch italienische Männer werden älter. Aber die Japaner gehören ja nun nicht zu den Mittelmeerländern, und sie werden besonders alt und sind besonders gesund. Und außerdem werden auch schwedische Männer älter als viele ihrer mitteleuropäischen Geschlechtsgenossen. Es gibt Fachleute, die weisen darauf hin, daß es in Spanien viel weniger Ärzte und viel weniger Krankenhausbetten gibt. Die Gesundheitsausgaben in Spanien sind ebenfalls niedriger als hierzulande – und die Männer werden, vielleicht gerade deshalb dort älter.

EM: Was empfehlen Sie denn aufgrund all dieser Erkenntnisse den Männern – wie lautet ihr Appell?

Brähler: Vor allem möchte ich Männern Mut machen, etwas ausgeglichener zu leben, etwas entspannter. Frauen tun sich dabei leichter. Und wie zu sehen ist, werden sie dafür später auch belohnt. Mit Hauruck zum Leistungssportler werden zu wollen, ist schlecht. Diäten sollte man meiden. Alltägliche Bewegung, keine ausgesprochenen Ernährungssünden und ein bißchen mehr Gelassenheit dürfte das richtige Rezept sein.

EM: Herr Professor, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

*

Das Interview erschien zuerst am 27.01.06 in der MEDIZIN-WELT (www.medizin-welt.info).

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