Warum sterben überhaupt Leute in diesem Land?ESTLAND

Warum sterben überhaupt Leute in diesem Land?

Warum sterben überhaupt Leute in diesem Land?

Über die estnische Küche, die Sprache der Menschen und wie ungezwungen die Mädchen des Landes sich geben. Vom Hundertsten ins Tausendste – auf einer Reise durch Kneipen und über Land, Begegnungen mit Italienern und Reflexionen auf wenig psychoaktives deutsches Einheitsbier.

Von Tobias Mindner

E stland. Das liegt ganz oben hinten. Dahinter kommt an sich nichts mehr. Ach doch, ja, Russland. Links davor die Ostsee, links unterhalb Lettland. Das Wichtigste über Estland ist schnell gesagt: Es gibt Stadtbusse mit Anhängern –  für die Passagiere. Ich bin fest überzeugt davon, dass alle Volksgruppen gemischt einsteigen dürfen, und nicht, dass die Russen immer hinten sitzen müssen. Russen leben neben Esten immerhin etliche dort. Apropos Leben: Die Friedhöfe sind mitten im Wald und nicht weiter eingezäunt. Es kann durchaus sein, man geht abends in den Wald spazieren, dem Licht folgend, bettet sich irgendwann zur Ruhe und wacht morgens unversehens auf dem Friedhof auf! Die Lichter sind Grabkerzen, vermutlich von den Katholiken. Deren es folglich weniger gibt in Estland als Protestierer. Wie überall im Norden.

Warum aber sterben überhaupt Leute in Estland? Das kann man nicht recht verstehen: Es gibt gutes Essen, zum Beispiel einen überaus gesunden Getreidebrei auf Joghurt- oder Kefirbasis. Es gibt frische Seeluft, viele sehr hübsche, schlanke-ranke, großgewachsene blonde Mädchen. Man hat billige Taxis und bezahlbare Funktelefonrechnungen, sowie jede Menge Klapprechner. Ferner riesige und moderne Einkaufszentren, kostenlosen Tee, Strom- und Internetanschluss am Platz in den Zügen - zwar nur in der ersten Klasse, aber die kostet sowenig von Tartu nach Berlin wie in Deutschland ein Taxi vom Berliner Hauptbahnhof zum Alexanderplatz. Warum also sollte man sterben in Estland?

Fotos: Tobias Mindner

Ein Loblied auf die Getreidetrünke

Die estnische Küche ist stark an die deutsche angelehnt. Ein typisch einheimisches Essen der Esten ist der bereits erwähnte Getreidebrei. Er ist an sich ein Getränk, das aber tatsächlich gelöffelt wird. Nämlich eine Dickmilch, wahlweise Buttermilch oder Kefir oder Joghurt, mit reichlich zerschrotetem Getreide, je nachdem süß mit etwas Fruchtmus oder pur und also eher herzhaft. Soll überaus gesund sein und schmeckt wie Milch auf Knäckebrot. Kefir scheint hier überhaupt sehr beliebt. Auch in Deutschland sind ja Getreidetrünke sehr verbreitet, vor allem solche aus Gerste – und überaus köstlich. Oft herzhaft schon am Morgen.

Die geringere Verbreitung von Honig, Marmelade und Schokocreme wird in Estland ausgeglichen durch allerhand Backwerk. Vor mir auf dem Teller, während ich diese Zeilen schreibe: ein Törtchen aus purer Schokolade bestehend. Statt Kuchengabel wäre ein Schnitzmesser angebracht.

Bereits die Einrichtung der Gaststätten, Bars und Cafés beweist Geschmack und steigert die Vorfreude auf des Koches Gaben und die Wirtin. Hingabe zum Detail und stilvolle Zusammensetzungen zeichnen die Ausstattung wie die Menüs gleichermaßen aus. Von künstlerisch-wertvoll mit orientalischer Anmutung übers urgemütliche Fischerhausnatursteinambiente bis schickimickiübermodern ganz in Weiß ist alles da.

Üx, Koks, Kolm – heiteres Knobeln auf Estnisch

Damit flugs zu den Mädchen. Farbenfroh gekleidet mit engen Hosen, wenig Körperschmuck, aber viel Natürlichkeit. Körperstempel und Hautspießer, auch Tattoos und Piercings genannt, scheint es nicht zu geben. Die Ungezwungenheit lässt sich nicht leugnen, man ist locker und angenehm unaufdringlich. Die Menschen in Osteuropa scheinen ganz allgemein unbefangener und leichteren Sinnes und weniger eingebildet zu sein als die im Westen. Zur Unaufdringlichkeit: In fünf Tagen Tallin und Tartu höre ich nicht ein einziges Autohupen. Auch die Sprache, so fremd sie dem eigenen Ohr klingt, wirkt leichtfüßig und gefällig. Man kann perfekt abschalten, wenn sich Esten nebenan unterhalten, es stört nicht. Die Sprache ist flüssig und ohne große Höhen und Tiefen oder Pausen; die Betonung viel unauffälliger als etwa im Französischen oder gar dem heftigen Stimmungsenglisch oder Körpersprachitalienisch, bei denen man die Vermutung chronischer Hysterie beim Sprecher kaum unterdrücken kann - von deren Selbstgefälligkeit ganz abgesehen. Lediglich die beiden wichtigsten estnischen Zahlen schlagen völlig aus ihrer Art: „Eins“ und „Zwei“. Man könnte sie unter Hunderten Sprachen der Welt sofort heraushören. Nämlich: „Üks“ und „Koks“ (mit schnellem „ü“ und „o“. Üx, kox - das klingt, das hat Schwung! Das sind zwei Zauberschlüssel aus Tausendundeiner Nacht, die den Geheimharem des Großsultans durch die Hintertür zu öffnen vermögen, oder die Namen zweiter Sternenkrieger aus dem Reich der Vadugi hinter der Beta-Zentauri-Zentralgalaxie.

Üx, Kox! „Drei“ heißt übrigens „Kolm“, das klingt nach einem Berg in Mitteldeutschland. Wer also das berühmte Knobelspiel mit den Händen und seinem Gegenüber spielt – bei dem man dreimal die Hand niedersausen lässt – um sie dann zu Schere, Stein oder Papier zu öffnen, der zähle: „Üks-Koks-Kolm!“, und gewinne sicher. Mindestens die Aufmerksamkeit des Gegenüber und der Umstehenden.

Obschon langjähriger und erfahrener Spieler dieser Gestenknobelei (Schwarzer Gürtel, 4 Daan-Grade, „pour le merite“-Urkunde,  sowie Ritterkreuzträger Siebten Grades mit Goldschwertern und ganzem Laubwald) erfuhr ich selbst erst jüngst, dass das Spiel auf deutsch „Schnick-Schnack- Schnuck“ heißt. Auf japanisch übrigens „Ha-Tschee-Pon“ – auch nicht schlecht.

Olu: das Bier – Öö: keine Ahnung – aber Politsei versteht jeder

Estnisch ist leicht zu sprechen: Schreibung gleich Lautung. Lautung gleich Bedeutung. Kleiner Test: Was bedeutet „Politsei“? Hinter vielem verbirgt sich schlichte Lautmalerei: „Olu“ bedeutet „Bier“ – das Lallen ist schon deutlich herauszuhören.

Die estnische Sprache mag doppeelte, klangstaarke Seelbstlaute wie in Muusik oder Raadio und liebt ebenso doppelte Mittlautte wie in Tunnustada (heißt: weiß ich nicht). Bestenfalls gibt’s beides in einem Wort: „Linnaliinibussid“ (heißt: da kommen sie selber drauf!). Gerne spielt Estnisch auch mit Umlauten, namentlich dem „ü“ oder „ö“. Zum Beispiel in dem Wort „Öö“. (Heißt: Keine Ahnung). Manches versteht man als Deutscher sofort – „BussiReisid“ zum Beispiel. Das heißt ungefähr übersetzt: „Fernfahrt in mehrrädrigem Großpassagiervehikel“. Manches  versteht man erst nach einigem Nachdenken: „saksa“. Das bedeutet „deutsch“. „Saksamaa“ daher Deutschland. Manches wiederum ist nur mit dem Gefühl erfassbar: „Musi“. Was es bedeutet, am Ende dieses Berichts. Klingt jedenfalls schön, oder?

Ein Ministerpräsident – als Ausländer verkleidet durch die Hauptstadt ziehend

Was mich begeistert in diesem Land, das man gern zum Freund haben würde: Es gibt an manchen öffentlichen Toiletten neben dem Waschbecken eine Handbrause am Schlauch, die man zur Reinigung der Kloschüssel (oder was auch immer) verwenden kann. Endlich mal ein nützlicher Gedanke. Außerdem hab ich folgendes gehört: Der Ministerpräsident oder ein anderer hoher Politiker hat sich vor ein paar Jahren geschminkt und als Ausländer maskiert und dürftig sowie akzentuiert sprechend mehrmals durch die Hauptstadt Tallin fahren lassen, worauf er prompt weit überhöhte Rechnungen präsentiert bekam, und ein paar Wochen später die Taxifahrer und deren Vereinigungen die Quittung. – Donnerwetter! Von solchen Geschichten habe ich als Junge immer geträumt. Und auch heute noch bin ich der sicheren Überzeugung: Wenn ich einmal groß bin und ein guter König (oder estnischer Ministerpräsident), werde ich mich auch verkleidet unters einfache Volk mischen und ihm die Meinung ablauschen. Und dann Quittungen präsentieren.

Es gibt im übrigen so viele Taxiunternehmen, dass es wirklich preiswert ist, mit dem Taxi zu fahren. Man ruft kurz per Funktelefon an – was, wie gesagt, ebenso billig ist – und wenige Minuten später hält das Taxi vor einem und bringt einen zur gewünschten Stelle. Wie in jedem amerikanischen Film. Hand heben und da.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es Gewerkschaften gibt in Estland. Jedenfalls scheinen sie keinen ernsthaft zu stören, und das Getriebe der Wirtschaft läuft rund und geschmiert. Man kann sogar täglich und bis weit in die Nacht hinein einkaufen. Ich habe das auch schon in Polen und Tschechien erlebt. Wenn es so weiter geht, werden in spätestens zehn Jahren die Staatssozialismussysteme Frankreichs, Spaniens und Deutschlands Geldempfänger der neuen Länder im Osten sein. Ja, es war wirklich eine pfiffige Idee, sie aufgenommen zu haben in die EU. Und allemal leichter, als die eigene Gesellschaft zu reformieren.

Britanniens Lingua rules in Estland

Mitten in der Innenstadt von Tallin als auch der Universitätsstadt Tartus (vormals Reval und Dorpat) reihen sich uralte Bauernhäuser mit Holzfassaden mit schmuddeligen Gardinchen hinter kleinen Fenstern an ultramoderne Glasbaukästen, die sich in schwindlige Höhe recken. Dazwischen graue Betonklötzchen und Ringbauten aus der Stalinzeit bzw. kurz davor oder danach. Bauten also, die keiner weiteren Beschreibung bedürfen, finden sie sich doch überall in den Oststaaten und überhaupt von Peking bis Prora. Schließlich auch kuschelige Ein- oder Mehrfamilienhäuschen aus Holz im Quadratbaustil und etlichen Farbabsetzungen: Kabäuschen mit umlaufenden Terrassen oder Balkonen und Gärten, in denen man sicher zufrieden wohnt.

Alles weitere ist haargenau wie in Deutschland. Selbst mit der Sprache: Obwohl ohne jeden Zweifel die meisten Touristen aus Deutschland kommen, steht überall alles auf Englisch. Wenigstens wird dafür das Estnische nicht vergewaltigt, sondern das andere nur als Zugabe daneben gestellt. Gut, Russisch spielt auch eine große Rolle, leben doch auch viele Russen hier, die sogar vorn im Bus mit einsteigen dürfen, wie schon erwähnt. Aber merkwürdig ist es schon: Jahrhundertelang prägten die sogenannten Deutschbalten, aber auch deutsche Kaufleute vor allem aus der Hanse das Land, später befreiten die Deutschen das Land von der Stalinbarbarei (worüber die Esten bis heute froh sind), und bis in die Gegenwart ist Deutschland zweifellos ein geschätztes Reiseland der Esten, wichtiger Handelspartner und Vorbild in manchem: Und dennoch sind es wieder mal die Briten (oder wer?), die ihre Sprache hier etablieren, verflixt – als ob die den Mund nicht schon voll genug hätten. Wie funktioniert so was?  - So wie auch anderswo in Europa und auf der Welt. Dazu später mehr.

Nachdem der VW nicht in Neapel erfunden wurde… 

Nordestland, ein Häuschen auf dem Land, neun Leute sitzen beisammen: sechs Esten, ein Ukrainer, ein Deutscher, ein Italiener. Frage: Wer unterhält die ganze Runde und zieht jedes Gespräch an sich?

Ich verrate es nicht. Ich will niemanden beleidigen. Zumal, wenn er ohnedies leicht beleidigt sein könnte - eitel wie diese Landsleute sind - schon weil der Volkswagen nun mal nicht in Neapel erfunden wurde. Ich will aber ganz abgesehen davon jenen gewissen Italiäner in der Runde noch ein wenig beleuchten. (Lachen Sie nicht! Auch Goethe hat schon Italiäner geschrieben.) Er sieht aus wie Joschka Fischers südländischer Bruder. Und benimmt sich auch wie ein Außenminister unter Lokaljournalisten. Selbstverständlich redet er alle auf englisch an. Ich vermute indes, wenigstens die Hälfte der Anwesenden versteht nur seine Körpersprache. Er scheint jedenfalls der Sohn Silvio Berlusconis und guter Trinkfreund des Papstes, und nur kurz auf der Durchreise auf dem Weg zum G8-Gipfel in  St. Petersburg zu sein – wenn ich ihn richtig verstanden habe. Nein, er ist ein Bruder des angeheirateten Schwippschwagers dritten Grades aus der Nachbarfamilie und zugelaufen – wenn ich meine Gastgeber richtig verstanden habe. Wahrscheinlich habe ich beide nicht richtig verstanden, obwohl mein Estnisch nur wenig schlechter ist als mein Globalesisch, und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte – er ist der Mann der einen Tochter des Hauses. 

Eine Frage von Joschka Fischer mediterrane geht an mich, auf Englisch versteht sich: Was ich täte und warum ich hier sei?

Der Grund ist: Ich gebe hier ein Rhetorikseminar vor Deutschlehrern. Ich weiß nicht genau, was „Rhetorik“ auf Englisch heißt, spreche das Wort dann aber halbherzig in den Raum, versuche es zu erklären. Er hat „Rhetorik“ aber verstanden, unterbricht mit großer Geste und wiederholt mehrmals „retorica, retorica“, ja, er verstehe natürlich, schließlich kenne er sich damit bestens aus. Schließlich sei er Italiäner. Und die hätten ja die Rhetorik nicht nur erfunden – er beruft sich auf „cicerone, cicerone“ – sondern quasi völlig im Blut! Vermutlich ist er selbst verwandt mit Altkumpel Cicerone.

Wie konnte ich das vergessen, natürlich: Cicero. Der hat ja die Redekunst höchst selbst entdeckt, noch vor mir. Das erzähle ich doch in jedem meiner Seminare den Leuten. In Wirklichkeit spreche ich zwar von Aristoteles, aber egal: Das ist auch einer von diesen Alten. Die machen sich immer gut. Auf Autoritäten berufen, heißt die Zauberformel der Redekunst. Was die wirklich gemacht haben im richtigen Leben, spielt keine Rolle. In der Realität ist die Wirklichkeit sowieso ganz anders.

Intermittierende Linguistik im niederdeutschen Sprachraum als empirische Einzel- und Mengenfallstudie

Wahrscheinlich halten sich nicht nur alle Italiäner für Nachfahren Ciceros, sondern auch alle männlichen Franzosen für die direkten Nachfahren von Voltaire, die Griechen für die Ururenkel von Platon und meine Landsleute für Luthers Erben: Und solche Männer haben Redekurse natürlich nicht nötig. Sieht man ja täglich im Bundestag und erlebt es bei jedem Festvortrag, wie brillant, geschliffen und effektiv nahezu alle die Zuhörer blitzschnell in ihren Bann ziehen können. - Kennen sie übrigens Ulla Schmidt?

Es mangelt überall an Deutschlehrern, wie man mich schon mehrfach unterrichtet hat. Das deutsche Goethe-Institut etwa setzt seine Hürden viel zu hoch. Die wollen am liebsten gleich promovierte Germanisten und Spitzenpädagogen nicht ohne 15jährige Berufserfahrung an Gymnasien nach Togo und Kasachstan schicken, um dort Deutsch zu lehren und den Kindern das Zählen bis 20 und das Kaufen eines Fahrscheins zu beizubiegen. (Der in Deutschland längst „Ticket“ heißt.) Weil solche Leute aber verständlicherweise bei weitem Wichtigeres zu tun haben – zum Beispiel an Hochschulen wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben über die Anfänge der vergleichenden, intermittierenden Linguistik im niederdeutschen Sprachraum als empirische Einzel- und Mengenfallstudie unter besonderem Bezug auf die propädeutische Universalkasuistik – mangelt es eben weltweit an Deutschlehrern. Freunde, ich sage es deutlich: die Anfänge der vergleichenden, intermittierenden Linguistik im niederdeutschen Sprachraum als empirische Einzel- und Mengenfallstudie unter besonderem Bezug auf die propädeutische Universalkasuistik zu kennen ist lebensnotwendig für jede Gesellschaft! Wo kämen wir sonst hin?

In mir wächst der Verdacht, dass zwei Gründe dafür verantwortlich sind, dass Englisch als wichtige Weltsprache gilt. Und die gehen beide auf das Gleiche zurück; und damit zur Erklärung des Phänomens, wie oben versprochen. Erstens: In der EU, in die sich die Engländer ohne besondere Zuneigung für den Rest, geschweige denn Begeisterung für die Sache, hineingeschummelt haben, reden sie selbstgefällig nur Englisch, von Anfang an. In der Erwartung, dass alle sie zu verstehen hätten. Frech kommt weiter, Leute.

50 Russen fallen in Bangkok weniger auf als ein Engländer

Bei den EU-Ostererweiterungs-Verhandlungen ab 1990 glaubten sich viele Diplomaten in den neuen Ländern gewappnet mit Deutsch als Fremdsprache. Die westlichen Diplomaten, auch die deutschen, wurden aber gezwungen, Englisch mit ihren Gesprächspartnern zu sprechen und Englisch als zwingende Grundlage zu fordern. (Hat sich mittlerweile aus Diplomatenkreisen herumgesprochen.) In Deutschland kümmern sich solange ein paar Bürgervereine darum, Deutsch wenigstens im Inland nicht aussterben zu lassen. Das lahmende Goethe-Institut bietet allen Ernstes in Afghanistan Kurse für afghanische Folklore an, neuerdings seit seiner Eröffnung nach dem Kriege. Statt Deutsch zu lehren, wie es die Einheimischen wünschen. Um Allahs Willen! Das ist also der eine Grund. Der andere: Engländer und Amerikaner benehmen sich auch privat wie die Herren. Egal wo man hinkommt, sind es die Lautesten und Selbstbewusstesten. Auch daher glaubt man an allen Orten der Welt, Englisch sei das Ein und Alles: 50 Russen fallen in Bangkok weniger auf als ein Engländer.

Mindestens die Angelländer müssen also alles in allem beileibe eine perfekte Öffentlichkeitsarbeit oder zumindest eine perfekte Reklame für sich selbst machen, sonst würde nicht über ein halbes Jahrhundert die Vorstellung kursieren, Briten wären höflich und diskret. Über den so genannten englischen Humor will ich gar nicht erst lästern.

Nun, es gibt einen Trost bei diesen Tatsachen. Den Tatsachen, dass wir Deutschen uns wenigstens noch selbst so gut beschäftigen können mit uns und unserer Sprache, also den Anfängen der vergleichenden, intermittierenden Linguistik im niederdeutschen Sprachraum als empirische Einzel- und Mengenfallstudie unter besonderem Bezug auf die propädeutische Universalkasuistik. Zwar lernt natürlich unter solchen Umständen keiner mehr Deutsch, aber wir werden für klug gehalten. Jedenfalls sagte mir das eine Estin bewundernd: „Die Deutschen sind doch so klug!“ Immerhin, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie sprach es auf Deutsch. Und eines sage ich ehrlich, liebe Freunde: So unhöflich bin ich nicht, dass ich ausgesprochene Wahrheiten von anderen Menschen anzweifeln würde!

Es gibt neben Ossis nur Wessis – keine Südis

Zurück zu Estland und dem Italiäner in der Landhausszene. Der Italiäner hat eben erfahren, dass ich aus Deutschland komme. Genauer gesagt, aus Ostdeutschland. Mit „Mitteldeutschland“, wie ich es zuerst formuliere, gibt er sich nicht zufrieden. Sogleich erklärt er mir, dass das ein großer Unterschied sei zu Westdeutschland. Aha! Das war mir ja noch gar nicht aufgefallen. So ein Blick von außen kann manchmal recht erhellend sein. Dann doziert er noch ein wenig über den „Ostblock“ (wir erinnern uns: „docere, delactare, movere“ heißt die Zauberfomel für gute Rede, belehren, unterhalten, bewegen), also den Ostblock, dem alle hier Anwesenden außer dem Italiäner ja schließlich angehört haben. Ja, das war schon schlimm für uns! Ich beginne mich zu fragen, warum ich nach Estland gefahren bin, um etwas über Estland zu erfahren, und nicht nach Italien? Zudem ich dort auch noch was über die Rhetorik hätte dazulernen können! Ach, zu dumm. Es bleibt die Erkenntis: Der Name „Wessi“ kann nur als pars pro toto stehen. „Südis“ und alle anderen sind mitgemeint.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei der Frage, warum ich nach Estland gefahren bin statt nach Italien? Es gibt in Estland ebenso wie in Polen, Litauen und Ungarn kleine Milch-Joghurt-Riegel, die mit Schokolade ummantelt sind. In Hülle und Fülle, im Geschmack von Apfelsine über Mandel bis Möhre. In Deutschland gibt’s diese köstlichen Pausenschnittchen nicht, ohne jeden Zweifel wegen eines Handelsboykotts von Nestlé, das dann um seine so genannten Milchschnitten fürchtet. Und zwar zu Recht. Ich habe mir zwar Mühe gegeben, diesen Boykott zu umgehen und genug von diesem delikaten Imbiss zu importieren. Es wird aber vorerst nicht für eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung reichen, denn die Warensendung wurde beschädigt. Alle neun sind in meinem Rucksack auf der Rückreise zerdrückt worden. Möglicherweise hat die der Zoll auch absichtlich gequetscht, im Auftrag der Nestlé-Agenten. Selbige haben es immerhin fertig gebracht, mein Gepäck zwei Tage zurückzuhalten. Als ich in Berlin ankam, war ich zwar der erste am Gepäckband, aber der letzte, der es verließ. Ohne Bagage. Man hat sie mir zwei Tage später zugestellt. Das war zu einem Zeitpunkt, als ich bereits zu Hause per Pedes angekommen war (denn mein Autoschlüssel war im Rucksack) und gerade die Tür aufgebrochen hatte (denn mein Wohnungsschlüssel war auch im Rucksack). Wenigstens eine Olu-Flasche, mein Mitbringsel für den besten Kumpel, hatte überlebt. Na dann, Stößchen auf die Wiedersehensfreude – mit dem Rucksack.

Nieder mit dem deutschen Reinheitsgebot beim Bier

Wo wir gerade beim Bier sind: Das deutsche Reinheitsgebot mag berühmt sein. Sinnvoll ist es nicht. Es hält vielleicht die Zunft rein von Konkurrenz. Aber es fördert weder die Vielfalt noch den Geschmack. Man kann Bier aus so ziemlich allem brauen, was dem Felde oder der Flur wächst. Das ist gut so und von Gott gewollt. Meist schmeckt solches Bier auch lecker. Aber in Deutschland, das nun nachgerade seinerseits berühmt ist für seinen Bierkonsum (lediglich die Tschechen trinken noch mehr), ist die Biereinfalt enorm. Masse statt Klasse. 92 von hundert Bieren heißen mit Vornamen Pils, haben 4,9 Prozent Alkohol, schmecken herb-hopfig und sind überaus langweilig, weil identisch und alle aus einer Rohmasse geklont. Betrifft Flasche, Etikett und Geschmack. Ich zitiere aus dem Allerweltswelsch der Bieretikettenwerbedichter: „Gebraut aus dem reinsten Wasser (direkt aus der Leitung, hat nicht länger als 10 Tage bei uns rumgestanden – Anm. d. Autors) und dem feinsten Hopfen (Marke Hallertau, in Extraktpellets, 4,90 das Kilo bei BASF – Anm. d. A.). Kein Wunder, dass neuerdings pro Kasten ein kleiner Plastelaster mit verschenkt werden muss, damit man Berliner Radesternlichwarbecksteinerzäpfle unterscheiden kann von Wernesöttingjeverspatenhaakelübzer.

Nieder mit dem Reinheitsgebot! Rein mit den neuen Sorten! In Polen etwa werden manche neue Biersorten mit allerhand Aromen angereichert. Das hat die angenehme Folge, dass man sich sommers an kräftigem Bier zum Beispiel mit Mango- oder Himbeergeschmack laben kann, gern auch mal mit mehr als acht Prozent Alkohol. (Wer in Polen ein Bier unter 5 Prozent bestellt, macht sich sowieso verdächtig. Ein gewöhnliches Bier heißt „Mocne“ – Stark.)

Unseren Brauern oder gar Geschmacksforschern und Werbefuzzis fällt nichts anderes ein, als das Pils der Sorte Hausmarke zu gleichen Teilen mit der nächstbesten Kola zu mischen, zu nachfolgend 2,5 Prozent Alkohol. Als unerhörten Phantasieausbruch gibt’s dann einen bombastischen Namen dazu: Cola´n Beer, Black Tiger, Mixery, Pils sowieso Hi Light, Pils sowieso Lemon, Pils sowieso Lime (sprich: Leim.) Igitt! Da fall ich nicht drauf rein. Nö, nö! Ein fortschrittlicher Wirt in Großstädten traut sich zwar mittlerweile hier und da schon mal, verschämt ein Bananenweizen anzubieten. Aber lass dich bloß nicht erwischen von deinen Kumpels oder der angestellten Bedienung, stattdessen Apfelsaft (Apfelsaft, Himmel!!) ins Bier zu wünschen.

Ich sag es frei raus und ehrlich: Noch öder als das Bierangebot in Deutschland ist es europaweit nur in Italien und Ungarn. Dabei müsste man nicht mal Neues ersinnen, sondern sich nur des guten Alten erinnern: Dinkelbier, Steinbier, Rauchbier, Eisbier, Gose, Weizenbock, Re, Kontra.

Nun wissen sie alles, alles, alles über Estland. Zu einer nicht unwesentlichen Sache, nämlich wie man sich dort etwas kauft, Olu zum Beispiel, sei noch nachzutragen: Man kann nicht nur Waren tauschen, Glasperlen, Rauchwerk oder schlimmstenfalls deutsches Bier, sondern auch sogenannte Kronen. Entgegen jeder Vermutung sind das keine unhandlichen Metallreifen mit farbigen Steinchen und Stöffchen zum Auf-den-Kopf-setzen, sondern bunt bedruckte Papierscheinchen mit Zahlen drauf. Die werden überall gern angenommen und scheinen so etwas wie eine allgemein anerkannte Währung zu sein. Der kleinste Schein ist ein Zweier, aber den gibt’s nur selten, und er taugt zu nix. Den größten, einen Fünfhunderter, hab ich nie gesehen, und den allergrößten, einen Zweitausender, gibt’s noch seltener; ich habe nur zwei davon in Umlauf bringen können. Wer einem davon mal begegnet: Ich hätte ihn gerne zurück, war ein hartes Stück Corel-Draw-Arbeit. Zahle bis zu vier Euro dafür. Oder 50 deutsche Pilse, wenig psychoaktiv.

PS. Ach ja, Musi heißt Küsschen!

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