„Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen TodenhöferGELESEN

„Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer

Verkleidet als deutscher Arzt reiste Jürgen Todenhöfer auf abenteuerlichen Wegen von Damaskus nach Ramadi, einer Stadt in der irakischen Provinz Anbar. Er schildert das Leben von Bewohnern, die unter dem permanenten Ausnahmezustand der US-Besatzung leben. Einer von ihnen ist Zaid. Was er und seine Mitkämpfer aus dem irakischen Widerstand berichten, ist natürlich parteiisch. Aber es ist das nötige und lange vermisste Korrektiv zu den Behauptungen des US-Militärs über das Wesen ihres Krieges. Keiner außer Todenhöfer kam der Realität bisher so nahe.

Von Eberhart Wagenknecht

„Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer  
„Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer  

K ein bequemes Buch, denn es bestätigt nichts, was wir Abend für Abend über die Vorgänge im Irak in den Fernsehnachrichten sehen, jeden Morgen im Radio hören und in der Zeitung lesen. Todenhöfer hat mit Zaid gesprochen, einem Betroffenen, einem Insider im wahrsten Sinne. Der Mann lebt in den Schrecken des Krieges, seit er denken kann. Seine beiden Brüder wurden von amerikanischen Soldaten umgebracht. Irgendwann hat Zaid die Waffe in die Hand genommen und seinerseits begonnen GIs abzuschießen.

Und Todenhöfer lernt auch viele Mitstreiter von Zaid kennen. Rami zum Beispiel, einen siebenundzwanzigjährigen schlanken jungen Mann „mit kurz geschnittenen Haaren und feinem Kinnbart.“  Ein Zeitzeuge und Informant wie Zaid. Und ein Kämpfer. „Ramis Gesicht ist grau, um seine Mundwinkel liegt ein bitterer Zug. Tagsüber ist er Student der Geschichte an der Universität von Bagdad. Nachts ist er Widerstandskämpfer. Ich frage ihn, warum er im Widerstand kämpft und seine Gesichtszüge werden noch bitterer. Mit leiser Stimme beginnt er zu erzählen.“

Als ein US-Soldat Ramis Mutter erschoss, begann er zu kämpfen

Was Rami berichtet, kann man nicht im klimatisierten Hilton-Hotel hoch über den Gassen von Bagdad erfahren, wo viele Journalisten mehr oder weniger kaserniert leben müssen und sich nicht frei bewegen können. Der Autor Jürgen Todenhöfer saß in heißen und stickigen Unterschlupfen in den Häusern und Familien oft bis zur Erschöpfung mit den Untergrundkämpfern zusammen, um ihre Informationen aufzuschreiben. Rami berichtet, wie wenige Monate nach der amerikanischen Invasion US-Soldaten das Haus seiner Familie stürmten. Eine „Säuberungsoperation“ hätten sie das genannt. „Die Fremden hätten alles zusammengetreten, was ihnen in den Weg gekommen sei. Sie hätten nach ihm gesucht, weil ihnen irgendjemand gesagt habe, er arbeite für den Widerstand. Damals habe er jedoch mit dem Widerstand noch nichts zu tun gehabt. Als die Soldaten ihn nicht fanden, hätten sie begonnen, Schränke aufzubrechen und das ganze Haus auf den Kopf zu stellen. Seine Mutter habe sich weinend vor die Soldaten geworfen. Sie habe sie angefleht, das wenige, was ihre Familie besitze, nicht zu zerstören. Einer der Soldaten sei daraufhin einen Schritt zurückgetreten und habe seine Mutter einfach erschossen.“ - So hat es Rami dem aus Deutschland angereisten Autor erzählt. Rami kämpft heute für Al Kaida.

Diese Demokratie könnt ihr für Euch behalten

Im Irak sollte der US-Propaganda zufolge ein Hort der Demokratie entstehen. Wie sehen die Betroffenen diese versprochenen Segnungen heute? Dazu erfährt Todenhöfer auch Bemerkenswertes. Er erfährt es aus dem Mund des Christen Yussuf. Es habe bislang keine freien Wahlen im Irak gegeben, sondern nur Wahlfälschungen. Lastwagenweise seien ausgefüllte Wahlzettel aus dem Iran nach Bagdad gebracht worden. Yussuf: „Wie kann es sein, dass ihr solche Wahlen anerkennt, während ihr in Palästina so lange wählen lasst, bis die Regierung herauskommt, die euch passt?“

Saddam Hussein sei seiner Meinung nach ein zu harter Diktator gewesen. Aber die amerikanische Militärdiktatur, die seit der Invasion herrsche, sei im Vergleich dazu viel härter, brutaler und blutiger. „Wenn das Demokratie ist“, so diktiert Yussuf dem Berichterstatter aus dem Westen in seinen Block, „dann könnt ihr eure Demokratie für euch behalten.“ Und dann formuliert er eine Botschaft, die Todenhöfer bei seiner Rückkehr überbringen soll: „Yussuf erhebt sich. ‚Sagen Sie Ihren Leuten in Deutschland, dass im Irak nicht nur Muslime gegen die USA kämpfen, sondern auch Christen. Wir wollen frei sein, frei von westlichen Besatzungstruppen und frei von westlichem Terrorismus.’“

Ein sehr persönliches Nachwort

Unter der Überschrift „10:1“ seines „sehr persönlichen Nachwortes“ veröffentlicht Todenhöfer zehn Thesen über das Verhältnis des Westens zu den Muslimen. In der ersten geht es um die Zahl der getöteten muslimischen Zivilisten seit dem Beginn der Kolonialzeit in Relation zu den Opferzahlen von Anschlägen etc. in der westlichen Welt. Ergebnis: Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. (Die zehn Thesen und ihre Erläuterung durch den Autor finden Sie in unserem „Lesetipp“).

Das Buch wird abgerundet durch eine Fülle sehr eindrucksvoller Fotos, durch eine dazu passende Zitatensammlung aus Bibel und Koran, ein ausführliches Quellenverzeichnis, sowie ein Personen- und Sachregister.

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Rezension zu: „Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer, C. Bertelsmann Verlag, München 2008. 336 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 3-570-01022-8.

Lesen Sie dazu auch das EM-Interview „Der Scheinkrieg im Irak“.

Irak Rezension USA

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