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Was bedeutet es, wenn die Turken nach Europa kommen?

Die Entscheidungsphase uber einen Beitritt der turkischen Republik zur Europäischen Union bricht an. Das Eurasische Magazin stellt wichtige Hintergrund-Literatur vor.

Von EM Redaktion

EM - Die Frage eines möglichen Türkeibeitritts zur Europäischen Union erhitzt die Gemüter. Seit dem Irak-Krieg der USA hat kein außenpolitisches Thema mehr so sehr die Schlagzeilen beherrscht. In der letzten Ausgabe haben wir die drängendsten Fragen zum Türkei-Beitritt im Interview mit Prof. Udo Steinbach vom Deutschen Orient-Institut erörtert (Vgl.: EM 08-03). Gehört die Türkei zu Europa? Werden dort die Menschenrechte eingehalten? Sind die Kosten eines Türkeibeitritts von der EU überhaupt zu bewältigen? Was bedeutet die Nachbarschaft zu Ländern wie Syrien, Rußland, dem Iran, dem Irak, die sich durch einen Türkeibeitritt für die EU ergibt?

Autoren verschiedener Verlage haben in den letzten Monaten Bücher zum Thema eines möglichen EU-Beitritts der Türkei veröffentlicht. Wir stellen hier zwei von ihnen vor. Außerdem nennen wir Standardwerke zur türkischen Geschichte, die das unverzichtbare Hintergrundwissen zum Für und Wider eines Türkei-Beitritts liefern.

„Türkei: Europa oder Orient?“ von Stefan Stautner, Rhombos, Berlin 2004, 148 Seiten, ISBN 3-937231-33-1, 24,80 Euro.

Das Buch von Stefan Stautner ist eine wissenschaftliche Arbeit, die eine Fülle von Materialien untersucht und dem Leser anhand dieser Quellen ein Bild der Türkei präsentiert: Tageszeitungen, Magazine, Landkarten, literarische Romane, Reiseführer, Operntexte, Werbeprospekte und Fachpublikationen werden zitiert. Die Frage, ob und inwieweit die Türkei nun Teil Europas oder des Orients ist, soll sich aus den Texten selbst erschließen. Eine Festlegung hat der Autor aus gutem Grund vermieden: Er hat die Frage so offen gelassen, wie sie es seiner Ansicht nach schon seit über hundert Jahren ist. Stautner versteht sein Buch als Beitrag zum deutschen Türkei-Diskurs.

Erst werden die sieben historischen Epochen der Region aufgegliedert, in der sich die Geschichte der Türken vollzogen hat: in der Frühgeschichte, im griechischen Siedlungsraum, im Römischen Reich. Die weiteren Titel für diese Epochenbetrachtung lauten: Oströmisches Reich & Byzantinisches Reich. Osmanisches Reich – ein Reich vieler „Nationen“. Jungtürken – Zerbrechen des Osmanischen Reiches. Türkische Republik – Stabilisierung des neuen Staates – Kemal Atatürk. Diese Epochen sind als Kurz-„Biographien“ geschrieben. So jedenfalls versteht sie der Autor.

Es folgt ein kleiner Abriß zur Vorgeschichte des türkischen Aufnahmebegehrens in die EU. Und dann beginnt die Aufbereitung des Materials für den Diskurs, von offiziellen Stellungnahmen bis zum Baedeker. – Leser, die Spaß haben am Suchen und Finden und am Diskurs über das Thema, können nach Herzenslust Argumente zusammentragen. Wer eine fertige Anwort sucht, wird eher verzweifeln.

„Die Angst der Deutschen vor den Türken – und ihrem Beitritt zur EU“, von Baha Güngör, Diederichs, München 2004, 192 Seiten, ISBN 3-720525-36-8, 19,95 Euro.

Baha Güngör ist Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle. Er wurde 1950 in Istanbul geboren und kam 1961 mit seinen Eltern nach Deutschland. Als Autor nimmt er sich vor allem der heißen Eisen in der Beitrittsdiskussion an, wie Kopftuchstreit, Islamismus, Türkenschwemme, Kriminalität, Kanaksprak. Aber auch „Eheanbahnung auf Türkisch“, „Deutsch werden und wählen – wie sich Türken integrieren“.

Mit Witz aber durchaus ernsthaft untersucht Güngör Fragen, bei denen einem deutschen Autor schon die „Political Correctness“ im Wege wäre. Zum Beispiel, wann gibt es insgesamt weniger Türken, wenn die Türkei Mitglied der EU wird oder wenn sie draußen bleibt?

Aufschlußreich sind die Intimkenntnisse des Autors über das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen. „Laßt uns nach deutscher Art bezahlen“, sagen Türken, wenn sie gemeinsam genießen aber getrennt abrechnen wollen. „Im türkischen Volksmund heißt der Deutsche ‚Hans‘“ verrät uns Stautner. „Benimm dich nicht wie Hans“, ermahnen Türken offenbar ihre deutschlanderfahrenen Landsleute wenn sie nach Hause kommen und trotz leerer Straßen beim Abbiegen mit dem Auto blinken. „Der Türke aus Deutschland heißt in der Türkei ‚Almana‘, was so viel wie ‚Deutschländer‘ bedeutet. Ein Almana fällt mit seinem Verhalten auf. Im Straßenverkehr hält er sich an die Spielregeln und regt die Fahrer hinter ihm immer auf, weil er nicht wie die Türken einfach drauflos abbiegt, sondern wartet, bis eine Lücke kommt, in die er fahren kann.“

Ein Buch, das mit einer ganzen Reihe solcher Erkenntnisse aufwartet, sich angenehm liest und mit vielen ungewöhnlichen Informationen aufwarten kann.

Bücher zur osmanisch-türkischen Geschichte:

„Die Geschichte der Türkei“ von Udo Steinbach, 3. durchgesehene Auflage ,C.H. Beck, München 2003, 126 Seiten, 7,90 Euro, ISBN 3-406447-43-0.

„Kleine Geschichte der Türkei“ von Klaus Kreiser/Christoph K. Neumann, Reclam Verlag, Stuttgart 2003, 100% Seiten, 20,50 Euro, ISBN 3-150-10540-4.

„Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte“ von Josef Matuz, Primus Verlag Darmstadt 1996, 354 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 3-896-78010-7.

Im Eurasischen Magazin 11-03 brachten wir in der Reihe „Eurasien historisch“ einen Beitrag über DIE OSMANEN.

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