„Was wir in den 90er Jahren erlebt hatten, war ein künstliches Russland.“RUSSLANDDEBATTE

„Was wir in den 90er Jahren erlebt hatten, war ein künstliches Russland.“

„Was wir in den 90er Jahren erlebt hatten, war ein künstliches Russland.“

Die Russen wollen Putin. Beim Souverän, dem Volk, ist der frühere Staats- und jetzige Ministerpräsident äußerst populär. Nach einer lupenreinen parlamentarischen Demokratie haben die Russen offenbar wenig Verlangen. Unpopulär könnte Putin werden, wenn er nicht in der Lage wäre, wirtschaftliche Versprechen einzulösen. Und dann wären nicht etwa liberale Politiker die Alternative für das russische Volk, sondern Nationalisten. So die Kurzanalyse von Alexander Rahr, Programmdirektor Russland/Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), mit der er den Beitrag von Andreas Umland kommentiert.

Von Alexander Rahr

Alexander Rahr  
Alexander Rahr  
  Zur Person: Alexander Rahr
  Alexander Rahr ist Programmdirektor der Körber-Arbeitsstelle Russland/GUS und Koordinator des EU-Russland-Forums (in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission).

Im Jahr 2000 veröffentlichte er unter dem Titel „Wladimir Putin. Der Deutsche im Kreml“ eine Biographie des russischen Präsidenten.

Zum Machtwechsel Putin – Medwedjew erscheint: „Russland gibt Gas“ – Bilanz der Ära Putin und Ausblick über die Zukunft des größten Landes Eurasiens.

D r. Umland hat eine sehr wichtige und nützliche Analyse des gegenwärtigen Zustandes Russlands dargestellt. Er summiert die gängige westliche Sichtweise auf ein Russland, das sich nur über ein liberal-demokratisches Modell modernisieren kann. In diesem westlichen Denkschema haben alternative Entwicklungsszenarien, die vom westlichen Weltbild aus als undemokratisch erscheinen, keine Legitimationsgrundlage.

Unter Jelzin hat Russland ausschließlich den Westen kopiert

Ich möchte daran erinnern, dass westliche Sowjetologen im Kalten Krieg immer von der Notwendigkeit der Befreiung Russlands vom Kommunismus gesprochen hatten, doch die wenigsten glaubten an eine genuine westliche Demokratie im postsowjetischen Russland. Was wir in den 90er Jahren erlebt hatten war möglicherweise ein künstliches Russland, ein Russland das ausschließlich den Westen kopierte und seine Jahrhunderte alten Traditionen vergaß. Unsere Wunschvorstellungen von einem Russland, das bald genauso demokratisch werden könnte wie die westeuropäischen Staaten, wurden durch das was Jelzin anfangs der 90er tat, übertroffen.

Eine Persönlichkeit wie Putin wurde vom Volk herbeigesehnt

Nach meiner Vorstellung war es jedoch nicht Putin, der mittels eines KGB-Coups 1999 gewaltsam die Macht eroberte. Putins Aufstieg erfolgte auf der Grundlage eines historischen Konsensus innerhalb der russischen Gesellschaft. So eine Persönlichkeit wie Putin wurde von der Bevölkerung herbeigesehnt. Den meisten Russen war und ist Demokratie weniger wichtig als staatliche Ordnung und nationale Würde. Liberale Menschenrechte sind weniger attraktiv als soziale Fürsorge.

Freiheit hat für Russen eine andere Bedeutung als für Westdemokraten

Durch die bis zum heutigen Zeitpunkt andauernde Unterstützung des populären Putin und seiner Politik demonstrieren die Russen, dass für sie der Begriff der Freiheit eine andere Bedeutung besitzt, als für uns überzeugte liberal denkende Westdemokraten. Das ist Mitnichten ein Rassismus. Die Russen sind deswegen keine unterentwickelteren Menschen. Putin wird nicht unpopulär wenn er weiter die Machtvertikale aufbaut und 2009 statt Medwedew wieder in den Kreml einzieht. Er wird an Popularität verlieren, falls er die wirtschaftlichen Versprechen nicht halten kann.

Die Alternative zu Putin sind im Übrigen nicht die liberalen Kräfte um Tschubais und Jawlinski, sondern Nationalisten wie Alexander Dugin.

Siehe dazu auch:

  1. Das postsowjetische Russland zwischen Demokratie und Autoritarismus von Andreas Umland
  2. Putin – ein Fehler? von Kai Ehlers
  3. Alle gegen Einen – alle gegen Russland von Jan Balster

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Dazu gerade erschienen: „Putin nach Putin - das kapitalistische Russland am Beginn einer neuen Weltordnung“ von Alexander Rahr.

Kaum jemand in Deutschland kennt Russland und seine politische Elite so gut wie Alexander Rahr, der sich regelmäßig mit Putin trifft.

In der vierten, aktualisierten Neuauflage seiner Putin-Biografie dringt er tief in das Innenleben der Kremlapparate ein und erklärt das Phänomen Putin aus der Sicht der Russen. Was bedeutet die Doppelherrschaft Putin/Medwedew für die Zukunft Russlands und für den Westen? Wladimir Putin ist als Präsident abgetreten, regiert jedoch Russland weiter als Premierminister. Beobachter glauben, dass er das Land noch über viele Jahre prägen wird. Das Putin-System bleibt intakt, die von ihm geschaffene Machtvertikale stärkt die Zentralisierung des Staates, in der Außenpolitik strebt die Energiegroßmacht Russland nach einer globalen Rolle.

Rezension zu „Putin nach Putin – das kapitalistische Russland am Beginn einer neuen Weltordnung“ von Alexander Rahr, Universitas, 282 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3800414819.

Eine ausführliche Rezension erfolgt in EM 12-08

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