Weihnachten in Ruinen in Donezk in der OstukraineOSTUKRAINE

Donezk - Weihnachten im Keller

In der Ost-Ukraine pfeift ein kalter Steppenwind. Vor beschädigten Häusern kochen Anwohner gemeinsam im Freien. Kiew hofft auf Hungeraufstände.

Von Ulrich Heyden | 23.12.2014

Die Menschen im Donbass müssen den Winter in beschädigten Häusern verbringen
Die Menschen im Donbass müssen den Winter in beschädigten Häusern verbringen

Großes Gedränge vor den Banken in Donezk. Seit Anfang Dezember erhalten die Menschen in den Filialen der neugegründeten „Zentralbank der Volksrepublik Donezk“ Renten und Kindergeld. Kiew hatte die Rentenzahlungen schon im Juli eingestellt. Mitte November wurde die Einstellung aller Sozial-Transfers in die „okkupierten Gebiete“ (gemeint sind die Lugansk- und Donezk-„Republik“) für Ende November von Kiew auch offiziell verkündet.

Wird es Hunger-Aufstände geben?

Wieviel Menschen in den „Volksrepubliken“ eigentlich leben, weiß niemand so genau. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind es vier bis 5,2 Millionen Menschen. Hunderttausende sind geflüchtet.
 
Kiew scheint darauf zu hoffen, dass in den selbsternannten Republiken wegen der sozialen Notlage nun Hungeraufstände gegen „die Banditen“ (gemeint sind die Führungen der „Volksrepubliken“) ausbrechen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte Ende November im ARD-Interview, in „den okkupierten Gebieten“ gäbe es bereits „Massenproteste gegen die Banditen“. Beweise für diese Behauptung brachte der Präsident nicht. Der deutsche Korrespondent Moritz Gathmann, der den Donbass besucht hatte, berichtete im Schweizer Rundfunk, „momentan überwiegt die Wut auf Kiew.“ Von Hungeraufständen berichtete Gathmann nicht.

„Ich stehe auf Warteliste, Nummer 272“

Eine etwa 45 Jahre alte Frau in dunklem Winterpelz erklärte dem Reporter des Fernsehkanals Rossija 1, sie stehe wegen Kindergeld an. Die Wartenden müssten sich in Wartelisten eintragen. „Meine Nummer ist 272. Ob ich Kindergeld bekomme oder nicht, weiß ich nicht. Vielleicht heute, morgen oder übermorgen. Wenn ich nicht auf der Liste stehe, muss ich eine Erklärung unterschreiben und bekomme (das Geld) dann in zehn Tagen.“

Die neugegründete Donezker „Zentralbank“ zahlt auf Anweisung des „Republik“-Oberhauptes, Aleksandr Sachartschenko, 500 Griwna (26 Euro) Kindergeld, pro Waisenkind umgerechnet 118 Euro und 52 Euro Altersrente. Das ist für einen Monat nicht viel, aber wenigstens eine kleine Hilfe.
 
Die Tagestemperaturen in Donezk liegen zurzeit um die Null Grad. Es gibt aber schon Nächte, da sinken die Temperaturen auf minus 18 Grad. Der stellvertretende Minister für Sozialpolitik der Donezk-„Republik“, Sergej Timofejew, kündigte Anfang Dezember die Einrichtung von Räumlichkeiten an, in denen Bedürftige kostenlos verköstigt werden, wo man sich waschen, kostenlos medizinische Hilfe bekommen und sich aufwärmen kann. 

Nationalbank der Ukraine beendete ihre Arbeit

Die Nationalbank der Ukraine hat die Bedienung der Konten in den von Aufständischen kontrollierten Gebieten in der Ost-Ukraine Ende November eingestellt. Die Geldautomaten wurden abgeschaltet. Die Regierung in Kiew hatte schon seit Juli keine Renten mehr überwiesen. Am 4. November fasste der ukrainische Sicherheitsrat dann auch offiziell den Beschluss, in den von Aufständischen kontrollierten Gebieten keine sozialen Leistungen mehr zu zahlen.
 
In einem ARD-Interview Ende November begründete der ukrainische Präsident die Nichtzahlung der Sozialleistungen damit, dass es in den „okkupierten Gebieten“ faktisch kein Bankensystem mehr gäbe. Die Banken würden von den „Banditen“ (gemeint sind die Aufständischen) ausgeraubt. Beweise für diese Behauptung nannte Poroschenko nicht.
Nestor Schufritsch, Abgeordneter der Werchowna Rada, will die Entscheidung des Sicherheitsrates vor dem Obersten Gericht der Ukraine anfechten. Die Entscheidung des Sicherheitsrates „stimuliert die separatistische Stimmung in unserem Land“, erklärte der Abgeordnete des Oppositions-Blocks.

Nur Gas und Strom liefert die Zentral-Ukraine noch. Allerdings hat das Energie-Ministerium in Kiew alle seine Unternehmen in „den okkupierten Gebieten“ angewiesen, ihre Tätigkeit einzustellen. Ob die Behörden in den selbsternannten Republiken in der Lage sind, die Energieversorgung ohne Unterbrechung aufrechtzuerhalten, muss sich jetzt zeigen.

Berater aus Abchasien

Wie die Iswestija berichtete, werden die Finanzexperten der Donezk-„Republik“ von Finanzexperten der von Georgien abgespalteten Republik Abchasien beraten. Der Moskauer Politologe Aleksej Makarkin vom Moskauer Zentrum für politische Technologie erklärte im September gegenüber der Nesawisimaja Gazeta, allein mit dem Handel geförderter Kohle könnten die „Volksrepubliken“ ihre Ausgaben nicht decken, weshalb „Russland die Volksrepublik Donezk finanziell vollständig unterstützen“ müsse.

Im gesamten Donbass wurden durch Beschießungen 567 Infrastruktur-Objekte, wie Schulen, Kindergärten und Wasserleitungen zerstört, erklärte am Montag der stellvertretende Leiter des Zentrums zur Wiederherstellung des Donbass, Igor Bilodid, gegenüber der Nachrichtenagentur Ria Nowosti. 67 Objekte seien wiederhergestellt worden. Es gäbe aber  ein großes Defizit an Baumaterialien und Benzin. Bilodid erklärte,  besonders von Beschießungen betroffen seien „nicht Privathäuser, sondern Wasserleitungen, Gasleitungen und Objekte der Fernwärmeversorgung sowie Pumpstationen.“ Wenn die Reparatur-Trupps ausrückten, um die Leitungen zu flicken, „riskierten sie ihre Leben.“

Allein in der Donezk-Republik müssen 3.800 Wohnhäuser repariert werden. Doch wie in Grosny 2001 oder Stalingrad 1943 sieht es in Donezk nicht aus. Es ist keine Trümmerwüste. Aber in vielen Plattenbauten klaffen große Löcher, von den Artilleriegeschossen der ukrainischen Armee.

Das Leben geht weiter, trotz alledem. Dort, wo Küchen oder Gasleitungen durch Bomben zerstört sind, haben Anwohner vor den Plattenbauten Gemeinschaftskochstellen gebaut. Unter freiem Himmel wird da gekocht und nach dem Essen geht es in den Keller, wo die Not-Betten stehen und die Kinder mit den Katzen spielen. Nicht alle Schulen sind geöffnet. Doch viele Kinder gehen ganz normal zur Schule. Viele sitzen aber auch im Keller, weil sie in Gebieten wohnen, wo immer mal wieder ukrainische Granaten landen.

Lebensmittelhilfe wird konfisziert

Die einzige sichere Versorgung mit Lebensmitteln läuft zurzeit über die ukrainisch-russische Grenze. Am 20. Dezember kam der zehnte humanitäre Hilfskonvoi aus Russland, bestehend aus über 100 LKWs, in der Ost-Ukraine an. Lebensmittel, Baumaterialien und Weihnachtsgeschenke für die Kinder wurden in den Städten Donezk und Lugansk abgeladen.  In den Städten wird die humanitäre Hilfe noch ordentlich verteilt, berichteten Flüchtlinge aus Donezk, die jetzt im Moskauer Umland leben. Doch auf den Dörfern sei es schwieriger. Dort finde man humanitäre Hilfe oft nur noch in den kleinen Lebensmittelläden, wo sie wie ganz normale Ware verkauft wird.

Lebensmitteltransporte, die aus der Ukraine kommen, organisiert von Privatpersonen oder Sponsoren wie dem Donezker Oligarchen Rinat Achmetow, werden oft an der Frontlinie von ukrainischen Sicherheitskräften beschlagnahmt, berichtete der Transport-Minister der Donezk-„Republik“, Semjon Kusmenko, gegenüber dem Moskauer Radio Kommersant FM.

Dass die Menschen in der Ost-Ukraine vom Hunger bedroht sind, scheint Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nicht zu kümmern. Er stellte in Frage, dass es sich bei den russischen LKW-Lieferungen um humanitäre Hilfe handelt. „Die beste humanitäre Hilfe wäre es, das Minsker Abkommen einzuhalten", erklärte der Chef der Militär-Allianz.

Donbass Ukraine Weihnachten

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