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Weiße Flecken und wenig Fakten

In Nord-Ossetien beginnt Mitte Mai der Prozeß gegen einen der Geiselnehmer von Beslan. Noch immer liegen die Umstände im dunkeln, die zur Erstürmung der „Schule Nummer 1“ führten.

Von Ulrich Heyden
29.04.2005 Drucken Senden Kommentieren

Nur-Paschi Kulajew war einer der Terroristen, die im September letzten Jahres im nordossetischen Beslan über tausend Kinder, Mütter und Lehrer drei Tage lang gefangen hielten. Mit der beispiellos grausamen Aktion, zu der sich später der berüchtigte tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew bekannte, sollte der Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien durchgesetzt werden.

Todesstrafe gefordert

Wie der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt Nikolaj Schepel erklärte, kommt Nur-Paschi Kulajew wahrscheinlich lebenslang hinter Gitter. Am 17. Mai beginnt vor dem Obersten Gericht in der nordossetischen Stadt Wladikawkas der öffentliche Prozeß gegen den Terroristen. Die von vielen Bürgern geforderte Todesstrafe kann nicht vollstreckt werden. Der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin hatte diese Strafe 1996 durch ein Moratorium ausgesetzt.

Kulajew, der wegen Terrorismus, Geiselnahme und Mord angeklagt wird, hat seine Teilnahme an der Geiselnahme gestanden, jedoch erklärt, er habe niemanden getötet. Kulajew behauptet, die Terroristen hätten die Schule zufällig „beim Vorbeifahren“ ausgewählt. Wie die Staatsanwaltschaft erklärte, ist das Verfahren gegen Kulajew nur eine „Episode“ im Rahmen der Aufklärung. Die Ermittlungen zur Geiselnahme in Beslan gingen weiter.

Der Terrorakt hatte weitreichende Folgen für das politische Leben in Rußland. Wladimir Putin entschied die Machtvertikale weiter auszubauen. Die Direktwahl der Gouverneure und die Wahl von Direktkandidaten für die Duma wurde abgeschafft. Bei der nächsten Parlamentswahl können die Wähler ihre Abgeordneten nur noch über Parteilisten wählen. Die Sperrklausel wurde von fünf auf sieben Prozent hochgesetzt.

Glaubwürdige Informationen sind noch immer Mangelware

An Entschlossenheit bei der Stärkung der Machtvertikale mangelt es nicht. Bei der Aufklärung der Geiselnahme tappt die Öffentlichkeit dagegen immer noch im dunkeln. Das Bild von der Geiselnahme hat viele weiße Flecken. Umstritten ist nicht nur die von offizieller Seite genannte Zahl der Terroristen, sondern auch die Zahl der Toten.

Staatsanwalt Schepel spricht von 32 Terroristen, von denen nur einer überlebte. Russische Zeitungen berichten dagegen unter Berufung auf ein Mitglied einer an dem Sturm beteiligten Sondereinheit der Polizei von 49 getöteten und drei verhafteten Terroristen. 20 Terroristen wurden nach offiziellen Angaben identifiziert.

Schon zu Beginn der Geiselnahme wurde die Bevölkerung falsch informiert. Die russischen Medien berichteten immer wieder, in dem Gebäude seien 354 Geiseln gefangen. Tatsächlich befanden sich in der Schule 1.128 Kinder, deren Verwandte und Lehrer in der Gewalt der Terroristen.

Nach offiziellen Angaben wurden bei der Geiselnahme 330 Menschen, darunter 186 Kinder getötet. Aber allein in den ersten Tagen nach der Geiselnahme gaben die Mitarbeiter des Leichenhauses von Wladikawkas 650 Totenscheine aus.

Angehörige der Geiseln, Mitglieder des Duma-Untersuchungsausschusses und Journalisten ermitteln parallel zu den Behörden. Sie stellten wichtige Fundstücke sicher – wie im Umkreis der Schule gefundene Granatwerfer und Kleidungsstücke der Geiseln – und werfen brisante Fragen auf. So wollen die Gerüchte nicht verstummen, daß an der Geiselnahme früher inhaftierte tschetschenische Terroristen und inguschetische Polizisten beteiligt waren.

Explosionen ohne Verursacher

Am dritten Tag der Geiselnahme kam es in der Schule zu zwei heftigen Detonationen. Wodurch sie ausgelöst wurden, steht bis heute nicht fest. Unmittelbar nach den Explosionen stürzten Teile der Außenwand ein. Dann begann der Sturm. Nach dem Sturm fanden Anwohner in Gebäuden rund um die Schule insgesamt neun schwere Waffen, sogenannte Mucha-Granatwerfer und Schmel-Flammenwerfer. Sie übergaben die Fundstücke der Staatsanwaltschaft.

Die Funde gaben den Gerüchten Auftrieb, die Explosionen und das Feuer in der Schule seien von Außen herbeigeführt worden. So erklärte Erik Bugulow, der Vertreter Nordossetiens im Föderationsrat, der bei der Übergabe der gefundenen Waffen dabei war, er hoffe die Waffenfunde würden helfen festzustellen, „wodurch das Feuer ausgelöst wurde“. Die Geschosse des „Schmel“-Flammenwerfers explodieren als Flammenball. Die Waffe wurde für den Einsatz in geschlossenen Gebäuden konzipiert.

Unklar ist, wer die gefundenen Waffen einsetzte, Terroristen, die sich zur Unterstützung der Geiselnehmer in angrenzenden Gebäuden versteckt hielten oder Mitglieder der russischen Sicherheitskräfte, die keinen anderen Weg wußten, um die Kinder zu befreien. Die Geiselnehmer saßen hinter Mauern und konnten weder durch Scharfschützen noch Gas unschädlich gemacht werden. Der Einsatz von Panzern war von den Sicherheitsorganen bereits eingestanden worden. Diese – so hieß es - hätten aber erst in die Schule geschossen, als bereits alle Geiseln evakuiert waren.

Ein „Schatten“-Krisenstab des FSB?

Seit Monaten fordern die Angehörigen der Geiseln den Rücktritt von Aleksandr Dsasochow. Die verzweifelten Mütter und Väter machen den Präsidenten der russischen Teilrepublik Nordossetien für den Tod ihrer Kinder verantwortlich. Doch wie die „Nowaja Gaseta“ berichtete, trug Dsasochow nur begrenzt Verantwortung. Das Kreml-kritische Blatt veröffentlichte Vernehmungsprotokolle von Dsasochow und dem inzwischen entlassenen Geheimdienstchef Nordossetiens, Waleri Andrejew. Nach den Aussagen der beiden Männer gab es neben dem offiziellen Krisenstab in Beslan einen zweiten „Schatten“-Krisenstab, zu dem die Mitglieder des offiziellen Krisenstabes keinen Zugang hatten. Der „Schatten“-Krisenstab wurde von den stellvertretenden Chefs des russischen Inlandgeheimdienstes FSB, Wladimir Pronitschew und Wladimir Anisimow geleitet. Pronitschew gehörte nach Medienberichten schon zum Krisenstab während der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theaters „Nord-Ost“ im Oktober 2002.

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