Weltkulturerbe am Meer aus ButterblumenRUSSISCHER NORDEN

Weltkulturerbe am Meer aus Butterblumen

Weltkulturerbe am Meer aus Butterblumen

Auf der Kischi-Insel im nordrussischen Onegasee ist ein bezauberndes Ensemble aus hölzernen Kirchen, Bauernhäusern und Banjas zu bewundern, wobei vor allem die Christi-Verklärungskathedrale beeindruckt. Leider ist das Weltkulturerbe nah dem Verfall. Dank des 300. Geburtstags der Hauptkirche darf jedoch auf Hilfe aus dem russischen Staatsetat gehofft werden.

Von Mandy Ganske

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Kischi am Onegasee  
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ir haben keine Tickets!“, bellt die Dame an der Bootskasse. „Heißt das, es ist heute nicht mehr möglich, auf die Museumsinsel Kischi zu kommen?“, fragen wir vorsichtig nach. „Nein!“ – kurz und knapp die Antwort. Das soll es also gewesen sein, nachdem wir extra acht Stunden mit dem Nachtzug von St. Petersburg nach Petrosawodsk gefahren sind. Petrosawodsk – das ist die Hauptstadt der russischen Republik Karelien im europäischen Norden, die etwa 480 Kilometer Luftlinie von St. Petersburg gelegen ist. Von dort aus rauscht täglich ein Tragflügelboot zur Kischi-Insel über das Wasser des Onegasees, welcher mit fast 10.000 Quadratkilometern Oberfläche der zweitgrößte Binnensee Europas ist.

„Hop oder Flop“ an der Bootskasse

Auf dieses Glücksspiel muß sich leider jeder einlassen, der die beeindruckende Christi-Verklärungskirche mit ihren 22 zwiebelförmigen Türmchen oder das mittelalterliche Holzhaus-Ensemble aus Mühlen, Bauernhäusern und Banjas inmitten der grünen Wiesen auf Kischi erleben will. Denn telefonische Reservierungen sind bei der Dame am Fahrkartenschalter nicht drin. Wir haben aber Glück: Direkt an der Anlegestelle können wir noch genügend Restkarten für uns ergattern. Und die Bootsmannschaft scheint in Sachen Nachzügler erfahren zu sein. Mit Touristik-Notfällen wie uns haben sie offenbar nicht zum ersten Mal zu tun.

Nach knapp eineinhalb Stunden Fahrt haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Es regnet. Beim Ausstieg fällt der Blick sofort auf die Verklärungskirche, deren Silhouette in der Ferne märchenhaft und durch den Regen geradezu mystisch erscheint. Auf unserem Spaziergang über Bretterwege und Sandpfade zum Inneren der Insel geht es vorbei an einem Meer aus Butterblumen und weiten grünen Wiesen.

Die Holzkirchen – Weltkulturerbe nah dem Verfall

Die Christi-Verklärungskathedrale bildet zusammen mit der Mariä-Schutz-Kirche und dem benachbarten Glockenturm das Hauptaugenmerk für die Besucher auf der etwa fünf Kilometer langen und bis zu einem Kilometer breiten Insel. Alle drei Bauten entstanden im 18. Jahrhundert. Der Volksmund sagt, der Baumeister Nestor habe die Verklärungskirche ohne einen einzigen Nagel errichtet.

Um die Kirche weit hochziehen zu können, entschied sich Nestor, die Kirche in einer Art Pyramidenform anzulegen. Denn prinzipiell hätte das Gotteshaus zunächst nicht höher gebaut werden können als die längsten Baumstämme es zuließen. Daher legte Nestor den zentralen Baukörper der Kirche als Achteck an, auf dessen Dach zwei weitere jeweils kleinere achteckige Konstruktionen gesetzt wurden. Mit Anbauten und Türmchen hatte er das Bauwerk 1714 vollendet.

Die kleinere Mariä-Schutz-Kirche ist etwa ein halbes Jahrhundert später errichtet worden. Das beheizbare Gotteshaus hat zehn zwiebelförmige Kuppeln und empfängt das ganze Jahr über Besucher zu Gottesdiensten.

Die bedeutenden Werke der russischen Holzbaukunst auf Kischi wurden Anfang der neunziger Jahre auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO gesetzt. Da sie allerdings das letzte Mal in den fünfziger Jahren restauriert wurden, sind sie dem Verfall nahe. Immerhin: Wie beim 300. Stadtjubiläum in St. Petersburg scheint auch hier magische Wirkung von diesem runden Datum auf die staatlichen Geldgeber auszugehen. So steht zumindest der Verklärungskathedrale eine Renovierung bevor, da sie bis zum 300. Geburtstag im Jahr 2014 in neuem Glanz erstrahlen soll.

Alltag auf Kischi - zur Arbeit geht es mit dem Boot

An jeder der Holzkirchen und -häuschen heißen Frauen und Männer in den traditionellen karelischen Trachten die Besucher willkommen. Viele wohnen in kleinen Dörfern am anderen Ende Kischis oder auf benachbarten Inseln. „Schauen Sie sich doch noch diese Seite der Insel an“, empfiehlt uns Lidija Werschenina, die nur den Sommer über dort wohnt und für das Museum arbeitet. Sie rudert jeden Tag mit dem Boot bis zum Museumskomplex. Für einen Abstecher in ihr Dorf haben wir jedoch keine Zeit mehr. Unser dreistündiger Aufenthalt nähert sich bereits dem Ende.

Den Zeitdruck gehetzter Städter kennt auch Lidija sehr genau. Die Mittfünfzigerin ist in St. Petersburg geboren worden und genießt dieses Stück unberührter Natur daher ganz besonders. In ihrer Heimatstadt arbeitet sie das restliche Jahr über im ethnographischen Museum. Die anderen Mitarbeiter Kischis finden überwiegend in Petrosawodsker Museen Arbeit, um über den langen Winter zu kommen. Denn die Touristensaison ist kurz – von Mitte Mai bis Mitte September. Auch im Winter gibt es Besucher, aber wesentlich weniger.

Richtig heiß sei der Sommer auf Kischi sogar nur für zwei bis vier Wochen, erläutert Lidija das Insel-Klima. Deshalb ihr Tip: „Kommen Sie im Juli wieder. Dann werden Sie sicher Sonne haben und können sogar Walderdbeeren vom Boden pflücken.“

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