„Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs“ von Peter Scholl-LatourGELESEN

„Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs“ von Peter Scholl-Latour

Propyläen Verlag, Berlin 2004, 344 Seiten, ISBN 3-549-07208-2

Von Eberhart Wagenknecht

„Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs“ von Peter Scholl-Latour 
„Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs“ von Peter Scholl-Latour 

EM – „Dieses Buch ist nicht der Polemik, sondern der Betrachtung gewidmet“, versichert der Autor einleitend. Er schicke dies deshalb voraus, weil ihm immer wieder vorgeworfen werde, seine Bücher seien polemischer Natur.

Aber natürlich polemisiert Scholl-Latour, streckenweise jedenfalls und das im ursprünglichen Sinn des Wortes Polemik: in der Form der Streitkultur. Sein Widersacher ist dabei zum Beispiel die „in Deutschland praktizierte Selbstzensur der braven Anpassung an die ‚political correctness‘“. Sie nimmt er immer wieder aufs Korn. Und auch – dem Titel angemessen – die Welterlösungspläne der USA.

Noch einen Vorwurf versucht er gleich zu Anfang zu entkräften: den des Antiamerikanismus. Er zitiert dann genüßlich amerikanische Autoren, die mit ätzender Häme die Politik von George W. Bush kritisieren. Scholl-Latour läßt sie an seiner Stelle polemisieren. Denn Amerikaner sind natürlich nicht antiamerikanisch. Dennoch liefern sie dem Leser jede Menge Argumente für den gepflegten Antiamerikanismus.

Die Betrachtungen, die Scholl-Latour verspricht, darf man sich nicht im Sinne Jacob Burkhardts vorstellen. Neben Erzählungen vom Treffen mit namhaften Personen an den Hotelbars des Orients und Fahrten mit Militärs im ungepanzerten Mannschaftstransporter „Wolf“ sind es vor allem weltpolitische Thesen, die der weitgereiste Autor seinen Lesern bietet. Die von vielen in Ost und West gewünschte Annäherung Rußlands an Europa beispielsweise werde es nicht geben: „Die wirkliche Allianz der Zukunft wird [...] nicht zwischen Europa und Moskau, sondern zwischen Moskau und Washington geschmiedet werden. Der revolutionäre Islamismus einerseits, die aufsteigende Weltmacht China andererseits, das sind die beiden historischen Herausforderungen, denen sich der globale Hegemonialanspruch Amerikas und die Überlebensstrategie Rußlands ausgesetzt sehen.“

Auf 75 Seiten breitet Scholl-Latour einleitend weltpolitische Erkenntnisse aus. Für seine These von der bevorstehenden amerikanisch-russischen Allianz führt er keinen Beleg an. Aber man kann ähnliche Stimmen auch in Moskau gelegentlich vernehmen. So hat jüngst Sergej Karaganow, Vizedirektor des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, zum wiederholten Mal diese Ansicht vertreten. Allerdings wird die russische Außenpolitik im Kreml gemacht. Und derzeit sieht es nicht nach einer Allianz mit den USA aus.

Scholl-Latur zitiert schließlich den US-Journalisten und Buchautor Robert D. Kaplan mit den Worten: „Zweifellos sehen manche das amerikanische Imperium für alle Zeit als das Maß aller Dinge. Eine solche Sicht ist nicht besonders weise.“ Das Zitat geht orakelhaft weiter: „Die Aufgabe, die vor den USA liegt, hat einen Endpunkt, und der liegt aller Wahrscheinlichkeit nach in einer mittleren Entfernung – in einigen Jahrzehnten. Für einen begrenzten Zeitraum haben die Vereinigten Staaten die Macht, der internationalen Gesellschaft die Bedingungen zu diktieren, in der Hoffnung, daß, wenn die Zeit ihres Imperiums einmal abgelaufen ist, sich neue internationale Institutionen herausgebildet haben, die eine Zivilgesellschaft auf der Welt ermöglichen.“

Das ist eine Betrachtung der Zukunft, die dazu angetan sein müßte, Rußland das Streben nach einer Allianz mit der Supermacht zu verleiden. Wenn der Kreml eine ähnliche Sicht der Dinge hat und den Niedergang der amerikanische Machtentfaltung nahen sieht, wird er es sich zumindest zwei mal überlegen, ob er sich mit einem solchen Partner einläßt.

Ob Kaplan nun recht behält und Scholl-Latour, der ihn zitiert, widerlegt, oder nicht, bleibt einerlei. Womöglich werden weder die beiden Autoren noch ihre Leser den Ausgang der Prophezeiungen erleben. Reizvoll bleiben sie dennoch. Sie sind anregend wie ein Strategiespiel.

Aus dem Treibsand der Erinnerungen

Auf den folgenden Seiten läßt der Autor viele Erinnerungen lebendig werden. So an die Schlacht im vietnamesischen Dien Bien Phu (1953/54) zwischen der französischen Kolonialmacht und den Vietnamesen beispielsweise, die er als junger Journalist selbst miterlebt hat. An den Gaskrieg Saddam Husseins oder an eine extrem beschwerliche Busfahrt von Erzerum über Täbris nach Teheran, wo damals, in den fünfziger Jahren, der US-Geheimdienst CIA Schah Reza Pahlevi auf den verwaisten Pfauenthron hievte. Scholl-Latour erinnert sich: „Das Hotel Ritz im Zentrum von Teheran ist inzwischen dem Abbruchhammer zum Opfer gefallen. 1951 befand sich dort das Hauptquartier der internationalen Presse, die von Geheimagenten diverser Nationalität unterwandert war. Zum Nachrichtensammeln kam ich regelmäßig an die Bar des Journalistentreffs und wurde dort von einem älteren britischen Kollegen – stets blütenweiß gekleidet, das Monokel ins Auge geschraubt, den rötlichen Schnurrbart stilvoll gebürstet – in die Geheimnisse persischer Politik und persischer Religiosität eingeführt.“ Von ihm habe er erfahren, die Perser seien ein „altes, dekadentes Volk, das nie reif geworden ist.“

Es folgen noch eine ganze Reihe solcher Begebenheiten, viele auch aus jüngerer Zeit. Sie handeln von Dreharbeiten und Bombenanschlägen, von Presseoffizieren und Hauptquartieren und von Mullahs. Scholl-Latour kennt die meisten. Er hat ein ungemein unterhaltsames Buch geschrieben. Seine Erzählungen füllen 340 Seiten und sind voller Anekdoten und Anekdötchen. Aus dem Treibsand seiner Erinnerungen tauchen über 300 Gestalten auf, von Napoleon bis Rumsfeld und von George Orwell bis Paul Wolfowitz. Alle sind in einem übersichtlichen Register auffindbar.

Die Informationen, die der Leser bei der Reise im Schlepptau des „Nestors des deutschen Journalismus“ aus dieser Lektüre ziehen soll, hat ihm der Verlag auf den Klappentext geschrieben: „Was Peter Scholl-Latour mit der ihm eigenen visionären Kraft vorausgesehen hat, ist eingetroffen: Nicht nur im Irak, im gesamten Nahen und Mittleren Osten entfaltet sich ein historisches Drama, das der Weltmacht USA schneller als erwartet ihre Grenzen aufzeigt. Aufgrund jüngster Eindrücke in der Konfliktregion und jahrzehntelanger Kenntnis der dort wirkenden politischen und religiösen Kräfte gelingt Scholl-Latour eine beeindruckende Analyse dieses notorischen Brennpunkts der Weltpolitik.“

Rezension USA

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