Weniger Blaulicht für MoskauPUTIN

Weniger Blaulicht für Moskau

Wenn russische Beamte und Top-Manager mit Blaulichtern an Verkehrsstaus vorbeipreschen, schwillt den Moskauer Autofahrern der Kamm. Jetzt will Putin die Zahl der Blaulicht-Berechtigten Bürger auf ein Minimum begrenzen.

Von Ulrich Heyden

M ein Taxi wollte gerade von einer Nebenstraße auf den Kutusowski Prospekt einbiegen, eine neuspurige Straße im Zentrum von Moskau. Doch das Einbiegen war nicht möglich, denn da stand ein Polizist, der schwenkte ganz geschäftsmäßig seinen schwarz-weißen Polizeistock und wies uns an, umzukehren. „Was ist los? Kommt Putin?“, wollte ich wissen. „Ja“, meinte der Fahrer. „Dann ist der Kutusowski für ne halbe Stunde dicht.“ Wie soll Putin sonst von seiner Vorstadtresidenz Nowo Ogarjowo durch die Verkehrsstaus zum Weißen Haus, seinem Amtssitz kommen? Die Variante „Hubschrauber“ wurde offenbar aus Sicherheitsgründen bisher nicht in Betracht gezogen.

Der Ärger über die vielen „Migalka“ ist groß

Dass Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew Sonderrechte beanspruchen, können die Moskauer gerade noch verkraften, aber die große Zahl der Beamten und Manager die mit Blaulicht und heftigen Tröt-Signalen durch die Stadt rauschen, oft begleitet von einem ganzen Tross schwarzer Brabus-Jeeps das ist einfach zu viel.

Der Ärger über die vielen „Migalka“ (Blaulichter) ist groß. Denn bei den Blaulicht-Autos handelt es sich um die edlen Karossen hoher Beamter und Manager, die auch sonst gerne Sonderrechte in Anspruch nehmen. Oft haben die hohen Tiere aber noch nicht mal eine Genehmigung für das blaue Licht auf dem Autodach.

Wer einmal in einem der kilometerlangen Moskauer Staus gestanden hat, kennt die Gefühle, die aufkommen, wenn da plötzlich eine schwarze Limousine mit verdunkelten Scheiben und Blaulicht an dem stehenden Blech vorbeirauscht, frei wie ein Vogel. Da fluchen selbst ausgleichende Charaktere.

Putin hat der Plage den Kampf angesagt

Immer häufiger gibt es auch Meldungen über Blaulichtfahrer, die mit rüdem Fahrstil andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringen oder sogar töten, wie im Jahr 2010, als das Auto eines Managers des Ölkonzerns Lukoil auf die Gegenfahrbahn fuhr und zwei Frauen tötete. Der Manager wurde von jeglicher Schuld freigesprochen.

Nun hat überraschend Wladimir Putin der Migalka-Plage den Kampf angesagt. Auf einer Versammlung mit Wahlkampf-Helfern kündigte der Ministerpräsident an, er werde die Zahl der Blaulicht-Berechtigten im Falle seiner Wahl auf nicht mehr als hundert reduzieren. Nur noch Beamte, die unter dem Schutz des Kreml-Wachdienstes stehen sowie Polizei und Feuerwehr sollen das Recht auf ein Blaulicht bekommen.
 
In Moskau  unter hundert Blaulichtern zu bleiben, dürfte gar nicht so einfach sein, denn schon die Präsidial- und die Regierungsverwaltung beansprucht zusammen 90 Migalkas, Generalstaatsanwaltschaft, Ermittlungskomitee und Innenministerium haben Anspruch auf 205 Blaulichter. Den Spitzenplatz nimmt der russische Inlandsgeheimdienst FSB ein. Die Männer und Frauen, die eigentlich im Verborgenen arbeiten sollen, haben Anspruch auf 230 Blaulichter.

Umsteigen auf die U-Bahn?

Heutzutage sind die Moskauer Verkehrsstaus oft so dicht, dass noch nicht mal die Blaulichter und Tröt-Signale der schwarzen Audi- und Mercedes-Limousinen helfen, sondern eigentlich nur der beherzte Kauf eines Billets für die U-Bahn. Doch will Putin seinen ehemaligen Geheimdienst-Kollegen jetzt das U-Bahn-Fahren angewöhnen?

Die Anti-Blaulicht-Initiative „blaue Eimer“ begrüßte Putins Ankündigung. Die Mitglieder der Initiative sind bekannt für ihre Konvois bei denen sie zur Belustigung des Publikums mit blauen Plastikeimern auf dem Autodach durch die Stadt fahren.

Er hoffe, dass Putin seine radikale Entscheidung „auch wirklich durchführt“, erklärte der Koordinator der „Blauen Eimer“, Pjotr Schkumatow. Der Aktivist erinnerte daran, dass unter Putins Präsidentschaft die Zahl der Blaulicht-Berechtigten von „mehreren Zehntausend“  auf offiziell „weniger als 1.000“ sank. Doch das verhinderte offenbar nicht die illegale Nutzung von Blaulichtern.

Russland

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