Wer sind die Opfer? Wer sind die Täter?BESLAN

Wer sind die Opfer? Wer sind die Täter?

Ein Kommentar von Kai Ehlers

Von Kai Ehlers

EM - In Beslan, Nord-Ossetien haben Geiselnehmer zum1. September eine ganze Schule als Geisel genommen – Kinder, Frauen und Männer. Im Ergebnis sind viele hundert Menschen tot. Die Aktion war nach Berichten von Augenzeugen brutal und rücksichtslos. Ihr Ende war, wie es scheint, Ergebnis einer unkontrollierbaren Eskalation. Die Reaktion der Mächtigen ist einhellig: Öffentlich demonstrierte Gebete für die Kinder zum einen und Intensivierung des Krieges gegen „den Terrorismus“ zum anderen.

Opfer sind die Kinder und die Bevölkerung von Beslan. Tschetschenische, inguschische, ossetische und russische Bevölkerung. Bevölkerung eben! Wladimir Putin behauptet, Rußland sei das Opfer. George W. Bush, Gerhard Schröder und andere versprachen Rußland zu helfen. Aber wer, bitte sehr, ist Rußland? Und helfen gegen wen? Da müsste man ja erst einmal die Täter kennen. Aber niemand kennt die Täter.

Es gibt kein Bekennerschreiben für die Geiselnahme in Beslan. Die Geiselnehmer trugen alle Masken, die sie nicht abgenommen haben. Es sollen „Araber“, „Russen“ und „Tschetschenen“ gewesen sein - kurz. Es war eine gemischte Truppe. Dahinter soll der Feldkommandant Bassajew stecken oder auch Al Kaida, Bin Laden. Spekulationen: niemand weiß etwas Genaues. Auch für die Anschläge auf die beiden russischen Tupolews in der letzten Woche gibt es keine Bekennerschreiben, ebensowenig für die Bombe am Puschkinplatz in Moskau. Die Gesichtslosigkeit des Terrors ist sein Markenzeichen ebenso wie die Gewissenlosigkeit, die jenseits der ethischen Regeln handelt, welche als ethisch akzeptiert für die menschliche Gemeinschaft gelten.

Hier aber muß man aufhören, nur auf eine Seite zu schauen: Hier muß man fragen – ohne daraus eine Rechtfertigung für terroristische Akte oder sonstige Gewalttaten abzuleiten – ob diejenigen, die jetzt laut „Unmenschlichkeit!“ schreien und nach einer Aufrüstung im Krieg gegen „den Terrorismus“ rufen, ihrerseits die ethischen Regeln einhalten. Da kommt man hart zu der Einsicht, daß Kinder nicht nur Opfer von Terroristen sind, sondern im gleichen Maße (wenn auch in anderer Form) Opfer derer, die für sich in Anspruch nehmen, die Menschenrechte in der Welt zu verteidigen. Wer hat die Kinder gezählt, die in Afghanistan, die im Irak in den letzten Jahren als „Kollateralschäden“ getötet wurden? Von Israel wäre noch gesondert zu sprechen. Nein, mit solchen Aufrechnungen kann man nur Stimmung machen, kann man die Eskalation der Gewalt weiter anheizen, so wie es gegenwärtig geschieht. Lösen kann man damit nichts, denn gewinnen kann in diesem ungleichen Krieg niemand. Es gibt nur Verlierer. Warum also dann? Cui bono? Wem nützt es?

Dem tschetschenischen Kampf um Unabhängigkeit nützen diese Aktionen nichts. Das hat der Vorsitzende der Kaukasischen Gesellschaft in Berlin noch während der Geiselnahme sehr richtig erklärt. Sie diskreditieren die tschetschenische Sache in den Augen der Welt. Nützen sie der islamischen Sache, sofern es überhaupt eine solche gibt? Die Frage ist ebenfalls glatt zu verneinen: Ein gezielter Angriff auf Kinder macht jede ethische oder gar religiöse Motivation im Kern zunichte. Was bleibt, sind Gründe jenseits vorgeblicher ethischer oder religiöser Motivationen, die eine unheilvolle Verbindung miteinander eingehen:

Das sind zum einen strategische Interessen der Großmächte, die sich auf dem Rücken der örtlichen Bevölkerung austoben: Wladimir Putin konnte, selbst wenn er es gewollte hätte, die Forderungen der Geiselnehmer auf Rückzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und dem Kaukasus nur erfüllen, wenn er die Logik der gegenwärtig herrschenden internationalen Beziehungen durchbrochen hätte. Anders gesagt: Wenn die russischen Truppen sich aus Tschetschenien zurückziehen, marschieren die Ausbilder der Nato oder direkt die amerikanischen ein. So viel läßt sich aus der Gesamtlage im Kaukasus, mehr noch aus der Politik des New Empire, wie sie unter George Bush praktiziert wird, glasklar ablesen. Diese Politik ist zudem unmittelbar mit dem Interesse an den kaspischen Ölvorkommen verknüpft. Der Kaukasus ist somit einer der Brennpunkte in der strategischen Auseinandersetzung um die sich herausbildende neue Weltordnung. Die örtliche Bevölkerung wird zwischen diesen Interessen zerrieben: Rußland will sich den Zugriff sichern, die USA wollen Rußlands Zugriff unterminieren. Eine Destabilisierung Tschetscheniens, Inguschiens, Ossetiens liegt somit klar im Interesse der USA. Darauf können Unruhestifter jeglicher Couleur bauen.

Das ist zum Zweiten die psychologisch-politische Befindlichkeit der an dem Konflikt beteiligten Bevölkerung: Es bedarf keiner großen Phantasie, sich die Situation der Frauen, Männer und Kinder vorzustellen, deren Lebensgrundlagen seit nunmehr schon fast einer Generation systematisch zerstört werden, deren Väter, Brüder, Söhne vor ihren Augen verschleppt, mißhandelt, getötet werden, um zu begreifen, in welcher Verfassung sich diese Menschen inzwischen befinden. Die „schwarzen Witwen“, die sich als Selbstmordattentäterinnen mit in die Luft sprengen, sind nur der extremste Ausdruck davon. Hinzu kommt die archaische Ethik der kaukasischen Völker, insbesondere der Tschetschenen, in der – aller Sowjetisierung und Verwestlichung zum Trotz – immer noch das Gebot der Blutrache gilt. Sein Inhalt ist nicht einfach Rache, wie im Westen häufig mißverstanden wird, sondern ein archaisches Verständnis von Gerechtigkeit in Form von Familienjustiz. Unter den Bedingungen der staatlichen Rechtlosigkeit in Tschetschenien, unter den Bedingungen des faktischen Genozids, der dort von den russischen Truppen seit Jahren durchgeführt wird, verbindet sich die Logik der archaischen Familienjustiz mit persönlicher Verzweiflung und geht in dieser Form von der familiären auf die nationale Ebene über. Solange noch ein einziger Tschetschene lebt, wird dieses Gesetz gelten. Je weiter die russische Armee ihren Druck verstärkt, umso verzweifelter wird die Antwort ausfallen. Eine unkontrollierbare Eskalation ist die Folge. Sie wird noch verstärkt durch die Tatsache, daß in dem strategischen Konflikt der Großmächte sowohl legale Truppen, wie auch Banden finanziert werden. Sie entwickeln ihre eigene Dynamik, die nur zu stoppen ist, wenn sich alle beteiligten Konfliktparteien einig sind, weder Truppen noch illegale Banden weiter zu finanzieren.

Ein Ende des Konfliktes in Tschetschenien ist mit Sicherheit nicht durch verstärkte russische – oder sonstige - Militärpräsenz, sondern einzig und allein durch Verhandlungen zwischen allen am Konflikt beteiligten Parteien zu erreichen. Das sind selbstverständlich nicht nur Russen und Tschetschenen, das schließt die übrigen kaukasischen Konflikt-Anrainer mit ein, einschließlich der Ukraine, Weißrußlands und der Türkei. Verlauf und Ergebnisse dieser Verhandlungen und Kontrolle ihrer Umsetzung sollten unter UN-Aufsicht stehen.

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www.kai-ehlers.de

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