„Wer zahlt, wird besser behandelt“RUßLAND

„Wer zahlt, wird besser behandelt“

Medizinische Versorgung in Rußland wird zunehmend zum Luxusgut, warnen Menschenrechtler. Patienten werden kräftig zur Kasse gebeten, obwohl die Behandlung von Husten, Schnupfen und Co. laut Verfassung unentgeltlich ist. Auch in anderen Bereichen der sozialen Sphäre zwischen Pskow und Kamtschatka sieht es nicht allzu rosig aus. Die Vereinten Nationen haben nun mit einer Liste von 30 Empfehlungen auf die Mißstände in Rußland reagiert.

Von Veronika Wengert

EM – „Wer zahlt, wird besser behandelt“, ist längst ein offenes Geheimnis, daß sich nicht nur unter Patienten und medizinischem Personal in Rußland herumgesprochen hat. Das Gesundheitsministerum schätzt, daß etwa 25 bis 50 Prozent aller Aufwendungen im Gesundheitswesen direkt aus den Taschen der Patienten stammen. Vor allem in den Provinzen ist die Lage katastrophal: Allerorts fehlt es an modernen Geräten und vielen Patienten bleibt oft keine andere Wahl, als zur Untersuchung in andere Städte oder gleich nach Moskau zu reisen – auf eigene Kosten.

Medikamente sind für die meisten Russen unerschwinglich, nur in Notfällen und im Rahmen einer stationären Behandlung werden sie kostenlos ausgegeben. Überhaupt kann sich nur jeder zehnte Bürger Rußlands „Luxusgüter“ wie Pillen, Tropfen oder Tabletten heute noch leisten, vermutet der staatliche Duma-Ausschuß für Gesundheit und Sport.

Medikamente zu teuer und oft gefälscht

Doch nicht nur Endverbraucher jammern über die Kosten für Heilpräparate, auch Pharmakonzerne schlagen Alarm: Derzeit handelt es sich bei etwa zwölf Prozent aller Medikamente auf dem Markt um Fälschungen. Jährlich entgehen den Herstellern dadurch etwa 250 Millionen US-Dollar Umsatz. In zwei bis drei Jahren könnte bereits jedes vierte Heilmittel in Rußland ein gefälschtes Etikett haben, so die Prognose der „Liga für Patientenschutz“.

Der allmähliche Zerfall des Gesundheitssystems ist Jurij Dschibladse schon lange ein Dorn im Auge. Der Präsident des Zentrums für Demokratieentwicklung und Menschenrechte in Moskau hat sich zwei vorrangige Ziele gesteckt: „Alles soll allen zugänglich gemacht werden“, bringt er seine Forderungen auf den Punkt. Außerdem engagiert sich Dschibladse für die Rechte der Patienten, die besser geschützt werden sollen.

Das russische Gesundheitswesen steht auch auf der Prioritätenliste der Vereinten Nationen ganz oben: So hat der Wirtschafts- und Sozialausschuß der UNO nun 30 konkrete Empfehlungen erstellt, wie die soziale Lage im Land verbessert werden sollte. Als „kritisch“ bezeichnet das internationale Expertenteam in Genf die Situation. Verbindlich sind die Vorschläge nicht, dennoch „empfiehlt“ die Organisation dem Kreml, in den kommenden vier Jahren für Besserung zu sorgen.

Priorität hat die soziale Lage in Tschetschenien, fordern die Vereinten Nationen. So müsse Rußland eine ausreichende medizinische Versorgung vor Ort garantieren, für materielle Kompensation durch entstandene Kriegsschäden sorgen und die Infrastruktur im Bildungsbereich wieder herstellen. Paradoxerweise hat Präsident Wladimir Putin just in diesen Tagen erklärt, das die Stelle des Menschenrechtsbevollmächtigten für Tschetschenien nicht mehr länger erforderlich sei.

Auch auf den Nachwuchs und seine Ernährung richtet der Genfer Ausschuß sein kritisches Augenmerk: In Rußland leben derzeit nach offiziellen Schätzungen etwa 31 Millionen Minderjährige, diese Zahl schrumpft jährlich um etwa eine Million. Zu einem großen Problem sind Waisen und Straßenkinder geworden. Alleine in Moskau leben etwa 13.000 Kinder auf der Straße, schätzen verschiedene Nichtregierungsorganisationen. Unklarheit herrscht unter Politikern, wer für den vergessenen Nachwuchs überhaupt zuständig ist.

Kein Joghurt für Asoziale

Igor Saschin, der sich bei der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Syktywkar, Hauptstadt der nordrussischen Republik Komi, engagiert, ist seit seinem letzten Besuch in einem regionalen Waisenhaus sehr beunruhigt. „Die Kinder dort haben seit einem halben Jahr keine Milchprodukte mehr bekommen“, so Saschin empört. Die Direktorin der Einrichtung habe sich damit gerechtfertigt, daß ihre Zöglinge ohnehin nur aus asozialen Familien stammten und gar nicht wüßten, was ein Joghurt sei – daher müsse man sie erst gar nicht daran gewöhnen, erinnert sich der engagierte Menschenrechtler verbittert an diese Begegnung. „Das ist jedoch eine offene Lüge, hier wird vertuscht, daß der Staat kein Geld hat für die gesunde Ernährung dieser Kinder“, sagt Saschin mit Nachdruck.

Alexander Potschinok, Mitglied der Regierung der Russischen Föderation, bestreitet die mangelhafte Ernährung in staatlichen Einrichtungen hingegen: „Wir hatten Probleme mit der schlechten Ernährung in der Armee, doch die haben wir gelöst. Kalorienarme, vielfältige, nahrhafte und vitaminreiche Kost – hier gibt es keine Schwierigkeiten mehr. Zugegebenermaßen schmeckt das Essen nicht, aber es ist schließlich die Armee und kein Restaurant“. Bereits vor der Einberufung hat jeder zehnte Wehrdienstpflichtige Untergewicht, so die Zahlen der Staatlichen Statistikbehörde – Tendenz steigend.

Medizin Russland

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