„Werft die Gläser an die Wand – meine russische Familie und ich“ von Juliane InozemtsevGELESEN

„Werft die Gläser an die Wand – meine russische Familie und ich“ von Juliane Inozemtsev

Mischehen sind ein Wagnis? Fremde Kulturen passen nicht zusammen? Und speziell die Russen – das weiß man doch, wie die sind. Auch noch ein Seemann, muss das denn sein? Die meisten dieser Klischees können Sie vergessen, wenn Juliane Inozemtsev von ihrer russischen Familie erzählt, von ihrem Ehemann aus Sewastopol und wie das alles gekommen ist. Spannend wird es auf jeden Fall, verlassen Sie sich darauf! Und was Sie über Deutsche und Russen erfahren, beschert Ihnen mit Sicherheit viele Aha-Erlebnisse.

Von Hans Wagner

„Werft die Gläser an die Wand – meine russische Familie und ich“ von Juliane Inozemtsev  
„Werft die Gläser an die Wand – meine russische Familie und ich“ von Juliane Inozemtsev  

I ch erinnere mich noch gut an den Nachmittag, als ich meinen Eltern offenbarte, dass ich mich in einen russischen Seemann verliebt habe“, beginnt Juliane Inozemtsev ihr erstes Kapitel: Mein Mann, der russische Seeoffizier.

Juliane war zwanzig und frisch aus dem Sommerurlaub zurück, wo sie „ihn“ kennengelernt hatte. Man kann sich die Situation hautnah vorstellen: „Meine Eltern hielten sich mit Glückwünschen erst einmal zurück“, schreibt sie. Die Mutter runzelte die Stirn. „Hätte es nicht ein netter Junge aus Berlin sein können?“ – Der Vater trommelte mit den Fingerkuppen auf die Lehne seines schwarzen Ledersessels. „Die russische Kultur ist in vielem doch ganz anders als die deutsche, denk nur mal an die Wodka-Trinkerei“. Glückwünsche klingen wirklich anders. „Und dann noch ein Seemann!“,  erhob der Vater mahnend seine Stimme. „Es ist doch bekannt, dass viele in jedem Hafen ein Mädchen haben.“ – „Und so weiter und so fort“, schreibt Juliane Inozemtsev“. Das war also längst nicht alles.

Die russisch-deutsche Familie ist Realität geworden

Eltern sind so – müssen vielleicht so sein. Auch die angehenden  Schwiegereltern waren skeptisch: „Schließlich wissen alle Russen, dass deutsche Frauen im Haushalt keinen Finger rühren und vor allem nicht kochen können.“

Aber Jugend geht ihren Weg. Allen Hindernissen zum Trotz. Die Beiden wurden ein Paar. Zwei Kinder haben sie inzwischen. Die russisch-deutsche Familie ist Realität geworden. Das Stirnrunzeln der Mütter und die Warnungen der Väter sind auf beiden Seiten längst in Begeisterung umgeschlagen. Das Lächeln und die Zärtlichkeiten der Enkel haben hierzu das Ihre beigetragen.

„Meine Schwiegermutter hat zum Erscheinen des Buches extra ukrainische Schokolade geschickt“, teilt Juliane Inozemtsev ihren Facebook-Freunden mit. Und zur Erläuterung: „Auch wenn die Familie meines Mannes russische Wurzeln hat: Als Bewohner der Krim (Sewastopol) sind sie auch Ukrainer“.

Begonnen hat aber alles in Brest. Dort schiffte sich Juliane zusammen mit einer Freundin auf dem schneeweißen Dreimaster „Khersones“ ein, einem prachtvollen ukrainischen Segelschulschiff, das von hier zu einer Nordlandfahrt nach Göteborg auslief. Die beiden jungen Frauen waren die einzigen weiblichen Wesen unter  „hundert russischen Seemännern“.

Mit rotlackierten Fingernägeln in die Takelage?

Einer von ihnen ist der Kadett, der angehende Offizier Wanja. Er versucht den beiden Deutschen, die auf dem Schiff mitarbeiten wollen, zuallererst das Putzen von Messingschildern beizubringen. Dass Juliane mit ihren langen, rotlackierten Fingernägeln zu mehr taugen könnte, erscheint den Seeleuten eher unwahrscheinlich. Doch die Mädchen klettern allen Vorbehalten der Männer zum Trotz in die Masten – bis auf dreißig Meter Höhe – und ernten zum ersten Mal Respekt.

Mehrfach schildert Juliane Inozemtsev ihre „butterweichen Knie“. Und schließlich sitzt sie allein mit Wanja unter einem Vordach an Deck, schaut mit ihm hinaus „auf das schwarze, aufgewühlte  Meer.“ Sie legt den Kopf an seine Schulter. „Und ehe ich noch ganz begriffen habe, was passiert, küssen wir uns zum ersten Mal.“ – So fängt es meistens an. Ehe man ganz begreift…

Wieder zu Hause in Berlin gesteht sie sich ein, „dass es trotz aller guten Vorsätze nun doch passiert ist: Ich habe mich in einen russischen Kadetten verliebt.“ – Was folgte, war „der schlimmste Liebeskummer meines Lebens.“

Das Wiedersehen mit Wanja kommt zustande, weil die junge Deutsche ihrem Liebesschmerz nachgibt und den so sehr ins Herz geschlossenen russischen Seemann an seinem Studienort in Kertsch auf der Krim sucht und findet. 3000 Kilometer ostwärts von Berlin beginnt die nächste Etappe einer jungen Liebe:  „Er überlegt nicht lange und küsst mich mitten auf den Mund…Ihn so plötzlich wiederzusehen ist für mich wie eine schöne Fata Morgana. Erst beim zweiten Kuss glaube ich es: Er ist wirklich da.“

Deutsch-russische Stolpersteine

Der Weg in ein gemeinsames Glück ist mit Stolpersteinen gepflastert. Im Herbst begann Wanjas letztes Studienjahr  in Kertsch – und ihr erstes Semester in Leipzig. Juliane – oder „Julie“, wie ihr russischer Kadett sie nennt, studiert Diplom-Journalistik und Russistik, Wanja macht sein Offizierspatent. Um zusammenzukommen fährt Julie achtundsechzig Stunden mit dem Bus nach Simferopol (Krim), wo er sie erwartet: „Hallo Kleine!“ hört sie ihn sagen, mit seinem tiefen Lachen  und ist glücklich.

Wanja in Deutschland – das ist ein Kapitel, in dem wir als Bürger eines „weltoffenen Landes“ einigermaßen erstaunt erfahren, wie das ist, wenn man als junger Russe seine Liebe in Berlin besuchen will. „Ohne Visum geht gar nichts. Aber um ein Visum zu bekommen, braucht Wanja eine offizielle Einladung: von jemandem, der seinen festen Wohnsitz in Deutschland hat und ein regelmäßiges Einkommen in vorgeschriebener Mindesthöhe. Ich bin Studentin und scheide damit leider aus.“ Julies Eltern müssen es richten, indem sie für Wanja quasi die Bürgschaft übernehmen. 

Juliane Inozemtsev schafft es ihrerseits, für ein Semester in Sewastopol auf der Krim zu studieren. Als Austauschstudentin. Sie lernt russisches Leben und russische Folklore kennen.  Zum Beispiel auf der Hochzeitsfeier eines Freundes von Wanja. Alle fünf Minuten wird mit Wodka auf das Brautpaar angestoßen. „Es wird abwechselnd geküsst und getrunken, getrunken und geküsst“ - mit unvermeidlichen Folgen…

Als beide wieder in Deutschland sind, macht Wanja seiner Julie einen Hochzeitsantrag.  Mit vollem Erfolg. Die Eheschließung erfolgt in Berlin. Die Hochzeitsreise führt sie nach Sewastopol, in die weiße Stadt am Schwarzen Meer. Umringt ist sie von tiefgrünen Weinbergen, auf deren Höhen sich Deutsche, Ukrainer und Russen im Zweiten Weltkrieg fürchterliche Gemetzel geliefert haben.

Doch nun wird  hier gefeiert. Natürlich lassen es sich Wanjas Eltern nicht nehmen, die Hochzeit auch auf Russisch zu begehen. Weniger folkloristisch als bei Wanjas Freund. In einem gemütlichen Waldrestaurant am Rande der Stadt.

Bei jedem Wiedersehen Schmetterlinge im Bauch

Und heute? Wanja und Juliane führen ein Leben in zwei Welten. Dreiviertel des Jahres in Berlin, ein Viertel in Sewastopol. Dazu kommt: „Wanja ist abwechselnd vier Monate auf See und zwei Monate bei uns“, erzählt Juliane Inozemtsev. „Wir sind an dieses Leben zwischen Wasser und Land, zwischen Berlin und der Krim schon so gewöhnt, dass wir uns immer wieder wundern, wenn andere sich wundern.“

Und was heißt das für die Ehe? „Anfangs“, verrät Juliane Inozemtsev, „haben wir selbst nicht daran geglaubt, dass unsere Beziehung halten würde. Aber nun sind wir schon sechs Jahre glücklich verheiratet und Eltern geworden.“

Also alles klar? Volle Fahrt voraus - setzt Segel, dass der Bug des Lebens schäume!

Wie es tatsächlich ist, erfahren wir von der Seemannsbraut persönlich. „Das Leben in einer Seemannsfamilie ist eine Herausforderung, aber dafür wird es nie langweilig. Das Schönste jedoch ist: Bei jedem Wiedersehen habe ich Schmetterlinge im Bauch.“

*

Rezension zu: „Werft die Gläser an die Wand – meine russische Familie und ich“ von Juliane Inozemtsev, Bastei Lübbe 2012, 237 Seiten, 8,99 Euro, ISBN-13: 978-3404603275.

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