Wichtigste Einnahmequellen für die Menschen sind der Familienacker und der SchafstallKIRGISIEN VOR DER PRÄSIDENTENWAHL

Wichtigste Einnahmequellen für die Menschen sind der Familienacker und der Schafstall

Am 10. Juli sind Präsidentschaftswahlen in Kirgisien. Kurmanbek Bakijew, der Anführer der Tulpenrevolution vom März und geschäftsführende Präsident des Landes, hat gute Chancen sie zu gewinnen. Die Menschen im Land sind arm aber stolz. Auch auf ihre sich entwickelnde Demokratie.

Von Ulrich Heyden

Babirs Golf jagt durch eine Märchenlandschaft. Die Straße von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek Richtung Süden nach Dschalal-Abad führt über grüne Hügel, durch rote Felsen mit wilden Bächen und über grüne Hochebenen mit Pferde- und Schafherden, dazwischen versprengt die weißen Jurten der Hirten

Lässig hängt Babir russische Wolgas ab. Die Stimmung ist gut. Aus den Boxen dröhnen Ethno-Rythmen, die Luft ist klar und rein. Keine Hochspannungsleitung und kein Windkraftrad trübt den Blick. Wer will, kann sich an einem Imbiß eine Forelle braten lassen. Wie ein türkisblaues Band zieht sich der Fluß Narin mit seinen zahlreichen Stauseen durch das Gebirge. Am Wasserkraftwerk Krupsei beginnt nach sieben Stunden Fahrt das fruchtbare Fergana-Tal, welches Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan vereint.

Dschalal-Abad, die drittgrößte Stadt Kirgisiens, liegt in einem fruchtbaren, grünen Tal. Die meisten der 130.000 Einwohnern sind Usbeken. Hinter der Stadt, weiter im Süden, erheben sich am Horizont die schneebedeckten Berge des Pamir-Gebirges. Nach Dschalal-Abad fährt man durch ein prunkvolles Stadttor, welches alten Bauwerken nachempfunden wurde. Davor trohnt der antike kirgisische Nationalheld Kurmanbek auf einem mächtigen Gaul. Das Pferd und auch der Esel sind in Kirgisien immer noch beliebte Fortbewegungsmittel. Sitzplätze sind rar. Manchmal sitzen drei Kinder auf einem Esel oder zwei Erwachsene auf einem Pferd. Benzin ist für kirgisische Verhältnisse teuer. Der Liter kostet 35 Cent.

Die Tulpenrevolution begann in Dschalal-Abad

Die Menschen hier sind arm aber stolz. Von ihrem Präsidenten Askar Akajew fühlen sie sich betrogen. Der habe in die letzten fünf Jahre nur noch in die eigene Tasche gewirtschaftet, meint der 23jährige Babir, der einmal Verkehrswirtschaft studierte und jetzt ständig zwischen Bischkek und Dschalal-Abad pendelt. Vor allem wegen der Korruption kam es im März, nach den gefälschten Parlamentswahlen, zur Tulpenrevolution. Sie begann in Dschalal-Abad. Geleitet wurde sie von Kurmanbek Bakijew, der früher der Regierung angehörte, sich dann aber mit Präsident Askar Akajew überwarf. Jetzt ist Bakijew geschäftsführender Präsident des Landes und die Chancen, daß der mit einer Russin verheiratete, gelernte Ingenieur am 10. Juli zum neuen Präsidenten gewählt wird, stehen gut.

An die Tulpenrevolution im März erinnert nur noch wenig. Die blutbefleckten Teppichläufer im Gebäude der Gebietsverwaltung am Maidon, dem zentralen Platz der Stadt, sind immer noch in der Reinigung und die Polizei residiert in einem Ersatzgebäude. Das Hauptgebäude der Polizei wurde von den Demonstranten im März abgefackelt. Die Reste der Außenmauern zeugen von den dramatischen Ereignissen.

Trotz Arbeitslosigkeit sind alle beschäftigt

Offiziell sind fast alle Stadtbewohner arbeitslos aber irgendwie sind alle doch schwer beschäftigt. Ein Wochenende gibt es nur für die wenigen gutverdienenden Bankangestellten. Alle anderen schlagen sich über sieben Wochentage mit mehreren Tätigkeiten durch. Denn von den Löhnen und Renten kann niemand leben. Eine Krankenschwester verdient 1.200 Som (23 Euro), ein Rentner bekommt 600 Som. Ein Brot kostet fünf Som.

Auf die Frage, womit er sein Geld verdiene, antwortet jeder dritte Mann mit „Ja taxuju“ - „ich fahre Taxi“. Auch Achmat arbeitet als Taxifahrer. Er kutschiert seine Fahrgäste in einem Daewoo „Tico“ durch die Stadt. Der in Usbekistan gefertigte Kleinwagen ist eigentlich für kleine Koreaner konzipiert, bietet aber mit Mühe und Not auch vier großgewachsenen Kirgisen Platz. Da das Wägelchen nur fünf Liter Sprit verbraucht, ist es sehr beliebt.

Was Autos betrifft, sind die Kirgisen auf Deutschland eingeschworen. Man fährt Golf, Audi 100 oder Mercedes, natürlich Gebrauchtwagen. Die russischen Typen Lada und Wolga haben lange ausgedient. Selbst das Design der Nummerschilder stammt aus der Heimat von Goethe und Beckenbauer. Was früher das Pferd war, ist heute der Mercedes. Um sich diesen einzigen Luxus im Leben zu gönnen, fahren viele Kirgisen gerne zum Geldverdienen nach Rußland.

Ganze Familien arbeiten auf glühendheißen Feldern

Das größte Unternehmen von Dschalal-Abad, eine Mühle mit riesigen Kornspeichern, ist seit Jahren bankrott. Die wichtigste Einnahmequelle der Städter ist der Schafstall und der Familien-Acker. Der Staat hat allen Kirgisen Anfang der 90er sogenannte „Sotkas“, Äcker mit einer Fläche von 100 Quadratmetern, zugeteilt. In diesen Tagen sieht man ganze Familien in der sengenden Hitze auf den Feldern den Boden um die jungen Triebe der Baumwollpflanzen auflockern. Die Baumwolle bringt nicht viel ein, 20 Cent pro Kilo. Aber die Menschen haben keine Wahl.

Daß der Boden in Kirgisien – im Gegensatz zum Nachbarland Usbekistan – zügig privatisiert wurde, hat nach Meinung von Ketwek Tumanow, einem Kleinunternehmer, der einen Baustoffbetrieb und einen Fuhrpark besitzt, viel zur politischen Stabilität beigetragen. Die Menschen verfügen über Eigentum, auch deshalb sei die Tulpenrevolution im März nicht ins Chaos ausgeartet.

Patriarchen und tief Verschleierte

In Dschalal-Abad empfängt den Besucher das entspannte Klima einer Kleinstadt. Die Straßen und Häuser sind sauber und gepflegt. Man ist höflich und lächelt. Die Stadt hat sowjetisch-asiatischen Charme. Es gibt einen bunten Markt, viele Teehäuser (für Männer) und die übliche sowjetische Einheitsarchitektur.

Die Frauen leuchten wie Schmückstücke. Einige schreiten in goldbestickten Samtgewändern und Kopftuch durch die Straßen andere eilen in Jeans oder Rock. Doch man sieht auch viele Tiefverschleierte, vor allem junge Mädchen die Koran-Schulen besuchen. Eine dieser Schulen liegt in der Dany-Machmudow-Straße. Hinter den hohen weißen Mauern lernen die Mädchen die heilige Schrift und Arabisch. Man wolle die Mädchen „vor der Verwahrlosung bewahren“, erklärt eine Lehrerin den Sinn der Schule. Das Geld für die Einrichtung kommt von Unternehmern, „die in Moskau tätig sind“.

In Dschalal-Abad herrscht Männermangel. „Mnogoschonstwo“, die Vielweiberei, greife um sich, obwohl die Männer ihre Frauen gar nicht alle ernähren können. Für emanzipierte Frauen wie die Englisch-Lehrerin Aitschurok, ist das schwer zu ertragen. Die Patriarchen vergiften das Klima.

Die Frau als billige Arbeitskraft

Die Frauen müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Oft reicht das Geld noch nicht mal für den öffentlichen Nahverkehr. Für viele ist die Frau billige Arbeitskraft. In den Höfen der Großfamilien formen die jungen Mädchen mit Stroh verstärkte Kuhfladen zu tellergroßen Stücken und legen sie zum Trocknen aus. Im Winter wird damit geheizt.

Die Kirgisen sind stolz darauf, daß sie mit ihrer Demokratie weit vorangekommen sind. Auf das diktatorische und mit einer Bevölkerungszahl von 26 Millionen Menschen riesige Nachbarland Usbekistan schauen viele Kirgisen mit einer gewissen Geringschätzung herab. Aber nun wollen die fünf Millionen Kirgisen endlich die Ernte für 15 harte Reformjahre einfahren. Noch ist der Bestand an gut ausgebildeten Fachkräften groß. Sollen die ausländischen Investoren doch endlich kommen, meint Achmat. Die neue Hoffnung heißt Kurmanbek Bakijew. Mindestens fünf Jahre werde der neue Präsident ehrlich arbeiten. Spätestens dann müsse man aufpassen, daß Askajews Nachfolger nicht den Sünden seines Vorgängers verfällt.

Zentralasien

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