Wie Wüsten- und Steppenstaaten langfristig Energieexporteure bleibenENERGIE

Do svidaniya Öl: Wie Wüsten- und Steppenstaaten langfristig Energieexporteure bleiben

Wie Wüsten- und Steppenstaaten langfristig Energieexporteure bleiben

Auch wenn momentan gigantisch viel Öl gefördert wird: Es wird der Tag kommen, an dem die Förderung für einen reinen Energieträger zu teuer wird. Die Wirtschaft in vielen eurasischen Ländern lebt von zwei Produkten: Öl und Gas. Doch wenn der Rubel auch noch in vielen Jahrzehnten rollen soll, muss jetzt umgedacht werden.

Von EM Redaktion | 21.03.2016

Wer in den vergangenen Monaten die Preise für Kraftstoff verfolgte, konnte fast den Eindruck bekommen, die „guten alten Zeiten“ seien zurück: Bei Diesel stand und steht eine Null an erster Stelle und selbst Premium-Benzin mit 99 Oktan kostet an vielen Tankstellen keine 1,20 Euro mehr. Allerdings hat das auch einen Haken: Je billiger das Öl an den Märkten „verramscht“ wird, desto weniger lohnt sich die Investition in erneuerbare Energien. Aus marktwirtschaftlicher Sicht ein verständlicher Vorgang: Warum jetzt investieren, wenn ein anderes Produkt wesentlich günstiger ist? Allerdings ist es auch sträflich kurzsichtiges Handeln, vor allem in den eurasischen Ländern, in denen neben dem endlichen Öl und Gas auch noch andere Dinge vorhanden sind, die im Gegensatz dazu fast unendlich sind: Platz und Sonne. Wie genau die Staaten hier ansetzen müssen, damit sich auch Iran, Russland und Kasachstan in fünfzig Jahren und noch fernerer Zukunft als Energieexporteure behaupten können, will dieser Beitrag erläutern.

Die komplizierte Ölgewinnung aus Ölsanden lohnt sich nur bei einem entsprechenden Ölpreis – daher geht es der Förderung der USA und Kanado momentan sehr schlecht.Die komplizierte Ölgewinnung aus Ölsanden lohnt sich nur bei einem entsprechenden Ölpreis – daher geht es der Förderung der USA und Kanado momentan sehr schlecht.

Kurzfristiges Denken

Der wichtigste Schritt: Sich nicht von kurzfristigen Gedankengängen leiten lassen. Natürlich, der Ölpreis befindet sich momentan im Tiefflug und wird es auch noch einige Zeit lang bleiben. Das Manager-Magazin vermeldet gar, dass selbst Kaufoptionen für das Jahr 2024 momentan bei 52 Dollar pro Barrel liegen – im Grunde genommen zwar nur eine Wettquote, aber eine, die gerade in Öl-exportierenden Ländern zu falschen Schlussfolgerungen führen könnte:

Fakt ist zwar: Natürlich sorgte der Ölpreisverfall in Nordamerika dafür, dass zahlreiche Ölfirmen ihre Pforten schließen mussten. Allerdings: Auch im Iran, in Russland, in Kasachstan wird definitiv der Tag kommen, an dem selbst die tiefste Bohrung kein Öl mehr heraufbefördert. Zumindest keines, das günstig genug wäre, um es einfach zu raffinieren und dann „nur“ zur Energieerzeugung zu verbrennen. Das Wissen um den Tag des „Oil End“ ist eine Wissenschaft für sich – Billiarden Dollars wert. Doch auch diese wissenschaftlich gestützte Form der Glaskugelei kann eines nicht: Eine Alternative zum Öl voraussagen.

Wo sich heute das glitzernde Dubai in den Himmel der arabischen Emirate erhebt, war vor wenigen Jahrzehnten noch Wüste – nach der Ölförderung wird es wieder ähnlich sein.Wo sich heute das glitzernde Dubai in den Himmel der arabischen Emirate erhebt, war vor wenigen Jahrzehnten noch Wüste – nach der Ölförderung wird es wieder ähnlich sein.

Nach dem Oil End: Interesselosigkeit

Das Öl brachte vielen Ländern Eurasiens höchsten Wohlstand und verbesserte Lebensbedingungen für alle. Aber: Wer hier einen Blick auf die Zukunft bekommen möchte, sollte einen Blick in die Geschichtsbücher werfen: Die ölfördernden Regionen rund ums Kaspische Meer etwa erblühten binnen kürzester Zeit, nachdem die Sowjetunion zerfallen war und das Öl auf dem freien Markt in alle Welt verkauft werden konnte. Oder man werfe einen Blick auf die Arabische Halbinsel: Dubai etwa war vor den ersten Ölfunden Mitte der 1960er ein dünn besiedelter Wüstenfleck – heute ist es eine der Glitzermetropolen der Welt, die 85 Prozent ihrer Einwohner importieren muss, damit genügend Arbeitskräfte für die Ölförderung zur Verfügung stehen.

Wenn aber diese nun abbricht: Was soll Investoren dann in Ländern halten, die oft kaum andere Exportprodukte anzubieten haben? Was haben diese Länder für den Weltmarkt zu bieten außer fossilen Brennstoffen? Die Antwort ist einfach: Energie.

Eurasische ÖlreservenQuelle: Statista.com

Jetzt handeln

Schon die Vernunft gebietet es, zügig zu handeln. Warum? Heute fließt noch das Öl, strömt noch das Gas – selbst zu den momentan niedrigen Preisen. Wenn aber erst einmal die fossilen Quellen versiegt sind, wird das Geld schneller zerrinnen als ein Glas Wasser, das in den arabischen Sand geschüttet wird. Und vor allem muss nicht erst umständlich eine andere Exportware gefunden werden. Nahezu alle Länder, die momentan Öl und Gas liefern, können auch in Zukunft Energie exportieren, denn sie alle haben eines, was beispielsweise Westeuropa nur unzureichend hat: Platz und Sonne.

Wenn in Eurasiens Wüsten und Steppen eines vorhanden ist, dann Platz und Sonne im Überfluss.Beides perfekte Voraussetzungen für gigantische Solarparks.Wenn in Eurasiens Wüsten und Steppen eines vorhanden ist, dann Platz und Sonne im Überfluss.Beides perfekte Voraussetzungen für gigantische Solarparks.

Das Programm Desertec macht es momentan in Marokko, Tunesien und Algerien vor: Dort entstehen seit kurzem nicht nur Photovoltaikanlagen im ganz großen Stil, sondern auch Felder für Solarthermie und Windparks:

Wie bereits gesagt: Das funktioniert allerdings nur, wenn wirklich viel Platz vorhanden ist. Und das ist gerade bei den momentan ölproduzierenden Ländern in besonderem Maß gegeben. Und vor allem: Kein noch so großer Solarpark verursacht derartige Umweltschäden wie die Öl- und Gasförderung. Im Gegenteil: Selbst wenn dereinst eine Technik wie Kernfusion sämtliche erneuerbaren Energien überflüssig machen würde, könnten die Anlagen einfach zurückgebaut werden und übrig blieben wieder Steppe und Wüste.

Aber: Noch ist die von vielen Seiten als Hoffnungsträger gesehene Kernfusion mindestens Jahrzehnte, wenn nicht länger von der Serienreife entfernt. Selbst wissenschaftlich und von großen Medien wie der „Welt“ hochbeachtete Projekte wie Wedelstein-X-7 verbrauchen immer noch mehr Strom, als sie erzeugen – und sind zudem im Gegensatz zu erneuerbaren Energien kaum an die geographischen und klimatischen Besonderheiten eines Standorts gebunden.

Fusionsreaktoren, die einzige Alternative für dichtbesiedelte Regionen wie Europa, sind noch jahrzehnte von der Serienreife entfernt. Fusionsreaktoren, die einzige Alternative für dichtbesiedelte Regionen wie Europa, sind noch jahrzehnte von der Serienreife entfernt.

Das bedeutet: Nur erneuerbare Energien können dafür sorgen, dass in Eurasien die Kassen weiter klingeln werden:

Norwegen macht es vor

Ein sehr gutes Vorbild, wie die bislang skizzierten Vorschläge funktionieren könnten, ist Norwegen: Das skandinavische Land ist geradezu beispielhaft, denn es teilt sich viele Faktoren mit denen eurasischer Länder:

Norwegen ist das perfekte Beispiel: Starke Öl- und Gasförderung und so viel erneuerbare Energie, dass alle drei Güter exportiert werden können. Norwegen ist das perfekte Beispiel: Starke Öl- und Gasförderung und so viel erneuerbare Energie, dass alle drei Güter exportiert werden können.

Norwegen hat durch seine Lage zwar nicht die Möglichkeiten in Sachen Solar. Dafür investierten die Skandinavier aber en groß in Wasserkraft, wie die offizielle Seite des Landes zu berichten weiß: Fast 100% des Energiebedarfs wird durch Wasserkraftwerke erzeugt – in Norwegen herrscht so viel Stromüberschuss, dass er nicht nur exportiert wird, sondern sich in vielen öffentlichen Gebäuden nicht einmal Lichtschalter befinden.

Und für die Norweger hat diese Kombination – Ölförderung und nachhaltige Stromerzeugung - gewaltige Vorteile: Ein extrem hoher Lebensstandard, hohe Löhne, viele Urlaubstage und kurze Arbeitszeiten.

Einen besseren Zeitpunkt gibt es nicht

Und genau das könnten die Öl- und Gaskönige Eurasiens auch haben – sofern sie nur rasch handeln: Momentan sorgt der Ölpreis dafür, dass erneuerbare Energien kaum nachgefragt werden – nach Regeln der Marktwirtschaft sind sie also vergleichsweise günstig zu haben.

Allerdings nur jetzt: Denn sobald der Ölpreis wieder steigt, werden auch die Preise für Photovoltaik und Co. anziehen. Und wenn das passiert, sollte ein Flächenland wie Kasachstan im Idealfall schon seine umfangreichen Steppen voller Solarpaneele und Windkrafträder stehen haben. Denn dann greift beides:

Um es kurz zu machen: Einen noch besseren Zeitpunkt, um großmaßstäblich in erneuerbare Energien zu investieren, wird es kaum nochmal geben. Nur jetzt passen wirklich alle Faktoren so zusammen, dass genügend Windräder, Photovoltaikfelder und Co. aufgebaut werden können, um nicht nur den eigenen Energiebedarf zu decken, sondern auch so umfangreich auszubauen, dass der erzeugte Strom exportiert werden kann.

Die ölfördernden eurasischen Flächenländer, hier Kasachstan, auf Platz zwölf der weltweiten Ölreserven, könnten es ebenso machen: Nur hier ist genügend Platz für wirklich umfangreiche Windkraft- und Photovoltaikanlagen vorhanden.Die ölfördernden eurasischen Flächenländer, hier Kasachstan, auf Platz zwölf der weltweiten Ölreserven, könnten es ebenso machen: Nur hier ist genügend Platz für wirklich umfangreiche Windkraft- und Photovoltaikanlagen vorhanden.

Eine Regierung, die das versteht und umsetzt, kann den wichtigen Grundstein legen, dass der Wohlstand ihres Landes nicht von der Vergänglichkeit einer aus dem Boden gepumpten Flüssigkeit abhängig ist, sondern auch dann noch die immer weiter steigenden Nachfragen bedienen kann, wenn Öl zu einem kostbaren Gut geworden ist, das nur noch die Allerreichsten es in einen Tank füllen und verbrennen können.

Fazit

Die Länder Eurasiens, die Öl und Gas fördern, sind momentan in der einmaligen Lage, sowohl genügend Platz als auch eine genügend hohe Urbanisierung zu haben, sodass das Aufstellen von Systemen für erneuerbare Energien auf dem Land nicht nur möglich und wohlstandsfördernd ist. Es ist zudem für diese Länder mit einer stark fossil zentrierten Wirtschaft auch die einzige Möglichkeit, auch in vielen Jahren noch als Exporteur eines der bedeutendsten Wirtschaftsgüter der gesamten Welt eine gewichtige Rolle zu spielen: Energie.

 

Bildquellen:
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