„Wie das Weiße Haus die Welt belügt“ von Tyler DrumhellerGELESEN

„Wie das Weiße Haus die Welt belügt“ von Tyler Drumheller

Ein Insider packt aus. Der ehemalige CIA-Chef von Europa bestätigt die schlimmsten Vermutungen über den unbedingten Willen Washingtons, Krieg gegen den Irak zu führen, auch wenn keine der „Begründungen“ stichhaltig waren, die dafür geliefert wurden. Die ganze Welt wurde auf infamste Weise belogen.

Von Eberhart Wagenknecht

„Wie das Weiße Haus die Welt belügt“, von Tyler Drumheller  
„Wie das Weiße Haus die Welt belügt“, von Tyler Drumheller  

D er amerikanische Außenminister Colin Powell hat im Februar 2003, am Vorabend des Angriffs der USA auf Bagdad, in einer Rede vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Blaue vom Himmel herunter gelogen. Er schwadronierte von einer ungeheuren Bedrohung, die durch angebliche Massenvernichtungswaffen des Iraks unmittelbar bevorstehe. Er glorifizierte seine Regierung als Retter der freien Welt. Nur durch die Entschlossenheit der United States könne die Weltgemeinschaft vor dem Schlimmsten bewahrt werden.

Tyler Drumheller war 30 Jahre Lang CIA-Agent und stieg bis zum Leiter seiner Organisation für ganz Europa auf. Damit saß er quasi in der ersten Reihe. Er hatte Einblick in die Machenschaften der Bush-Regierung. Drumheller beobachtete, wie man Colin Powell gezielt und ohne Skrupel mit jenen Falschinformationen fütterte, die er dann vor der Uno mit ebenfalls gefälschtem Darstellungsmaterial als Wahrheit präsentierte.

Das Märchen von den mobilen Waffenlaboratorien

Dieser Auftritt ist noch in guter Erinnerung. Selten wurde ein Außenminister von der eigenen Regierung derart desavouiert. „Der ohne Einschränkung international angesehenste Regierungsvertreter“, schreibt Drumheller, der das Schauspiel damals am Fernseher miterlebte, „trat vor die ganze Welt und argumentierte, die Iraker würden konsequent versuchen, illegale Waffentätigkeiten vor den UN-Inspektoren zu verheimlichen. Die Rede handelte von Nervengasen und Hinweisen auf Saddam Husseins anhaltende Bemühungen um eine Atombombe. Es wurden Mitschnitte arabischer Stimmen abgespielt, die über die ‚Evakuierung’ von Dingen diskutierten und damit offensichtlich versuchten, die Weltgemeinschaft zum Narren zu halten.“

Der Vorgang war an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Tyler Drumheller gab sich selbst als späterer Buchautor noch völlig perplex: „Powel zeigte Satellitenaufnahmen von angeblichen Tätigkeiten im Zusammenhang mit biologischen und chemischen Waffen. Einmal sprach er von Anthrax. ‚Weniger als ein Teelöffel getrocknetes Anthrax, eine winzige Menge – etwa so viel’ sagte er und hielt ein Glasfläschchen, das ein weißes Pulver enthielt, zwischen den perfekt manikürten Fingerspitzen hoch. ‚Weniger als ein Teelöffel getrocknetes Anthrax in einem Umschlag sorgte im Herbst 2001 dafür, dass der Senat der Vereinigten Staaten geschlossen wurde.’ An diesem Punkt fing der Auftritt in meinen Augen an abzugleiten. Es war peinlich.“

Ein anonymer Alkoholiker war Bushs Kronzeuge

Doch Powell legte nach, behauptete Informationen zu besitzen über mobile Waffenlaboratorien. Er präsentierte Zeichnungen von Lastwagen und Eisenbahnwaggons, die angeblich für die biologische Kriegführung umgebaut worden waren.

Laut Powell hatte die CIA das Material beschafft. Der US-Außenminister: „Uns liegen Schilderungen von Fabriken für biologische Waffen auf Rädern und Schienen aus erster Hand vor.“

In Wahrheit hatte laut Tyler Drumheller der Geheimdienst dieses „Material“ aus den Redeunterlagen für Powell entfernt. Aber der Regierung Bush passte es wie bestellt in den Kram und so wurden die aus irgendwelchen schmierigen Fingern gesogenen Behauptungen einfach wieder eingefügt.  Drumheller: „Meine schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt.“ Powell teilte der Weltöffentlichkeit tatsächlich mit, was eine mehr als dubiose „Quelle“ von sich gegeben hatte, die man nirgends vorzeigen konnte. Der einzige Mitarbeiter der US-Geheimdienste, der ihm jemals begegnet sei, habe ihn schlicht als Alkoholiker eingeschätzt.

Dieser „Quelle“ bediente sich die Regierung von George W. Bush, um ihren gewollten Krieg zu beginnen. Der amerikanische Präsident scheute sich bekanntlich auch nicht, Gott als Auftraggeber zu bemühen.

Ströme von Blut sind geflossen. Und es ist noch nicht zu Ende. Colin Powell trat bekanntlich inzwischen zurück. Angeblich vor Scham, weil er der ganzen Welt gegenüber so folgenschwer gelogen hatte.

Er trug den Decknamen „Curveball“ und war ein Informant des BND

Der Informant, den niemand kannte, der aber herhalten musste, um den Krieg zu begründen, trug den Decknamen „Curveball“. (Der „Curveball“ ist ein spezieller Wurf im Baseballspiel, der den Schlagmann verwirren soll).

Curveball war irakischer Informant des deutschen Bundesnachrichtendienstes. Er wurde vom BND als Schwindler eingestuft. Das Weiße Haus benutzte ihn jedoch skrupellos für seine Kriegspropaganda. Wie der hochrangige CIA-Agent Tyler Drumheller den Fall erlebte, beschreibt er ausführlich. Seine Schilderung ist ein abstoßendes Stück aus der Giftküche der Geheimdienste. Eine Schlüsselszene, die der Autor wiedergibt: „Da dämmerte mir allmählich, dass Curveball eine zentrale Rolle bei der Rechtfertigung des Krieges zukam. Meine Befürchtung bestätigte sich, als ich zu einem Kollegen in der Abteilung für Counterproliferation  sagte, WINPAC (Weapons Intelligence Non Proliferation and Arms Control Center) müsse außer Curveball noch etwas in petto haben, um einen Krieg zu rechtfertigen. ‚Nein’, sagte er. ‚Der ist es. Das ist der rauchende Colt’.“

Curveball, der vom BND als Schwindler und von der CIA als Alkoholiker eingestufte Wichtigtuer war alles, worauf die US-Kriegführung hinweisen konnte. Ein vom deutschen Geheimdienst ausgeliehener Lügen- und Trunkenbold als einziger Kronzeuge für den Irakkrieg. Er war der „rauchende Colt“. Nichts in petto außer ihm. Man mag es eigentlich gar nicht glauben, wie primitiv eine Supermacht, die einzige Weltmacht gar, sein kann, wenn sie Krieg will. Gerade deswegen sollte man dieses Buch unbedingt lesen.

Drumhellers Bericht bietet den Blick hinter die Kulissen des Bösen. Er zeigt, wie die Geheimdienste benutzt werden, um Rechtfertigungen zu liefern oder als Sündenböcke herzuhalten. Für welche dieser Funktionen sie gerade gebraucht werden, bestimmt allein das Weiße Haus.

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Rezension zu: „Wie das Weiße Haus die Welt belügt“, von Tyler Drumheller, Diederichs Verlag, München 2007, 283 Seiten, 19,95 Euro,  ISBN: 3-720-53013-2.

Rezension USA

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