Wie die Schienenwege zwischen Deutschland und Russland verflochten werdenEURASIEN

Wie die Schienenwege zwischen Deutschland und Russland verflochten werden

Wie die Schienenwege zwischen Deutschland und Russland verflochten werden

Auf einer internationalen Eisenbahnkonferenz in Sotschi stellte die russische Bahn grandiose Modernisierungspläne vor. Auch von einer Beteiligung bei der Deutschen Bahn ist die Rede. Die Absicht stößt auf Gegenliebe: Der deutsche Bahnchef Mehdorn will ebenfalls seit langem eine Zusammenarbeit mit Russland.

Von Ulrich Heyden

Neuer Siemens Hochgeschwindigkeits-Zug in den russischen Nationalfarben auf dem Bahnhof in St. Petersburg  
Neuer Siemens Hochgeschwindigkeits-Zug in den russischen Nationalfarben auf dem Bahnhof in St. Petersburg
(Foto: Ulrich Heyden)
 

W enn es nach dem Willen von Hartmut Mehdorn, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG und dem Chef der russischen Staatsbahn RZD, Wladimir Jakunin geht, werden sich Russland und Europa im Bereich der Eisenbahnen verflechten. Die Weichen sind gestellt, um eine Art eurasischen Verkehrsverbund zu schaffen. Jakunin äußerte auf einer Konferenz eurasischer Eisenbahngesellschaften in Sotschi Interesse an einer Beteiligung bei der deutschen Bahn. Der Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, bezeichnete die Investitionsabsicht der RZD als ”eine gute Idee”. Jakunin meinte darüberhinaus im Gespräch, es sei möglich, dass sich die deutsche Bahn auch bei den im Logistik-Bereich tätigen RZD-Tochterunternehmen beteiligt, von denen einige bereits Ende des Jahres einen Börsengang planen.
 
2010 will auch die RZD selbst an die Börse gehen, erklärte Jakunin. Doch bevor es soweit ist, will der russische Bahnchef, der seine Karriere als sowjetischer Diplomat bei der UNO begann und letztes Jahr auch als möglicher russischer Präsidentschaftskandidat im Gespräch war, das staatliche Unternehmen modernisieren. Es ist bis jetzt noch zu hundert Prozent in Staatsbesitz, hat 1,2 Millionen Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von 25,8 Milliarden Euro. 80 Prozent der russischen Loks müssen ausgewechselt werden. Der russische Staat und die RZD wollen bis 2030 die gewaltige Summe von 400 Milliarden Euro in die Modernisierung der russischen Bahn investieren.

Die russischen Bahnhöfe will man nicht verkaufen, sie sollen aber mit Dienstleistungsangeboten aufgepeppt werden. Private Investoren haben jetzt schon Zugang zum russischen Eisenbahnnetz. Auf der Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg sind mehrere private Gesellschaften tätig, die VIP-Passagiere in Luxus-Waggons transportieren. Die „Saizi“  (Hasen) - so heißen in Russland die Schwarzfahrer - haben kaum noch eine Chance. Für den Nahverkehrsbereich installierte man elektronische Kontroll-Sperren. Prompt steigerte sich der Fahrkartenverkauf um 30 Prozent, berichtete Russlands Bahnchef stolz.

Alte Ängste nicht mehr zeitgemäß

In Berlin fielen die Reaktionen auf die Meldung aus Sotschi gemischt aus. Während man in der SPD einer Beteiligung der Russen an der deutschen Bahn offenbar positiv gegenübersteht, warnte der verkehrspolitische Sprecher der Union, Dirk Fischer, vor einer Beteiligung, weil dahinter „politisch-strategische Interessen“ Russlands ständen.

Mehdorn erklärte im Gespräch, die Deutschen hätten „immer Befürchtungen, egal was passiert. Die Deutschen sind Berufsbefürchter.“ Das Geld aus Russland komme über Banken, es sei „nicht angestrichen“. Der russisch-asiatische Markt werde sich für die Bahn „gewaltig entwickeln“. Vor diesem Hintergrund müsse die Deutsche Bahn „jede Chance und Partnerschaft nutzen.“

In Russland werden wegen schlechter oder gar nicht vorhandener Straßen 70 Prozent der Güter über die Schiene transportiert. Zwischen Russland und Deutschland werden aber nur ein Prozent der Güter über die Schiene transportiert. Der Großteil der Güter wird über Lastwagen und Schiffe bewegt. Doch Mehdorn will, dass die Bahn im Güterverkehr mit Eurasien zulegt, denn es lockt das Geschäft mit kürzeren Lieferzeiten.
 
Zwischen China und Europa werden jährlich 60 Millionen Tonnen Fracht ausgetauscht. Der Großteil der Güter wird über Schiff und Flugzeug transportiert. Ein Grund ist nach Aussage von Mehdorn die langsame Abfertigung der Container an den Grenzen. „Die Züge stehen zwei, drei Tage, bis sie abgefertigt werden. Wir brauchen den elektronischen Frachtbrief. Bereits zwölf Stunden bevor der Zug an der Grenze eintrifft, soll der Frachtbrief an der Grenze auf dem Bildschirm sein. Die Container werden dann verplombt und niemand braucht da mehr seine Nase reinzustecken.“

IKEA-Waren umrunden Russland

Zugverbindung mit absolut westlichem Ambiente auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo II  
Zugverbindung mit absolut westlichem Ambiente auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo II
(Foto: Ulrich Heyden)
 

Wegen der Probleme an den Grenzen laufen die Warenströme heute noch um Russland herum. Auch das schwedische Möbelhaus IKEA, dass einen Teil seiner Waren in China produzieren lässt, hofft auf eine Verbesserung beim Container-Verkehr durch Russland. Zur Zeit wird die IKEA- Ware aus China per Container-Schiff um Indien herum nach Bremerhaven geschafft. Von dort geht es auf kleineren Schiffen nach St. Petersburg. Dann werden die IKEA-Waren weiter mit dem Lastwagen zum Depot nördlich von Moskau transportiert. Wenn ein russischer Kunde in Irkutsk – nicht weit von der Grenze zu China – etwas bei dem schwedischen Möbelhaus bestellt, kann er mit Stolz sagen, dass seine Ware eine Weltreise zurückgelegt hat.

Um den Container-Verkehr zwischen Europa und China zu beschleunigen, gründeten der deutsche und der russische Eisenbahnchef letztes Jahr die gemeinsame Logistic-Firma Eurasia Rail Logistic. Doch noch gibt es zwischen Deutschland und China große Hürden. Die Zoll- und Transport-Bestimmungen von sechs Ländern müssen aufeinander abgestimmt werden. Letztes Jahr brauchte ein Container-Test-Zug von Peking nach Hamburg nur 15 Tage. Mit dem Schiff sind die Container nach China 32 Tage unterwegs. „Chinesische Exporteure können so über Russland und Hamburg in die USA exportieren und sparen dabei 25 Tage“, frohlockt Mehdorn.

Breitspur-Netz bis nach Wien

Deutschland ist nicht der einzige wichtige Partner der RZD. Das russische Staatsunternehmen streckt seine Fühler inzwischen in der ganzen Welt aus. Vor kurzem verlor das russische Eisenbahn-Unternehmen zwar einen 100%-Millionen-Euro-Auftrag für den Bau einer Eisenbahnstrecke in Saudi-Arabien. Doch das bringt Jakunin nicht aus der Fassung, denn er hat im internationalen Konkurrenzkampf ein gewaltiges Faustpfand, das alte sowjetische Breit-Spur-Netz, welches nicht nur die ehemaligen Sowjetrepubliken, sondern auch die Mongolei und Finnland durchzieht. Im Januar kaufte die RZD zudem für 30 Jahre die Betriebsgenehmigung für die gesamte Eisenbahn Armeniens. Und nun will Russlands agiler Bahnchef auch noch nach Europa.

Jakunin träumt von einer Breitspur-Strecke nach Wien. Der Güterverkehr würde damit preisgünstiger, weil die Container nicht mehr von der breiten russischen Spur auf die schmalere europäische Spur umgeladen werden müssten. Perspektivisch könnte die Strecke von Wien auf den Balkan und bis an die Adria verlängert werden. Letztes Jahr im April unterzeichneten die Leiter der Eisenbahngesellschaften von Russland, der Ukraine, Österreich und der Slowakei bereits ein Protokoll über den geplanten Streckenbau nach Österreich.

Strategischer Partner Deutschland

Deutschland ist im technischen und logistischen Bereich bisher Russlands wichtigster Partner. Im Dezember wird Siemens den ersten von insgesamt acht Hochgeschwindigkeitszügen liefern. Der Siemens-Zug soll zwischen Moskau und St. Petersburg mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern verkehren.

Dietrich Möller, Siemens-Chef in Russland, glaubt, dass sein Unternehmen interessante Aufträge bekommen wird. „Natürlich schauen alle internationalen und lokalen Hersteller auf dieses Investitionsprogramm, aber ich denke, dass auch für die Firma Siemens ein Stück von dem Kuchen übrig bleiben wird.“ Möller, der in Kiew studierte und seit 1991 bei Siemens tätig ist, hofft auf Aufträge in Höhe von einigen Hundert Millionen Euro, „wenn nicht gar einige Milliarden“ für den Zeitraum bis 2030.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn Siemens, seit über 150 Jahren in Russland aktiv, hat als erstes und bisher einziges Unternehmen einen Vertrag über die Lieferung von Hochgeschwindigkeitszügen für Russland unterzeichnet. Der Vertrag über die Züge hat inklusive der Service-Leistungen für 30 Jahre einen Umfang von rund 600 Millionen Euro. „Das ist auch für das Haus Siemens keine kleine Summe“, meint der Manager.

Hochgeschwindigkeitsstrecken plant die russische Staatsbahn auch Richtung Helsinki, Berlin und in Richtung der Wolga-Stadt Nischni-Nowgorod. Ob Siemens bei diesen Strecken ebenfalls zum Zug kommt, ist noch unklar. Mit dem deutschen Konzern konkurrieren der Lokomotiv-Bauer Bombardier und auch russische Produzenten.

Von Krefeld über die Ostsee an den Start in St. Petersburg

Die Hochgeschwindigkeitszüge für Russland werden im Siemens-Werk in Krefeld produziert und dann mit der Fähre über die Ostsee nach St. Petersburg gebracht. Dort werden sie einer genauen Prüfung unterzogen. Für die Wartung der Züge baut das deutsche Unternehmen in St. Petersburg ein Depot, welches in der Anfangsphase mit deutschem, später mit russischem Siemens-Personal arbeiten wird. Das deutsche Unternehmen plant außerdem ein Ausbildungsprogramm für das Triebfahrzeug- und Service-Personal.

Der von Siemens entwickelte Hochgeschwindigkeitszug für Russland, Velaro RUS oder SAPSAN genannt, entspricht „zu 90 Prozent“ dem deutschen ICE3, erklärt Möller. Ein Unterschied sei die Spurbreite: Die russische Spur ist um 85 mm breiter. Außerdem sei der Zug für Russland natürlich den klimatischen Bedingungen angepasst. Denn dort gibt es tiefere Temperaturen und mehr Schnee. Außerdem sind die russischen Züge länger. Statt acht Wagen, wie in Deutschland, soll der russische Zug zehn Wagen haben.

Die russische Bahn hat sich noch nicht entschieden, ob sie die neue Hochgeschwindigkeits-Trasse nach St. Petersburg auf der Basis einer deutschen, japanischen oder französischen Technologie  bauen will, so der Chef von Siemens in Russland. „Der Velaro ist vergleichbaren Konzepten der Konkurrenz technisch zehn Jahre voraus, in Spanien ist er seit einem Jahr erfolgreich im Passagierbetrieb. Deshalb ist das Projekt für Siemens, aber auch für Deutschland insgesamt sehr wichtig.“ Befürchtungen, dass die Russen die Siemens-Technologie entwenden, hat Möller nicht. „Es gibt in Russland eine relativ gut ausgeprägte Gesetzgebung zum Schutz des geistigen Eigentums. Diese Gesetze werden in der Praxis auch durchgesetzt.“

Mit der russischen Bahn-Romantik geht es also langsam zu Ende. Noch fahren Russlands normale Passagierzüge mit nur 80 Stundenkilometern, die wesentlich längeren und schwereren Güterzüge rollen noch langsamer. Jetzt soll zugunsten der Warenströme alles schneller werden. Die Globalisierung spült alte Ängste beiseite. Die russische Breitspur galt vielen Deutschen bisher als Einfallstor für russische Panzer. Doch nun kommt über die Breitspur chinesische Billig-Ware und vielleicht auch bald Billig-Ware aus Russland nach Europa.

Ein neuer Zug zum Flughafen

Eine Vernetzung mit Deutschland und neue Hochgeschwindigkeitszüge, das ist noch nicht alles, was die russische Staatsbahn an Modernisierungsmaßnahmen auf dem Zettel hat. Die drei großen internationalen Flughäfen rund um Moskau sind jetzt alle mit einer modernen S-Bahn erreichbar. Die Angst, wegen eines Verkehrsstaus das Flugzeug nach Deutschland zu verpassen, ist damit vorbei. Manche trifft es hart. Zum Beispiel deutsche Manager in Moskau, die sich nicht von ihrer russischen Freundin losreißen können. Für sie gibt es jetzt zuhause die Ausrede nicht mehr, dass man wegen der Staus einfach nicht aus Moskau hinauskäme.

Ende Juni wurde zwischen dem Internationalen Flughafen Scheremetjewo II und der Moskauer Innenstadt eine Zugverbindung eröffnet. Zwischen dem Flughafen und dem Sawjolowski-Bahnhof, er liegt direkt am dritten Moskauer Autobahnring, verkehrt jetzt alle dreißig bis 60 Minuten ein moderner Zubringer-Zug. Damit ist auch der dritte Moskauer Großflughafen durch eine S-Bahn mit der Innenstadt verbunden.

Die neue S-Bahn braucht für die Strecke zum Scheremetjewo-II-Flughafen nur 35 Minuten. Die Fahrt kostet 250 Rubel (sieben Euro). Verkehrsplaner erhoffen sich von dem neuen Zubringer eine Entlastung der Leningrader Chaussee im Nordwesten Moskau um jährlich 1,5 Millionen Autos.

Deutsche Fluggesellschaften flüchteten

Von Scheremetjewo II fliegen große europäische Fluggesellschaften, wie die KLM, Alitalia, Air France und natürlich Aeroflott. Vom Schwesterflughafen, Scheremetjewo I, der jedoch nicht an den neuen Zubringer angeschlossen ist, fliegt die Fluggesellschaft Blue Wings nach Düsseldorf. In Scheremetjewo I und II wurden im letzten Jahr 14 Millionen Passagiere abgefertigt. Doch weil der Flughafen mit der Modernisierung nicht hinterherkam, ist er gegenüber seinem Hauptkonkurrenten, dem hochmodernen Flughafen Domodedowo, im Südosten Moskaus, zurückgefallen. In Domodedowo wurden im letzten Jahr 19 Millionen Passagiere abgefertigt. Der Flughafen hatte den Startvorteil, dass es schon eine Eisenbahnverbindung in die Innenstadt gab. Auf dieser Trasse verkehren bereits seit 2002 S-Bahn-Züge im Stunden-Takt.

Für die deutschen Fluggesellschaften kommt der neue Zubringerzug nach Scheremetjewo II zu spät. Die Lufthansa, die pro Woche 69 Flüge von Moskau nach Deutschland abwickelt,  ist im April von Scheremetjewo II auf den Flughafen Domodedowo umgezogen. Von Domodedowo fliegt Air Berlin nach Düsseldorf, München und Berlin.
 
Der dritte große Moskauer Flughafen ist Wnukowo im Süwesten der Stadt, mit sechs Millionen Passagieren im Jahr. Von Wnukowo fliegt der Billigflieger Germanwings nach Köln, Berlin und Stuttgart. - Sachsen ist mit Moskau übrigens nicht direkt verbunden. Wer mit Germanwings aus Dresden oder Leipzig in die russische Hauptstadt will, muss in Berlin oder Köln umsteigen.

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Siehe auch EM 11-06 ”Die Bahn erschließt den Kontinent Eurasien”

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