Wiedersehen mit TschernobylUKRAINE

Wiedersehen mit Tschernobyl

Wiedersehen mit Tschernobyl

20 Jahre nach dem Reaktorunglück vom 26. April 1986 – ein Wiedersehen mit Freunden. Als die Katastrophe begann, war ihre Tochter in Prypiat zur Welt gekommen, der Stadt, die zum Reaktor gehört. Gespräche zwischen Wehmut und Hoffnung und einem trotzigen Resümee: „Wir leben noch – was damals passierte, das hat uns zusammengeschweißt.“

Von Jan Balster

V or zwei Wochen unterhielt ich mich mit einem befreundeten Arzt, und dabei erfuhr ich, dass die Menschen aus Tschernobyl weniger häufig an Schilddrüsenkrebs leiden und psychisch stabiler sind als ihre Leidensgenossen anderswo. Und das, obwohl Tschernobyl das bei weitem schwerste Reaktorunglück gewesen ist.

Der Arzt vertritt den Standpunkt, dass alle Krankheiten (mit Ausnahme von gebrochenen Knochen etc.) psychisch bedingt sind. Das war für mich der Anlass, diesen Bericht über meinen Besuch Tschernobyls zu schreiben, der schon im Februar stattgefunden hatte.

Ich reise niemals, um danach eine Story abzufassen. Ich besuche Menschen. Diesmal waren es die Eltern meiner Moskauer Freundin Irina, Aljoscha und Valentina. Während des Schreibens fiel mir auf, dass Irinas Schwester Aljona just an jenem 26. April 1986 in  Prypjat geboren worden war – der Stadt, die zum Reaktor gehört und nur vier Kilometer von ihm entfernt ist.

In Prypiat wohnten zum Zeitpunkt der Katastrophe von Tschernobyl etwa 48.000 Menschen, die meisten von ihnen Arbeiter im Kernkraftwerk und ihre Familien. Damit liegt Prypjat mitten in der unbewohnbaren 30-Kilometer-Zone rund um das havarierte Kraftwerk. Die Behörden evakuierten die Bevölkerung damals erst 36 Stunden nach dem Unfall.

Block 3 von Tschernobyl bei Nacht  
Block 3 von Tschernobyl bei Nacht  
Prypjat, verfallene Stadt, heute leben dort lediglich vereinzelt noch ein paar Leute, welche in ihre Heimat zurückgezogen sind. Zum Wohnen dienen ihnen die einstigen Neubauten, die noch gut erhalten sind.  
Prypjat, verfallene Stadt, heute leben dort lediglich vereinzelt noch ein paar Leute, welche in ihre Heimat zurückgezogen sind. Zum Wohnen dienen ihnen die einstigen  Neubauten, die noch gut erhalten sind.  
Wohnblock in Prypjat, der Stadt, die in den 70er Jahren mit dem Reaktor zusammen entstanden ist.  
Wohnblock in Prypjat, der Stadt, die in den 70er Jahren mit dem Reaktor zusammen entstanden ist.  
     
Leere Häuser. Prypjat ist völlig ausgestorben. Die Bauten, die 1976 begonnen wurden, werden nicht mehr genutzt und verfallen.  
Leere Häuser. Prypjat ist völlig ausgestorben. Die Bauten, die 1976 begonnen wurden, werden nicht mehr genutzt und verfallen.  
Prypjat, ein Neubau von damals  
Prypjat, ein Neubau von damals  
Irina, die Tochter von Valentina und Aljoscha mit ihren Kindern Kolja und Anjuscha. Sie leben in Kiew.  
Irina, die Tochter von Valentina und Aljoscha mit ihren Kindern Kolja und Anjuscha. Sie leben in Kiew.  

Bedeutet weniger Wissen immer Schlechtes?

Es war eine noch nie da gewesene Situation von unvorstellbaren Ausmaßen. Jeder der namenlosen Helden gab sein Bestes. Unzählige Menschen starben während der Katastrophe von Tschernobyl und an ihren Spätfolgen, doch viele überlebten. Profiteure des Unglücks sehen es dramatisch. Und die Dabeigewesenen? - Haben auch in ihren Augen die damals Regierenden alles falsch gemacht?

„Wir haben erhöhte Strahlenwerte.“ Diesen Satz kann man in Kiew überall hören, mehr noch als alles Reden über Verdienst, Arbeit oder persönliches Befinden. Ein Satz, bei dem es jedem Westeuropäer für einen Moment die Sprache verschlägt. In der ukrainischen Hauptstadt hat man sich daran gewöhnt.

Ich klingle an der Tür im siebenten Stock eines Mietshauses. Sie wird geöffnet. Es duftet nach Kaffee, und ein Samowar wärmt den Tee. Der Tisch ist reich gedeckt. Sie haben es nicht vergessen, dass ich kein Kaffeetrinker bin, ich die russischen Pelmeni mit Smetana, Teigtaschen mit saurer Sahne, am liebsten esse, wenn sie in Brühe aufgekocht wurden und am Teller noch ein Stückchen Butter zerläuft.

Aljoscha ist ein blonder ernster Mittevierziger mit blauen Augen und schmalem Gesicht. Valentina, seine Frau zeigt nach all den Jahren noch diesen verliebten Ausdruck im Gesicht, wenn er ihre Hand beim Gehen in seiner festhält. Beide haben sich in Tschernobyl kennen gelernt. Damals, vor dreiundzwanzig Jahren kam er neu in die Brigade. „Alle wollten ihn haben“, erzählt sie: „Da habe ich mich einfach in der Kantine an seinen Tisch gesetzt.“

Geboren am 26. April

Es war ein sonniger Apriltag im Jahr1986, als Aljona geboren wurde. Die grellen Lampen des Kreißsaales flackerten und zeigten den Patienten in dieser Nacht den Weg zu den Toiletten. Valentina, die Mutter war erschöpft und stolz, auch erleichtert, dass es endlich vorbei war. Nach einer Weile brachte die Krankenschwester ihr das Baby. Valentina konnte es berühren, anfassen, was so lange in ihr gewachsen war. Auch Aljoscha durfte das Töchterchen jetzt sehen, durch eine Glasscheibe zum Kreißsaal. Stundenlang wartete er vor der milchigen Glastür, wo er eine Zigarette nach der anderen rauchte. Er war zum zweiten Mal Vater geworden.

Es war 0:23 Uhr. In einer Stunde würde sich seine Welt gründlich verändern. Doch das wusste er noch nicht. Schlafen konnte er in dieser Nacht kaum, zu neugierig war er auf das neue Lebewesen, welches er im Kreissaal zurücklassen musste. Schweren Schrittes nahm er die Treppen im Hausflur seiner Plattenbauwohnung im sechsten Stock. Noch einmal schaute er ins Zimmer seiner ältesten Tochter Irina, genauso wie er es getan hatte, als er vier Stunden zuvor die Wohnung verlassen hatte. Sie schlief. Er schloss die Fenster und versuchte auf dem Sofa in der Wohnstube selbst ein wenig abzunicken. 

Der Jahrmarkt, das ist sicher, der fällt aus.

Früh am Morgen. Aljoscha blickte über die betonfarbenen Wohnblöcke, die Straßenzüge mit ihren grün belaubten Bäumen. Er schaute vom Fenster hinunter auf die Straße vor dem Haus. Autos und Menschen waren unterwegs, als gäbe es nichts, was sie aufhalten könnte. Sein Blick fiel hinüber zum Rummel, dem Jahrmarkt. Dort stand das Riesenrad, dessen gelbe Kabinen weithin leuchteten. Noch ahnte er nichts davon, das der Rummel dieses Jahr nicht öffnen würde.

In dichten Nebelschwaden gehüllt, konnte er gerade noch Block 3 erkennen, dort wo sonst Block 4 stand, stiegen schwarze, fette Rauchschwaden auf. Ob es brannte, konnte er nicht erkennen. Bald darauf kreisten die ersten Hubschrauber über dem Werk und luden eine Fracht ab, verstreuten irgendeine Masse über dem Reaktorblock. Dann klingelte es an der Tür.
„Guten Tag, Genosse“, sprach die Frau von der Bürgervertretung. Sie übergab jedem Bewohner des Hauses ein Päckchen mit jodhaltigen Tabletten. „Nehmen Sie alle täglich eine davon, zum Schutz vor der Strahlung“, forderte sie Aljoscha und die Nachbarn auf. Für Fragen war keine Zeit. Die Frau wandte sich schon zur nächsten Haustür um.

Erst um 20.30 Uhr sendete das Radio die folgende Durchsage: „Bürgerinnen und Bürger von Prypjat! Am 26. April 1986 hat sich im Kernkraftwerk „Lenin“ in der Nähe der Stadt Tschernobyl ein Unfall ereignet. Es besteht keine Gefahr für Leben und Gesundheit...“.

In dieser Ansprache verkündete die Regierung der Sowjetunion dennoch, die Einwohner für drei Tage zu evakuieren. Einen Augenblick dachte Aljoscha daran, ins  Krankenhaus zu seiner Frau und dem Neugeborenen zu fahren, doch dahin konnte er Irina nicht mitnehmen. Er blieb, verhängte die Fenster mit befeuchteten Tüchern, damit der feine Staub nicht in die Wohnung vordrang. Er packte Kleidung, Essen, Geld und persönliche Dinge zusammen.

Am 27. April, um 15 Uhr, versammelten sich alle auf der Straße. Mit 30 Rubel, mehr Geld war zum Monatsende nicht im Haus, begann auch für Aljoscha und Töchterchen Irina die Evakuierung. Die Straßen füllten sich mit Männern, die Taschen in den Händen hielten, Frauen trugen ihre Kinder auf den Armen oder führten sie an ihren Händen. Busse kamen, sie stiegen ein und fuhren ab, die alten vertrauten Straßen entlang, verließen sie die Stadt. Noch glaubten die Menschen, am folgenden Sonntag werde alles vorbei sein.

Mach’s gut Genosse - Block 4

„Damals begriffen wir nicht, dass es ein Abschied für immer ist“, sagt Aljoscha. „Die im Bezirksbüro wussten selbst nicht richtig Bescheid“, fügt Valentina hinzu und schenkt uns noch etwas Tee nach. „Viele Funktionäre kamen aus fernen Orten, bis aus Moskau“, erzählt er weiter. „Sie verstärkten das völlig unterbesetzte Parteibüro. Aber nachdem sie erst drei Tage nach dem Unglück eintrafen, konnten sie gar nicht wissen, was sich dort inzwischen abgespielt hatte. Trotzdem übernahmen sie das Kommando und gaben Anweisungen. Dabei waren sie selbst kaum informiert über das Ausmaß dessen, was vorgefallen war.“

Die freiwilligen Helfer waren damals meist Wehrpflichtige in der Grundausbildung, abkommandierte Soldaten aus Afghanistan und Männer aus Prypjat, sofern sie noch arbeitsfähig waren. Alle mussten sich im Parteibüro melden. Die überforderten Verantwortlichen dort haben versucht, die notwendigen Arbeiten zu organisieren, Aber weil sie selbst kaum Informationen über das wahre Ausmaß der Katastrophe hatten, waren ihre Anweisungen oft widersprüchlich. „Diese Leute haben uns oft im Unklaren gelassen“, erinnert sich Valentina voll Wehmut und Verbitterung. Aljoscha schweigt. Nach einiger Zeit sagt er: „Was damals passierte, das hat uns zusammengeschweißt.“

Auf den Reaktorkomplex „Lenin“ waren sie stolz gewesen.

Die 700 jährige Kleinstadt Tschernobyl liegt am Fluss Prypjat. Ein hübsches Stück Land, auf dem 1971 das Kraftwerk „Lenin“ erbaut wurde. Damals brauchte man viele Arbeiter. Sie kamen in Scharen, so auch Aljoscha und Valentina. 1976 legte man den Grundstein für die zwei Kilometer entfernte Trabantenstadt Prypjat. Zu diesem Zeitpunkt deckte das Werk bereits ein Viertel des ukrainischen Energiebedarfs. Die Frauen und Männer waren stolz und zeigten es.

Acht Blöcke sollten entstehen, und als der Fünfte und Sechste im Bau war, geschah das Unglück. Alle arbeitsfähigen Männer mussten zum Einsatz nach Tschernobyl, zwei Wochen arbeiten, zwei Wochen zur Erholung. Anfangs räumten sie in ihren eigenen Sachen. Schutzkleidung gab es damals noch nicht für jeden. An der Kleidung klebte schließlich der ganze Dreck dran. Nur für die Maßnahmen direkt am Block wurden keine Arbeiter eingesetzt, sondern Soldaten. Sie wurden zu Helden, was viele mit ihrem Leben bezahlten.

Aljoscha hatte Glück. Während die anderen auf die Dörfer im Umkreis von einhundert Kilometer verteilt wurden, durfte Aljoscha sofort ans Schwarze Meer zu seiner Frau und der Neugeborenen reisen. Zwei Wochen dauerte diese Freude, dann kehrte er zurück und meldete sich im Bezirksbüro der KPdSU. „Du arbeitest in Tschernobyl“, zischte der bärtige Sekretär im Büro: „Du schläfst hier im Wohnheim in Poleskoje. Du fährst jeden Morgen zum Arbeitsort und abends zurück.“

Die Radioaktivität schlich sich in die Glieder der Menschen

Aljoscha wurde zum Betonmischen eingeteilt. Ständig wurde dieser graue Betonrohstoff angekarrt, der später die Hülle über dem schwelenden Wrack des Blockes 4 bildete. Bis dahin waren bereits 1.800 Tonnen Sand mit Hubschraubern über dem Block abgeworfen worden. Es war immer der gleiche Ablauf, Beton aufladen, umfüllen, anrühren und transportfähig machen. Und schon bald wurde die Betonhülle „Sarkophag“ genannt. Jeder der Arbeiter hatte Angst, doch sie zeigten sie nicht, räumten wortlos ihre Spinde ein und machten ihre Arbeit. Aber die Radioaktivität schlich langsam in ihre Glieder. Auch Aljoscha hatte seine Not. Dieses wunde Gefühl im Mund ließ ihn an manchen Tagen kaum einen Bissen schlucken, obwohl das Essen ausgezeichnet schmeckte.

Er kam ins Krankenhaus von Poleskoje, welches eigens für die Arbeiter aus Tschernobyl reserviert war. Ununterbrochen bellte sein Husten. Das laugte seinen Körper aus, bis er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Das Krankenhaus war gut bewacht, niemand kam ohne Genehmigung hinein, selbst das Personal unterlag jedem Morgen strengsten Kontrollen.  Vor allem wurde die radioaktive Strahlung getestet.

Ständig musste der Boden um das Kraftwerksgelände mit Wasser benetzt werden, damit die vorbeifahrenden Fahrzeuge keinen Staub aufwirbelten. Und an den Fenstern der Patientenzimmer wurden die Öffnungsriegel entfernt.

Aljoschas Zimmergenosse hatte es schlimmer erwischt als ihn selbst. Er war vom Betonstaub krank geworden, aber bei ihm kam noch die Strahlenkrankheit dazu. Davon sollte er sich im Krankenhaus von Poleskoje erholen. Der Kollege hatte sehr viel Gewicht verloren. Kantig ragten seine Ellenbogen unter den weißen Laken hervor. Seine Wangen waren eingefallen, die Lippen blass und bläulich angelaufen. Er atmete unregelmäßig und sein Brustkorb hob und senkte sich, je nach dem wie viel Luft die Lungen einsaugen konnten. Bald wurde sein Atmen zum Röcheln. Aljoscha hielt seine Hände, blickte in lebenswillige Augen, bis dem Mann der letzte Luftstoß entwich.

Block 3 von Tschernobyl bei Nacht  
Kiew, Freundin von Irina mit ihren Kindern  
Demonstration gegen Tschernobyl, organisiert durch die russisch-orthodoxe Kirche in Slowutitsch  
Demonstration gegen Tschernobyl, organisiert durch die russisch-orthodoxe Kirche in Slowutitsch  
Die neue Heimat vieler Menschen aus Prypiat und Tschernobyl: Wohnung in der Kiewer Altstadt, Blick aus dem Fenster  
Die neue Heimat vieler Menschen aus Prypiat und Tschernobyl: Wohnung in der Kiewer Altstadt, Blick aus dem Fenster  
     
Prypjat, die einstige Einkaufsstraße  
Prypjat, die einstige Einkaufsstraße  
Radio für den Empfang des Russischen Staatssenders. Es war nicht notwendig ihn zusätzlich zur Antenne, mit Strom zu versorgen.  
Radio für den Empfang des Russischen Staatssenders. Es war nicht notwendig ihn zusätzlich zur Antenne, mit Strom zu versorgen.  
Viele neue Viertel entstehen in Kiew, das die meisten aus Tschernobyl evakuierten Menschen aufgenommen hat.  
Viele neue Viertel entstehen in Kiew, das die meisten aus Tschernobyl evakuierten Menschen aufgenommen hat.  

Abschied für immer

„Seinen Namen habe ich niemals erfahren“, bedauert Aljoscha heute: „,Mach’s gut Genosse.’ Das waren seine letzten Worte.“

„Die meisten Arbeiter, die zur Zeit der Explosion ihren Dienst im Werk leisteten, starben später an der Strahlenkrankheit“, fügt Valentina hinzu. „Trotz dieser Aussichten kamen immer neue Arbeiter“, erzählt ihr Mann: „Eine neue Trabantenstadt wurde aus dem Boden gestampft; Slowutitsch, fünf Kilometer vom Werk entfernt. Dort werden heute neue Ehen geschlossen und Kinder geboren.  Nur in Prypjat, da wuchert das Unkraut. Erst am 15. Dezember 2000 hat man den letzten Reaktorblock abgeschaltet.“

Valentina erinnert sich genau an die Zeit, als sie wegfuhr. An zartgrüne Mischwälder, die sich über sanfte Hügel erstreckten, an die sandigen schmale Wege zwischen saftigen Feldern. Die Seen und die Seitenarme des Dnjepr leuchteten zwischen Birken, Weiden, Pappeln und allerlei Kiefernhölzern hervor im Sonnenlicht, an den Ufern mit Schilf gesäumt, das sich im Wind wiegte.

„Kennst du Stalker, den Film von Tarkovski, die Zone, genauso muss es nach dem Unfall im Werk ausgesehen haben? - Wir Ukrainer nennen es auch einfach die Zone. An der eisernen Brücke, dort wo die vierspurige Ausfallstraße beginnt, wurde die Stadt dicht gemacht. Da stand ein Schlagbaum und vier Mann von der Armee. Es war nur noch erlaubt, mit einem propuste, einer Zugangserlaubnis, die Zone zu betreten.“

Für einen Moment verschnauft Valentina, als wollte sie mir etwas Zeit geben, ihre Ausführungen zu verarbeiten. „Ich hatte ja Glück. Viel habe ich da nicht mitbekommen“, gesteht sie: „Ich konnte gleich verreisen, wegen der Kinder.“

Es kam ein Sommer auf die Krim – Aljoscha verschwand in Tschernobyl

Jewpatorija, Halbinsel Krim, im Juni 1986. Die Luft roch nach Salz und die Hitze nach den in Fett gebackenen Teigtaschen, welche die Leute gern essen. Die offene Weite der Küste lockte mit ihren hohen Gipfeln: AiPetri und Kemal-Jegereg. Sie klangen wie eine jahrhundertealte Geschichte. In den 70ziger Jahren wurden die Hotelburgen hochgezogen, zehn bis fünfzehn Stöcke. Triste Hochhäuser, aber damals war es der Menschen ganzes Glück. Gemeinsam erkundeten sie die Strände, schlenderten durch die Einkaufsstraßen und entdeckten bei ihren Wanderungen die Umgebung.

Dann kehrte Aljoscha nach Tschernobyl zurück. Tage, Wochen verstrichen. Er meldete sich nicht, keine Nachricht. Es war, als sei er im Nichts verschwunden. Nicht einmal, ob er gut angekommen war, wusste seine Frau, wo er arbeitete, wo er schlief und ob er zurückkommen würde. Bald kamen die Schlüssel für ihre neue Wohnung und Valentina zog mit den Kindern nach Kiew.

Sie vertrieb die Zeit damit, sich beim Meldeamt zu registrieren, eine Anmeldung für neue Möbel zu erhaschen und die Finanzierungshilfe von 200 Rubel, etwa ein Monatsgehalt, abzuholen. In den Nächten lag sie dann wach und versuchte ihre Sehnsucht zu bekämpfen. Sie horchte auf den Atem der Kinder, die ruhig in die Nacht schlummerten. Die Geräusche der Nachbarschaft, die einst in der alten Heimat so vertraut waren, kamen ihr befremdlich vor.

Für ihren Aljoscha wollte sie eine neue Arbeit finden, dafür stand sie beim ORS an, der Abteilung für die Unterstützung der Arbeitssuchenden. Die Frau hinter dem Schalter notierte Namen und Qualifikationen, vorsichtshalber schrieb sie auch Valentinas Personalien dazu.

Nach dem Krankenhausaufenthalt meldet sich Aljoscha

Endlich hatte das Warten ein Ende. Aljoscha meldete sich. Er lag für einige Wochen im Krankenhaus. Jetzt ginge es ihm gut, und man genehmigte ihnen, ihre Sachen zu holen. Noch einmal konnten sie zurück, zurück zu ihrem einstigen Zuhause nach Prypjat. Das war am 23. September 1986. Für zwei Stunden durften sie in ihre alte Wohnung und ihre persönlichen Dinge packen. Nochmals wurde ihre Wohnung von einem Bediensteten der Tschernobyler Verwaltung auf Strahlung geprüft. Niemand hatte ihre Wohnung betreten, im Kühlschrank moderte der Pilz vor sich hin. Die Kleidung für die Kinder nahm Valentina nicht mit. Diese hatte sie bereits nachgekauft.

Draußen herrschte Totenstille, ebenso in der Wohnung. Die Luft war herbstlich kühl und die Bäume kahl. Alle, die mit Aljoscha und Valentina noch einmal zurückgekommen waren, erhielten einen Müllsack, in welchem sie alles legen sollten, was ihnen wichtig erschien. Alles wurde kontrolliert.

„Aufmachen“, sagte der Mann. Das laute Knattern des Geigerzählers barg einen inneren Schmerz. Immer höher wuchs der Haufen, auf welchem die alten Sachen lagen. Immer wieder schlug der Zeiger aus. Immer länger wurde die Schlange der Wartenden. Und ständig wiederholte der Mann: „Auf den Haufen da. Auskippen.“ Ob Vorder- oder Hintermann, alle hatten das gleiche Leid zu verdauen. Lediglich die Fotoalben und ihre Papiere konnten die meisten retten, alles andere war zu sehr verstrahlt.

Kiew, ein neues Zuhause

„Sie taten ihre Pflicht“, erklärt Aljoscha. - „Wir taten unsere Pflicht“, korrigierte ihn Valentina. „Einige Arbeiter hatten damals ihre Skepsis gegenüber diesem Bau, doch es ist noch heute die einzige Lösung, unseren unheimlichen, zuweilen verschwenderischen Energiebedarfs zu decken. Wir geben eine Unmenge Geld für andere Energiegewinnungsanlagen und die Bekämpfung von Atomenergieanlagen aus, anstatt dieses Geld dafür zu nutzen, diese sicher zu machen“, erregt sich Aljoscha: „Da herrschen neue Meinungen. Da wollen sich Leute profilieren. Es geht ums Geld, nicht ums Überleben.“

Aljoscha hat 1987 einen Job bei einer Baufirma in Kiew gefunden. Die Katastrophe galt für ihn als abgeschlossen. Er lebt noch. Aber wer denkt an die zahllosen Männer und Frauen, die ihre Lebenspartner verloren, durch plötzliches Herzversagen oder Leukämie, durch Lungen- oder Schilddrüsenkrebs. Heute arbeitet er noch immer auf dem Bau, nur die Firma ist schlanker geworden seit der politischen Wende. „Es ist seltsam, jetzt, wo wir in einer Demokratie leben“, meint sie und lacht: „halten die Menschen weniger zusammen als damals.“

Stolz erzählen die beiden von ihren Mädchen. Von Irina, die bereits selbst zwei Kinder hat und mit ihrem Mann vor vier Jahren nach Moskau gezogen ist. Von Aljona, die gerade ihre erste Arbeit in Sankt Petersburg angenommen hat. „In zwei Monaten hat sie Geburtstag“, sagte Valentina damals im Februar: „Zwanzig Jahre ist das nun her.“

„Wir leben noch“, lässt sich Aljoscha zuversichtlich vernehmen. „Irgendwann wird die Vergangenheit vorbei sein.“ - Die Pelmeni waren vorzüglich, die Stunden so schnell vergangen. Als wir vor die Tür treten, ist es kalt, Schnee bedeckt den Gehweg, die Straßen, Häuser, Plätze und Alleen der „grünen Stadt“ Kiew. Die weiße Pracht fällt vom Himmel. Ich halte die Hände auf, um einige Flocken aufzufangen und denke: Sie haben erhöhte Strahlenwerte, oder?

*

Jan Balster arbeitet als Freier Bild- und Reisejournalist für in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage. Von ihm erscheint im Herbst 2006: Zu Fuß von Dresden nach Dublin (edition ost Verlag, Berlin). 3.100 Kilometer legte Jan Balster zurück – auf Schusters Rappen, wie man so sagt. Vom Ufer der Elbe bis an den Atlantik, quer durch Westeuropa via Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Irland. – Und das ohne einen Euro in der Tasche….
Weitere Informationen unter: www.auf-weltreise.de.

Fotoausstellung GUS Osteuropa

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