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Winter-Olympiade am Schwarzen Meer

Winter-Olympiade am Schwarzen Meer

Das russische Badeparadies Sotschi kämpft gegen Salzburg und Pyeongchang (Südkorea) um die Winterspiele 2014. Die Schwarzmeer-Metropole ist der exotischste der drei verbliebenen Kandidaten, die das IOC in die engere Wahl genommen hat. Neun Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren in den Ausbau der Infrastruktur fließen. Für Wladimir Putin wäre die Vergabe der Spiele nach Sotschi die Krönung seiner im Jahre 2008 auslaufenden Amtszeit. Allerdings regt sich Widerstand in der Bevölkerung, denn viele Bauvorhaben im Kaukasus liegen in Naturschutzgebieten.

Von Julia Uraktschejewa

Winter-Olympiade Olympia unter Palmen – im russischen Sotschi am Schwarzen Meer ist das möglich. Foto: Tatjana-Cherkezyan  
Winter-Olympiade Olympia unter Palmen – im russischen Sotschi am Schwarzen Meer ist das möglich. Foto: Tatjana-Cherkezyan  

O lympische Winterspiele unter Palmen. Dies ist nicht etwa eine Horrorvision in Zeiten des Klimawandels sondern die Wunschvorstellung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die russische Schwarzmeer-Metropole Sotschi hat es unter die letzten drei Kandidaten für die Olympischen Winterspiele 2014 geschafft und muss nun nur noch Salzburg und das südkoreanische Pyeongchang aus dem Rennen schlagen.

Neun Milliarden wollen sich der russische Staat und private Investoren das Abenteuer Olympia kosten lassen. Und diese sind auch nötig, denn bislang sind die meisten olympischen Stätten nur als 3D-Animation zu besichtigen. Wo künftig der Eispalast stehen soll, ist heute nur ein brachliegendes Feld und ein Dorf. Insgesamt elf olympische Komplexe sollen gebaut werden, womit Sotschi zur größten Baustelle in der Geschichte der Winterspiele werden würde.

Von der subtropischen Küste in den verschneiten Kaukasus

Zwei olympische Dörfer – eines im Kaukasus, eines an der Küste – müssen errichtet werden, dazu eine Rodelanlage samt Tribüne, ein 40.000 Zuschauer fassendes Olympiastadion und auch eine Arena für Curling. Diese Sportart ist in Russland praktisch unbekannt. Beim Besuch der Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) lobte IOC-Vize-Präsident Chiharu Igaya Sotschi als „einzigartigen Bewerber“. Die ambitionierten Bauvorhaben hält er für „eine Herausforderung, aber kein Problem.“

Die russische Riviera um Sotschi gilt seit Jahrzehnten als Synonym für Meeresurlaub. Dahinter aber locken die schneesicheren Hänge in den Ausläufen des Kaukasus. Jeden Sommer verzehnfacht sich die Bevölkerung in der Küstenstadt, wenn vor allem Moskauer in Scharen ans Schwarze Meer fahren. Viele Einwohner vermieten in der Hochsaison ihre Wohnungen und leben dann die übrigen Monate davon. Im Winter, wenn die Urlaubshektik vorbei ist, unterscheidet sich Sotschi dann nur noch durch die Vegetation von anderen großen russischen Städten. Denn vor den grauen, mehrstöckigen Gebäuden sowjetischer Bauart wachsen Palmen, Magnolien und Bambussträucher.

„Zusammen gewinnen wir“

Werbung für Olympia in Sotschi. Foto: Tatjana-Cherkezyan.  
Werbung für Olympia in Sotschi. Foto: Tatjana-Cherkezyan.  

Die Eislaufanlagen, das Medienzentrum und alle Hallenwettbewerbe sollen an der Küste in Imeretinskaja Dolina gebaut werden, einer kleinen Siedlung in der Nähe der georgischen Grenze. Dort leben derzeit 6000 Menschen, die den Neubauten weichen müssen. Sie sollen mit Wohnungen anderswo entschädigt werden. Als die Einwohner dagegen protestierten, zog Gouverneur Alexander Tkatchew wenige Tage vor dem IOC-Besuch das Vorhaben zurück. Die Bevölkerung ist sich aber nicht sicher, ob das nicht nur leere Worte waren, um die Situation kurzfristig zu beruhigen.

Das Motto der Bewerbung von Sotschi lautet „Zusammen gewinnen wir“. Und die Bevölkerung der Stadt steht laut Umfragen auch zu 86 Prozent hinter der Bewerbung. Das sagt zumindest Bürgermeister Viktor Kolodjaschnij. Iraida Eremina von der Organisation „Unser Sotschi“ sieht das anders. „Man hat uns Einwohner nicht gefragt, ob wir die Olympischen Spiele hier wollen oder nicht“, sagt die Journalistin. „Wir sind gastfreundlich, aber wir möchten, dass man uns fragt. Dann könnte sich die Stadtverwaltung auf die wahre öffentliche Meinung stützen anstatt sie sich auszudenken. Ich unterstütze die Olympischen Spiele, aber die Sommerspiele.  Hier gibt es eine ganze Menge Schulen, die sich auf Sommersportarten spezialisieren“.

„Unser Sotschi“ hat vor dem IOC-Besuch eine Protestaktion im Stadtzentrum organisiert, um auf die sozialen Probleme in der Stadt hinzuweisen. „Die Olympischen Spiele werden ein Tanz auf dem Vulkan, die Winterspiele brauchen nur die Abgeordneten und Geschäftsleute, die Bauverträge bekommen“, meinte eine Demonstrantin.

Über 80 Prozent der Anlagen sind in einem Nationalpark geplant

Naturschützer kritisieren, dass 84 Prozent der olympischen Anlagen in einem Nationalpark geplant seien. Der Westkaukasus gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. „Die Olympiade dient als Vorwand für die Bebauung der einzigartigen Wälder“, sagt auch die russische Sektion von Greenpeace. Die Organisation hatte gegen die Ausbaupläne vor Gericht geklagt. Der für Olympia verabschiedete Generalplan sei rechtswidrig, da keine Umweltgutachten angefordert worden seine, argumentierte Greenpeace. Doch das Gericht wies die Klage ab.

Die Winterolympiade ist zu einer politischen Frage in Russland geworden. Staatspräsident Wladimir Putin gilt als Russlands prominentester Skifahrer. Während des IOC-Besuches posierte er demonstrativ in Krasnaja Poljana, dem teuersten russischen Skigebiet im Kaukasus. Hier sollen alle Skiwettbewerbe ausgetragen werden, auch wenn der Ort bisher noch kein einziges international bedeutendes Skirennen gesehen hat. Die olympische Trommel schlagen nahezu alle russischen Wintersportler. Eiskunstlauf-Weltmeister Jewgenij Pluschenko erklärt dann auch, warum Sotschi die Winterspiele sicher bekommen wird. „Weil der Präsident das gesagt hat.“

Die großen Staatskonzerne wollen mit von der Partie sein

Dabei sein ist alles – Werbung für die Winterspiele in Sotchi mit dem Nachwuchs. Foto: Tatjana-Cherkezyan.  
Dabei sein ist alles – Werbung für die Winterspiele in Sotchi mit dem Nachwuchs. Foto: Tatjana-Cherkezyan.  

Großes Interesse an Winterspielen in Sotschi haben neben dem Präsidenten und den Sportlern auch die großen Konzerne in Russland. Rund 40 Prozent der geplanten Investitionen werden privat finanziert. Gazprom und die Investmentgesellschaft Interros engagieren sich intensiv in Skiort Krasnaja Poljana, Aluminium-Magnat Oleg Deripaska ist seit einigen Monaten im Besitz des gerade ausgebauten Flughafens. Die Investoren konkurrieren um jedes Objekt, sagt German Gref, der Minister für wirtschaftliche Entwicklung. Das lässt die Grundstückspreise steigen.

Olympia wird zum großen Geschäft: In Imeretinskaja Dolina, einem Dorf ohne Gas und ohne Infrastruktur, kostet der Quadratmeter bereits mehr als 400 Euro. Es sind vor allem wohlhabende Moskauer, die sich in und um Sotschi Villen mit Blick aufs Meer bauen. Das ehemalige sowjetische Sanatorium Rodina wurde zu einem Grand Hotel umgebaut, in dem eine Nacht durchschnittlich 1000 Euro kostet. Im Rodina wurde der IOC-Kommission auch die Kandidatur im Detail vorgestellt. Bewerbungschef Dmitri Tschernischenko sagte zu Beginn seiner Präsentation, er wolle, dass die Evaluierungskommission ein „Gefühl für ein neues Russland“ bekomme. 

Wie weit Sotschi aber tatsächlich noch von Olympia entfernt ist, wurde Ende März deutlich. Da war die IOC-Delegation schon lange wieder abgereist. In Krasnaja Poljana wurde der einzige öffentliche Skilift auf Wunsch der Stadtverwaltung geschlossen. Das Ski-Unternehmen sei nämlich nicht in der Lage, die Sicherheit rund um Pisten und Lift zu gewährleisten.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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