„Wir bestehen alle nur aus Sternenstaub“EM-INTERVIEW

„Wir bestehen alle nur aus Sternenstaub“

„Wir bestehen alle nur aus Sternenstaub“

Seit dem Urknall sind große Teile des Universums miteinander verschränkt. Was in fernen Galaxien geschieht, hat immer auch Auswirkungen auf uns. Gedanken, Bewusstsein, Geist und Seele sind so real wie Atome. Leben ist die am höchsten entwickelte Form der Materie. Der Wissenschaftsjournalist Dr. Rolf Froböse zeigt im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin auf, wie die moderne Quantenphysik Wege zu einem ganzheitlichen Weltbild eröffnet.

Von Hans Wagner

  Zur Person: Rolf Froböse
  Dr. Rolf Froböse arbeitete nach dem Studium der Chemie als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft, war Ressortleiter beim Technologiemagazin „high Tech“ und Chefredakteur der Zeitschriften „Chemische Industrie“ und „Europa Chemie“. Seit 1995 berichtet er als freiberuflicher Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist über Themen aus Forschung und Technik. Aus seiner Feder stammen bereits mehrere populäre Sachbücher, darunter Bestseller wie „Die geheime Physik des Zufalls“.
Dr. Rolf Froböse  
Dr. Rolf Froböse  

E urasisches Magazin: In Ihrem Buch „Der Lebenscode des Universums“ schreiben Sie, dass ein Teilchen A, welches sich beispielsweise auf einem Planeten im Lichtjahre entfernten Andromedanebel befindet, spontan auf eine Änderung reagiert, die auf ein damit verschränktes Teilchen B auf Ihrem Schreibtisch ausgeübt wird. Und das simultan, zeitgleich mit mindestens hunderttausendfacher Lichtgeschwindigkeit. Was haben Sie empfunden, als Sie dieses doch eigentlich unfassbare Phänomen der Quantenwelt zum ersten Mal formuliert und hingeschrieben haben?

Rolf Froböse: Bei der Formulierung dieses Phänomens wurde mir so richtig bewusst, dass die klassische Schulphysik nur einen Teil der Realität beschreibt. Diese ist aber in eine sehr viel umfassendere Wirklichkeit eingebunden. Die moderne Quantenphysik zeigt Wege auf, wie wir zu einem ganzheitlichen Weltbild gelangen können.

Wenn in Schanghai ein Sack Reis umfällt

EM: Was bedeuten Verschränkung und Nichtlokalität? Kann man das in einem Satz auf den Punkt bringen?

Froböse: Verschränkung und Nichtlokalität sind die Ursprache des Universums und der Schlüssel für eine einheitliche und allumfassende Beschreibung der Natur.

EM: Heißt das, es ist gar nicht so, dass uns der Sack Reis, der in Schanghai umkippt, absolut kalt lassen muss, weil er doch keinerlei Beziehung zu uns habe? Kann es sein, dass auch seine verschränkten Teilchen durchaus eine simultane Fernwirkung auf uns haben und umgekehrt, auch wenn wir sie nicht spüren?

Froböse: Das Verschränkungsprinzip bewirkt, dass wir in einem partizipatorischen Universum leben, in dem wir mit allem auf subtile Weise verbunden sind. Das gilt folgerichtig auch für den umfallenden Sack Reis in Schanghai.

Unser Gehirn ist jedem Parallelrechner haushoch überlegen

EM: Es erhebt sich nun die Frage: Was ist der Grund dafür, dass wir uns die Annahme von der Beziehungslosigkeit des Reissackes zu uns leisten können? Oder anders gefragt, warum bekommen wir weder von den Teilchen im Andromedanebel etwas mit, noch von jenen in Schanghai?

Froböse: Weil unser Gehirn auf ganz phantastische Weise in der Lage ist, bei Sinneseindrücken, ganz gleich über welchen Kanal sie empfangen werden, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Beispiel: Herr Jedermann wartet am Flughafen in der Ankunftshalle auf einen Bekannten. Überlegen Sie sich einmal, wie viele optische und akustische Sinnesreize auf diese Person einwirken? Hunderte von Menschen, Restaurants, Check-in-Schalter, Anzeigetafeln, Lautsprecherdurchsagen – schlicht die gesamte Dynamik des Flughafenbetriebs – sorgen zunächst für eine Informationsflut, die kanalisiert werden muss. Bis Herr Jedermann seinen Bekannten schließlich geortet hat, sind rund eine Million anderer Sinneseindrücke von seinem Gehirn – das übrigens jeden künstlichen Parallelrechner meilenweit in den Schatten stellt – empfangen, bewertet und kanalisiert worden. Dies gilt sinngemäß auch für jene Signale, die wir vermutlich trillionenfach über das Verschränkungsprinzip der Quantenphysik erhalten.

„Ohne Lichtwellen könnten Blicke weder gesendet noch empfangen werden“

EM: Wenn Sie Ihre Blicke zum Andromedanebel richten oder wenn Sie mir aus nächster Nähe in die Augen sehen, besteht Blickkontakt. Woraus bestehen Blicke? Sind Blicke Quanten, Wellen und Teilchen?

Froböse: Blicke sind für sich betrachtet zunächst weder Quanten, noch Wellen oder Teilchen. Aber: Wenn wir etwas betrachten, dann wird dieser Sinneseindruck über die Pupillen auf lichtempfindliche Nervenzelle geleitet, wo er zunächst in elektrische Impulse verwandelt wird. Von dort aus treffen die Informationen in der Sehrinde ein, wo eine differenzierte Analyse stattfindet. Die unterste Ebene dieser Informationsverarbeitung erfolgt über atomar kleine Strukturen, die wiederum Quanteneigenschaften aufweisen. Das heißt, ganz gleich ob wir zum Andromedanebel blicken oder jemandem in die Augen schauen: Die Bewertung dieses Sinneneindrucks findet letztendlich wieder auf der Ebene der Quanten statt.

EM: Woraus bestehen also Blicke? Aus Licht?

Froböse: Der Blick ist ein Vorgang, den wir bewusst oder unbewusst vornehmen oder manchmal auch „riskieren“. Der Blick selber kann somit nicht mit einer Substanz oder Welle in Verbindung gebracht werden. Ähnlich wie die geöffnete Linse einer Kamera bedient sich der Blick aber des Lichts. Ohne Lichtwellen könnten Blicke weder gesendet noch empfangen werden.

„Vor allem Visionäre haben die Naturwissenschaften beflügelt und vorangebracht“

EM: Als „Biophotonen“ bezeichnet der deutsche Biophysiker Fritz-Albert Popp jenes Licht, das er in Lebewesen entdeckt hat. Er spricht von einem schwachen Leuchten in allen lebenden Zellen, das nur wenige Quanten pro Sekunde und Quadratzentimeter abstrahle, entsprechend dem Schein einer Kerze aus zwanzig Kilometern Entfernung. Popp ist nicht anerkannt. Hat er Unrecht?

Froböse: Eines vorweg: Ich habe vor allen Naturwissenschaftlern großen Respekt, die bereit sind, ausgetretene Pfade zu verlassen, um neues Terrain zu erschließen. Und ob jemand heute anerkannt ist oder nicht, kümmert mich herzlich wenig. Die Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass es vor allem Visionäre waren, die die Naturwissenschaften beflügelt und vorangebracht haben. Ein Beispiel liefert Alfred Wegener, dessen fundamentale Erkenntnisse zur Kontinentalverschiebung erst posthum anerkannt wurden, während er zu Lebzeiten von den Dogmatikern nur Spott und Hohn erntete.  

Wie in der „etablierten“ Wissenschaft sind auch Visionäre nicht vor Irrtümern gefeit. Ich persönlich glaube nicht, dass es eine besondere Art von Photonen gibt, die wir mit der Vorsilbe „Bio“ versehen müssen. Vielmehr verschwinden auf Quantenebene die Unterschiede zwischen „belebt“ und „unbelebt“. Ganz nüchtern betrachtet ist Leben die am höchsten entwickelte Form der Materie.

EM. Die Biophotonen, so Popp, werden von Elektronen erzeugt, die durch das Ur-Licht der Sonne angeregt werden. Sonnenlicht sei „eine elementare Nahrungsquelle der meisten Lebewesen“. Er nennt uns „Lichtesser“ und „Lichtsäuger“. Ist das unwissenschaftlich?

Froböse: Das ist nicht unwissenschaftlich, sondern eine populärwissenschaftliche Umschreibung der Photosynthese. Wenn wir Energie im erweiterten Sinne als Nahrungsquelle bezeichnen, hat Popp durchaus Recht. Auch bei der Photosynthese laufen durch Licht induzierte Anregungsprozesse ab. Um diese Vorgänge zu erklären, müssen wir allerdings keine neue Art von Photonen aus dem Zylinder zaubern.

Dinge, die wir mit unseren „klassischen“ fünf Sinnesorganen nicht wahrnehmen können.

EM: Wie kommt es, dass wir unendlich weit in Sphären des Universums hinaus denken können, die wir nie kennenlernen werden? Warum „wissen“ wir davon?

Froböse: Weil wir letztendlich alle nur aus Sternenstaub bestehen und seit dem Urknall große Teile des Universums miteinander verschränkt sind. Über diese fundamentale Eigenschaft des Universums erfahren wir intuitiv Dinge, die wir mit unseren „klassischen“ fünf Sinnesorganen nicht wahrnehmen können.

EM: Ist es das, was Sie mit dem Satz ausdrücken: Ähnlich wie eine Ei- oder Samenzelle einen riesigen Informationspool enthält, der das aus der Vereinigung resultierende Leben unwiderruflich prägt, muss es vor dem Urknall einen Vorläufer des Universums gegeben haben, mit sämtlichen Daten, auf denen das heutige Weltall basiert?

Froböse: Eine klare Frage, die nach einer präzisen Antwort verlangt: Ja!

„Alle Materie weiß voneinander“

EM: Wenn es so ist, dass alle Materie voneinander weiß, haben die Geomantiker vielleicht doch Recht, die unsere Erde als ein Wesen sehen. Ein Wesen, das natürlich besondere Beziehungen zu uns Erdbewohnern hat. Und ein Wesen, das durch geheimnisvolle Kräfte nach den Gesetzen der Quantenphysik auch auf uns wirkt?

Froböse: Über die Gesetze der Quantenphysik stehen wir natürlich auch zu unserer Erde in einer Beziehung. Deswegen muss man die Erde aber nicht als Wesen bezeichnen. Denn wie bereits gesagt verschwinden auf der Quantenebene die Gegensätze zwischen belebt und unbelebt.

EM: Entstehen eigentlich Verschränkungen auch in unserer Zeit immer von neuem? Oder sind sie seit dem Urknall festgelegt?

Froböse: Das ist eine Frage, die ich nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Ich gehe davon aus, dass große Teile des Universums seit dem Urknall verschränkt sind. Jetzt gibt es aber Prozesse im Universum, die Verschränkungen zerstören. Ein typisches Beispiel ist eine Supernova, also ein explodierender Stern. Jetzt weiß man aber, dass sich Verschränkungen auch durch Laser oder starke Magnetfelder hervorrufen lassen. Da es im Universum neben extrem starken Magnetsternen auch natürliche Laserquellen gibt, gehe ich davon aus, dass das Universum mit einer Reihe von Reparaturmechanismen ausgestattet ist, die einer Abnahme der Verschränkung entgegenwirken.

„Das gesamte Universum ist wahrscheinlich von Leben erfüllt“

EM: Was ist der Geist im All, der hinter allem steht? Was ist das Organisationsprinzip des Kosmos? Zielt es auf Leben ab?

Froböse: Ich persönlich gehe von einem Schöpfungsakt aus, denn die ungeheure Informationsmenge, die in einem winzigen Raumsegment unmittelbar vor dem Urknall gesteckt haben muss, kann unmöglich von selbst entstanden sein. Der Darwinismus kann zwar die Entstehung der Arten begründen, die eigentliche Kernfrage aber, nämlich die Entstehung der erste Gene, bleibt ungeklärt. Das Zufallsprinzip ist zu vernachlässigen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gen ad hoc aus einfachen Zutaten der Ursuppe entsteht, liegt bei eins zu zehn hoch tausend! Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass ein funktionsfähiger Rechner dadurch entsteht, indem man Tausende seiner Einzelteile einer Windhose überlässt. Vermutlich war die Entstehung des Lebens auf der Erde von Anfang an, das heißt auf molekularer Ebene, zielgerichtet, weil sich die gebündelte Quanteninformation des Universums bereits in den ersten Genen manifestiert hat. Das führt wiederum zu dem Schluss, dass das Universum wahrscheinlich von Leben erfüllt ist. Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg hat einmal gesagt: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Ich liebe dieses Zitat!

Der Lebenscode – die unbekannte Software des Universums

EM: Wie lautet der Lebenscode des Universums?

Froböse: Hinter dem „Lebenscode“ verbirgt sich die bislang unbekannte Software des Universums, eine unvorstellbare Informationsmenge, die mit dem Urknall freigesetzt wurde und unsere Evolution entscheidend beeinflusst hat.

EM: Wenn unser menschliches Gehirn auch aus den „Bausteinen“ des Urknalls hervorging und ein „gigantischer Quantencomputer“ ist, wie Sie schreiben, was sind dann unsere Gedanken, was ist unser Bewusstsein?

Froböse: Gedanken sind so real wie Atome und führende Wissenschaftler scheuen sich nicht mehr offen zu sagen, dass das Bewusstsein neben Raum, Zeit, Materie und Energie eines der Grundelemente der Welt sein könnte. So hat es unter anderem der britische Kernphysiker und Molekularbiologe Jeremy Hayward von der Cambridge University einmal zum Ausdruck gebracht.

EM: Real ja. Ich denke, und ich bin. Also sind Geist, Bewusstsein, Gedanken genau wie das Leben selbst eine Form der Materie?

Froböse:  Ja – denn die Materie, ganz gleich ob unbelebt oder belebt, ist immer dual. Das heißt, sie ist nicht nur etwas Kompaktes sondern zugleich eine Welle. Dass wir beispielsweise einen Stein oder ein Stück Eisen im alltäglichen Leben nur als „Stück Materie“ wahrnehmen, steht hierzu in keinem Widerspruch, denn auf der untersten Ebene der Atome und Moleküle besitzen auch Steine oder Eisenteile die Eigenschaften einer Welle. Bei Begriffen wie Geist,  Bewusstsein oder Gedanken ist es umgekehrt, denn hier tritt die Welleneigenschaft in den Vordergrund. Deswegen sind sie aber keineswegs weniger real. 

Gedanken, die einmal in der Welt sind

EM: Und die Seele?

Froböse: Geist und Seele sind eigentlich Synonyme – je nachdem, ob ich den Begriff philosophisch oder religiös betrachte. Demnach muss auch die Seele als etwas Reales betrachtet werden. Der bekannte Quantenphysiker Prof. Dr. Hans-Peter Dürr ist beispielsweise aus physikalischen Gründen von der Existenz einer unsterblichen Seele überzeugt. Ich teile und unterstütze diese Auffassung.

EM: Bedeutet das, dass auch der folgende Satz der Quantenphysik des Lebens entspricht, dass nämlich ein Gedanke, ein Wort, eine Parole, wenn sie erst einmal in der Welt sind, wenn sie formuliert und publik geworden sind, sich nicht mehr beseitigen lassen? Dass sie sich immer neue Gehirne suchen, sich verschränken und wie die Darwinschen oder Einsteinschen Gedanken Teil des Universums werden. Oder es gar seit eh und je sind?

Froböse: Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. Das ist eine Erkenntnis, die inzwischen auch von führenden Physikern vertreten wird.

EM: Wie werden die um sich greifenden Kenntnisse von der Quantenphysik unser menschliches Bewusstsein in Zukunft verändern? Wagen Sie eine Prognose?

Froböse: Der Urknall war ein Schöpfungsakt, der uns alle auch über ein unsichtbares Band miteinander verbindet. Wenn die Menschen bereit sind, diese Erkenntnis auch zu verinnerlichen, dann hoffe ich, dass die Menschen künftig friedlicher und respektvoller miteinander umgehen. Und was mir besonders am Herzen liegt: In der Annäherung von Naturwissenschaft und Theologie steckt auch das Potenzial, religiöse Konflikte dieser Welt zu lösen.
 
EM: Herr Froböse, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Astronomie Geschichte Interview Kultur

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