„Wir sind Berichterstatter, nicht Angehörige der Wehrmacht“EM-INTERVIEW

„Wir sind Berichterstatter, nicht Angehörige der Wehrmacht“

„Wir sind Berichterstatter, nicht Angehörige der Wehrmacht“

Klaus Bednarz hat sich Gedanken gemacht über die deutsch-russischen Beziehungen, über Probleme und gegenseitige Vorurteile. Und er hat versucht zu erklären, weshalb die Deutschen ein nahezu „mystisches“ Verhältnis zu dem Riesenreich im Osten haben. Im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin bedauert der als Chef von „Monitor“ bekannte Journalist und frühere Russland-Korrespondent der ARD, dass die russischen Medien noch immer viel zu wenig über Deutschland berichten.

Von Tatjana Balzer

Klaus Bednarz  
Klaus Bednarz
(Foto: Tatjana Balzer)
 
  Zur Person: Klaus Bednarz
  Klaus Bednarz ist promovierter Slawist und Osteuropa-Historiker.

Kürzlich war er wieder in Russland unterwegs, diesmal in Karelien. „Das Kreuz des Nordens“ heißt sein neuer Film, der am 30.12.2007 und 01.01.2008 im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird (jeweils um 21:45).

Die Filmreportage zeigt faszinierende Landschaften und zeichnet eindrucksvoll Schicksale von Menschen auf, die in diesem zwischen Russland und Finnland geteilten Gebiet leben.

E urasisches Magazin: Herr Bednarz, wie empfinden Sie die Darstellung von Deutschland in russischen Medien – und wie wird über Russland in deutschen Medien berichtet? Oft hört man die Meinung, dass die Beiträge über das jeweils andere Land noch immer so aussähen, als gäbe es weiterhin den Eisernen Vorhang.

Klaus Bednarz: In Massenmedien – Presse und Fernsehen – habe ich meine Beobachtungen seit 40 Jahren und kann behaupten, dass in den deutschen Zeitungen und im deutschen Fernsehen viel mehr über die frühere Sowjetunion berichtet wurde und es heute viel mehr Berichte über Russland gibt als umgekehrt. Und das ist das, was ich sehr beklage. Wenn ich überlege, welche Vielzahl von Filmen allein das ARD-Studio in Moskau in den letzten 30 Jahren produziert hat, dann ist das – im Vergleich zu dem, was im russischen oder sowjetischen Fernsehen über Deutschland gemacht wird oder wurde – ein Elefant gegen eine Maus.

EM: Das, was über Russland in ausländischen, auch in deutschen Medien berichtet wird, empfindet man in Russland oft als unzulässige Belehrung. Stimmt diese Sicht?

Bednarz: Ich kann nur für meine eigene Arbeit sprechen und für die Arbeit meiner Kollegen aus der ARD und dem ZDF. Das ist ein absurder Vorwurf uns zu sagen, wir wollten belehren. Wir messen das, was in Russland vor sich geht, nur mit dem, was diejenigen, die politische Verantwortung haben, selbst postulieren. Wenn der Präsident Russlands sagt: „Wir wollen Demokratie, wir wollen Entbürokratisierung, wir wollen Bekämpfung der Korruption, wir wollen eine saubere Umwelt“ und so weiter, dann messe ich diese seine Worte mit dem, wie die Realität tatsächlich aussieht. Und dann stelle ich fest, dass der schmutzige Krieg in Tschetschenien weitergeführt wird, dass die Bürokratie nach eigenen Aussagen der russischen Seite größer geworden ist, dass die Korruption nicht zurückgegangen ist. Dabei beziehe ich mich auf russische Berichte und auf russische Quellen.

„Ich berichte über Russland genauso wie ich über Politik in meinem eigenen Land berichte.“

EM: Also Sie geben wieder, was in Russland von den Russen selbst gesagt und berichtet wird?

Bednarz: Ja. Aber natürlich auch, was ich dann selber beobachte. Wenn man sagt, dass es in Russland Pressefreiheit gibt, dann kann man nicht eine Politik betreiben, dass es landesweit keinen unabhängigen Fernsehkanal mehr gibt. Dann kann man auch nicht zulassen, dass so viele Journalisten umgebracht werden und kaum einer der Fälle aufgeklärt wird. Wenn man sich auf der internationalen Bühne bewegt und sagt: „Wir gehen einen Weg hin zur Demokratie, zu Pressefreiheit, zum Umweltschutz“, und im eigenen Land stellen dann Menschen fest, dass es nicht so ist, dann ist es meine Pflicht als Journalist, darüber zu berichten. Ich will niemanden belehren, ich bin kein Missionar und war das auch nicht zu Zeiten des Kalten Krieges. Aber ich lasse meine journalistischen Maßstäbe nirgendwo verkommen. Ich berichte über Russland genauso wie ich über Politik in meinem eigenen Land berichte.

EM: Lassen die ungeheuren Dimensionen Russlands, seine verschiedene Volksstämme und die russische Geschichte es eigentlich zu, eine Demokratie wie in westlichen Ländern zu praktizieren? Oder ist ein eigener Weg nötig?

Bednarz: Das ist völlig klar. Natürlich muss jedes Land seinen eigenen Weg gehen. Es gibt auch im Westen ganz unterschiedliche Demokratien. Die föderale Demokratie in Deutschland ist anders als die präsidiale Demokratie in Frankreich. Auch im Vergleich zu den USA sind in westeuropäischen Ländern die demokratischen Systeme unterschiedlich. Aber es gibt gewisse Prinzipien wie die Bürgerrechte, die Menschenrechte, sie sind grundlegend für jede Form der Demokratie. In Russland haben wir - meine Kollegen und ich - nicht selten Äußerungen gehört wie: „Ihr versteht nichts von uns“, „Ihr berichtet immer falsch“, „Ihr sucht nur Bösartiges“. Als ob wir Angehörige der Wehrmacht wären. Wir sind Berichterstatter. Wir berichten das, was wir sehen.

EM: Verletzungen von Bürger- und Menschenrechten deckten Sie nicht nur im Ausland auf, wie eben in Russland, sondern auch in Deutschland, wo Sie langjähriger Leiter des innenpolitischen Magazins „Monitor“ waren. Welche Menschenrechte werden in Deutschland am häufigsten verletzt?

EM: In Deutschland werden immer wieder Menschenrechte und Bürgerrechte gegenüber Nichtdeutschen verletzt, seien es Asylbewerber, Flüchtlinge oder andere Menschen ausländischer Herkunft. „Amnesty International“ hat festgestellt, dass es auch in deutschen Polizeistationen vorkommt, dass Menschen nicht so behandelt werden wie sie im Rahmen der Gesetze behandelt werden müssten. Als ehemaliger Leiter von „Monitor“ habe ich mich 18 Jahre lang intensiv damit beschäftigt, was in unserem Land nicht in Ordnung ist. Dabei habe ich manchmal so viele Prozesse gehabt, sodass ich nicht wusste, wo diese alle stattfinden: einer in Hamburg, ein anderer in Frankfurt, noch ein anderer in Köln. Aber so war und ist das Motto von „Monitor“: „Den Mächtigen unbequem zu sein“. Das war meine Aufgabe als kritischer unabhängiger Journalist. Und ich lege meine journalistischen Maßstäbe nicht ab, wenn ich die Grenze der Bundesrepublik verlasse und anderswohin gehe. Wenn ich in Deutschland bin, berichte ich über deutsche Verhältnisse. Wenn ich in Russland bin, berichte ich über russische Verhältnisse. Ich berichte das, was ich da sehe. Und es ist mir völlig egal, ob ich mir dadurch Ärger mit Menschen einhandle, die die politische Verantwortung haben, in meinem Land oder in einem anderem.

„Nicht wenige glauben, nachdem es ja keinen Vergleich der Systeme mehr gibt, sondern nur Kapitalismus als vermeintlichen Sieger, dass er einfach der bessere Weg und das bessere politische und soziale Modell sei.“

EM: Teilen Sie die Meinung von manchen Beobachtern, dass der Untergang des Sozialismus auch die Balance des Kapitalismus zerstörte? In den Zeiten, als es sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus gab, schien der Kapitalismus menschlicher, gerechter, wohingegen er in der letzten Zeit mehr und mehr seine Raubtier-Natur zeige, nicht nur bei Managergehältern und „Heuschrecken“.

Bednarz: So wie sich der Kapitalismus jetzt entwickelt, kann es nicht weiter gehen – da bin ich mir ziemlich sicher. Der Kapitalismus nimmt jetzt eine Entwicklung, die zunehmend menschenverachtend ist und eine Gesellschaft von Egoisten produziert. Am Beispiel Deutschlands sowie am Beispiel anderer Länder sieht man deutlich, dass sich die Menschen wieder in zwei Klassen unterteilen. Und dies bedeutet, dass eine solche Entwicklung perspektivlos ist. Das wird auf Dauer zu einer Katastrophe führen, wenn es ungebremst so weiter geht. Nicht wenige glauben, nachdem es ja keinen Vergleich der Systeme mehr gibt, sondern nur Kapitalismus als vermeintlichen Sieger, dass er einfach der bessere Weg und das bessere politische und soziale Modell sei. Nun müsse man keine Rücksicht auf diese oder jene Werte wie etwa Gerechtigkeit und Menschenwürde mehr nehmen.

EM: Was kann man dagegen tun?

Bednarz: Es gibt darauf mit Sicherheit kein Patentrezept. Ich denke, es ist wichtig, dass die Entsolidarisierung in der Gesellschaft irgendwann wieder gestoppt wird oder das Tempo der Entsolidarisierung verringert wird. Das Gefälle zwischen der so genannten dritten Welt und der übrigen Welt muss abgebaut werden. Außerdem muss man davon wegkommen, dass sich eine Nation als der Weltgendarm empfindet. Man muss auch davon wegkommen, dass die eine oder andere Nation auf Grund ihrer Erdöl- oder Erdgasreserven die anderen Länder erpressen kann.

Ein Großteil der wichtigsten Sibirienforscher waren Deutsche

EM: Ihre Bücher über Russland sind immer unter den Bestsellern. Ihre Filme über verschiedene Regionen Russlands sind ebenfalls sehr beliebt. Womit ist das große Interesse der Deutschen an Russland zu erklären?

Bednarz: Das hat schon fast etwas Mystisches. Natürlich spielen dabei verschiedene enge Verflechtungen in der deutsch-russischen Geschichte eine wichtige Rolle. Schon unter den früheren Zaren sind deutsche Handwerker, Gelehrte, Siedler oder Bauern nach Russland gezogen. Außerdem waren viele Deutsche im Krieg in Russland und nach dem Krieg in der Gefangenschaft, oft in Sibirien. Und nicht alle, die aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kamen, haben darüber schlecht gesprochen. Mein Vater z. B. war in einem Lager im Ural, in Tscheljabinsk. Er erzählte von den vielen Kameraden, die dort verhungert waren, an Unterernährung und unbehandelten Krankheiten starben. Und er erzählte von den Bewohnern der umliegenden Dörfer, die den deutschen Gefangenen, wenn sie in Kolonnen zur Arbeit ausrückten, heimlich eine Kartoffel oder Rübe zusteckten. „Dabei waren sie selbst nahe am Verhungern“, sagte er dann. Er war stolz, im Lager Russisch gelernt zu haben, so dass er den Bauern in ihrer Sprache danken konnte. Es gibt natürlich viele Menschen, die über ihre erlittenen Strapazen in Russland geklagt und gewettert haben. Für sie war alles schlecht. Aber viele Deutsche haben auch differenziert berichtet. Es gibt außerdem noch sehr viele andere Berührungspunkte zwischen Deutschen und Russen. Ein Großteil der wichtigsten Sibirienforscher waren Deutsche. Die jakutische Grammatik stammt von einem Deutschen. Wenn man in Sibirien ist, stoßt man überall auf deutsche Namen, etwa Peter Simon Pallas, Alexander von Humboldt und viele andere. Sibirien hatte für die Deutschen immer eine Anziehungs – und Abschreckungskraft.

Gorbatschow als tragische Figur

EM: Sie sind vielen Politikern in Russland begegnet. Über Gorbatschow haben Sie sogar ein Buch geschrieben. Er wurde und wird in Russland anders eingeschätzt als im Ausland. Wie kommt das?

Bednarz: Gorbatschow ist eine tragische Figur. Er hat letzten Endes das Gegenteil von dem erreicht, was er erreichen wollte. Er wollte den Sozialismus stärken, hat ihn aber de-facto abgeschafft. Gorbatschow wollte die Sowjetunion stärken, hat sie jedoch de-facto zerstört. Andererseits ist er der Mann, dem wir die Überwindung der Ost-West-Spaltung in der Welt verdanken. Er hat das Prinzip „Kooperation statt Konfrontation“ durchgesetzt. Und er ist der Mann, dem wir Deutsche unsere Einheit verdanken. Nicht Helmut Kohl. Helmut Kohl hat einfach Glück gehabt, im richtigen Moment Kanzler zu sein. Gorbatschow ist eine Figur, die im Westen falsch eingeschätzt wird. Ich persönlich habe ihn nie für einen Demokraten gehalten. Wenn man die Geschichte genau anschaut, dann klebt auch an seinen Händen Blut. In Vilnius und Tiflis war Gorbatschow sicher nicht das, was man im Westen unter einem Demokraten versteht. Und wiederum war er jemand, der gesehen hat, dass die Sowjetunion so wie sie war, keine Chance hatte, international weiter zu bestehen. Aber seine Reformen haben dazu geführt, dass er in seinem eigenen Land genau das Gegenteil von dem erreichte, das er erreichen wollte. Und das ist die tragische Seite seiner Geschichte.

„Die kalte Heimat“

EM: Sie kamen 1955 als Kind mit ihren Eltern von Ostberlin nach Westdeutschland. Was hat Ihre Familie dazu bewogen, die DDR zu verlassen?

Bednarz: Wir waren politische Flüchtlinge. Mein Vater versuchte als überzeugter Christ seine Kinder im christlichen Glauben zu erziehen. Aber die jungen Pioniere in der damaligen DDR wurden vom Staat bewusst im atheistischen Geist erzogen. Das war für meinen Vater ein ganz schwerwiegender Grund zu sagen: „In diesem System, in dem keine Glaubensfreiheit herrscht, kann ich mit meiner Familie nicht leben“. Zudem hat er seine Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Er war ja Soldat und hat gesagt: „Das möchte ich nie wieder erleben. Ich möchte meine Kinder im christlichen Glauben erziehen, und in diesem Glauben gibt es keine Ideologie und keinen Führer außer Jesus“. Der 13. November 1955 war ein einschneidender Tag in meinem Leben. Wir ließen fast alles in Berlin zurück, und ich erinnere mich gut daran, wie wir zu viert - meine Eltern, mein Bruder und ich - mit fünf Koffern, einer Geige und einer Gitarre in Hamburg auf dem Flughafen ankamen. Wir hatten Verwandte, die damals dort lebten. Ich war 13 Jahre alt. Alles, womit ich aufgewachsen war – Freunde, Elternhaus – alles war weg, von einem Tag auf den anderen. Es zeigte sich, dass die Menschen in Hamburg anders sind als in Berlin. Darunter habe ich sehr lange gelitten. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich einen neuen Freundeskreis gefunden und mich eingelebt hatte.

EM: Sie haben viele Länder gesehen. Wo ist es am schönsten auf der Welt?

Bednarz: Es gibt viele faszinierende Regionen auf der Welt, aber für mich am eindrucksvollsten ist Sibirien und der Baikal. Wobei ich nicht nur über die Naturschönheit rede, sondern über die Gesamtheit dieser Region und ihrer Menschen.

EM: Sie nennen sich selbst „ein Mensch des Nordens“(северный человек). Warum gefällt Ihnen die Kälte so sehr? Deutschland ist ja kein nördliches Land.

Bednarz: Ich weiß es nicht, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Bei minus 20 Grad blühe ich auf. Bei solchen Temperaturen habe ich in Moskau Eishockey gespielt. Aber wenn Sie mir diese Frage stellen, dann komme ich zur Überlegung, dass dies vielleicht etwas mit der Region zu tun hat, aus der meine Großeltern väterlicherseits stammen und wo ich laufen gelernt habe, mit Ostpreußen. Die Menschen dort nannten selbst ihren Ort mit etwas Ironie, „die kalte Heimat“. Vielleicht kommt das davon, aber ich weiß es wirklich nicht.

EM: Herr Bednarz, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Interview Reise Russland

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