„Wir sind das Forum der deutschsprachigen Diaspora in St. Petersburg“INTERVIEW

„Wir sind das Forum der deutschsprachigen Diaspora in St. Petersburg“

Seit uber 275 Jahren berichtet die St. Petersburgische Zeitung aus Rußland. Das Eurasische Magazin sprach mit Ulrike Fischer, der Chefredakteurin der Zeitung.

Von Hartmut Wagner

 
Ulrike Fischer 

EM – Die St. Petersburgische Zeitung (SPZ) ist die älteste Zeitung von St. Petersburg und nach den Moskauer Vedomosti (gegr. 1703) die zweitälteste Zeitung Rußlands. Die Initiative zu ihrer Gründung ging noch von Peter dem Großen aus. Zwei Jahre nach seinem Tod, erschien im Jahr 1727 die erste Ausgabe der Zeitung, die dann ohne Unterbrechung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs publiziert wurde. Lange Zeit galt sie als eines der bedeutendsten deutschsprachigen Blätter Osteuropas. Während der sowjetischen Epoche Rußlands wurde das Erscheinen der Zeitung ausgesetzt. 1991 ist sie wiederbegründet worden und erscheint monatlich teils in deutscher, teils in russischer Sprache. Die SPZ wird kostenlos verteilt und kann außerdem gegen eine Gebühr abonniert werden.

Zum 300jährigen Stadtjubiläum von St. Petersburg ist der russischen Akademie der Wissenschaften vom Petersburger Goethe Institut eine nahezu vollständige Gesamtausgabe der St. Petersburgischen Zeitung überreicht worden. Die Zeitungsseiten wurden auf ca. 200 Filmrollen im 35-mm-Format übertragen. In Deutschland sind die Jahrgänge der SPZ, wenn auch sehr lückenhaft, in der Berliner Staatsbibliothek und der Landes- und Universitätsbibliothek in Bonn einsehbar.

Einen kleinen Einblick in die Geschichte der Zeitung bietet derzeit eine Ausstellung im Zentrum von St. Petersburg (Newskij Prospekt 32, Büro der Lufthansa). Reproduktionen des oft veränderten Titelblattes zeigen die wechselnden Geschmäcker der bisherigen Herausgeber der SPZ. Druckfolien, Fotografien und Schreibgeräte dokumentieren außerdem den Alltag russischer und deutscher Zeitungsmacher seit der Wiedergründung des Blattes im Jahr 1991.

Ulrike Fischer ist seit knapp einem Jahr Chefredakteurin der St. Petersburgischen Zeitung. In die Stadt an der Newa wollte sie schon immer. Schon von Kind an begeisterten sie die Erzählungen ihres Vaters, der zu den ersten deutschen Studenten gehörte, die nach dem Zweiten Weltkrieg in St. Petersburg studierten. Frau Fischers Arbeitsalltag besteht aus Schreiben, Redigieren, Übersetzen, aber auch aus Gesprächen mit Bewohnern von Plattenbausiedlungen am Stadtrand oder Besuchen von Pressekonferenzen. Aufgewachsen ist sie in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Studium (Journalistik, Ethnologie) arbeitete sie ein Jahr bei einer Nachrichtenagentur in Südafrika, danach drei Jahre lang für deutschsprachige Zeitungen im Altai-Gebirge und in Moskau. Das Interview mit Frau Fischer führte Hartmut Wagner.

Eurasisches Magazin: Gibt es in St. Petersburg tatsächlich genügend Leser für eine deutschsprachige Zeitung?

Ulrike Fischer: Wir sind eine Lokalzeitung mit Analysen aus Politik, Wirtschaft und dem kulturellen Leben in St. Petersburg. Die St. Petersburgische Zeitung liegt in Cafés, Restaurants und Hotels ebenso aus wie in den Generalkonsulaten Deutschlands und der Schweiz oder im Haus der Deutschen Wirtschaft. Unsere Leser sind Geschäftsleute, Diplomaten oder Touristen. Wir sind das Forum der deutschsprachigen Diaspora in St. Petersburg. Außerdem lesen uns Russen, die sich einfach für die deutsche Sprache interessieren oder geschäftlich im deutschsprachigen Raum zu tun haben. Darunter Professoren, Journalisten aber auch Studenten und Schüler. Die St. Petersburgische Zeitung ist Lehrmaterial an Schulen mit erweitertem Deutschunterricht und an der Fakultät für Journalismus der Petersburger Universität. Jeden Monat fragen Leser per Fax, Brief oder E-mail, ob sie die Zeitung bestellen können und laufend wollen Hotels oder Cafés in unseren Verteiler aufgenommen werden.

EM: Sie arbeiten jetzt seit fast einem Jahr in St. Petersburg. Wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit und das Leben in der Stadt?

Fischer: St. Petersburg ist eine Art Prinzessin auf der Erbse. Faßt man sie zu derb an, entblößt sie ungeahnt unattraktive Seiten. Aber ein Gang über den frisch renovierten Newskij Prospekt besänftigt alle finsteren Gedanken, die im dichten Gedränge der Metro oder beim Anblick der wochenlang ungeleerten Müllcontainer auftauchen. Die Stadt ist ein großes Dorf – optimal für Journalisten. Kontakte sind schnell geknüpft und werden auch gern weitervermittelt. An den interessanten Stellen kennt schon nach kurzer Zeit jeder jeden.

EM: Vermitteln deutsche Medien ein wahrheitsgemäßes Bild von Rußland?

Fischer: Rußland ist ein Moloch – im europäischen Vergleich beschreiben es deutsche Medien schon recht wahrheitsgetreu. Es ist oft schwer, dem Zuschauer oder Leser die Geschichte mehrerer Generationen als Hintergrundinformation zu liefern, nur um das Heute zu erklären. Schade, daß das normale Leben so wenig fotogen und die hoffnungsvollen Augenblicke so alltäglich sind, daß sie auf deutschen Mattscheiben recht verloren wären.

EM: Die St. Petersburgische Zeitung wird kostenlos verteilt. Wie finanziert sie sich?

Fischer: Wir bekommen Fördergelder vom Wirtschaftsministerium in Moskau. Das deutsche Auswärtige Amt finanziert eine Redakteursstelle, die das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart betreut. Und außerdem gibt es immer mal wieder eine Finanzspritze für Technik oder Dienstreisen. Der Bund der Vertriebenen übernimmt die Portokosten für alle Begegnungsstätten in der GUS, die unser Blatt bekommen. Einen kleinen Teil unserer Einnahmen bekommen wir durch Werbung und unsere Abonnenten im Ausland. Die russischen Leser beliefern wir zum Selbstkostenpreis.

EM: Gibt es Überlegungen, die SPZ zukünftig auch im Netz erscheinen zu lassen?

Fischer: Das ist unser nächstes Projekt: Schon Mitte Juni kommt ein Informatiker aus Omsk, der im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der SPZ und dem Theodor-Heuss-Kolleg (Robert Bosch Stiftung) unsere Internetseite aufbaut. Ich denke, schon im August sind wir dann im Netz. Es wird neben aktuellen Infos und einem ausführlichen Archiv mit vielen interessanten Links auch eine Online-Werkstatt für die angehenden Schreiberlinge der Petersburger Fakultät für Journalistik geben. Und noch viele andere Überraschungen …

EM: Ist die Adresse der Seite schon bekannt?

Fischer: Aller Voraussicht nach wird sie www.spz.info heißen.

EM: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview Medien Russland

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