„Wladimir Putin – wohin steuert er Rußland?“ von Boris ReitschusterGELESEN

„Wladimir Putin – wohin steuert er Rußland?“ von Boris Reitschuster

Rowohlt, Berlin 2004, 335 Seiten, ISBN 3-871344-87-7, 19,90 Euro

Von Eberhart Wagenknecht

„Wladimir Putin – wohin steuert er Rußland?“ von Boris Reitschuster 
„Wladimir Putin – wohin steuert er Rußland?“ von Boris Reitschuster 

EM – Boris Reitschuster, Moskauer Korrespondent des „Focus“, hat beobachtet, wie Putin „mit stechendem Blick“ Fragesteller bei Pressegesprächen ins Visier nimmt. Aber Putin hat noch einen anderen Blick. Laut Autor „berichtet ein bekannter russischer Politiker, der wie viele prominente Russen anonym bleiben möchte, wenn es um ein Urteil über Wladimir Putin geht“, Erstaunliches: „Sobald das Wort Tschetschenien fällt, versteinert sein Gesicht, seine Augen werden glasig...“. Putin gerate manchmal unvermittelt in Rage, „wie eine Gewehrsalve rattern die Worte, immer schneller, abgehackter.“ Er gehört nach dem Urteil des Autors der schlimmsten Sorte aller russischen Regenten an: „Zu dieser Herrscher-Gattung sind nach Alexander III. auch Josef Stalin und in gewissem Sinne Jurj Andropow zu rechnen. Und Wladimir Putin.“

Boris Reitschuster wollte ein ganz besonderes Werk schreiben: „Es ist der Anspruch dieses Buches“ sagt er, „das Rußland hinter der Schaufensterfassade zu beleuchten, Putins Rolle bei verschiedenen Entwicklungen zu beschreiben und zu bewerten, die Rußlands Politik und Gesellschaft heute entscheidend prägen: etwa die Beschneidung der Pressefreiheit und der Meinungsvielfalt, die Einschränkung der demokratischen Mitbestimmung, die Auswüchse der öffentlichen Korruption oder der bedenkliche Umgang mit Minderheiten.“

Wie Jelzin trank und Putin raufte

Erzählt wird vom Autor, wie der kranke Jelzin trank und feierte. Wie Putin über die Jelzin-Familie und einen alten Getreuen aus St. Petersburg Zugang zum Kreml und zur Macht gefunden habe. Was der mit Putin in Feindschaft lebende Oligarch Beresowski über die Bombenanschläge im Moskau des Jahres 1999 auf zwei Wohnhäuser zum Besten gibt. Wie Jelzin mit „tränentrübem Blick“ die Russen für seine Fehler um Verzeihung bat. Es werden Szenen beleuchtet, bei denen in Tschetschenien junge russische Soldaten die eigenen Kameraden bombardieren und wie der Sturm auf das Theater „Nord-Ost“ in Moskau zu vielen Toten führte. Es folgen Kapitel zur Medienarbeit und zu Todesfällen unter Journalisten, zur „Potemkinschen Demokratie“ und zur „handzahmen Duma“. Schließlich noch ein wenig Biographisches (Putin sei als Junge ein Raufbold gewesen) und am Ende das Kapitel Chodorkowski, das noch nicht zu Ende ist.

Das Schlußwort erteilt Reitschuster quasi „den Russen“. „Wie zu den Zeiten von Monarchie und Kommunismus zeigen der Staat und seine Beamten ihr häßliches Äußeres, so daß Millionen Russen, resigniert vom ständigen Ringen um das tägliche Brot, nur noch in einem einzigen Gedanken Trost finden – in der Hoffnung, daß sich hinter dem harten Gesicht doch ein guter, Segen bringender Kern verbirgt. Und bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.“

Fazit: Viele altbekannte Geschichten neu aufbereitet und auf die Figur Putin projiziert. Aber nichts Neues. Nicht über Putin und schon gar nicht darüber, wohin er Rußland steuert.

Rezension Russland

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