Wladlen – Winun!LENIN LEBT

Wladlen – Winun!

Nach der Oktoberrevolution 1917 entwickelten die Kommunisten in Rußland eine besondere Vorliebe für Abkürzungen. Nicht nur Begriffe wie „Proletarische Kultur“ oder „Maschinen-Traktoren-Station“ kürzte man auf wenige Lettern zusammen. Einige Revolutionäre brachten ihren Enthusiasmus gar zum Ausdruck, indem sie in die Namen ihrer Kinder kommunistische Parolen oder die Initialen von Revolutionsführer Lenin einarbeiteten: Winun etwa steht für „Wladimir Ilijitsch stirbt nie!“. Wolf Oschlies über Wesen und Wirken der (un)heimlichen Surrealität russischer Vornamen.

Von Wolf Oschlies

P robieren Sie’s doch einfach aus, verehrter Leser: Geben Sie die Adresse www.smi.ru in Ihre Internetmaske ein und Sie werden auf dem Portal russischer Medien landen – „smi“ ist schließlich die Abkürzung von „sredstva massovnoj informacii“, also Massenmedien. Dort suchen Sie nach Wladlen. Und schon werden Sie Dutzende von Kommentaren und Berichten finden, die alle flüssig und geistvoll geschrieben sind – von Wladlen Maksimov. Oder Sie landen bei Artikeln von Wladlen Chertinov, berühmt für seine Eigenart, alle paar Jahre den Arbeitsplatz zu wechseln und dabei stets die Treppe heraufzufallen.

Klar doch: Wladlen ist ein russischer Vorname. Sogar ein nicht seltener, wiewohl ein ungewöhnlicher. Wladlen ist nämlich die Kontraktion von WLADimir und LENin. Das ist bekannt – spätestens aus jenen revolutionären Anfangszeiten vor rund 90 Jahren, als begeisterte Kommunisten ihre Töchter „Revoljucija“ und ihre Söhne „Traktor“ nannten. Das hat es ja auch anderswo gegeben, beispielsweise in Makedonien. Hier trug ein Politiker den Vornamen Tito, den Decknamen des einstigen Jugoslawien-Begründers. Bei einer Wahl verlor er glänzend, obwohl er im Wahlkampf immer wieder versichert hatte, „mein Vorname ist nicht mein Programm“.

Der Abkürzungsfimmel der Apparatschiks

Was in Ex-Jugoslawien ein Einzelfall gewesen sein mag, hatte im sowjetischen Rußland Methode. Mehr noch: Diese Namensmarotte errang literarischen Höhenflug. Eines hat Lenins Revolution ja immerhin hervorgebracht – einige der schönsten Kinderbücher der Weltliteratur. Darunter „Das Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew“, 1929 von Nikolaj Ognew veröffentlicht, das im selben Jahr auch in deutscher Übersetzung erschienen ist und hierzulande begeistert aufgenommen wurde. Der Autorenname war ein Pseudonym, hinter welchem sich Michail Grigorjewitsch Rosanow (1888-1938) verbarg. Dieser Autor, Sohn eines zaristischen Anwalts, hatte sich enthusiastisch der Revolution angeschlossen, war aber niemals ein kommunistischer „Apparatschik“. Im Gegenteil: Ihn widerte der postrevolutionäre Primitivismus der „Proletkult“-Bewegung an (Proletkult, kurz für Proletarskaja kultura, Proletarische Kultur). Und das machte er aus der Froschperspektive eines sowjetischen Jugendlichen in eben diesem „Tagebuch“ und noch deutlicher in dem Folgeband „Kostja Rjabzew auf der Universität“ ziemlich unverhüllt deutlich. Insbesondere hatte den stilsicheren und sprachmächtigen Literaten der neue Abkürzungsfimmel der Amtssprache geärgert. Er veralberte ihn daher in der Brechung durch den Jugendjargon: Aus „Schkolnyj rabotnik“ (Schularbeiter, d.h. Lehrer) wird bei Ognew z.B. „Schkrab“.

Aus der schier unübersehbaren Lenin-Literatur wissen wir, daß es den Ausdruck „Schkrab“ tatsächlich gab. Wie überhaupt das meiste im „Tagebuch“ schlichtweg Realsatire ist. So auch das, was Kostja Rjabzew gleich in seiner ersten Tagebucheintragung vermerkt: „Ich habe große Lust, meinen Namen Konstantin mit Wladlen zu vertauschen. Kostja heißen zu viele. Außerdem: Konstantin, das war so’n oller türkischer Zar, der hat die Stadt Konstan­ti­nopel erobert (…). Gestern bin ich also bei der Miliz gewesen, aber da sagte man mir, daß es vor achtzehn Jahren nicht geht. Also noch zweieinhalb Jahre warten. Schade!“

Ein noch größerer Erfolg war zumindest in Rußland das Erstlingswerk der jungen Autoren Grigorij Belych (1906-1938) und Leonid Panteleev (eigentlich: Aleksej I. Eremeev, 1908-1987), das 1927 unter dem Titel „Respublika Schkid“ erschien. Dieses Buch karikierte den sowjetischen „Aküfi“ (Abkürzungsfimmel) schon im Titel: „Schkid“ war die Abkürzung von „Schkola imeni Dostoevskogo“, also Dostojewskij-Schule. In dieser Schule wurden jugendliche Diebe und Gangster resozialisiert. Das gefiel auch deutschen Lesern, die das Buch 1929 als „Schkid – Die Republik der Strolche“ in die Hände bekamen. Eine noch größere Rolle spielte Jahre später die tschechische Übersetzung des „Schkid“: Wie Überlebende des Ghettos Theresienstadt berichteten, verhalf das Buch nach 1940 jugendlichen Gefangenen zu neuem Lebensmut.

„Es leben Lenin und Stalin!“

Grigorij Belych wurde 1937 verhaftet und fiel 1938 der Terrorwelle Stalins zum Opfer. „Habent sua fata libelli“– Bücher haben ihr Schicksal, ihre Autoren nicht minder. Geblieben sind ihre Werke, deren Langzeitwirkung man gerade in der hintergründigen Komik neuer Namenslisten wiederfindet. Wladlen hatten wir schon – hier seine Brüder und Schwestern:

Winun = Wladimir Ilijitsch Ne Umret Nikogda (Wladimir Ilijitsch stirbt nie).

Leljud = LEnin LJUbit Detej (Lenin liebt Kinder).

Dalis = DA zdravstvujut Lenin I Stalin! (Es leben Lenin und Stalin!).

Dotnara = DOtsch Trudovogo NARoda (Tochter des Arbeitervolks).

Gertruda = GERoj TRUDA (Held der Arbeit).

Revmark = REVoljucionnyj MARKsizm (revolutionärer Marksismus).

Stalen = STAlin I LENin (Stalin und Lenin).

Die Grenzen zwischen parteilichem Übereifer und ironischer Distanz verschwimmen bei diesen Namenskreationen immer mehr. Daß jemand seinen Sprößling „Ledat“ (von Lev Davidovic Trocki) nannte, ist schwer vorstellbar. Sollte es je geschehen sein – wie mag der bedauernswerte Namensträger dagestanden haben, als das Kesseltreiben gegen Trotzki begann? Andere Namen dürften sich schon wegen unfreiwillig komischer Anklänge verboten haben: „Leljud“ klingt wie „verbljud“ (Kamel), „Revmark“ ähnelt „revmatizm“ (Rheumatismus).

Wir kennen das ja aus eigenen Vorbildern. Als Hitler noch siegte, bis 1942 etwa, da wurde er von Goebbels’ Propaganda flugs zum „Größten Feldherrn aller Zeiten“ proklamiert – was die Menschen zu dem respektlosen, wiewohl unangreifbaren Ausdruck GRÖFAZ zusammenzogen. Daß Ulbrichts DDR zu den hirnrissigsten Abkürzungen fähig war – Spitzenreiter: „Ökulei“ (ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich) –, hatte Ernst Röhl schon vor dem Mauerfall in seinen Artikeln, Büchern und Lesungen glossiert. Mehr noch: Ulbrichts Wirtschaftsprogramm „Neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ wurde im Westen augenblicklich als komisch klingendes „Nöspel“ aufgenommen – wo die DDR-offizielle Abkürzung „Nös“ lautete. Gar nicht zu reden von den inoffiziellen Abkürzungen, die in der DDR umliefen und an die heiligsten Güter rührten – z.B. Konsum als „Kauft Ohne Nachdenken Schnell Unsern Mist“.

Was in Deutschland heute DIN ist, war im alten Jugoslawien JUS, was für „jugoslavenski standard“ stand und allgemein nur mit „jos uvek slabo“ (noch immer schlecht) übersetzt wurde. Ähnliche Glanzstücke hatte die Tschechoslowakei aufzuweisen. Dort sah sich die Parteiführung 1987 gezwungen, irgendwie auf Gorbatschows Glasnost zu reagieren. Man tat es und führte in den Betrieben sogenannte Porady(Beratungen) ein: Die Arbeiter sollten frei von der Leber weg aussprechen, was sie störte. Die dachten gar nicht daran, setzten vielmehr die Abkürzung „hoplapo“ in Umlauf. Die wurde im ganzen Land jubelnd aufgenommen - als „Hovno-platná porada“ (Scheiß-werte Beratung).

„Verjage Stalin, rette Rußland!“

Der gewiß beste Kenner dieses realsozialistischen Volks­munds war der unvergessene Wladimir Bachtin (1923-2001), ein Leningrader Folklorist, der bei seinen Feldforschungen weit herumgekommen war und dabei die unglaublichsten Kreatio­nen aufschnappte. Wer immer noch glaubt, daß es zu Stalins Lebzeiten keine politischen Witze in der Sowjetunion gegeben habe, der sei auf Bachtins Werke verwiesen. Besser noch wa­ren Gespräche mit ihm, wie sie der Autor dieser Darstellung 1993 führte. Bachtin erzählte, daß in der Sowjetunion in den 1930er Jahren „Maschinen-Traktoren-Stationen“ eingeführt wurden, abgekürzt MTS. Diese Abkürzung dechiffrierten die Menschen als „Mogila Tovarisca Stalina“ (Grab des Genossen Stalin). Und eine noch infernalischere Übersetzung bekam die offizielle Staatsabkürzung SSSR (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken): „Sgonjaj Stalina – Spasi Rossiju“ (Verjage Stalin, rette Rußland).

Die sowjetische Vorliebe für Abkürzungen brachte in frühsowjetischen Zeiten prokommunistischen Enthusiasmus zum Ausdruck, heute dient diese Art der Namensgebung als Vorlage für Witz und Zeitkritik. So wenigstens hat es die Zeitung „Komsolmolskaja Pravda“  interpretiert und ihre zahlreichen Leser gebeten, neue Namen nach dem altem Muster zu stricken. Das Echo war überwältigend, nachfolgend ein paar Kostproben:

Argol = Armija GOLodaet (Die Armee hungert).

Begnav = Boris El’cin Geroj Nasego Vremeni (Boris Jelzin – Held unserer Zeit).

Genri = Golova El’cina Na Rel’sach Istorii (Der Kopf Jelzins auf den Schienen der Geschichte).

Gobezar = God Bez ZARplaty (Ein Jahr ohne Lohn).

Shopok = Shirinovskij Odnoznacno Polit-Kloun (Shirinovskij – eindeutiger Politclown).

Kozovla = Kommunisty, Zabud’te O VLAsti (Kommunisten, vergeßt die Macht).

Otnazar = Otdajte Nasu ZARplatu (Rückt unseren Lohn heraus).

Polen = Pochoronit’ LENina (Lenin begraben).

Sparos – SPAsite ROSsiju (Rettet Rußland).

In der DDR pflegte man zu sagen: „Witz ist überlisteter Schmerz“. Der Arbeiter und Bauernstaat ist zwar zur wohlverdienten „Fußnote der Geschichte“ geworden (Stefan Heym), aber der Satz scheint immer und überall zu gelten.

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Der Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Oschlies (geb. 1941) ist Osteuropa- und Balkanexperte und lehrt an der Universität Gießen.

Kultur Russland Sprache

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