Wo Mütterchen Wolga erschöpft in die Arme des Kaspischen Meeres   sinktRUSSISCHES NATURPARADIES

Wo Mütterchen Wolga erschöpft in die Arme des Kaspischen Meeres sinkt

Vom Leben am Delta des größten Flusses Europas

Von Andrea Jeska

EM – Wind heult durch das Schilf. Wehklagend, zu Jaulen gesteigert und wieder zu Stille fallend. Es ist Wind vom Meer. Er peitscht das Wasser der Wolga zu Wellen, damit es endlich mit Eile fließt, seine Grenzen sprengt, sich in seiner Hast auffächert, die Ufergürtel und die Wiesen überschwemmt, einen letzten vorwitzigen Tanz der Elemente wagt, bevor sich der Strom hundertfach zerteilt und erschöpft in die Arme des Kaspischen Meeres sinkt.

Das Wolgadelta ist ein verwunschener Ort. Ein zerfließender Garten Eden, ein Labyrinth aus Wasser und Sonnenstrahlen, in dem Silberpappeln lockend wispern. Das Wasser der Wolga, im nahen Astrachan noch bräunlich träge Masse, glitzert und funkelt, als habe es sich aus Freude über das Entkommen aus der Umklammerung seines einbetonierten Bettes ein Festkleid angelegt. Es fließt nach rechts, nach links, lockt auf falsche Fährte, eilt glucksend in Hände, die Wäsche an seine Ufer tragen, Krüge füllen, Reusen austragen. Es ist Quelle und Lebensgrundlage. Es bringt Fische. Es gibt Wasser für Tee, der rauchig und salzig schmeckt. Es wiegt Kinder in seinem Geglitzer. Es ist leidenschaftlich und sinnlich, mit seinem Geruch nach Moor, nach Sonnenstrahlen, seinem plötzlichen Aufbrausen.

Lotusblüten für die Reiher

Aber die Wolga gibt auch Geborgenheit. Reiher gleiten wie Segelflieger über die Wasseroberfläche. Kormorane stehen im Schilfgürtel und kümmern sich um nichts. Im Frühjahr und Herbst rasten Vogelschwärme in den Seitenarmen, paaren sich im ewig säuselnden Reet. Bienenfresser, Blauracken, Wiedehopfe zwitschern, Sichler, Löffler und andere Ibisse, Rotfußfalken, Seeadler, Möwen kreischen. Im Spätsommer legt sich ein Teppich aus Lotus auf das Wasser und verjagt mit seiner Süße den vom Wind herangetragenen Salzgeruch. Morgens um fünf singen die Nachtigallen so schön, daß man an Schöpfung glauben möchte.

Verwunschene Orte sind schwierig zu bereisen und nicht jedermann zugänglich. Im Märchen kommt ein Prinz und zerhiebt Dornenhecken. In der russischen Wirklichkeit muß man ein Motorboot mieten und Geld haben. In Astrachans Reisebüros kostet ein Tag im Wolgadelta 150 Dollar, Essen auf einem der schwimmenden Restaurants inklusive. Eine Übernachtung ist ab 100 Dollar zu haben. Nur eine Reise bis zur Mündung der Wolga ins Kaspische Meer, einhundert Kilometer entfernt, ist nicht zu buchen - wo der Strom ins Meer fließt, ist die Wolga nur noch knietief.

Im Frühjahr steigt der Stör aus dem Meer den Strom hinauf. Früher wanderte er von dort 2000 Kilometer die Wolga aufwärts, heute kommt er noch fünfhundert Kilometer weit, dann versperrt ihm die erste Staustufe den Weg. Nur ein Fünftel der Laichplätze sind dem Fisch noch geblieben.

Gregor Ikostowa fährt seit 1972 Touristen ins Delta. Stets trägt er dabei Filzpantoffeln und eine ölverschmierte Tarnuniform. Selbst im Herbst, wenn der scharfe Meereswind durchs Delta weht. „Wir sind harte Jungs“, sagt er. „Nicht so weich, wie die Herren, die aus Moskau kommen und dicke Daunenjacken mitbringen.“ Damals, 1972, hat er die ersten Touristen noch gerudert. Die Ausländer, die ins Delta kamen, waren meist Geologen und Naturkundler, die über die Dimensionen des Biotops schier aus dem Häuschen gerieten: 60.000 Quadratmeter Wasserlandschaft, 150 Kilometer lang, 200 Kilometer breit.

Kaviar für Piraten

Seit zehn Jahren hat Gregor ein Motorboot. Daß dieses mit seinem Dieselöl das Wasser verpestet, würden stets nur die deutschen Touristen beklagen, sagt er. Aber das sei doch Quatsch. Zum einen führe die Wolga so viel Wasser, zum anderen seien die großen Wolgadampfer tausendmal schlimmer als sein kleines Boot.

Gregor kommt aus Damcik, einem der wenigen Dörfer im Delta. Im Frühling haben die Männer dort einst Tag und Nacht den Stör aus dem Fluß geholt, alle zehn Minuten ein Netz voll. Aus dem Wolgadelta wurden damals 80 Prozent des Weltbedarfs an Kaviar gedeckt. Dann aber senkte sich das Kaspische Meer nach und nach um drei Meter. Das Wolgawasser wurde verplempert, verschmutzt, verseucht. Erst starb der Stör, ging um die Hälfte seines Bestands zurück. Dann starb die Fischerei durch die Einführung von Fangquoten. Wer nun im Delta vom Kaviar noch reich wird, der ist ein „Pirat“, fischt heimlich, stets auf der Hut vor der Fischereipolizei.

Die Bewohner von Damcik leben inzwischen vom Tourismus. Die meisten Gäste, die dort mit Motorbooten ankommen, sind Jäger, Angler oder Ornithologen. In Damcik gibt es Hotels, Jagdführer, Vogelzeiger, Angelinstrukteure. Wer will, kann sich für eine ganze Woche russische Datscha-Idylle mieten: eine kleine Holzhütte, ein Boot, eine Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen gespannt ist, lange Gummistiefel, einen gelben Regenumhang. Eigentümerin der Anlage ist Tatjana, die unfreiwillig zur Vorreiterin des Tourismus wurde, nachdem ihr fischender Ehemann mit einer anderen durchbrannte. Wer sich hier einmiete, sagt sie, müsse reich sein. Heutzutage hieße das leider nicht mehr, daß man aus guter Gesellschaft käme.

Starke Männer für das Land

Valentin aus Moskau ist reich und nicht fein. Er hat Armmuskeln wie Sylvester Stallone und ein Gesicht wie die Erdoberfläche aus dem All gesehen. Er kann Schießen und dabei mit den Zähnen eine Bierdose aufreißen. Er könne auch Auto fahren und dabei die Frauen . . . Der Rest des Satzes wird durch eindeutige Gestik ersetzt. „Einen wie mich braucht Rußland“, prahlt Valentin und erzählt, daß er Held der Sowjetunion sei. Afghanistan-Kämpfer. Medaillen erworben durch erfolgreiches Totschießen. Heute schießt Valentin mindestens zehnmal im Jahr für jeweils ein langes Wochenende im Wolgadelta auf Enten. Das kostet 400 Dollar am Tag. Die verdient Valentin durch eine „gehobene Position in der Schwermetall-Industrie“. Im Klartext heißt das: Waffenhandel. Doch das erzählt er erst später.

Schonung für die Enten

Zunächst schießt er sich mit seinen Kumpels warm. Und das geht so: Bierdose leer trinken, in die Luft über der Wolga werfen, mit Kugeln durchlöchern. Bierdose davon schwimmen lassen, nächste austrinken. Verdirbt das Bier im Kopf die Zielgenauigkeit, springen alle zum Abkühlen in die Wolga. Zum Mittagessen fließt reichlich Wodka und der Afghanistan-Held Valentin erzählt haarsträubende Geschichten von Geld auf Auslandskonten, von Waffenschmuggel und seiner eigenen Fluglinie. Daß er und seine Kumpels schon bald betrunken sind, ist gut für die Enten, von denen an jenem Tag keine erlegt wird.

Wenn der größte Strom Europas sich aus einem Bett verabschiedet und in vielen Windungen mäandernd zum Kaspischen Meer fließt, hat er seit seiner Entstehung im Dorf Wolgowerchowije eine Strecke von dreitausendvierhundert Kilometern zurückgelegt. Er hat Schleusen und Staustufen überwunden, die Heimat vieler Völker durchflossen, hat Gift und Abwässer in sich aufgenommen, Lastenkähne, Kreuzfahrtschiffe und Wolgadampfer von Hafen zu Hafen geschaukelt. Schiffe, auf denen abends bunte Lampions leuchteten und auf deren Deck man ihm, der in der russischen Sprache weiblich ist, sentimentale Lieder sang: „Wolga, Wolga, unsere Mutter, ach Du breiter, langer Strom. Hast uns durchgewalkt, gebeutelt, unsre Kräfte sind verzehrt.“

Spione für die Kalmücken

Letzte Station vor dem Zerfließen in Hunderte von Strömen macht die Wolga in Astrachan. Die Stadt war einst Zentrum eines Khanats der Goldenen Horde, wie das westliche Teilreich des mongolischen Imperiums genannt wurde. Sie liegt auf zehn Inseln, am Rande der Steppe, in der kalmückische Hirten wie seit Hunderten von Jahren ihre Herden treiben. Hirten, die man in der Sowjetzeit von Astrachan aus beobachten ließ: im Ministerium für die Überwachung der Kalmücken. Diese, weil Buddhisten und angebliche Helfershelfer der Deutschen, waren von Stalin deportiert und in Folge davon dezimiert worden. Nach Rückkehr in ihre Heimat in den 50er Jahren blieben sie den Russen suspekt.

Über Astrachan sagt man, es sei die russische Grenze zum Orient. Weil in seiner Nachbarschaft Moslems beheimatet sind. Weil dort noch immer die Sonne scheint, wenn in Moskau schon Schnee fällt. Doch in der Stadt muß man lange nach dem Morgenland suchen. Auf dem Marktplatz steht wie auf anderen russischen Marktplätzen auch der Kreml. Und es gibt etliche Kirchen, doch nur eine Moschee. Lediglich die Händler mit tartarischen, sibirischen, kalmückischen, kirgisischen Gesichtern lassen ahnen, daß es viele Wege des Handels und viele in die Welt hinaus gibt.

Seit dem Beginn des Baus einer Ölpipeline, die vom Kaspischen Meer über Aserbaidschan und Georgien bis zum türkischen Hafen Ceyhan führen soll, ist in Rußland die Diskussion um die Umweltbelastung der Wolga wieder aufgeflammt. Auch Rußland will am neuen Ölboom Anteil haben und an der Nordküste des Kaspischen Meeres Öl fördern. Noch mehr Eingriffe ins Ökosystem aber vertragen die Fische und Vögel, verträgt das Gleichgewicht im Delta nicht.

Gregor läßt das kalt. Wie viele Russen kann er die Wolga nur mit großen Gefühlen betrachten: Sie sei die Seele. Rührselig philosophiert er, wie der russische Mann nicht ohne seine Mutter und die russische Mutter nicht ohne ihren Sohn leben könne, seien auch das Land und der Strom miteinander verbunden. „Solange Rußland atmet, atmet die Wolga. Und Rußland wird ewig atmen.“

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