Wo die „Naturalnyje“ den Ton angebenSCHWULE IN MOSKAU

Wo die „Naturalnyje“ den Ton angeben

Eine Homosexuellen-Parade in der russischen Hauptstadt würde die Nation schwächen. So denkt die Mehrheit der Moskauer. Bürgermeister Luschkow erntet wenig Widerspruch, wenn er geplante öffentliche Auftritte bekennender Schwuler und Lesben umgehend verbietet.

Von Ulrich Heyden

Der einzige Tag an dem die Moskauer früher so richtig Karneval feiern durften, das war der erste Mai. Inzwischen hat sich das geändert. Die Stadt ist bunt geworden und bietet Vergnügen für jeden Geschmack. Viele westliche Feiertage haben die Russen inzwischen in ihren Festkalender integriert. So feiert man in Moskau wie selbstverständlich den St. Valentinstag, Haloween, das „katholische“ Weihnachten und alljährlich zieht eine irische Bier-Parade über die Einkaufsmeile Arbat. Mit einer Schwulen-Parade haben die Russen dagegen Probleme. Die Homosexuellenszene in der Metropole Moskau ist verschwindend klein. In der öffentlichen Meinung geben die Heteros – Russisch: „Naturalnyje“ – den Ton an.

Doch die Schwulen- und Lesbengruppen der Stadt wollen an die Öffentlichkeit. Vor vier Jahren versuchte man es im Rahmen einer Love Parade. Aber das wachsame Auge von Bürgermeister Luschkow erkannte Gefahr für die öffentliche Moral und verbot kurzerhand die geplante Veranstaltung komplett. Nun haben sich Schwulen-Aktivisten etwas Neues überlegt. Am 27. Mai 2006 wollen sie den Jahrestag feiern, an dem vor 13 Jahren – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit - der Anti-Homosexuellen-Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Doch kaum hatte der Bürgermeister von der neuen Initiative Wind bekommen, legte er schon sein Veto ein. Mit welchem Gesetz der Stadtvater die Parade verbieten will, ist unklar. Daß er die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat, aber ist sicher.

Auch unter liberalen Moskowitern sind fast 70 Prozent gegen Schwulen-Auftritte

Nach dem Machtwort des Bürgermeisters wollte das liberale Inforadio „Echo Moskwy“ nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und setzte eine Expertendiskussion an. Doch selbst die gebildete und in politischen Fragen aufgeklärte „Echo“-Hörerschaft erwies sich als resistent gegenüber den Argumenten der Schwulen-Aktivisten. Eine im Laufe der Sendung durchgeführte Hörerumfrage ließ dem Moderator fast den Atem stocken. Bei einer Rekordzahl von 8.000 Anrufern sprachen sich überwältigende 68 Prozent gegen eine Schwulen-Parade und nur 32 Prozent dafür aus.

Dabei hatten die Vertreter der Homosexuellenbewegung in der Radio-Diskussion hoch und heilig versprochen, man werde bei der Moskauer Parade nichts Nacktes und Aufreizendes zeigen. Nur die Regenbogenfahne wolle man schwenken.

An der Diskussion beteiligte sich auch ein Abgeordneter der linkspatriotischen Partei „Heimat“, der die Stimmung im Volk auf den Punkt brachte. Eine Schwulen-Parade richte sich gegen die jahrhundertealten, russischen Traditionen, sie „beleidige“ die „Ehre der Nation“. „Vater Alexander“ von der russisch-orthodoxen Kirche erklärte, Schwulsein sei eine „Anomalie“, eine Schwulen-Parade verletze die christlichen Werte.

Zehntausende Frauen geben in Moskau jede Nacht ihren Körper für Geld hin

Angesichts der oftmals beschworenen russischen Traditionen ist schon erstaunlich, wie gut Moskau mit anderen Vergnügungen zurechtkommt. In der Stadt gibt es über 30 Strip-Lokale. Sex-Geschäfte und käuflichen Sex gibt es an fast jeder Straßenecke. Zehntausende Frauen geben jede Nacht ihre Körper für Geld hin, in Clubs, Autos und Privatwohnungen. Damit hat sich die öffentliche Meinung abgefunden.

Schließlich war es eine Frau, welche die Debatte im „Echo“-Radio auf einen ganz praktischen Aspekt lenkte. Eine „Gay-Parade“ habe Rußland mit seinem rapiden Geburtenrückgang „gerade noch gefehlt“, meinte die Hörerin Tatjana Jarikowa. „GayRussia“-Vertreter Nikolaj Aleksejew konterte, nicht die Schwulen seien am Geburtenrückgang schuld. Der Staat tue nichts, um die normale Ehe zu schützen. Im Gegensatz zu Europa gäbe es in Rußland keine materiellen Vergünstigungen für Ehepaare. Wenn in Rußland ein Ehemann seine Familie verläßt, ist das für die Frau eine Katastrophe. Die vom Gesetz vorgeschriebenen, kümmerlichen Alimente zahlen die flüchtenden Männer in der Regel nicht.

„Warum nicht?“

In der Moskauer Schwulen- und Lesbenszene wird weiter über die Idee einer Parade gestritten. Auf der Netzseite GayRussia.ru erscheinen viele zustimmende Erklärungen aus dem In- und Ausland, zum Beispiel von der liberalen russischen Politikerin Irina Chakamada. Selbst Akram Khazam, Moskau-Korrespondent von Al-Jazeera meinte, „Warum nicht?“. Jaques Lang, Sozialist und ehemaliger französischer Kulturminister, schickte einen Brief, in dem er seine Teilnahme an der Moskauer Parade ankündigte. Ein Recht erfordere „die ständige Erprobung in der Praxis“, schrieb der Ex-Minister.

Doch in der Moskauer Schwulengemeinde gibt es selbst Skeptiker. Zu ihnen gehört Ilja Abaturow, Direktor des Szeneclubs „Die drei Affen“. „Ich habe an vielen Gay-Paraden in verschiedenen Ländern teilgenommen. Dort reagieren die Menschen mit Freude, bei uns aber löst das Bosheit aus.“ Eine solche Parade sei erst möglich, wenn sich das soziale Klima im Land verbessert habe.

Russland

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