Zauberkreide rettet MoskauRUSSISCHES KINO

Zauberkreide rettet Moskau

Zauberkreide rettet Moskau

Nach „Wächter der Nacht“ („Notschnoi Dosor") brachte Regisseur Timur Bekmambetow jetzt seinen neuen Fantasyfilm in die russischen Kinos: „Wächter des Tages“ („Dnjewnoi Dosor"). Auch er ist ein Kassenschlager. In den ersten zehn Tagen spielte er 20 Millionen Dollar ein.

Von Ulrich Heyden

Plakat für „Wächter des Tages“  
Plakat für „Wächter des Tages“  

A bends, am Rande eines Moskauer Marktes. Eine Babuschka stürzt in den Dreck, getroffen von einer geheimnisvollen Nadel. Der Täter ist Jegor, ein kleiner Junge, der als Vampir unterwegs ist. Sekunden später sind schon die Guten da – keine Ärzte, sondern Anton und die schöne Swetlana, Monteure vom städtischen Unternehmen „Mosgorswet“ („Moskauer Stadtlicht“). Sie jagen Jegor, den Vampir, der ausgerechnet Antons Sohn ist. Jegor fühlt sich vom Vater verlassen und ist eifersüchtig auf dessen Freundin Swetlana. Deshalb hat er sich mit den dunklen Kräfte verbündet und treibt als Vampir sein Unwesen in der Stadt.

Eigentlich haben sich die Hellen, die Leute von „Mosgorswet“ mit „den Dunklen“, Banditen und Vampiren, per Vertrag die Macht in der Stadt aufgeteilt. Doch immer neue Übergriffe der Dunklen setzten den Vertrag außer Kraft. Es kommt zum Kampf der beiden Mächte.

Moskau bricht zusammen und ersteht gleich wieder auf

Der neue Film von Timur Bekmambetow („Wächter der Nacht“) ist eine aufregende Fantasy-Geschichte mit starken Computersimulationen, eine Geschichte über Liebe und Eifersucht. Anton tut so, als ob er nicht weiß, warum sein Sohn ihn verlassen hat und sucht nach einem Wunder, um Jegor zurückzugewinnen. In dem Straßencafé eines geheimnisvollen Usbeken findet Anton eine Zauberkreide, mit der er, wie der asiatische Heerführer Tamerlan, das Schicksal umkehren will. Anton schreibt den Namen seines verlorenen Sohnes auf eine Tafel und tatsächlich, Jegor erscheint, aber nur für kurze Zeit, denn Anton will sich nicht von Swetlana trennen.

Der Chef der Dunklen veranstaltet eine pompöse Geburtstagsfeier für Jegor und demonstriert so seinen Triumph über die hellen Kräfte. Anton wird gedemütigt. Die Geburtstagswünsche des blutüberströmten Vaters gehen im Gejohle der Festgesellschaft unter. Es ist eine unheimlich-ekstatische Feier mit bekannten Gesichtern aus der Moskauer Schickeria. Die Feier endet im Chaos, als Swetlana auftaucht. Sie sucht den verzweifelten Anton, der sich vor Kummer über den Verlust des Sohnes vollaufen läßt. Jegor setzt seine magischen Kräfte ein und zerstört nicht nur das Hotel, sondern die ganze Stadt. Hochhäuser stürzen ein, der Fernsehturm teilt sich in zwei Hälften, ein Vergnügungsriesenrad walzt durch die Straßen und treibt schreiende Menschen vor sich her. Erst als Vater Anton mit der Kreide ein „Njet“ auf eine zerstörte Häuserwand schreibt, hat das Grauen ein Ende. Wie von Zauberhand fügt sich die Stadt wieder zusammen.

Trauer um das alte Moskau

Regisseur Bekmambetow scheint der Kommerzialisierung der Stadt nicht zu trauen. Er trauert dem alten Moskau nach. Die zerstörte Häuserwand wirkt wie ein Synonym für den zur Zeit laufenden Abriß alter Gebäude. Zerfallene Hinterhöfe, uralte Treppenhäuser und verhutzelte Wohnungen bekommen im Film neuen Charme. Die Ausstattung der „Mosgorswet“-Arbeiter, einfache Leinenjacken, Taschenlampen, ein paar Haken und Schnüre, alles original sowjetisch, veredelt sich im Kampf gegen die Dunklen und wird fast zum Kult.

Die Gegenstände und Bauten der Sowjetzeit haben etwas „Archäologisches“, sagte Bekmambetow in einem Interview. Wenn man diese Dinge hervorhebe, gehe man jedoch auch ein Risiko ein. Denn man wisse nicht, ob der Zuschauer, der Zerstreuung sucht, in diesen Dingen „Denkmäler einer vergangenen Epoche“ sieht oder an die eigene „harte Realität“ erinnert wird.

Hollywood steigt ein

Der Film „Wächter des Tages“ stellte wenige Tage nach dem Start in den russischen Kinos einen neuen Rekord auf. Nach Angaben des Produzenten hatte der Kinofilm bereits nach zehn Tagen 20 Millionen Dollar eingespielt. Weil die Computersimulationen – sie machten 30 Prozent der Kosten aus – in Rußland, der Ukraine und Kasachstan produziert wurden, blieb der Film im Vergleich zu westlichen Fantasyfilmen recht billig: Die Produktionskosten betrugen 4,2 Millionen Dollar. Das russische Kino ist fast schon so rentabel wie die Ölförderung, jubelt die Tageszeitung „Iswestija“. Bald werde man Hollywood nicht nur auf dem russischen, sondern auch auf westlichem Territorium „zurückdrängen“.

Der Erfolg des Films bestätigt einen neuen Trend, der 2004 mit „Wächter der Nacht“ begann:  Der russische Film kann sich zunehmend auf dem internationalen Markt behaupten. Die Schnittechniken und Computersimulationen der Russen sind nicht schlechter als die der Amerikaner. Und daß die Filme im russischen Umfeld spielen, ist inzwischen kein Minus mehr sondern ein Plus. Kino ist für die Russen nicht mehr ausschließlich Flucht vor der strapaziösen Realität. Die russischen Filme werden anspruchsvoller und dadurch auch im Westen interessanter. „Wächter der Nacht“ lief im Herbst 2005 in Deutschland und in einer neumontierten Fassung auch in den USA an.

Marilyn Manson soll ein Dunkler werden

Hollywood will sich den russischen Kino-Boom nicht entgehen lassen. 20th Century Fox schloß einen Vertrag mit Regisseur Bekmambetow. Drei Filme will man zusammen produzieren. Beginnen soll die Zusammenarbeit mit „Wächter der Dämmerung“, dem letzten Teil der Trilogie, für die der Schriftsteller Sergej Lukjanenko die Vorlage lieferte. Für „Wächter der Dämmerung“ will Bekmambetow große Namen verpflichten. Im Gespräch sind Gary Oldman, Jack Nicholson und Brad Pitt. Schock-Rocker Marilyn Manson soll eine Rolle bei den Dunklen bekommen.

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Der Film im Netz: www.dozorfilm.ru

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