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„Zentralasien ist eine Wetterecke Alteuropas“

Während der großen reiternomadischen Reiche in Eurasien war der Horizont der Herrschenden weiter als in heutigen Gipfel-Zeiten, in denen die Politiker mit dem Flugzeug anreisen. Das ergab ein Gespräch mit Dr. Michael Tellenbach, Zweiter Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Unter dem Hufschlag seiner Pferde wäre Eurasien um ein Haar vereinigt worden. Heute haben Politiker Mühe, ein funktionierendes Rumpf-Europa zustande zu bringen.

30.06.2007 Drucken Senden Kommentieren
  Zur Person: Michael Tellenbach
  Dr. Michael Tellenbach hat u. a. Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Völkerkunde studiert. Seine Promotion erfolgte 1980 in Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg. Danach leitete er (1980 – 1986) für das Deutsche Archäologische Institut ein Großprojekt in Peru. Von 1987 bis 1994 war Tellenbach Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an den Universitäten Berlin (FU), Würzburg und Bonn. Danach arbeitete er als Referent und Abteilungsleiter beim Landesamt für Archäologie und beim Landesmuseum für Vorgeschichte in Sachsen. Seit 2002 ist Michael Tellenbach 2. Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim und 2. Vorsitzender der Curt-Engelhorn-Stiftung.

Er hat nahezu 30 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, zum Beispiel eine „Ethnographie des Abendlandes aus außereuropäischer Sicht“. Anlässlich der Ausstellung „Pferdestärken“ (EM 04-07) verfasste er für das Ausstellungsbuch den Beitrag „Zur kulturgeschichtlichen Phänomenologie der Mensch-Pferde-Symbiose.“

Tellenbach wurde am 20. Oktober 1950 in München geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Michael Tellenbach  
Michael Tellenbach  

EM: Mongolenkaiser Dschingis Khan hat das größte Reich der Weltgeschichte erschaffen. Es reichte soweit die mongolischen Pferde trabten und ihre Reiter in den Kampf trugen. Schließlich vereinte es nahezu die gesamte eurasische Landmasse. Die Mongolen wurden nie besiegt. Und dennoch ist die ungeheure Wucht der Reiterheere so plötzlich wieder verebbt, wie sie sich zusammengeballt hatte. Gibt es dafür eine Erklärung?

Tellenbach: Das Reich des Dschingis Khan existierte, wie auch andere Reiterreiche, aus persönlichen Verbindungen heraus. Dieses besondere Merkmal hat es so expansiv und flexibel gemacht. Dschingis Khan hatte eine ihm ergebene Gefolgschaft hinter sich versammelt, die dieses Reiterreich trug. Dabei nahm er keine Rücksicht auf Status und Hierarchie, nicht einmal auf seine eigene Verwandtschaft, wenn es um die Verteilung der Ämter ging. Es kam allein auf Fähigkeit und Loyalität an. So kamen vor allem Freunde, Waffengefährten, ja sogar Diener zum Zuge und erhielten wichtige Positionen in der Führung des Reiches unter dem Großkhan. Institutionen, die das ungeheuer rasch gewachsene Reich persönlichkeitsunabhängig hätten tragen können, haben sich nicht entwickelt. Zunächst war durch seine Söhne die dynastische Folge noch geregelt. Doch als weitere Persönlichkeiten vom Schlage des Großkhans nicht mehr vorhanden waren, kamen die Probleme, und die Expansion schlug in ihr Gegenteil um.

EM: Hatte das auch mit der ungeheuren Spannweite des Mongolenreichs von Mitteleuropa bis tief hinein nach China zu tun, mit den doch sehr unterschiedlichen Strukturen?

Tellenbach: Das kam tatsächlich erschwerend hinzu. Denn die chinesische Hochkultur hat unglaubliche Bindungskräfte ausgebildet. Sie entwickelte einen starken Sog, der die mongolische Dynastie an sich gezogen und in ihre eigene Kultur eingebunden hat. Auch andere Herrschaftsbereiche, zum Beispiel der persische oder der russische haben solche Bindungen hervorgebracht, wenn auch nicht so stark, wie der chinesische. Das heißt, die Mongolen gingen auf in den Hochkulturen auf bäuerlicher Grundlage, so dass es über kurz oder lang vorbei war mit dem expansiven reiternomadischen Leben.

Die Seidenstraße war ursprünglich eine Pferdestraße

EM:  Unabhängig von der einmaligen Erfolgsgeschichte der mongolischen Reiter hat über Jahrtausende hindurch die Mensch-Tier-Symbiose mit dem Pferd das Bild Eurasiens und fast der gesamten Welt geprägt. Durch sie ist u. a. die bedeutendste Handelsstraße der Weltgeschichte entstanden, die Seidenstraße. Sie schreiben in Ihrer kulturgeschichtlichen Phänomenologie zu dieser Mensch-Pferde-Symbiose im Begleitbuch zur Ausstellung „Pferdestärken“, eigentlich sei es ursprünglich eine Pferdestraße gewesen. Wie ist das zu verstehen?

Tellenbach: Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Die offizielle Einrichtung dieser Straße durch den chinesischen Kaiser Wudi, der von 140 - 87 v. Chr. gelebt hat, galt nicht dem Transport von chinesischer Seide bis ins ferne Abendland. Sondern sie wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um Pferde für China aus dem Ferganabecken heranzuschaffen. In der Landschaft im äußersten Osten Usbekistans, jenseits des Pamirs und des Tian Shan lebten die so genannten blutschwitzenden Pferde. Diese großen, sehr temperamentvollen Tiere sonderten einen rötlichen Schweiß ab. Heute vermutet man aufgrund von Parasiten. Die Pferde waren bei den Chinesen, die auch später nie eine eigene Zucht entwickelten, äußerst begehrt.

EM: Also war die Seidenstraße zunächst ein Importweg für Pferdeherden?

Tellenbach: So ist es. Man holte diese Pferde über eine Entfernung von Tausenden von    Kilometern ins Reich der Mitte, um eine eigene Kavallerie aufzubauen, mit der man sich gegen die einfallenden Reiterheere aus dem Norden zur Wehr setzen konnte. Erst wollte man sie kaufen. Als das nicht möglich war, hat man 30.000 Mann losgeschickt und sie mit Gewalt geholt. Der Weg an den Wüsten entlang und über den Pamir kostete vielen der Tiere das Leben. Aber es kamen immerhin so viele an, dass das chinesische Kaiserreich innerhalb weniger Jahrzehnte eine Vermehrung auf rund 600.000 Pferde vornehmen konnte. Die Chinesen selbst haben sich nie so richtig in das Pferd verliebt. Das Reiterleben lag den Reisbauern fern. Genauso wie es den Ägyptern fern lag und später auch den Römern. Die alten und sehr dauerhaften Reiche hatten alle kein Verhältnis zum Pferd. Sie haben es sich lediglich zunutze gemacht, als ihre Herrscher merkten, dass Pferde als Waffen unverzichtbar wurden. 

EM: Also diente die bis in den Mittelmeerraum weitergeführte Seidenstraße erst später zum Warenaustausch zwischen den Ländern Eurasiens?

Tellenbach: Ja, später kam es dann zum Export von Seide in den Westen, von Porzellan und Gewürzen etc. Im Gegenzug wurden Güter aus dem Westen ins Reich der Mitte gebracht. Die uralte Pferdestraße wurde dadurch schließlich als Handelsweg dauerhaft.

Eurasien zu Zeiten der großen reiternomadischen Reiche. Sie erstreckten sich von Westeuropa bis zum chinesischen Tang-Reich.

© Wissen Media Verlag GmbH, Gütersloh/München. Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus ATLANTICA, Der neue große Satellitenatlas.

Die Mensch-Pferde-Symbiose brachte einen ungeheuren Energieeintrag in die Menschheitsgeschichte

EM:  Ohne die Mensch-Pferde-Symbiose hätte es jedenfalls keine Seidenstraße gegeben. Welche Veränderungen sind durch diese Symbiose noch entstanden? Was hat sie bewirkt? Es scheint ja, als hätte die Menschheitsentwicklung dadurch einen regelrechten Quantensprung erlebt?

Tellenbach: Es hat global gesehen einen ungeheuren Energieeintrag in die Menschheitsgeschichte gegeben. Die Fortbewegungsmöglichkeiten, der Transport, das Tempo – alles geschah nun mit Pferdestärken. Dabei hat diese Mensch-Pferde-Symbiose aber auch die menschliche Gesellschaft vor allem in Europa und Asien stark verändert. Im Gegensatz zu den altorientalischen Reichen mit ihren Bürokratien, mit strenger hierarchischer Ordnung, aus denen sich ihre Hochkultur entwickelte, entstand in Eurasien eine bis dahin unbekannte weltgeschichtliche Dynamik. Kinder und Jugendliche wurden nicht mehr nach Clanzugehörigkeit, also innerhalb der Verwandtschaft erzogen, sondern in Altersgruppen, je nach ihren Fähigkeiten am und auf dem Pferd. Die Gemeinschaftsbildung mit Mutproben und Kampfspielen begann bereits in frühester Jugend. Die davon geprägte Gesellschaft war wesentlich egalitärer als die der Hochkulturen.

Reiterreiche beruhen auf Gefolgschaft, nicht auf institutionellen Strukturen

EM: Und wodurch wurde diese Gesellschaft letztlich zusammengehalten? Wenn kaum institutionelle Strukturen vorhanden waren, müssen doch andere Elemente für das Funktionieren der Reiterreiche gesorgt haben. Gab es denn spezielle Gesetze dafür, die eisern eingehalten werden mussten?

Tellenbach: In der Tat. Es galt das Wort, der Vertrag, das Abkommen, das man gegenseitig getroffen hatte. Gefolgschaft, Waffenbrüderschaft, auch Blutsbrüderschaft, Auszeichnung durch Tapferkeit und Leistung sind die prägenden Werte der Reitergesellschaften.  

EM: Da fragt man sich unwillkürlich, wie das wohl angefangen hat? Wie ist der Mensch aufs Pferd gekommen? Das Pferd ist ja eigentlich ein Fluchttier. Wie haben es die altsteinzeitlichen Jäger, von denen es die frühesten Pferdedarstellungen gibt, letztlich geschafft, sich dieses immens schnellen Tieres zu bemächtigen?

Tellenbach: Die altsteinzeitlichen Jäger waren unglaubliche Naturbeobachter. Was das Pferd anlangt gibt es dafür ein wunderschönes Beispiel, das auch in der Ausstellung Pferdestärken zu sehen ist. Es handelt sich um das Schulterblatt eines Pferdes. Auf dem blanken Knochen wurden Ritzungen vorgenommen, die man zunächst für Krakeleien halten könnte. Aber sie stellen in Wahrheit die unterschiedlichen Fortbewegungen des Pferdes dar, also Schritt, Trab, Galopp. Die Menschen haben also bereits vor 10.000 Jahren Bewegungsstudien am Pferd angestellt. Sie haben es gejagt und dafür eine immer raffiniertere Organisation von Treibjagden entwickelt. Man konnte das Fluchttier dadurch in die Falle treiben, obwohl wilde Pferde bereits davonlaufen, wenn man sich nur auf Schussweite nähert. Die Domestikation konnte allerdings erst dann richtig beginnen, als man Pferdeherden beherrschen konnte. Das geht nur vom Pferderücken aus, also musste erst das Reiten erfunden werden. Wann das genau der Fall war, ist ungeklärt, denn dafür gibt es keine präzisen Belege. Gewichtsverlagerung und Schenkeldruck, mit denen man Pferde lenkt, hinterlassen keine archäologischen Spuren.

Die Streitwagen der Antike waren die erste Tempowaffe der Geschichte

EM: Das Pferd hat über große Zeiträume auch Kriegsgeschichte geschrieben. Oswald Spengler hat die pferdebespannten Streitwagen der Antike als erste Tempowaffe der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Welcher Voraussetzungen bedurfte es, um das Pferd in eine solche Kampfmaschine zu integrieren?

Tellenbach: Der Streitwagen hat das zweite Jahrtausend v. Chr. beherrscht, von Griechenland bis zur Mandschurei. Ägypten wurde von Streitwagenfahrern unterworfen. Unter den Pharaonen hat man dann selbst Streitwagen gebaut und sich wieder erhoben. An Ausgrabungen solcher Wagen sieht man, dass dies technisch sehr anspruchsvolle Maschinen waren, zum Teil aus 19 verschiedenen Holzarten, mit Birkenpech verklebt. Dieses musste man aus 2000 Kilometer Entfernung besorgen, nämlich aus dem Kaukasus, das war die nächstgelegene Region, in der Birken wuchsen. Es gab für diese Streitwagenindustrie ein umfangreiches Netz von Handelsbeziehungen für die unterschiedlichsten Materialien.  Der Wagen musste leicht sein. Die Pferde brauchten eine besondere Ausbildung. Sie war sehr lange und intensiv. Überliefert ist die Prozedur durch den antiken Autor Kikuli, der alles Wissenswerte darüber im 2. Jahrtausend v. Chr. aufgeschrieben hat. Hier erfährt man, dass zum Beispiel die Fütterungszeiten präzise festgelegt waren, und die Zusammensetzung des Futters, das gereicht wurde. Die Pferdemuskeln wurden im Flusslauf gestärkt, indem die Pferde gegen die Strömung geritten wurden. Dadurch hat man gleichzeitig die Gelenke geschont. Auch diese täglichen Bewegungszeiten waren vorgeschrieben.

„Das Pferd als Prestigeobjekt war durch die Symbiose mit dem Herrschenden weit mehr als ein frisch polierter Benz oder Maybach.“

Das Buch zur Ausstellung: „Pferdestärken – Das Pferd bewegt die Menschheit“ von Alfried Wieczorek und Michael Tellenbach, (Hrsg.), Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, 2007, ISBN: 978-3-8053-3767-0, 29,90 Euro.  
Das Buch zur Ausstellung: „Pferdestärken – Das Pferd bewegt die Menschheit“ von Alfried Wieczorek und Michael Tellenbach, (Hrsg.), Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, 2007, ISBN: 978-3-8053-3767-0, 29,90 Euro.  

EM: Ist der Aufwand vergleichbar mit dem, den später motorisierte Verbände betreiben mussten, von der Produktion, über Ausbildung und Wartung bis hin zu immer neuen Techniken?

Tellenbach: Um Pferde in dieser Weise auszubilden und Wagen in großer Stückzahl herzustellen, bedurfte es tatsächlich einer vergleichbaren Infrastruktur. Man brauchte Weiden, Rennplätze, Vorräte, Lagerhallen, Mannschaftsunterkünfte und Fertigungsstätten. Das setzte eine Hochkultur, eine Palastkultur voraus. In der Steppe ist man stattdessen geritten.

EM: Das Pferd entwickelte sich im Laufe der Symbiose mit dem Menschen, ob geritten oder gefahren, zum Prestigeobjekt. Es bezeugte die Würde seines Lenkers oder des Mannes im Sattel. War es damit der Vorläufer der Benz, der Maybachs und Rolls Royce?

Tellenbach: Pferde waren auch wertvolle Geschenke. Saladin bedachte zur Zeit der Kreuzzüge Richard Löwenherz mit einem erlesenen Tier als Zeichen ritterlicher Haltung auch gegenüber dem Gegner. Pferde erhielten Namen. Bekannt wurde das von Alexander d. Gr, der die Welt auf dem Pferderücken eroberte und der Herr ganz Asiens wurde. Er nannte sein treues Ross Bucephalos. Den Namen kennt heute noch jeder einigermaßen Belesene. Die Abbildungen des Pharao in Ägypten zeigen den Herrscher auf dem Streitwagen. Das ist das Symbol der Majestät. Das Pferd war durch die Symbiose mit dem Herrschenden weit mehr als ein frisch polierter Benz oder Maybach.

China wurde zur Aufstellung einer eigenen Kavallerie gezwungen

EM: In manchen Kulturen wurde ja zunächst nicht geritten. Das Reiten von Pferden galt geradezu als barbarisch, so in Ägypten, aber auch in China. Was hat den Umschwung herbeigeführt?

Tellenbach: Im Orient wurde in der Tat allenfalls auf Maultieren und Eseln geritten. Christus ritt auf dem Esel in Jerusalem ein. Damit folgte er dem altorientalischen Krönungsritual. Aber ein Pferd zu reiten, wurde verabscheut. Vielleicht weil Reiterkrieger in den Augen der Orientalen als etwas total Fremdes und Unheimliches gesehen wurden. Sie wurden durch ihre Wildheit und fremdartige Grausamkeit stets mit Schrecken und Zerstörung in Zusammenhang gebracht.

EM: Aber in China gab es den Umschwung aus der Notwendigkeit, eine eigene Kavallerie zu besitzen. Gilt das auch für andere Kulturen? Auch die Römer ließen lieber reiten und hatten doch berittene Truppen. Waren sie, wie für China auch für das Imperium Romanum letztlich doch unverzichtbar?

Tellenbach: Ja, es war die bittere Notwendigkeit. Das zeigte sich schon in der Hochkultur der Uratäer in Ostanatolien. Sie waren reich, besaßen begehrte Rohstoffe, eine hochentwickelte Bewässerungstechnologie und befanden sich daher immer in der Gefahr, unterworfen zu werden. Zum Beispiel von den Assyrern, aber eben auch von den Steppenreitern aus dem Norden. Deshalb haben sie ein eigenes Reiterkreigertum entwickelt. Letztlich wurden sie aber dann doch von den mit überlegenen Reflexbogen bewaffneten Skythen ausgelöscht. Und die Römer nahmen Kelten und Germanen in ihre Dienste, die hervorragende Reitervölker waren. Einer der Reiteroffiziere war Arminius, der nach seinem Ausscheiden aus römischen Diensten in der berühmten Varusschlacht dem Imperium eine äußerst empfindliche Niederlage beibrachte. Die Römer haben auch Berberstämme eingesetzt wie die Numider aber zum Beispiel auch Syrer. Insgesamt standen bei den Römern etwa 70.000 Pferde ständig unter Waffen. Auch die Römer selbst konnten mit Pferden umgehen, ohne Zweifel. Aber geliebt haben sie sie nicht und dementsprechend züchteten sie auch nicht.

Gegen die Reitervölker hatte selbst Rom nie eine Chance

EM: Letztlich war es mit den Hunnen ein Heer von Reiternomaden, das Rom erschütterte und die ganze bekannte damalige Welt, in dem es die Völkerwanderung auslöste. An den Folgen ist das römische Reich zerbrochen. War die Tatsache, dass Rom nie die Steppen Asiens mit seinen Millionen von Pferden eroberte, letztlich sein Schicksal?

Tellenbach: Die Römer haben es immer wieder versucht, die zentralasiatischen Reitervölker unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber in all diesen Kriegen, zum Beispiel gegen die Perser, haben sie stets jämmerlich verloren. Ein römischer Kaiser wurde von den persischen Reitern gefangen genommen. Eine ganze Kohorte römischer Soldaten wurde von den Persern ebenfalls gefangen und nach China verkauft. Dort mussten die tragischen Gestalten dann gleichsam im Zirkus auftreten. Gegen die Reitervölker hatte Rom nie eine Chance. Letztlich war das ihre Achillesferse, und das Imperium ist durch die Reitervölker auch zugrunde gegangen.

Die muslimische Expansion ist ein reiterkriegerisches Phänomen

EM: Einige Jahrhunderte später kam es zu einer gewaltigen Expansion der muslimischen Araber. Wäre diese ohne das Pferd möglich gewesen?

Tellenbach: Nein. Diese muslimische Expansion ist ein reiterkriegerisches Phänomen. 622 wurde der Prophet aus Mekka vertrieben. Zehn Jahre später, als er starb, hatte er Mekka zurückerobert und den gesamten zentralarabischen Bereich. Weitere hundert Jahre später standen muslimische Reiterkrieger, die Spanien erobert hatten, in Mittelfrankreich. Und zu gleicher Zeit etwa gelangten sie an die Grenzen Chinas. Das alles wäre ohne Pferd nicht vorstellbar gewesen.

EM: Wurde auch die muslimische Welt durch das Reiterkriegertum geprägt, vergleichbar etwa mit jener der Steppenreiter?

Tellenbach: Geprägt wurde die muslimische Welt ebenfalls durch das Reiterkriegertum. Allerdings auf etwas andere Weise. Das ritterliche Ideal ist kennzeichnend für die Reitergesellschaft der Muslime. Dazu zählt der faire Kampf, die Unterstützung der Wehrlosen, die besondere Achtung der Frauen. Dieses ritterliche Ideal findet man im frühen Islam. Möglichweise liegt hier auch der Ursprung des ritterlichen Ideals im Europa des Mittelalters, wo dieselben hehren Grundsätze gelten.

EM: Das Pferd hat auch Mythen begründet. Ob das Wotans Pferd Sleipnir ist, das auf acht Beinen über den Himmel fliegt oder das geflügelte Pferd Pegasos der Griechen, das Amazonen in den Kampf getragen und mit seinen Hufen Quellen geöffnet haben soll. Gibt es auch in anderen Kulturen derartige Mythen?

Tellenbach: Ja, es gibt vielerlei solcher Mythen, auch in Ostasien, auch bei den Kelten und bei den Germanen, in Irland, ebenso wie in Korea. Das Pferd trägt mit seiner Kraft die Sonne über den Himmel. Das Pegasospferd taucht zum Beispiel auch in altmongolischen Traditionen auf. Es ist letztlich auch ein Symbol der Schnelligkeit und der Kraft. Pferdemythen gibt es ohne Zahl.

Archäologische Funde in Sinkiang zeigen eine Formenwelt, die absolut europäisch ist

EM: Zurück zur Mensch-Pferd-Symbiose und den realen Geschehnissen auf dem eurasischen Kontinent. Die Archäologie hat herausgefunden, dass die frühen Bewohner Asiens Europäer waren. So Hermann Parzinger im EM-Interview. Große Teile des westlichen Asiens und Zentralasiens waren demnach in der Frühzeit von einer europiden Bevölkerung besiedelt. Man hat in China europäische Pferdetrensen gefunden, die für den Einsatz chinesischer Pferde gedient hatten. War die gegenseitige Befruchtung der eurasischen Regionen also vielleicht schon immer viel größer als es unser durch die Zeit der Ost-West-Spaltung geprägtes Bild vermuten lässt?

Tellenbach: Zweifellos ist das so. Wir machen im kommenden Frühjahr eine Ausstellung über die Seidenstraße, und ich habe zur Vorbereitung einige chinesische Museen und Depots in der autonomen Provinz Sinkiang in Nordwestchina besucht. Ich war völlig überrascht, in diesen Sammlungen eine Formenwelt zu finden, die absolut europäisch ist. Zentralasien ist eine Wetterecke Alteuropas, das wird einem bei solchen Gelegenheiten schnell bewusst. Man findet skythische Kessel, frühmittelalterliche Gläser aus dem Westen. Pferdetrensen, deren Typus nach dem Schweizer Fundort Möhrigen benannt sind, hat man in einem Beamtengrab entdeckt.

Die Ursprünge der Seidenstraße liegen vermutlich viel weiter zurück als heute angenommen

EM: Das sind ja ebenfalls starke Indizien für einen sehr frühen und sehr intensiven Kontakt der Völker Eurasiens. In welche Zeit fallen diese Funde?

Tellenbach: Die Tatsache, dass einen aus Gräbern in China blonde Mumien mit großen Nasen und tiefliegenden Augen ansehen als wäre man in Norddeutschland, ist wirklich beeindruckend. Wahrscheinlich waren die Verbindungen so mächtig, dass man möglicherweise die Ursprünge der Seidenstraße schon sehr viel früher suchen muss. Möglicherweise schon im zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt. Man findet ja auch am Nordrand von Tibet skytische Spuren, Tierstilarbeiten, die absolut an dieses eurasische Reitervolk erinnern. Es gab offenbar ein dichtes Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West. Wir kennen durch die schriftlichen Überlieferungen vor allem Berichte aus den Hochkulturen und deren Sakral- und Geistesleben. Die frühen Europäer hatten keine eigenen Schriften, so dass wir aus ihrer Alltagswelt und ihren Beziehungen viel weniger wissen. Das Wissen darüber liefert uns die Archäologie.

Eurasisches Magazin: Es hat also nicht immer Zäune und Grenzen in Eurasien gegeben. Im 13. Jahrhundert machten sich päpstliche Unterhändler zu Pferd auf den Weg in die mongolische Hauptstadt Karakorum. Die gefürchteten Reiterheere der Mongolen hatten sich gerade aus Mittel- und Osteuropa in die Steppen zurückgezogen, nachdem Großkhan Ögedei im Frühjahr 1242 gestorben war. Es ging um nichts Geringeres als um eine Aussöhnung mit der Christenheit, die Übernahme des Glaubens durch das Mongolenreich und die friedliche Verständigung mit dem christlichen Abendland. Zwischen Atlantik und Pazifik wäre ein einmaliges Machtgebilde entstanden. Waren in der Blütezeit der großen Reitervölker die Regionen des Riesenkontinents Eurasien einander näher als heute zur Zeit der Gipfeldiplomatie, in der die Herrscher mit dem Flugzeug anreisen und noch nicht mal ein wirklich funktionierendes Europa zustandebringen?

Tellenbach: Der Horizont war zur Zeit der mongolischen Reiterkrieger sehr weit, das kann man sagen. Es herrschte wie immer bei Reiternomaden und Hirtenvölkern allgemein eine große religiöse Toleranz. Nach dem eisernen Vorhang vergisst man manchmal, wie weiträumig die Menschen in früheren Zeiten miteinander kommuniziert haben. Die Berichte des flämischen Franziskaners Wilhelm von Rubruk, die Schilderungen des Venezianers Marco Polo, der hohe Stellungen am mongolisch-chinesischen Hof bekleidet hat, belegen dies sehr eindrucksvoll. Dort, wo die reiterkriegerische Toleranz vorhanden war, gab es unglaublich dichte und enge Verständigungen. Nur so konnten diese den Kontinent übergreifenden Reiche Wirkung entfalten.

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Siehe auch EM 04-07 „Pferdestärken – Hufschlag über Eurasien“ mit vielen weiteren Links zu eurasischen Pferdethemen.

Das Interview führte Hans Wagner
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