Zobel im PorzellanladenSERBIEN

Zobel im Porzellanladen

Auf welche Art und Weise ein deutscher Botschafter sein Gastland Serbien beflegelte. Wie er dabei zwölf derart dürftige Behauptungen aufstellte, dass sie geeignet sind, den Glauben an die Fähigkeit von Vertretern des Deutschen Auswärtigen Dienstes zu erschüttern. Und was jetzt mit ihm geschieht.

Von Wolf Oschlies

Dr. Andreas Zobel - der deutsche Botschafter in Belgrad  
Dr. Andreas Zobel - der deutsche Botschafter in Belgrad  

E in Diplomat, der nicht nach zwei Jahren Patriot seines Gastlandes ist, hat seinen Beruf verfehlt“, besagt eine alte Faustregel des diplomatischen Dienstes. So gesehen, war Deutschland in Belgrad – einst Hauptstadt Jugoslawiens, heute Serbiens – stets gut vertreten. Unvergessen bis heute ist z.B. Horst Grabert, Jahrgang 1927, von 1979 bis 1984 Botschafter in Belgrad, häufiger Gesprächspartner Titos und nach dessen Tod (4. Mai 1980) weitsichtiger Analytiker der sich in Jugoslawien anbahnenden Gefahren, Konflikte und Kriege.

Zobel – vom Aktenträger zur Exzellenz

Seit Januar 2005 amtiert Dr. Andreas Zobel als Botschafter in Belgrad, auf den die obige Diplomatenregel nicht zutrifft. Am 11. April hat er sie in einer Podiumsdiskussion in grober Weise verletzt. Es kam Zweifel auf, ob die vielen deutschen Beteuerungen der „Freundschaft“ mit Serbien nicht durchweg Heuchelei seien, nachdem ausgerechnet der deutsche Botschafter Serbien als geschichtslos, desorientiert und perspektivlos abqualifizieren durfte.

Das Publikum nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, dass Zobel ein ausnehmend unfähiger, undiplomatischer und unwissender Repräsentant Deutschlands ist. Man könnte an eine akute Personalnot im deutschen Auswärtigen Amt glauben. Jedenfalls fragt man sich, wenn man die offizielle Biographie Zobels gelesen hat, warum ausgerechnet ein solcher Mann auf einen so neuralgischen Posten geschickt wird. Und das in einer Zeit, da gerade in Belgrad, in Serbien, auf dem ganzen West-Balkan politische Umsicht und diplomatisches Geschick im Höchstmaße gefragt sind.

Zobel, geboren 1953 in Berlin, absolvierte 1972 bis 1974 ein Redaktionsvolontariat, war 1979 bis 1983 „Assistent eines Mitglied des Europäischen Parlaments“, wechselte 1984 in den „Höheren Auswärtigen Dienst“ und wurde bis 2004 in zweit- und drittrangigen Funktionen eingesetzt: „Referent“, „Persönlicher Referent“ eines Staatssekretärs, „Ständiger Vertreter“ an einer Botschaft, „Abordnung an die EU-Kommission zur Dienstleistung“ im Kosovo etc. Was immer diese Tätigkeiten bedeutet haben mögen – der Eindruck besteht, in Zobel einen ewigen Assistenten, Auftragserlediger und Aktenschlepper zu sehen.

Dann kam seine Sternstunde: Botschafter in Belgrad. Wie das „Handelsblatt“ am 16. April schrieb, sei Zobel ein „meinungsfreudiger Diplomat“. Was heißt das nun wieder? Ist ein „meinungsfreudiger Diplomat“ auch ein „kenntnisreicher Diplomat“? Vermutlich nicht, denn weder die offizielle Biographie des Botschafters noch der „Handelsblatt“-Kommentar (oder irgendeine andere Pressestimme) haben Zobel irgendwelche besonderen Qualifikationen oder überdurchschnittlichen Kenntnisse bescheinigt. Auch seine bisherige Karriere lässt ihn nicht gerade als „Überflieger“ dastehen.

Was ein „meinungsfreudiger Diplomat“ so von sich gibt

Seit Mittwoch, dem 11. April 2007, weiß alle Welt, wie es um Kompetenz, Mut und „Meinungsfreudigkeit“ Zobels bestellt ist. Der Botschafter hatte an einer Podiumsdiskussion des „Forum za medjunarodne odnose“ (Forum für internationale Beziehungen) vom „Evropski pokret u Srbiji“ (Europa-Bewegung in Serbien) teilgenommen. Es war ein relativ kleiner Kreis, dem hochkarätige serbische Journalisten angehörten, unter anderem Nenad Radicevic von der Belgrader „Politika“, der ältesten und angesehensten Tageszeitung Serbiens. Von ähnlichem Kaliber waren weitere Zuhörer des Botschafters, und das mit Nachwirkung: Noch am Abend des Geschehens waren Zobels Auslassungen in Belgrad „rum“, auch die international angesehene Belgrader Radiostation B92 – seit Mai 1989 auf Sendung und die ganzen 1990-er Jahre über das Sturmgeschütz der Opposition gegen das Milosevic-Regime – nahm sich Zobels an.
 
Was hatte Zobel von sich gegeben? Die anwesenden Journalisten und andere haben gut zugehört und mitgeschrieben, so dass man den aus der Veranstaltung mit dem deutschen Botschafter resultierenden Skandal lückenlos „rekonstruieren“ kann. Im Grunde ist es ein doppelter Skandal. Einmal weil der diplomatische Repräsentant Deutschlands in Serbien sein Gastland in unglaublicher Weise beflegelte. Und zum andern, weil Deutschland sich in Serbien durch einen solchen „meinungsfreudigen“ Botschafter repräsentieren lässt, der mit Aussagen zu Geschichte und aktueller Politik durch jede Aufnahmeprüfung zum diplomatischen Dienst gefallen wäre.

Zobels Aussagen der Reihe nach

Zobel zum Ersten: „Serbien soll möglichst rasch das Kosovo-Problem im Sinne von dessen überwachter Unabhängigkeit lösen“. Note: Ungenügend! Begründung: Serbien hat überhaupt nichts zu lösen, weil die „überwachte Unabhängigkeit“ des Kosovos bislang nur ein Vorschlag des UN-Sondergesandten Ahtisaari ist, der bei seiner Präsentation im UN-Sicherheitsrat nur drei, vier zustimmende Voten bekam. Ende April dürfte dieser Versuch wohl endgültig „sterben“, wenn die fünfzehn Mitglieder des Sicherheitsrates zur Prüfung der Verhältnisse im Kosovo vor Ort erscheinen werden.

Zobel zum Zweiten: „Ein Insistieren darauf, dass das Kosovo ein Teil Serbiens ist, würde Serbien destabilisieren, denn dann könnte die Frage der Vojvodina, die neu in Serbien ist, geöffnet werden“. Note: Ungenügend! Begründung: Die bis 1918 Habsburgische Vojvodina war seit Jahrhunderten mehrheitlich von Serben besiedelt und bei Ende des Ersten Weltkriegs seit über einem Jahr von serbischen Truppen besetzt. Die ungarischen Behörden waren längst geflüchtet, in Ungarn wütete kommunistischer „Räte“-Terror, Präsident Wilson stand an Serbiens Seite. Unter diesen Umständen vollzog sich die Rückkehr der Vojvodina zu Serbien völlig unauffällig, da die weitaus schwereren Territorialprobleme des 1918 gebildeten „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS) an der Adria und in Slowenien zu lösen waren.

Für die Vojvodina interessierte sich partiell Rumänien, sonst buchstäblich niemand.   

Zobel zum Dritten: „Die Vojvodina kam 1918 zu Serbien, und wenn Serbien destabilisiert wäre, könnte Ungarn auf der Vojvodina bestehen“. Note: Ungenügend! Begründung: Die Vojvodina hat niemals zu Ungarn gehört, weil sie seit Jahrhunderten Teil des Habsburger Imperiums war. Als dieses nach dem Ersten Weltkrieg zerbrach, wurde sein ehemaliges Teilland Ungarn auf ein Drittel seines früheren Bestands reduziert, weil zahlreiche Regionen – von Süd-Polen bis zur nördlichen Adria – von Ungarn fortstrebten und sich auf zumeist plebiszitäre Weise anderen oder neuen Staaten anschlossen.

Zobel zum Vierten: „Es ist falsch, dass das Kosovo immer bei Serbien gewesen wäre, denn es wurde erst nach langer Zeit 1912 Teil Serbiens“. Note: Ungenügend! Begründung: Das Kosovo hat zu keiner Sekunde seiner Geschichte nicht zu Serbien gehört! Es war schon Teil des altserbischen Reichs Rascien. Serben-Zar Dusan hat im 14. Jahrhundert vom kosovarischen Prizren aus dieses Reich (zu dem auch Griechenland gehörte) verwaltet. Später verschwanden Serbien und das Kosovo im Osmanischen Imperium, von welcher Fremdherrschaft sich Serbien bereits im frühen 19. Jahrhundert befreit. 1912, also im Ersten Balkankrieg befreite es seinerseits auch das Kosovo von osmanischer Herrschaft. Laut UN-Sicherheitsrats-Resolution 1244 vom Juni 1999 ist und bleibt das Kosovo ein Teil Serbiens, bekommt aber eine „substantielle Autonomie“.
 
Zobel zum Fünften: „Wenn der Premier Serbiens, Vojislav Kostunica, darauf besteht, dass Kosovo ein Teil Serbien ist, dann führt das zu Stagnation und zu Grabenkämpfen, die er nicht gewinnen kann“. Note: Ungenügend! Begründung: Kostunica hält sich an Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats und an eherne Prinzipen des Völkerrechts. Dieses garantiert die Unverletzlichkeit von Grenzen und besagt, dass unter Zwang geschlossene Verträge ungültig sind.  So etwa das Münchner Abkommen von 1938, durch welches das Sudetenland von der Tschechoslowakei getrennt wurde. Das neuerliche Taktieren der internationalen Gemeinschaft um die „Souveränität“ des Kosovo wird in Osteuropa vielfach mit München 1938 verglichen, was nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Zobel zum Sechsten: „Es wird niemals einen Vertrag zwischen Serben und Albanern geben, und darum ist das Verlangen nach einer Fortsetzung der Gespräche nur eine Verzögerung der Lösung“. Note: Ungenügend! Begründung: Seit Jahren wird versucht, einen „Dialog“ von Serben und Albanern zu organisieren, auch heißt es immer wieder, die angestrebte Kosovo-Lösung müsse beiden Seiten gerecht werden – eine Ansicht, die vor allem Russland, ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat, mit wachsendem Nachdruck vertritt. Dass es bislang noch keinen „Vertrag“ oder „Dialog“ gegeben hat, liegt allein daran, dass „die Albaner“ ausschließlich von Kriegsverbrechern der UCK repräsentiert werden, die die völlige Souveränität des Kosovo verlangen und diese durch Mord, Brandschatzung und gewaltsame Vertreibung von Serben fördern wollen, wie das von der Kosovo-Regierung „orchestrierte“ Pogrom vom März 2004 bewiesen hat. Ganz nebenher bemerkt: Es hat sehr wohl Verträge zwischen Serben und Albanern gegeben, beispielsweise vor über zehn Jahren einen zur Wiedereröffnung von Schulen im Kosovo, der aber am Einspruch der Radikalen auf beiden Seiten scheiterte.
 
Zobel zum Siebenten: „Eine internationale Mission, die die erreichten Standards im Kosovo prüfen würde, könnte nur feststellen, dass die beiden Völker nicht zusammenleben wollen, was ja längst bekannt ist“. Note: Ungenügend! Begründung: Zu einem solchen Schluss könnte die Mission nur kommen, wenn sie allein bei den Terroristen von UCK, „Vetevendosje“ und ähnlichen Gangstern anklopfte. Die Kosovo-Albaner werden seit 1990 von besitzgierigen Kleptokraten dirigiert und haben nur selten Gelegenheit kundzutun, dass sie sich im Grunde nach allen Vorteilen sehnen, die sie im alten Jugoslawien besaßen – Arbeitsplätze, anerkannte Zeugnisse und Diplome, Reisepässe etc. Alles das haben sie seit Jahren nicht, weil sie Geiseln von Polit-Gangstern sind, die unfähig und unwillig sind, im Kosovo eine Politik nach internationalen Minimal-Standards zu betreiben.

Zobel zum Achten: „Serbien hat binnen 15 Monaten Gesprächen und in den acht Jahren seit seinem Verlust der Kontrolle über das Kosovo kein Konzept für die Reintegration des Kosovo vorgelegt. Die Albaner wollen die Unabhängigkeit, Serbien kann sie nicht integrieren, viele Leute in Serbien sind zufrieden, dass die Albaner separiert von ihnen leben, aber sie verlangen, dass die Grenzen des Kosovo Teil der Grenzen Serbiens sind“. Note: Ungenügend! Begründung: Serbien hat die Kontrolle über das Kosovo nicht „verloren“, sondern es wurde durch NATO-Bomben gezwungen, diese den Vereinten Nationen zu überlassen. Laut UN-Resolution 1244 sollten serbische Armee und Polizei längst wieder im Kosovo zurück sein, zumal das Kosovo Teil Serbiens ist und bleibt. Von allen diesen Zusagen der UN wurde keine einzige erfüllt, vielmehr wirkt sich die achtjährige Präsenz der internationalen Gemeinschaft als „Belohnung für Kriegsverbrecher“ aus (wie in ganz Osteuropa kritisiert wird). Serbien hat sehr wohl ein Integrationskonzept für das Kosovo vorgelegt – „mehr als Autonomie, weniger als Souveränität“ -, das vor allem den Zweck verfolgt, die internationale Gemeinschaft vor einem Bruch des Völkerrechts zu bewahren, indem man dort allein den Wünschen albanischer Terroristen in Regierungssesseln nachkommt. In der Welt gibt es elf Autonomie-Modelle, von Quebec bis Süd-Tirol, unter denen sich doch ein für das Kosovo passendes finden ließe. Aber die ehemaligen UCK-„Kommandanten“, die im Kosovo mit internationaler Stützung und Förderung regieren, wollen nicht, und die Serben dürfen nicht, weil jeder ihrer Ansätze sofort als nationalistische Obstruktion verteufelt wird.
 
Zobel zum Neunten: „Präsident Tadic und seine klugen Berater konnten nie erklären, was die Formel ‚Mehr als Autonomie, weniger als Souveränität’ bedeuten soll“. Note: Ungenügend! Begründung: Tadic und seine Berater können und müssen auch nicht erklären, warum die Erde bei Regen nass wird. Ihre Formel war ein sehr weitgehendes Angebot an die internationale Gemeinschaft, das diese auszufüllen hätte – es mit der Gegenformel der „überwachten Souveränität“ in gewisser Weise auch ausgefüllt hat, wenn auch auf die schlechtest mögliche Weise.

Zobel zum Zehnten: „Anstatt auf serbischen Grenzen im Kosovo zu insistieren, wäre es besser, daran zu arbeiten, dass Serbien und Kosovo in 20, 25 Jahren in der EU sind“. Note: Ungenügend! Begründung: Laut Resolution 1244 bleibt das Kosovo Teil Serbiens, kann also nicht in die EU aufgenommen werden. Serbien hatte problemlose Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit der EU, die vor einem guten Jahr auf Eis gelegt wurden, weil Serbien angeblich ungenügend mit dem Haager Tribunal kooperierte. Sie sollen demnächst wieder aufgenommen werden, und Belgrad hat eine Zusage von Brüssel, 2008 Beitrittskandidat werden zu können.

Zobel zum Elften: „Serbien kann keine Kontrolle über das Kosovo ausüben, zwei Millionen Albaner wollen nicht in Serbien leben, darum ist das Kosovo ein Sonderfall“. Note: Ungenügend! Begründung: Serbien kann keine Kontrolle über das Kosovo ausüben, da es aus diesem im Widerspruch zur Resolution 1244 ferngehalten wird. Im Kosovo leben keine „zwei Millionen Albaner“, aber weil die albanischen Behörden absichtlich keine Volkszählung zulassen, weiß niemand, wie viele Menschen überhaupt im Kosovo leben. Dass Albaner nicht in Serbien leben „können“, ist UCK-Propaganda, und ein „Sonderfall“ ist das Kosovo nur insofern, als hier ein UCK-Land besteht, über das laut INTERPOL 40 Prozent der in Europa umlaufenden Drogen gehen.

Zobel zum Zwölften: „Viele in Serbien wünschen, im Kosovo von Albanern initiierte Unruhen zu sehen, um dann sagen zu können, sie hätten zu Recht die internationale Gemeinschaft auf den dort drohenden Terrorismus aufmerksam gemacht“. Note: Ungenügend! Begründung: Dass die albanische UCK und ihre Nachfolger Terroristen sind, weiß man seit zehn Jahren – dass sie heute in terroristische Netzwerke und in das international organisierte Verbrechen verstrickt sind, kann man aus Analysen von INTERPOL und vielen anderen Dokumenten erfahren. Dass albanische Terroristen binnen acht Jahren über 230.000 Serben aus dem Kosovo vertrieben und mindestens 1.500 Serben im Kosovo ermordet und rund 1.000 serbische Häuser und Kirchen gebrandschatzt haben, ist sogar in Dokumentationen von OSZE, UNHCR und anderen Organisationen vermerkt. Dass Serben kosovarisches Chaos „wünschen“, ist schon deshalb Unsinn, weil im Kosovo noch über 100.000 Serben leben – in täglicher, berechtigter Angst vor albanischem Terror.  

Schadensbegrenzung von Ertappten?

Zwölf mal Zobel, zwölf mal völlig daneben. Dieser Diplomat ist wahrhaftig kein Kenner und völlig fehl am Platze. Zobel muss schon während der Diskussion am 11. April gespürt haben, dass er dabei war, mehr als einen Fehler zu begehen: nämlich eine Dummheit. Immer häufiger flocht er halbe Rückzieher ein – „das ist keine Drohung, sondern eine Analyse“, „das ist meine persönliche Ansicht“ etc. -, aber da war schon nichts mehr zu retten. Das Ausmaß des angerichteten Schadens konnten er und andere in einem sehr ausführlichen Wortprotokoll der Veranstaltung nachlesen, das die Agentur Beta praktisch am Ende der Veranstaltung veröffentlichte. Natürlich gab es auch eine Tonaufnahme der Diskussion, aber Beta hatte sich auf die schlimmsten Aussagen Zobels konzentriert und dieses Protokoll ging buchstäblich „um die Welt“ – ungezählte Medien im In- und Ausland zitierten es in aller Breite und konzentrierten so allgemeines Entsetzen auf Deutschland und seinen „Mann in Belgrad“.
 
Als erste reagierten die Ungarn bereits am 12. April - verständlich „verschnupft“, da sie sich von Zobel als potentielle Aggressoren gegen Serbien verdächtigt sahen. Sie seien „überrascht“ gewesen von den Aussagen des Botschafters, erklärte Istvan Fehervari, zweiter Mann der ungarischen Botschaft in Belgrad, und hätten Zobel sofort zur Rede gestellt. Der flüchtete in die Standardausrede deutscher Politik, seine Aussagen seien „aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert worden“. Er sagte noch einiges mehr – laut „Politika“ ein „Versuch, die Öffentlichkeit zu betrügen und die Schuld auf die Medien abzuwälzen“ (pokusaj da obmane javnost i krivicu prebaci na medije).

So wollte er seinen unglaublichen Ausfall gegen Präsident Tadic und Premier Kostunica, „Serbien verdient eine bessere politische Elite“, jetzt als fürsorgliche Mahnung verstanden wissen, „die politischen Führer Serbiens müssen die Verantwortung ergreifen und möglichst umgehend eine Regierung bilden“. Die Regierungsbildung in Serbien steht in der Tat seit den Wahlen von Ende Januar aus, aber was geht das einen fremden Botschafter an? Und was, wenn nicht eine Lüge, ist seine nachgeschobene Interpretation?

Zobel zog die Notbremse. Am 12. April bat er zu einer rasch einberufenen Pressekonferenz von fünf Minuten Dauer – „Fragen sind nicht erlaubt“. Er habe auf der gestrigen Diskussion nur „seine persönliche Meinung kundgetan, keineswegs Standpunkte der deutschen Regierung und der EU“. Und dann kam’s: „Ich entschuldige mich ausdrücklich für die möglicherweise unklaren Aussagen und dafür, dass der Eindruck aufgekommen ist, ich hätte ungenügendes Verständnis für mein Gastland. Alle gestrigen Erklärungen – seien sie wahrheitsgemäß oder in falscher Weise übermittelt worden – sind allein mir zuzuschreiben. Der Standpunkt Deutschlands und der EU ist bekannt. Unser Ziel sind Stabilisierung und Frieden auf dem West-Balkan. Ich möchte auch nachdrücklich feststellen, dass ich in keinen Fall die Meinung vertreten habe oder der Ansicht bin, es gäbe historische Ansprüche Ungarns auf die Vojvodina“.

Deutscher Bundestag: Zobels „verrückte Äußerung“

So redet kein „meinungsfreudiger Diplomat“, sondern einer, der gerade heftigste Dresche hatte einstecken müssen – von Gert Weißkirchen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und stellvertretender Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des Deutschen Bundestags. In einem Gespräch mit B92 erklärte Weißkirchen, „Zobel hat eine unverantwortliche Aussage gemacht, die weder von der deutschen Regierung noch von der deutschen Öffentlichkeit getragen wird. Das Auswärtige Amt soll ihn zur Verantwortung ziehen“.

Das Auswärtige Amt schätzt Botschafter, die sich in die Medien ihrer Gastländer wagen, aber es darf keine „meinungsfreudigen“ Herolde wie Zobel dulden, sagte Weißkirchen, der B92 auch verriet, wie er Sache grundsätzlich sieht: „Es ist klar, dass ein Botschafter, was immer er in einer offiziellen Rede oder in einer persönlichen Äußerung sagen mag, stets die Position der deutschen Regierung vertritt. Allerdings ist in diesem Fall die deutsche Regierung nicht verantwortlich für diese verrückte Äußerung, die Botschafter Zobel abgegeben hat. Er ist derjenige, der die Öffentlichkeit überzeugen soll, dass ein derartiges Missverständnis einmalig ist und sich nicht wiederholen wird, und er muss sich vor der serbischen und vor der deutschen Öffentlichkeit für seine Verantwortungslosigkeit entschuldigen“.

Alle die hier angeführten Zitate sind Rückübersetzungen aus serbischen Medienberichten, können also im deutschen Original minimal anders ausgefallen sein, aber der Ton macht die Musik und der Ton gegen Zobel war in Deutschland erfreulich harsch. Der Münchner Wissenschaftler und Balkan-Experte Dr. Martin Brusis warnte in einem Gespräch mit BBC davor, Zobels Äußerungen etwa als „Versuchsballon“ oder eine „versteckte Warnung“ der deutschen Politik anzusehen. In Wahrheit stecke etwas ganz anderes dahinter: „Ich denke, wir haben es hier mit einem dummen Fehler zu tun, der den Grad der Unwissenheit und Uninformiertheit eines so hohen deutschen Diplomaten offenbart. Mir persönlich verursachen diese Äußerungen Kummer. Es ist absolut unklar – aus den vorgebrachten Argumenten wie auch aus der Ausdrucksweise -, was der eigentlich im Sinne hatte, als er das sagte, was er gesagt hat“.

Er sei „ziemlich sicher“ sagte Brusis, dass Zobel „hinter den Kulissen heftigste Vorwürfe einstecken musste. Vermutlich wird er künftig aufpassen und nur Erklärungen abgeben, die nicht zu missinterpretieren sind. Dennoch bin ich nicht sicher, dass eine Abberufung Zobels aus Belgrad die beste Lösung wäre“.

Zobel bleibt – am Belgrader Pranger?

Eine Abberufung Zobels hatte in Belgrad ohnehin nur Seseljs Radikale Partei (SRS) gefordert, aber die hat Narrenfreiheit und wird gerade in der Hauptstadt nicht ernst genommen. Ansonsten war „die Reaktion Belgrad gut und angemessen“, sagte Gert Weißkirchen, der damit auch ein verstecktes Lob für die sehr deutlichen Kommentare des serbischen Präsidenten, der Regierung und prominenter Politiker aussprach. 
 
Belgrad „schäumte“ (milde gesagt). Staatspräsident Boris Tadic protestierte in schärfster Form beim deutschen Auswärtigen Amt und bei Bundespräsident Köhler und verlangte, „dass Berlin sich von den Äußerungen des Botschafters distanziert“.

Die Regierung, ohnehin mit gewissen Auslassungen westlicher Botschafter zum Kosovo unzufrieden, nannte Zobels Aussagen eine „höchst impertinente Einmischung in innere Angelegenheiten Serbiens“. Sie sprach in einer Protestnote Klartext: „Botschafter Zobel hat in mehrfacher Hinsicht die territoriale Integrität und Souveränität Serbiens und die Unverletzlichkeit seiner international anerkannten Grenzen in Frage gestellt, damit die ihm bezeugte Gastfreundschaft Serbiens verletzt und sich an der Würde der staatlichen Institutionen Serbiens vergangen. Zu Recht erwartet die Regierung Serbiens eine Erklärung der deutschen Regierung, ob Botschafter Zobel die offiziellen Standpunkte der Regierung Deutschlands vertreten hat“.

Andere Politiker äußerten sich ähnlich. Rasim Ljajic, Chef der Demokratischen Partei des Sandshak und langjähriger Belgrader Minister für ethnische Minderheiten, erteilte Zobel Nachhilfeunterricht in serbischer Landeskunde. Der Botschafter hatte den Sandshak - das zwischen Serbien und Montenegro gelegene Hochplateau, das von einer relativ großen Zahl slavischer Muslime besiedelt wird und durch die Trennung Montenegros von Serbien (Juni 2006) zwischen beiden Ländern aufgeteilt ist – unter die Regionen eingereiht, die eine mögliche „Destabilisierung“ Serbiens verursachen könnten. Einen größeren Bärendienst konnte er dieser veramten Region nicht erweisen, ließ Ljajic den Botschafter wissen, und jeder Vergleich des Sandshak mit dem Kosovo sei einfach abstrus. Der Sozialdemokrat Zarko Korac, ehemaliger Vizepremier der serbischen Regierung, nannte Zobels Auftritt „fahrlässig und undiplomatisch“, besonders was dessen Auslassungen zu Grenzfragen anging.

Zu den im Ausland, auch in Deutschland, am meisten respektierten Persönlichkeiten Serbiens zählt die Soziologin Vesna Pesic, in den frühen 1990-er Jahren gelegentlich als „Mutter der Opposition“ gegen das Milosevic-Regime apostrophiert, da sie den Kampf für demokratische Reformen in Serbien bereits in den frühen1970-er Jahren begonnen hatte. 1992 gründete sie die „Bürgerunion Serbiens“, die sich 2007 zur Liberal-Demokratischen Partei (LDP) umformte. Von 2001 bis 2005 war Vesna Pesic Botschafterin in Mexiko, und heute sagt sie, gemünzt auf Zobel, ihr wäre „nie in den Sinn gekommen, in dieser Weise über einen Staat zu reden“. In welcher Weise? Mit einer „unbedachten Rede und einem arroganten Auftreten“.

Mancher taugt nur als schlechtes Beispiel

Lassen wir es gut sein, Zobel lohnt im Grunde nicht! Was über ihn zu sagen ist, haben (wie oben angeführt) deutsche Politiker, Wissenschaftler und Kommentatoren mit dankenswerter Eindeutigkeit gesagt: Zobel ist ein „undiplomatischer“ Diplomat, der „unwissend“ und „uninformiert“ ist, „dumme Fehler“ macht und „verrückte“ Reden hält. Er ist ein deutscher Botschafter, der Deutschland einen politischen Schaden verursacht hat, wie ihn geschworenste Deutschenhasser nicht größer erdenken könnten.

Für wenigstens ein paar Monate wird Zobel in Belgrad bleiben, da eine sofortige Abberufung dem Auswärtigen Amt inopportun erscheint. Sei’s drum! Ob abberufen oder bleiben – die Höchststrafe hat sich der Botschafter ohnehin zugezogen. Würde er abgezogen, dann wäre er auf Jahre hinaus nur für niedere Hand- und Spanndienste zu gebrauchen, da es vermutlich jedes Land als Affront ansähe, ihn als Botschafter Deutschlands geschickt zu bekommen.
Also bleibt er fürs erste in Belgrad, wo buchstäblich jedermann von seinen Ausfällen gehört hat. Vor dem Mund trägt er einen unsichtbaren Maulkorb, verpasst von seinen Berliner Vorgesetzten, um ihn herum Getuschel und Schadenfreude – ein Gezeichneter, ein Kontaktarmer, jemand, dem man besser ausweicht.

Die jüngere deutsche Politikgeschichte kennt ähnliche Beispiele von Reden, die eine solche Katastrophe waren, dass man sie fortan nur noch als schlechtes Beispiel erwähnen durfte. Sollte Zobel fortan in der Ausbildung von Attachés zur Warnung als schlechtes Beispiel dienen, dann hätte er letztlich einen guten Zweck erfüllt.  

Balkan Deutschland

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