Zu Besuch bei Väterchen Frost in ArchangelskRUSSLAND

Zu Besuch bei Väterchen Frost in Archangelsk

Im hohen Norden, wo der Polarwind glitzernde Eiskristalle durch die Lufte wirbelt und die Schneedecke monatelang unter den Fußen knirscht – da ist der Weihnachtsmann zu Hause. Ob der Alte mit dem weißen Rauschebart seine Geschenke jedoch am Nordpol oder in Lappland lagert, weiß niemand so genau. Mittlerweile hat sich Väterchen Frost (Ded Moros) auch in der nordrussischen Stadt Archangelsk sein Domizil eingerichtet.

Von Veronika Wengert

EM – Einen Tag und eine Nacht lang rollt der Zug von Moskau aus in Richtung Norden. Mit Rauhreif überzogene Birken und schneebedeckte Kiefern unterbrechen die endlose Weite, bis in der Dämmerung Archangelsk am Horizont auftaucht: Eine russische Provinzstadt, in der sich sowjetische Neubautristesse und geduckte Holzhäuser willkürlich abwechseln. Im historischen Stadtteil Solombala liegt das Weihnachtsdorf, hier werden Kindheitsträume wahr: „Postamt des Väterchen Frost“ ist mit hölzernen Lettern an das mittlere der drei Häuser genagelt. Alle Briefe, die an „Ded Moros, Archangelsk“ adressiert sind, kommen hier an und warten in einer hohen Schrankwand darauf, von dem märchenhaften Greis und seinen Helfern beantwortet zu werden.

Das Reich des legendären Alten, der in Rußland erst in der Neujahrsnacht die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legt, beginnt hinter einem geschnitzten Hoftor: Vergnügt schlittern Kinder eine Rutschbahn hinunter, klettern auf einem alten Kutter und in der Gartenlaube umher. Eine Tür fällt krachend ins Schloß, prompt verstummt das Gekreische. Auf dem Treppenabsatz steht der Mythos: Bauschiger Bart, roter Mantel, Mütze und typisch russische Filzstiefel. „Hallo, liebes Väterchen Frost“, hallen ihm einige zitternden Stimmchen entgegen. Brummend begrüßt er die Kinder und lädt sie zur Audienz in sein Arbeitskabinett ein.

Zur Audienz beim Rauschebart

Vorzimmerdame Sinaida empfängt den nervösen Nachwuchs mit Zipfelmützchen und beruhigenden Worten, während sich Väterchen Frost in seinem holzvertäfelten Büro auf den Besuch vorbereitet. „Früher haben sich die Kinder noch ganz andere Dinge gewünscht“, seufzt der Alte unter seinem dichten Bart. Längst stünden Mercedes und E-Gitarre ganz oben auf der Wunschliste, mit Süßigkeiten könne er nur noch die Jüngsten zufrieden stellen, sagt der rotwangige Alte. In Zusammenarbeit mit Schulen und Reiseveranstaltern versuche er jedoch, die meisten Kinderträume zu erfüllen: „Wer sich einen Mercedes wünscht, bekommt eben ein Miniaturauto zugeschickt“, erzählt der Geschenkebringer.

Die Kinderschar betritt schließlich mit leuchtenden Augen das Zimmer, stolz präsentiert Väterchen Frost sein Inventar: An der Wand hängt ein schwarzer Apparat mit Wählscheibe, den er liebevoll „mein Wundertelefon“ nennt. Nebenan stapeln sich Hunderte von Briefen in einer Schrankwand, in einer Vitrine sind selbst gebastelte Püppchen, Papiervögel und Schlangen aus Alufolie ausgestellt – Geschenke an den Weihnachtsmann. „Das sind alles meine Freunde“, sagt der Alte und erzählt vom Schneemann und den wilden Tieren im ewigen Eis. Nur seine liebste Gefährtin, das Schneemädchen Snegurotschka, habe heute anderswo zu tun. Schließlich müßten ja die Kinder in der Region auch beschenkt werden, sagt der Rotrock und drückt jedem Besucher zum Abschied eine Erinnerungsurkunde in die Hand.

Drei Schüler, die als Aushilfe in der Residenz arbeiten, führen die Kinderschar in die Teestube, wo bereits der Samowar dampft und der Geruch von frisch gebackenen Keksen den Raum durchzieht. Bunte Lichterketten am Weihnachtsbaum tauchen die Holzhütte in ein warmes Licht. Irgendwo zwitschert eine Kuckucksuhr. Helferin Sinaida zeigt den Kindern zum Abschluß der Tour ihre Schätze im Souvenirladen: Bereits für umgerechnet einen Euro gibt es rote Zipfelmützen, die in der angrenzenden Schneiderei genäht werden und duftende Lebkuchen mit regenbogenfarbenem Zuckerguß.

Großer Andrang beim russischen Weihnachtsmann

Am Hoftor steht schon eine Gruppe von Neuankömmlingen, um für umgerechnet zwei Euro zwei Stunden lang in eine heile Glitzerwelt einzutauchen. Während die anderen Kinder noch Tee schlürfen, entführen die drei Oberschüler die neuen Besucher in eine Blechhütte im Hof, wo bereits das Lagerfeuer knistert – Märchenstunde. Ded Moros bleiben nun ein paar Minuten, um in seinem Büro tief durchzuatmen und den dicken Rauschebart abzulegen: „Wenn es Sie nicht stört, denn der Pelz ist so warm“, sagt er zögernd. Doch schon ist der Mythos des grimmigen Alten zerstört: Zum Vorschein kommt Waldemar Towkatsch, ein 36-jähriger Tierarzt, der für fünf Wochen im Jahr in die rot-weiße Robe schlüpft. Mit einem älteren Kollegen wechselt er sich ab und empfängt noch bis Mitte Januar Besucher – wenn das Neue Jahr in Rußland nach der alten Zeitrechnung gefeiert wird. In christlichen Familien beschenkt man sich in der Nacht zum 7. Januar, wenn die orthodoxe Kirche die Geburt Jesu feiert.

Zu Hause in Welikij Ustjug

„Vor allem Besucher aus der Region kommen zu mir, also bin ich eher so etwas wie ein lokaler Weihnachtsmann“, scherzt Waldemar Towkatsch und besinnt sich sofort wieder auf seine Rolle. „Sonst lebe ich ja am Nordpol, nur in der Zeit vor Neujahr komme ich hierher zu den Menschen“, sagt er theatralisch und fährt mit dem Finger auf einer Landkarte von Nord nach Süd: von Murmansk über Archangelsk nach Welikij Ustjug. Der fast 1000-jährige Ort im Gebiet Wologda ist seit fünf Jahren offizielle Residenz des Weihnachtsmannes in Rußland. Seitdem tobt ein Machtkampf: Wo lebt eigentlich der „wahre“ Weihnachtsmann? Während sich Welikij Ustjug mittlerweile zum Touristenmagneten entwickelt hat und jährlich Tausende von Besuchern die Hotels der Altstadt bevölkern, führt Väterchen Frost in Archangelsk eher ein kommerzielles Schattendasein.

Der wirtschaftliche Erfolg würde jedoch auch nicht im Vordergrund stehen, so Andrej Tomaschkewitsch, der bereits vor gut einem Jahrzehnt die Idee zu dem Projekt hatte. Vor zwei Jahren hat er schließlich das kleine „Weihnachtsdorf“ am Nikolinskij Prospekt in Archangelsk eröffnet, das auf eigene Kosten noch weiter ausgebaut werden soll. In erster Linie gehe es um den Erhalt des historischen Stadtviertels Solombala und um die Weitergabe der Traditionen, die mit Ded Moros und dem russischen Winter verknüpft sind, so Tomaschkewitschs Leitgedanke.

Andere Länder, andere Sitten: Nicht nur die russischen Städte konkurrieren um „ihr“ Väterchen Frost, sondern auch in Finnland, Schweden, Norwegen und auf Grönland wurden die Brüder vom Weihnachtsmann bereits gesichtet. Aus Solidarität mit seinen ausländischen Kollegen hat der Archangelsker Geschenkebringer einen Wegweiser in seinen Garten gestellt, der etwa die Himmelsrichtung zum finnischen „Joulupukki“ an den Polarkreis zeigt.

Kultur Russland Weihnachten

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