„Zuhause fremd - Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland“GELESEN

„Zuhause fremd - Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland“

Russlanddeutsche polarisieren. Sie gelten als besonders kriminell und schwer integrierbar. Das Buch von Sabine Ibsen-Peitzmeier und Markus Kaiser beleuchtet die Hintergründe und die Probleme, die einheimische Deutsche und Spätaussiedler miteinander haben.

Von Gunter Deuber

„Zuhause fremd – Russland-deutsche zwischen Russland und Deutschland“, herausgegeben von Sabine Ipsen-Peitzmeier und Markus Kaiser  
„Zuhause fremd – Russland-deutsche zwischen Russland und Deutschland“, herausgegeben von Sabine Ipsen-Peitzmeier und Markus Kaiser  

M an nennt sie Russlanddeutsche oder etwas präziser „außereuropäische“ Spätaussiedler. Es handelt sich um etwa eine Million Menschen, die Ende der 1990er Jahre aus den Republiken der ehemaligen Südperipherie der Sowjetunion, also aus Zentralasien oder Sibirien gekommen sind. In der gegenwärtigen deutschen Debatte rund um das Thema Integration sind sie ein Stein des Anstoßes. Pünktlich zu dieser Integrationsdebatte ist das Buch „Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland“ erschienen.

Wie der Titel ausdrückt ist nicht allen Spätaussiedlern die Eingliederung in die vor Jahrhunderten verlassene „alte Heimat“ geglückt. Im Kontrast zum Gros der insgesamt vier Millionen Aussiedler aus Osteuropa, für die Deutschland und hier vor allem die BRD bis Ende der 1980er immer ein Einwanderungsland war, ist für viele Spätaussiedler das neue Zuhause (noch) ein Ort in der Fremde. Diese Stimmungslage vieler russlanddeutscher Aussiedler und manch nicht geglückter Integrationsverlauf weckt sowohl das öffentliche, als auch das akademische Interesse an ihrer Geschichte und ihren Migrationserlebnissen. Zu der besonderen Situation Russlanddeutscher und vor allem der Spätaussiedler liefert der von Sabine Ipsen-Peitzmeier und Markus Kaiser herausgegebene Sammelband „Zuhause fremd“ einen wichtigen Beitrag.

Zwischen „Rotfront“ und Deutschland

Den Bucheinband ziert eine Szene vom kirgisischen Dorf Rotfront (dem einstigen Bergtal), eine weitere zeigt Deutschstämmige bei Pawlodar und eine dritte Spätaussiedler in Deutschland. Schon die Gestaltung des Einbandes illustriert die Situation der Russlanddeutschen zwischen hier und dort, zwischen verschiedenen Lebenswelten, zwischen Tradition und Moderne. Das Buch selber beleuchtet auf seinen rund 400 Seiten, dass Russlanddeutsche und hier vor allem die Spätaussiedler mit einem ganz spezifischen Migrationsdilemma ringen: dem der zweifachen Heimatlosigkeit, dem der doppelten Nicht-Integration. Für viele ist die neue Heimat kein Zuhause und die alte Heimat war auch schon keine. In Russland waren sie die Deutschen und in Deutschland sind und bleiben sie die Russen, worauf kaum einer der Spätaussiedler vorbereitet war.

Den spezifischen Problemen von (Spät-)Aussiedlern, die in einer Abwärtsspirale der Nicht-Integration enden können, wird in „Zuhause fremd“ in 17 Fachbeiträgen nachgegangen. Die Beiträge sind von deutschen und russischen Autoren geschrieben und ordnen die Aussiedlerdebatte, angereichert durch viele Details und aus verschiedenen Perspektiven, in den Gesamtkontext der Migrations- und Sozialforschung ein. Viele griffige Fallstudien und wissenschaftliche Schriften werden verarbeitet, um dem Stand der ökonomischen, politischen und sozialen Integration der Aussiedler und hier vor allem der russlanddeutschen Spätaussiedler aus Zentralasien nachzugehen.

Spätaussiedler als Globalisierungsverlierer

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Texte die Argumentation, dass gerade die Spätaussiedler wahre „Migrationsopfer“ der Globalisierung und der Moderne sind. Sie haben eine Identität, die in mehreren geographischen und kulturellen Welten zugleich verhaftet ist. Aussiedler früherer Einwanderungswellen, die ab den 1950ern bis in die 1980er Jahre in die BRD kamen, hatten rasch den Kontakt zur Heimat verloren. Sie waren meist der deutschen Sprache mächtig, hatten ihr „Deutschtum“ in den Familien aktiv gepflegt. Zumeist waren sie auch gut qualifizierte Städter ohne feste traditionale Binnenstrukturen. Ihr Zuzug als „Heimkehrer“ stieß auf breite Akzeptanz, der bundesdeutsche Arbeitsmarkt nahm sie gerne auf. Sie galten als ausgesprochen fleißig. Frühere Aussiedler haben sich dank sozialer Teilhabe im Gegensatz zu ihren Spätaussiedler-Landsleuten recht gut integriert. Nach dem Fall des Ostblocks nahmen sie zwar durchaus wieder Kontakt in die Heimat auf, aber grenzten sich meist bewusst von den Spätaussiedlern ab.

Die Spätaussiedler der 1990er-Einwanderungswelle dagegen waren andere Menschen und mussten andere Umstände meistern. Viele von ihnen und besonders deren nicht-deutschstämmige Familienangehörigen konnten kein Deutsch. Oft stammten sie aus ländlichen Gebieten mit traditionalen Gruppenstrukturen. Hier war also der Kulturwechsel durch die Aussiedlung viel größer und der deutsche Arbeitsmarkt war bei ihrer Ankunft viel enger, ihre Qualifikationen kaum gefragt und die Sozialkassen als Spätfolge der Deutschen Einigung leer.

Transmigrationsdasein zwischen hier und dort

Moderne Technik bietet den Spätaussiedlern heute die Möglichkeit des intensiven Kontakts mit dem einstigen „Zuhause“ von ihrer „neuen Heimat“ aus. Klassische Migrationskonzepte verlieren damit an Wirkungs- und Erklärungskraft, wie das Buch „Zuhause fremd“ aufzeigt. Was ein plurilokales Transmigrationsdasein im Alltag konkret bedeutet und welche weiteren Faktoren bei der Integration – und Nicht-Integration – der Spätaussiedler in Deutschland wirken, wird durch das Werk anhand mehrerer systematisierender Beiträge und einzelner Studien und Beobachtungen aus konkreten Lebenswelten und verschiedenen Blickwinkeln sachlich nachgezeichnet. Das Kontaktverhalten von Jugendlichen mit türkischem Migrations- oder Aussiedlerhintergrund zu ihren Mitbürgern wird an Hand einer empirischen Studie verglichen. Ebenso wird gezeigt wie durch juristische Zuwanderungsregelungen und die Einstufung als Spätaussiedler oder Kontingentflüchtling, obgleich beides bisweilen Hand in Hand geht, neue Schranken entstehen können.

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Klassischen Vorurteilen gegen Spätaussiedler – etwa sie seien per se krimineller – wird ebenso nachgegangen. Das sind Voreingenommenheiten, die sich anhand der Kriminalitätsstatistiken schwerlich aufrechterhalten lassen. Vielmehr ist Kriminalität auch bei Spätaussiedlern durch typische soziale Faktoren erklärbar. Alles in allem zeigt die Lektüre von „Zuhause fremd“, dass viele Russlanddeutsche in der Sowjetzeit besonderer Entwurzelung ausgesetzt waren. Dies stärkte vor allem auf dem Lande ihre Netzwerke und ihren Binnenzusammenhalt in traditional ethnischen Glaubensgemeinschaften. Dieses spezifische Zusammengehörigkeitsgefühl wird von vielen Spätaussiedlern im Alltag und in religiösen Gruppen, die ihnen eine stabile Gemeinschaft anbieten, heute in Deutschland weitergelebt. Es entstehen Parallelgesellschaften, denn viele Gemeinden der christlichen Freikirchen der Russlanddeutschen fordern eine strenge Religiösität und Ethik, die der Mehrheit ihrer Mitbürger in der säkularisierten deutschen Moderne fremd ist.

Wider Vorurteilen - Aussiedler als homogene Gruppe?

Bei der Lektüre des Buches wird deutlich: Schwarz-Weiß-Malereien führen in der Integrationsdebatte kaum ans Ziel. In „Kolonien“, religiösen Gemeinschaften und Netzwerken der Russlanddeutschen sind auch positive Integrations- und Stabilisierungswirkungen feststellbar. Denn Migration bedeutet immer auch einen Bruch in der Biografie und dies besonders bei Jugendlichen. Für manch jugendlichen Aussiedler war die Reise mit den Eltern nach Deutschland gar eine „neue Zwangsumsiedelung“, denn die Freunde blieben meist zurück. In so einer Situation ist Halt und Gemeinschaft eben unverzichtbar, und Netzwerke müssen nicht per se exkludierend wirken. Alles in allem wird deutlich: Russlanddeutsche sind nicht über einen Kamm zu scheren. Wären sie eine homogene Gruppe, dann wären sie in Deutschland schon als Wählerstamm entdeckt worden - wie ein Buchbeitrag aufzeigt, ist dies bis dato eben nicht geschehen.

Geschäfte und Altenheime für russisch sprechende Deutsche

Im Ganzen zeigt das Buch, dass sich Deutschland heute an russisch sprechende Deutsche – das ist die größte Aussiedlergruppe – an ihre Medien und ihre eigene Ökonomie gewöhnen muss. Die Aussiedler haben ihre eigenen  Supermärkte oder Musik- und Videogeschäfte, sowie Kanzleien, Arztpraxen oder Altenheime. Und die Russlanddeutschen sind Teil der Integrationsdebatte um Deutschland als Einwanderungsland. Wir Europäer müssen eine tief greifende, kulturelle Anpassung durchmachen. Eine Integrationsvoraussetzung ist es, seine neuen Mitbürger aus der ehemaligen UdSSR besser zu verstehen. Da kommt der der facettenreiche Sammelband „Zuhause fremd“ als aufklärende Lektüre gerade recht.

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Rezension zu: „Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland“, herausgegeben von Sabine Ipsen-Peitzmeier und Markus Kaiser, Transcript Verlag, Bibliotheca eurasica, Bielefeld 2006, 430 S., 27,80 Euro, ISBN: 3-89942-308-9.

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