Zurück in die HeimatRUSSLANDDEUTSCHE

Zurück in die Heimat

Zurück in die Heimat

Die verlorene Heimat wollten sie hier finden und gute Arbeit. Viele wurden enttäuscht, weil die Vorstellungen von Deutschland nicht der Wirklichkeit standhielten. Deshalb zieht es nun seit etwa zwei Jahren immer mehr Russlanddeutsche zurück in den Osten. Vor einem Jahr wurde die erste Beratungsstelle für rückkehrwillige Spätaussiedler in Bielefeld gegründet. Auch Olga und Vladimir Funk aus dem süddeutschen Göppingen haben sich schon an sie gewandt: Sie wollen nach elf Jahren so bald wie möglich „nach Hause.“

Von Marco Lauer

Im Moment erinnern nur Bilder an die alte Heimat. Schon bald aber soll sich das ändern. Dann möchten die Funks dorthin zurück, wo sie vor elf Jahren heirateten. Das Album auf dem Tisch zeugt davon: „Unsere Hochzeit“ steht darauf.  
Im Moment erinnern nur Bilder an die alte Heimat. Schon bald aber soll sich das ändern. Dann möchten die Funks dorthin zurück, wo sie vor elf Jahren heirateten. Das Album auf dem Tisch zeugt davon: „Unsere Hochzeit“ steht darauf.  

A lles war in dieser einen Tasche. Die Träume, das Geld, die Kleidung: alles, was sie hatten, als sie dort gingen und hier ankamen. - Elf Jahre ist das her, November 1995. Sie kamen an in Friedland, niedersächsische Kleinstadt, der Ort, an dem Deutschland seine verlorenen Söhne und Töchter zu empfangen pflegt. Im zentralen Aufnahmelager für Spätaussiedler.

Der Anfang schmeckte süß. Kaum angekommen verließen Olga und Vladimir, ihre einjährige Tochter Christina auf dem Arm, die Enge des Aufnahmelagers, gingen in die Stadt und kauften ein bei „Spar“. Vor allem „Schakalade“ - Dutzende Tafeln davon. Und hemmungslos alles andere, an dem es ihnen in Kasachstan mangelte.

Das kleine Haus, dass sie nahe der kasachischen Hauptstadt Astana besessen hatten, verwandelte sich zunächst in tausend Dollar, dann in D-Mark und ein Teil davon schließlich in all die schönen Dinge, die es in deutschen Supermärkten zu erstehen gab. Man prasste ein bisschen, schließlich war man nun angekommen, war aus Traum Wirklichkeit geworden: Deutschland. Die Heimat. Endlich.

In Kasachstan Ingenieurstudentin, hier Putzfrau

Hart schlugen sie darin auf. „Ich habe elf Jahre gewartet auf das bessere Leben hier. Aber es wird nur schlimmer“, sagt Olga Funk. Kerzengerade sitzt sie am Küchentisch, eine Frau von 31 Jahren mit Melancholie in den grünen Augen, zum Pferdeschwanz gezähmten blonden Haaren und ungezähmter Sehnsucht nach zu Hause. In Kasachstan Ingenieurstudentin, hier Putzfrau, der Rücken meist zum Boden gebeugt und mit ihm ihr Stolz. Die ersten zwei Jahre nach der Ankunft frischte sie ihr Deutsch auf, bewarb sich viele Male, versuchte, in einem Job zu landen, in dem sie auch ihre Mathematikenntnisse anwenden könnte. Am Ende aber landete sie doch immer wieder kniend auf deutschem Linoleum. Und da nun viele der früheren Lehrerinnen, Polizistinnen und Ingenieurinnen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine mit ihr die Böden putzten, setzte ihr frisches Deutsch schnell wieder Rost an. Untereinander spricht man nicht in einer fremden Sprache.

Olga gegenüber sitzt Vladimir, ihr Mann seit 13 Jahren. Und spricht aus, was immer mehr Russlanddeutsche hierzulande vorhaben: „Wir wollen zurückgehen. Wir sehen hier keine Zukunft mehr für uns. Und noch ist Zeit. Meine Frau und ich sind ja erst Anfang Dreißig.“ Als Kraftfahrer tagein, tagaus den Asphalt vor sich und hinter sich Kollegen, die über ihn tuscheln, weil er eine Wohnung gekauft hat und sie sich fragen, womit. Vielleicht mit den satten Zuschüssen, die die 'Russen' noch immer bekommen vom deutschen Staat –  wenn auch nur in der Vorstellung ihrer Neider. Dieses Misstrauen hat Vladimir mürbe gemacht. „Wir bleiben hier immer Ausländer“, sagt er und fügt hinzu: „Auch wenn ich ja eigentlich Deutscher bin.“ Er schickt dem Satz ein Lachen hinterher, aber seine Augen lachen nicht mit.

Viele Tausende wollen zurück

Manchmal noch plagen ihn Zweifel an der Rückkehr: Wieder alles aufgeben? Wieder von Null anfangen, so wie damals vor elf Jahren? Und: wohnen nicht mittlerweile auch alle seine Verwandten hier? Die würden ihm drüben dann fehlen. Andererseits: Kasachstan blüht gerade auf, auch Russland oder Kirgisien. Überall wächst die Wirtschaft rasant und mit ihr die Chance auf Arbeit - gut bezahlte obendrein. Und das Getuschel würde auch verstummen.

„Es sind Tausende, die zurückwollen“, sagt Zafar Sharajabov, ein ruhiger, kleiner Mann, der das harte Deutsch der Spätaussiedler mit sanfter Stimme spricht. „Diese Menschen leiden hier“, sagt er und es klingt wie: „läden hier“. Sharajabov, selbst vor zehn Jahren aus Kirgisien nach Deutschland gekommen, ist Mitarbeiter der Wohlfahrtsorganisation „Heimatgarten“. Ursprünglich gegründet, um Kriegsflüchtlingen zu helfen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Seit etwa zwei Jahren wenden sich immer mehr Spätaussiedler an den Verein. In Bielefeld hat man deswegen eine spezielle Anlaufstelle eingerichtet, die sich nun ausschließlich um die Belange der rückkehrwilligen Russlanddeutschen kümmert. Und es werden immer mehr, die den Weg zurück gen Osten antreten wollen.

Wo liegen die Gründe dafür? „Viele haben über lange Jahre ausgeharrt und gehofft, nächstes Jahr würde es besser“, sagt Sharajabov. „Aber bei vielen blieben die Hoffnungen unerfüllt.“ Er nestelt in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch, zieht dann ein Blatt heraus und reicht es dem Besucher. Darauf ein Schaubild, das überschrieben ist mit: „Hauptgründe für Rückkehr der Aussiedler.“ Rechts und links unterteilt ist die Grafik in „ökonomisch bedingt“ und „mental bedingt“. Sharajabov kreist mit der flachen Hand über das Blatt und sagt: „Die Probleme gehen eigentlich ineinander über.“ Tatsächlich sind die Gründe vielfältig: Schlechte Sprachkenntnisse, Isolation von der deutschen Gesellschaft. Arbeitslosigkeit oder Arbeit in einem Beruf, der den Verlust sozialer Anerkennung bedeutet. Wenn ehemalige Staatsanwälte beispielsweise sich wegen ihrem schlechten Deutsch hier plötzlich am Fließband wieder finden. All das fügt sich zusammen zu einem Gefühl der Nutzlosigkeit, das manche in die Verzweiflung treibt und schließlich als letzte Möglichkeit nur die Rückkehr erscheinen lässt. Sharajabovs Zeigefinger schnellt auf das Blatt: „Dieser Punkt ist auch sehr wichtig.“: „Falsche Hoffnungen und Vorstellungen vor der Einreise“ steht da, als er den Finger wieder hebt.

Die Illusion vom gelobten Land ist verflogen

Olga und Vladimir Funk in ihrem Wohnzimmer. 6.000 Kilometer westlich von Kasachstan hatten sie nach dem besseren Leben gesucht und gedacht, in Deutschland fänden sie es. Doch das Land wurde ihnen nie zur Heimat.  
Olga und Vladimir Funk in ihrem Wohnzimmer. 6.000 Kilometer westlich von Kasachstan hatten sie nach dem besseren Leben gesucht und gedacht, in Deutschland fänden sie es. Doch das Land wurde ihnen nie zur Heimat.  

Oft nämlich möchte keiner von denen, die schon hier leben, bei den Besuchen in der einstigen Heimat zugeben, dass es auch Probleme gibt im gelobten Land. Und so hielt sich dort lange die Mär von einem Deutschland, „in dem die Straßen so sauber sind wie mit Shampoo gewaschen.“ Die Illusion von einem Land, das frei ist von Kriminalität und voll von Hilfsbereitschaft. Bei vielen aber war es nach der Ankunft dann so, als wenn man Touristen fünf Sterne mit Meerblick auf Mallorca versprochen hat und sie vor Ort einen Betonbunker vorfinden mit Sicht auf eine Baustelle. Mit dem Unterschied nur, dass die Touristen zurückkehren können ins eigene Heim. Die drei Millionen Spätaussiedler aber, die nach dem Fall der Mauer nach Deutschland strömten, hatten meist alles aufgegeben zu Hause, wo die Wirren der postsowjetischen Ära herrschten.

Nun aber wird der Weg zurück immer verlockender. Denn das Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion lichtet sich zusehends. Zwar sind Russland und seine ehemaligen Teilrepubliken noch keine lupenreinen Demokratien. Dennoch entwickeln sich stabile Verhältnisse, in denen die Korruption zurückgedrängt wird und die Wirtschaft zum Beispiel in Kasachstan im letzten Jahr um 15 Prozent gewachsen ist. So sehr, dass der Präsident der zentralasiatischen Republik, Nursultan Nasabejew, Programme aufzulegen gedenkt, die junge Arbeitskräfte aus dem Ausland mit Vergünstigungen anlocken soll. Vor allem aus Deutschland, wo die meisten 'Kasachen' außerhalb des Landes leben. Solche mit „deutschen Tugenden und russischer Seele“, wie Zafar Sharajabov sie mit einem Lächeln nennt. „Die diszipliniert sind, aber sich und die Sorgen auch mal vergessen können.“ 

Das jedoch fiel Vladimir und Olga Funk immer schwerer in den letzten Jahren. Richtig unbekümmert sind sie eigentlich nur noch in den vier Wochen im Sommer, wenn sie mit ihren beiden Kindern Urlaub machen in der alten Heimat und von der neuen.

In ihrem Pass steht, dass sie Deutsche sind

Vor fünf Jahren haben sie auf Kredit diese Wohnung gekauft. Haben noch einmal ein Zeichen setzen wollen dafür, dass sie angekommen sind in Deutschland. Drei Zimmer groß ist dieses Zeichen, gelegen in einem gelb-braunen Fünfgeschosser aus den Sechzigern. Am Rande der schwäbischen 84.000-Einwohner-Stadt Göppingen. Laminatboden, Couchgarnitur, ein kleines Reich mit Bildern von der großen Verwandtschaft an den Wänden, von Olgas verstorbenem Bruder, von ihren beiden Kindern Christina und Daniel. Auf den Küchenregalen stehen Lebensmittel mit kyrillischer Aufschrift. Gekauft nicht mehr bei „Spar“, sondern bei „Tanja“, einem kleinen Laden in der Innenstadt, auf dessen Fensterfront Matrjoschkas prangen. Die Hälfte ihrer Nachbarn im Haus sind Spätaussiedler. Sie heißen Jenuwein, Weselow und Kowatz. Sie kommen aus der Ukraine, aus Kirgisien, aus Russland. Sie sind alle Deutsche wie die Funks – jedenfalls steht es so in ihrem Pass.
 
Der war für viele Mal die wertvollste aller Eintrittskarten zum Glück und ist heute nur noch ein schlichtes Stück Pappe, dass sie lieber jetzt als nachher eintauschen möchten gegen die Papiere ihrer Herkunftsländer. Da „Heimatgarten“ in engem Kontakt steht zu den jeweiligen Botschaften dieser Staaten, weiß Zafar Sharajabov um die Stärke der sich auftürmenden Rückreisewelle. Allein Kasachstan habe in den vergangenen beiden Jahren über zweitausend deutschen Rückkehrern eine neue Staatsbürgerschaft erteilt - die doppelte gibt es dort nicht.

Die Mauer des Fremdelns zwischen alten und neuen Deutschen

Sie haben jenes Fremdeln ihnen gegenüber zu spüren bekommen, das oft wie eine unsichtbare Mauer zwischen den neuen und den alten Deutschen steht. Nicht etwa die große, offene Ablehnung, aber viele kleine Gesten des Unterschieds.

Als sie ihre neue Wohnung bezogen, gaben die Funks eine kleine Einstandsparty und luden dazu alle Nachbarn ein. Natürlich auch die Deutschen ohne russischen Akzent. Alle kamen. Ausgelassen war das Fest, es gab Wodka, Wein und Pelmeni, die russischen Maultaschen. Man verabschiedete sich, höflich zwar in für russische Verhältnisse unüblicher körperlicher Distanz - aber doch mit warmen Worten. Fortan grüßte man sich freundlich und freundlich auch verweigerten sich die Nachbarn weiteren Einladungen der Funks.

Wenige Wochen später klingelte es an der Tür und davor standen: zwei Polizisten. Mit einer Anzeige in der Hand, wegen andauernder Ruhestörung. Ständig brülle ein Kind und die Musik sei immer so laut, dass man denke, hier würde dauernd eine Party gefeiert, schon mittags um zwei. Vielleicht ja auch wegen dem Wodka, man höre das ja immer wieder von den Russen. Mittags um zwei aber kam Olga immer heim vom Putzen und hörte dann für eine Stunde lang russische Schlager oder Folklore. Auch heute noch legt sie um diese Zeit die Musik ein, tanzt dabei mit dem fünfjährigen Daniel, ihrem Sohn. Bei gedämpfter Lautstärke nun.

Wohin mit der Wohnung, den Möbeln – und wo gibt man deutschen Pass ab?

Vladimir stellt Tschebureki auf den Tisch, eine kasachische Spezialität. Er erklärt: „Taschen aus Hefeteig. Sind Zwiebeln und Hackfleisch drin. Wird noch mit Fett. wie sagt man?“ 'Frittiert?' „Ja, frittiert.“ „Prraabieren Sie!“, sagt er mit den lang gezogenen, vertauschten Vokalen und dem gerollten „r“ seines russischen Akzents. „Schmeckt gut!“ Er lacht, klopft sich auf den Bauch und nickt dazu mit dem Kopf: „Aber macht viele Kilo.“

„Sehr geehrter Herr Sharajabov“, beginnt der Brief an „Heimatgarten“, den die Funks vor kurzem abschickten. Mit vielen Grüßen endet er und dazwischen haben die Funks Hilfe erbeten. Bei den Formalitäten. Wie kriegt man die mit Hypotheken belastete Wohnung los? Wie die Möbel? Wie kommt man an kasachische Papiere? Wie kann man den deutschen Pass zurückgeben? Gibt es Unterstützung bei den Reisekosten?

Wenn sie in Kasachstan ankommen, werden sie nicht viel mehr haben als damals bei der Ankunft in Friedland. Nur ein winziges Haus neben Olgas Eltern. Und ein Land, das ihnen vertraut ist. Alles andere wird sich finden.

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