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| „Berlin, Kabul, Moskau - Oskar Ritter von Niedermayerund Deutschlands Geopolitik“ von Hans-Ulrich Seidt |
EM – Ist es erlaubt, beim Lesen des Untertitels an PeterStruck zu denken? Bekanntlich sagte der Berliner Verteidigungsminister im Herbst2002, „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“.
Nein, es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen den Taten des Oskar Rittervon Niedermayer und dem Diktum Strucks. Aber das Verhältnis von Afghanenund Deutschen wird bis heute durch die abenteuerlichen Missionen Niedermayersvor und während des Ersten Weltkriegs und dann wieder in den zwanzigerund dreißiger Jahren bestimmt. Er knüpfte Kontakte mit den Herrschernam Hindukusch, um sie gegen die Briten als Verbündete zu gewinnen. Auchwenn dieses Bündnis im Ersten Weltkrieg letztlich nicht zustande kam,gediehen die Beziehungen bestens. Die Deutschen bauten Straßen, Staudämme,Elektrizitätswerke und Schulen im Land. 1928 kam der afghanische KönigAmanullah zu Besuch nach Berlin. Als er im offenen Wagen mit ReichspräsidentPaul von Hindenburg durch die Straßen fuhr, jubelten Zehntausende amStraßenrand. Es gab auch ein Zusammentreffen von Amanullah und Niedermayer.
Korrespondenten berichten heute, als Deutscher werde man in Afghanistan aufeine „allerorten beschworene ‚arische Bruderschaft‘ angesprochen“. So die SüddeutscheZeitung am 12. Dezember 2003. Afghanische Führer hätten im Herbstbei der Ankunft des deutschen Kontingents der Isaf in Kundus, von den „tapferenSoldaten aus Deutschland“ geschwärmt und Hammel zur Bewirtung geschlachtet.Die Paschtunen, berichtet die Frankfurter Allgemeine am 03. November 2003,würden sich als „echte Arier“ fühlen und Deutsche als nahe Verwandtebetrachten, als „Vettern“ sozusagen. Selbst der gegenwärtige afghanischePräsident Hamid Karzai bekennt: „Unsere Freundschaft begann mit dem Aufkreuzender Niedermayer-Mission in Kabul.“
Wer dieser Mann war, ist in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geraten.Hans-Ulrich Seidt, Jahrgang 1952, hat nun sein Leben und Wirken nachgezeichnet.Er ist promovierter Philologe, seit zwei Jahrzehnten im höheren AuswärtigenDienst der Bundesrepublik Deutschland tätig und wissenschaftlicher Mitarbeiterder Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.
Oskar Niedermayer wurde am 8. November 1885 im bayerischen Freising Bayerngeboren. Nach dem Abitur trat er 1905 in das 10. Feldartillerieregiment inErlangen ein. Niedermayer, der später in den Adelsstand erhoben wurde,war der erste Berufsoffizier seiner Familie. Er war schon früh angezogenvon fernen Ländern, vor allem vom Orient. Er lernte Englisch und Russisch,Arabisch und Türkisch.
Geprägt ist Niedermayer von John Halford Mackinder, dessen Schriftenzu Klassikern der Geoplitik wurden. Der britische Geograph behauptete 1904,den geographischen Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte gefunden zu haben.Er sah die Kontrolle Zentralasiens als die Grundlage künftiger Weltherrschaftan. „Die Kernregion der eurasischen Landmasse bildete für Mackinder, derden britischen Führungsnachwuchs für Diplomatie und Kolonialverwaltungausbildete, das geographische Zentrum der Weltpolitik“ schreibt Seidt. MackindersGedanken wurden damals weltweit diskutiert.
Oskar Niedermayer war zu dieser Zeit 19 Jahre alt. Mackinders Ideen fesseltenihn zeitlebens. Seidt über seine Gedankengänge: „Um die angelsächsischeWeltherrschaft zu verhindern und Deutschland zur Weltmacht zu führen,sah er nur einen Weg [...]: ‚Wir werden wissen, daß man, um das BritischeReich wirksam zu bekämpfen, in Welträumen und Weltentfernungen denkenmuß, daß man dem ozeanischen Herrschafts- und Verbindungssystemein kontinentales entgegensetzen muß‘. Er empfahl, vom Feinde zu lernen:Es war ein Engländer, Mackinder, der uns diesen einzig und unfehlbar wirksamenWeg gezeigt hat‘“.
Die Karriere Oskar Niedermayers als Leiter mehrerer gefahrvoller und abenteuerlicherSpezialeinsätze in den Diensten des Deutschen Reiches begann Anfang September1912. Niedermayer brach damals zu einer Reise nach Persien auf. Sie dauertebis Ende Mai 1914 und führte ihn auf dem Rückweg auch nach Ägyptenund Indien.
Sein Persien-Aufenthalt am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte Niedermayer,so sein Biograph Seidt, „die ganze Tragweite der weltpolitischen Veränderungenvor Augen geführt, die der Russisch-Japanische Krieg 1904/05 in Gang gesetzthatte. Angesichts der Schwäche des Zarenreiches war Deutschland zum gefährlichstenKonkurrenten des britischen Empires geworden. Die englisch-russische Verständigung überTibet, Afghanistan und Persien hatte jedoch 1907 der deutschen Politik dieOption entzogen, zwischen russischer Landmacht und britischer Seemacht denlachenden Dritten zu spielen. [...] Berlin konnte nicht mehr ausschließen,im Falle eines Krieges einer Koalition der Großmächte Rußland,Frankreich und Großbritannien gegenüberzustehen. Aber genau dieseKonstellation hielt Niedermayer im Rückblick für vermeidbar.“
Neben Persien sind Afghanistan, Bagdad und später Moskau die bedeutendstenStationen im Leben des Oskar Ritter von Niedermayer. Er wurde währenddes Ersten Weltkriegs Leiter der ersten Militärmission des Deutschen Reichesin Afghanistan. Zeitgenossen behaupteten, er sei der deutsche Gegenspielerdes Lawrence von Arabien gewesen, jenes englischen Offiziers, dem es gelang,die arabischen Beduinenstämme zum Kampf gegen die türkischen Erobererzu vereinen und somit den britischen Einfluß im Nahen Osten zu festigen.
Niedermayers abenteuerliche Aktion dagegen ist gescheitert. Nicht zuletztwegen der viel zu geringen Unterstützung, die Niedermayer durch die deutschemilitärische Führung erhalten hat. Seine wagemutige kleine Truppeschlug sich in monatelangen Märschen durch Hitze und Staub von Persienaus bis nach Kabul durch. Doch dann konnte Niedermayer die afghanischen Herrscherletztlich doch nicht zum Kampf gegen die Briten bewegen.
Der Leser lernt im Laufe der Lektüre eine ganze Reihe von illustren Gestaltenkennen, die damals vor und hinter der Bühne der Politik agierten, wieetwa den Reichswehrgeneral Hans von Seeckt, den Staatsrechtler Carl Schmidt,den Geopolitiker Karl Haushofer. Und zum Beispiel auch den jüdischen BankierssohnMax Freiherr von Oppenheim, der versuchte, „die Welt des Islams zum Dschihadzu treiben“, wie Seidt schreibt. Er habe einen Plan „zur Destabilisierung undZerstörung des britischen Weltreiches“ entworfen. „Er wollte eine ganzeWeltreligion gegen das britische Empire aufbieten.“ Zur Durchführung seinesPlans war Oskar Niedermayer ausersehen. Er sollte dem ganz großen Wurfzum Erfolg verhelfen, England in Indien zu besiegen.
Oppenheim galt als einer der bedeutendsten Orientkenner seiner Zeit und sahgute Chancen, die arabischen Massen zum „Heiligen Krieg“ gegen ihre westeuropäischenKolonialherren aufzustacheln. Oppenheim beabsichtigte sogar Selbstmordattentäterunter indischen Studenten rekrutieren.
Das Spiel ging bekanntlich verloren. Deutschland konnte das britische Empireweder auf diese Weise noch auf eine andere vom Sockel stoßen. Oskar Niedermayerhatte nicht viel mehr als seine Kühnheit in die Waagschale werfen können.Und das war zu wenig.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Niedermayer eine neue, seinem Wesen entsprechendeAufgabe. Sie ergab sich im Zeichen der sogenannten Rapallo-Politik. Es kamzur Annäherung der beiden großen Weltkriegs-Verlierer, Rußlandsbzw. der Sowjetunion und des Deutschen Reiches.
Niedermayer fand hier sein neues Betätigungsfeld. Er organisierte u.a.verdeckte Militärbeziehungen zwischen Berlin und Moskau. Deutschland suchteauf diesem Weg den Versailler Vertrag zu umgehen. Nach ihm war der WeimarerRepublik von den Siegermächten nur ein Hunderttausend-Mann-Heer zugestandenworden. Sie durfte außerdem keine schweren Waffen und keine Luftwaffebesitzen.
Seidt schildert, wie die Deutschen es mit russischer Hilfe verstanden, dieAuflagen der Sieger zu umgehen. In Lipezk am Unterlauf des Woronesch richtetensie einen Fliegerhorst ein und bauten so eine geheime Kampffliegerschule derReichswehr auf. In der Steppe bei Kasan erhielten die künftigen Ausbilderund Führer der Panzerwaffe ihre Ausbildung. Hier wurden Panzerprototypenfür die Reichswehr getestet. „Eine zahlenmäßig kleine, sorgfältigausgesuchte Gruppe junger Offiziere übte den Bewegungskrieg gepanzerterVerbände.“
„Schalt- und Verbindungsstelle für die geheime Zusammenarbeit zwischenRoter Armee und Reichswehr war auf deutscher Seite die ‚Zentrale Moskau‘. Siewar im Arbat untergebracht, dem einst vornehmen Viertel der Aristokraten westlichdes Kremls [...] Von 1924 bis 1931 war Oskar von Niedermayer der wichtigsteMann der ‚Zentrale Moskau‘“
Aufgrund eines geheimen Vertrages zwischen der sowjet-russischen Revolutionsregierungund dem Deutschen Reich wurden schließlich russische und deutsche Offiziereim Austausch zwischen beiden Ländern ausgebildet. Aus dieser Zeit resultierteNiedermayers Respekt vor der Aufbauleistung in der Sowjetunion und vor derRoten Armee. Daraus machte er auch nie einen Hehl - eine Tatsache, die ihnJahre später in Konflikt mit der NS-Regierung bringen sollte. Er wurdewegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet und verurteilt. Nach seiner Flucht ausdem Gefängnis in Torgau Ende des Krieges stellte er sich den Truppen derRoten Armee in der Hoffnung, daß ihn seine Kontakte aus der Zeit desDeutsch-Russischen Offiziersaustausches retten würden. Eine fatale Fehleinschätzung.Niedermayer starb 1948 in russischer Gefangenschaft an Tuberkulose.
Wer die machtpolitischen Konstellationen auf dem eurasischen Kontinent begreifenund einige Spielregeln der Geopolitik verstehen möchte, findet in demspannend geschriebenen Buch des Außenpolitikers Hans-Ulrich Seidt einehervorragende Lektüre. In einem Resümee über die heutige weltpolitischeSituation kommt er zu dem Schluß, daß der Hindukusch und die anderenSchauplätze des Wirkens von Oskar Niedermayer noch immer geopolitischeBrennpunkte ersten Ranges sind:
„Heute berühren politische, militärische, soziale und geistige Veränderungenauf dem Balkan, in Afghanistan und Zentralasien, im Irak und in der Türkei,im Kaukasus und im Iran die Interessen Europas unmittelbar. Zwar hat sich dieweltpolitische Ausgangslage seit Niedermayers Tod fundamental gewandelt, aberdie geographischen und religiösen, ökonomischen und politischen Grunddaten,die Niedermayer wie wohl kein anderer überblickte, machen die von ihmals ‚Übergangs-Erdraum‘ bezeichnete Region zwischen Berlin und Bagdad,Moskau und Kabul zum gefährlichsten Spannungsfeld der Gegenwart [...]Denn erneut sieht sich Deutschland auf der eurasischen Landmasse, auf dem Balkanebenso wie in Afghanistan und im Nahen Osten, in politische und militärischeKrisen- und Entscheidungslagen gestellt.“