Tibet: „Im Sommer Gras, im Winter Wurm“: Raupenpilz für die Potenz, ein lukratives Geschäft - Eurasisches Magazin - Druckversion
TIBET
„Im Sommer Gras, im Winter Wurm“: Raupenpilz für die Potenz, ein lukratives Geschäft
Nomaden leben von ihren Tieren: Schafen, Rindern, Ziegen. Seit Jahren stellen Hirten in Osttibet dies jedoch auf den Kopf. Für ihr Einkommen zumindest spielt inzwischen „Im Sommer Gras, im Winter Wurm“ eine größere Rolle.
Von Andreas Gruschke
EM 02-12 · 02.02.2012

Objekt der Begierde: Tibetische Raupenpilze sind als Potenzmittel gefragt.
Objekt der Begierde: Tibetische Raupenpilze sind als Potenzmittel gefragt.
Foto: Gruschke

I m Sommer Gras, im Winter Wurm“, so wird „Yartsagunbu“ übersetzt, ein Schlauchpilz mit dem lateinischen Namen Ophiocordyceps sinensis der zu Deutsch „Raupenpilz“ genannt wird. Er findet sich ausschließlich im tibetischen Hochland in Höhen zwischen 3.500 und 5.000 Metern und befällt als Parasit die Larven einer Faltergattung mit dem Namen Thitarodes. Es ist wohl die Uneindeutigkeit dieser scheinbaren Zwischenform zwischen Tier und Pflanze (tatsächlich Insekt und Pilz), die es zu etwas Außergewöhnlichem macht.

Ein Stärkungsmittel – „gut für den Mann“

Über den Handel hat Yartsagunbu die Weidegebiete des Hochlands enger mit chinesischen Großstädten verbunden als je zuvor. Auf Speisezetteln erscheint der Raupenpilz als Zutat, doch die gängigste Form des Verzehrs ist nach wie vor Schnaps, in den er eingelegt wurde: „Gut für den Mann“!, heißt es.

Als Heil- und Stärkungsmittel gilt Yartsagunbu in der Chinesischen Medizin seit langem, vor allem aber als Aphrodisiakum. Und we so oft, wenn Natursubstanzen die Steigerung der Libido zugeschrieben wird, erfreuen sie sich besonders großen Zuspruchs.

Raupenpilzhändler verdienen viel Geld: Die Ware ist schon fast so teuer wie Gold.
Raupenpilzhändler verdienen viel Geld: Die Ware ist schon fast so teuer wie Gold.
Foto: Gruschke

70.000 Yuan und mehr für ein halbes Kilo

Die Herausbildung einer begüterten Mittelschicht in China hat die Nachfrage und damit die Preise rasant ansteigen lassen: von etwa 500 Yuan pro Pfund Anfang 1988 auf inzwischen 70.000 Yuan und mehr: Ein Pfund bester Qualität des begehrten Pilzes kostete im November 2010 bereits 120.000 Yuan (ca. 13.000 Euro) und war damit fast so teuer wie Gold. Dadurch ist das Raupenpilzsammeln im tibetischen Hochland zur wichtigsten Einkommensquelle vieler tibetischer Hirten geworden, die auf dem Dach der Welt als „Drokpa“ bezeichnet werden.

Ein bis zwei Monate lang stiehlt der Raupenpilz den Herdentieren daher die Schau. Viele Drokpas nutzen Yaks und Schafe nur noch zur Deckung ihres Eigenbedarfs an Tierprodukten, für andere Bedürfnisse steht die Geldwirtschaft an zentraler Stelle. Ärmeren Nomadenfamilien bietet die Ressource Raupenpilz die einzigartige Möglichkeit, Defizite der Viehwirtschaft auszugleichen. Für viele Haushalte stellt das Sammeln von Raupenpilz daher eine Überlebensnotwendigkeit dar, für andere ist es bereits die Grundlage von Wohlstand.

Globalisierung auch für den Raupenpilz: Edel verpackte Ware am Flughafen in Xining (Qinghai/China).
Globalisierung auch für den Raupenpilz: Edel verpackte Ware am Flughafen in Xining (Qinghai/China).
Foto: Gruschke

Jährlicher Umschlag 120 Tonnen Raupenpilz

Die Einnahmen sind mancherorts so hoch, dass ein veränderter Lebensstandard offensichtlich wird: Neue Hausbauten, Autokauf, ja sogar städtische Kleidung werden bei Hirten zur Mode. Durch den Raupenpilz erzielte Einkommen zu ermitteln ist schwierig, da nicht offen darüber gesprochen wird. Es erscheint jedoch realistisch, dass der größte Teil des Bargeldeinkommens nomadischer Haushalte heutzutage aus dieser Quelle stammt. Offiziellen Schätzungen zufolge werden im tibetischen Hochland jährlich mehr als 120 Tonnen Raupenpilze umgeschlagen, was in Nomadengebieten einem Jahreseinkommen von ca. 8,5 Milliarden Yuan (0,9 Milliarden Euro) entspricht.

Doch niemand weiß, wie lange dieser Boom noch anhält – auch der Tulpenwahn im Europa des 17. Jahrhunderts ging irgendwann zu Ende. Die Schwierigkeit besteht darin, die Gewinne sinnvoll für die nomadische Existenzsicherung einzusetzen, bevor langfristig die ökologischen Bedingungen die Nachhaltigkeit der Sammeltätigkeit in Frage stellen.

*

Hinweis: Seit November  und noch bis zum Mai 2012 läuft eine Ausstellung  unter dem Titel „Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt“. Dort erfahren sie hochaktuell das Wissenswerteste aus der Arbeit des Sonderforschungsbereichs der Universitäten Halle und Leipzig, der sich mit Beziehungen zwischen Nomaden und Sesshaften beschäftigt. (http://www.nomadsed.de/home/)

Mehr über tibetische Hirten lesen Sie auch in „Nomaden ohne Weide“, EM 05-2006.


© 2013 Eurasisches Magazin | www.eurasischesmagazin.de