Penninger Renate schrieb:
Sehr geehrter Herr Wagner!
Ich fand Ihr Interview äußerst interessant, weil auch ich wie Herr Hantel Wurzeln in der Bukowina habe. Aber im Gegensatz zu ihm habe ich auch musikalische Wurzeln. Mein Großvater war Instrumentenbauer und Musik gehörte laut Erzählungen meines Vaters damals zur alltäglichen Selbstverständlichkeit. Dabei wurde meist improvisiert und weniger nach Noten als aus dem Gehör gespielt. Leider verlor sich die musikalische Praxis mit dem grausamen Verlust unserer Schreinerei bzw. unseres Sägewerkes und damit auch unserer Instrumente im Zuge der Umsiedlung nach Deutschland 1940. Der folgendenden Generation meines Vaters war es verwehrt, ein Instrument zu lernen, da alle erwirtschafteten Mittel fortan dem Lebensunterhalt zu dienen hatten. Erst die übernächste Generation konnte es sich wieder leisten, eine Musikschule zu besuchen. Jedoch wurden alle meine Bemühungen als Kind mit einem müden Lächeln bedacht, denn in den Köpfen spukte immer noch der geniale Großvater, der alles aus dem Gehör spielen konnte. So wurde Musik nur am Rand als Kulturtechnik neben dem vorrangigen Ziel, das Abitur zu erreichen, um es einmal besser zu haben als die Eltern, betrieben, sodass ich es leider nicht ganz zu der nötigen Virtuosität gebracht habe um mir über die Region hinaus einen Namen zu machen. Obwohl man sagen kann, dass ich meinen Weg gemacht habe, ich bin heute Lehrerin, hat mich bis heute ein unbestimmter Schmerz verfolgt. Erst in letzer Zeit kam ich dahinter, dass durch diesen gnadenlosen Umsiedlungsprozess eine ganze Kultur verlorenging, deren Verlust bis in die übernächste Generation weiterwirkt. Man hat es doppelt schwer, seine verschütteten Wurzeln wieder zu finden. Viel wurde über die Zeit damals nicht gesprochen, man hatte zu arbeiten, um es wieder zum verlorenen Wohlstand zu bringen. Die Musik aber hat mich niemals losgelassen, ja sogar immer wieder verfolgt. Ich wollte ihr häufig entfliegen, denn ich hatte da Rhythmen und Melodien schon als Kind im Kopf, die man hier zulande nur schwer oder gar nicht verstehen wollte. Da hieß es z.B. deine Musik ist so schwer, oder was willst du denn mit dem Gedudel... Ich merkte einfach dass ich anders empfand, konnte aber nicht nachvollziehen, warum. Da man in Bayern als Fremder ohnehin etwas skeptisch betrachtet wird, wurde über unsere Vergangenheit meist geschwiegen. Auffällig war jedoch, dass ich Lieder, die ich im Radio hörte schon als Kind meist nachspielen konnte. Im Gymnasium hatte ich meist eine Eins, wenngleich mein Musiklehrer, übrigens ein Namensvetter von Ihnen, häufig über mich den Kopf schüttelte, da ich Dinge immer etwas anders anging als meine Mitschüler. Bei ihm habe ich aber einmal einen Wettbewerb mit einem selbstkomponierten Lied gewonnen, das hat mich sehr bestärkt. Dieses Lied habe ich aber erst jetzt, da ich weiß, wo meine Wurzeln sind, verstanden. Mein Studium habe ich mir weitgehend durch Hochzeiten finanziert, wo ich fleißig gesungen. Im Schuldienst rief ich durch meine Lust am Musizieren aber sehr häufig Neider auf den Plan, die mich wieder nicht verstanden, und mir unterstellten, dass ich das nur aus Karrieresucht tun würde. Dabei kam sie einfach nur so aus meinem Kopfe heraus, und meist wusste ich gar nicht, warum ich dieses oder jedes Stück unbedingt spielen musste. Den Schulkindern hat die Musik gefallen, die sind irgendwie natürlicher an die Sache herangegangen. Oft bin ich aber in der kulturellen Szene unserer Kleinstadt Rosenheim an zänkischem Neid gescheitert. Sätze wie, die gehört nicht dazu, hörte ich oft genug. Da gab es Phasen, wo ich die Musik für alles verantwortlich machte, und nichts mehr von ihr wissen wollte. Die dauerten oft Jahre. Doch dann brach sie um so gewaltiger wieder hervor und überrollte mich fast. So habe ich mit 26 selbst einen Chor gegründet, als mich in Prutting neidische Damen im Sopran nicht beim Con Brio Chor mittsingen ließen, weil ich angeblich zu laut gesungen hätte und meine Stimme zu dunkel gefärbt gewesen sei. Wir hatten kurzzeitig als Blue Notes Erfolg, aus Zeitmangel musste ich die Sache aber wieder aufgeben. Nun habe ich mit über 40 noch ein neues Instrument angefangen und bin von KLavier auf Akkordeon umgestiegen. Erst jetzt habe ich das Gefühl endlich den richtigen musikalischen Weg gefunden zu haben. Ich spiele Alltags- und Gebrauchsmusik, hergestellt in meinem eigenen Kopf, oder vielleicht einmal wo gehört. Mein Vater ist nun endlich zufrieden und sagt jetzt endlich: Wie der Großvater. Ich würde gerne mehr daraus machen, aber als Mutter dreier Kinder bleibt zu wenig Zeit. Wahrscheinlich werde ich erst im Altersheim am Ziel meiner musikalischen Entwicklung sein, und dann ist es zu spät. Aber eines bleibt mir immer als Trost. Ich habe eine Gabe und auch wenn sich damit kein Geld machen lässt, und mich vielleicht auch hierzulande niemand hören will, diese Gabe hilft mir hier in Deutschland den Alltag, der immer mehr von einer herzlosen Ellbogengesellschaft geprägti ist, zu bewältigen. So langte ich zu einer gewissen Zufriedenheit im Kleinen und schaffe es vielleicht die Liebe zur Musik und zur Natur, was sich für mich gegenseitig bedingt, an meine Kinder weiter zu geben. Ich fände es allerdings schön, wenn auch in Deutschland endlich wieder einer gewissen Kultur, die ja nahezu ausgerottet worden war, zum erneuten Durchbruch verholfen werden könnte. Denn wenn man die Richtung in welche die Jugend heute geht, betrachtet, so wäre es schön, wenn sich eine Gegenbewegung zur Null-Bock-Ideologie ergeben würde. Auch daraufhin wollte ich als Lehrerin wirken. Leider war das meinen Kollegen nicht recht, so dass ich nun als Hausfrau und Mutter erst einmal pausiere. Ich hoffe aber, in späteren Jahren wieder tätig werden zu können. Wenn Schülerinnen aus meinem Grundschulchor im Gymnasialen Abschlusskonzert ein Solo sangen, so betrachtete ich das immer mit Genugtuung. Was aber nicht vergessen werden sollte, auch wir Nachfahren aus der Bukowina, auch wir sind heute Deuschland. Mit freundlichen Grüßen Renate Penninger, geb. Knoblauch