Dr. Axel Reetz schrieb:
Sehr geehrter Herr Heyden,
bereits die Überschrift Ihres Beitrages läßt vermuten, daß es eigentlich nur um ein Thema geht, und der Text endet dann – sehr diplomatisch unter Anerkennung der Verbrechen der Sowjetunion – eben mit dieser eigentlichen Aussage: Aber eines sei erwähnt, in Estland (wie übrigens auch in Lettland) gab es kein Hoyerswerda, Mölln oder Solingen. Es gab auch keine Ausschreitungen am ersten Schultag, am 1. September 2004, als in Lettland das neue Bildungsgesetz in Kraft trat, und es wird sie trotz aller Bemühungen von Außerhalb während der letzten Jahre auch in Zukunft vermutlich nicht geben.
Aber im Detail zu den Fakten und Behauptungen des Beitrages:
Erstens sehen die Esten den Bronzesoldaten nicht als Symbol, sondern er ist eines, und zwar eben nicht nur für die Esten. Was Sie übrigens gar nicht erwähnen ist, daß die zwölf Leichen am Denkmal Soldaten einer estnischen Division der Roten Armee waren!
Zweitens wurde die Entscheidung, den Bronzesoldaten zu versetzen, nicht aus „unerfindlichen“ Gründen getroffen, sondern, und das fehlt in Ihrem Beitrag ebenso wie in anderen deutschsprachigen am entsprechenden Hintergrund, die Diskussion wurde angestoßen, weil 2006 estnische Nationalisten versucht haben, das Denkmal zu schänden, der Staat gezwungen war, es von der Polizei schützen zu lassen, und damit ein Nachdenken über das weitere Vorgehen in Gang kam.
Drittens kann der Sieg der Reformpartei bei der Parlamentswahl 2007 sicher nicht monokausal gesehen werden. Sie müßten sich mit der estnischen Innenpolitik etwas mehr beschäftigen, um zu wissen, wie sehr Edgar Savisaar, der Chef der von Ihnen erwähnten Zentrumspartei, nicht erst seit dem Aufzeichnungsskandal von 1995 Persona non grata der estnischen Politik ist. Seine Qualifikation als linksliberal dürfte auch mehr als nur umstritten sein.
Und damit kommen wir zu ihrem eigentlichen Thema, welches in der Überschrift bereits fühlbar ist, mit dem bronzenen Soldaten aber nichts zu tun hat: und so wechseln Sie auch das Thema plötzlich und sprechen dann über die Nazis. Es ist völlig zutreffend, daß comparative studies in den Wissenschaften nichts ungewöhnliches sind. Damit meint man aber nicht, daß die Verbrechen zweier Regime miteinander aufgewogen werden sollen, können oder müssen. Insbesondere in den baltischen Staaten scheinen die Kriegsjahre auch gar keinen Vergleich zu erlauben. Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes kamen die baltischen Länder in die Interessensphäre der Sowjets, was die Bevölkerung der kleinen drei Länder damals aber noch gar nicht wissen konnten. Was sie sehr wohl wußten war, daß die Sowjetmacht, kaum einmarschiert, sofort mit Deportationen begonnen hatte. Daß in diesem Moment der Gegner dieser Okkupationsmacht im Krieg zunächst einmal als eigener Verbündeter gelten mußte, darf nicht verwundern. Geschichte muß auch aus Sicht der Zeitgenossen gesehen werden!
Daß die Russen für etwas büßen müssen, darf auch wieder als Sicht von Putin-Rußland betrachtet werden. Sprechen Sie mit den Russen vor Ort, dort werden Sie mindestens genauso viele finden, die Putin widersprechen (siehe auch Beitrag über Narva im Eurasienmagazin, wo sich ein Russe als Euro-Russe bezeichnet).
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Axel Reetz
Albert Caspari schrieb:
Sehr geehrter Herr Heyden, sehr geehrte Frau Karutz,
ich lese Ihr Magazin nicht regelmäßig, in sofern weiß ich nicht, wie oft sich da jemand "etwas traut" oder nicht. Kritisch würde ich die oft zu beobachtende Tendenz sehen, estnische Verhältnisse immer nur mit der heimischen Brille zu sehen. Frau Karutz, Deutschland HAT jahrelang Renten an ehemalige SS-Angehörige gezahlt, auch an lettische und estnische. Im Bundestag HABEN sich jahrelang nur wenige darüber aufgeregt - und es nützt eben wenig, wenn selbsternannte Gerechte (meist gleichgesetzt mit "Linke") immer über die angeblich überall zu findenden Faschisten reklamieren, sich aber in Geschichte anderer Länder nicht auskennen. Estland hat definitiv sowohl unter den Folgen des Stalinismus wie auch der Okkupation durch Sowjetrussland erheblich gelitten, mit Tausenden von Toten, Verbannten, Gefolterten und Geschundenen. Und wer schon mal einsieht, dass dies nicht alles Faschisten waren (wie es die Sowjetpropaganda behauptete), sondern eben ganz normale Menschen, der ist schon mal einen großen Schritt weiter.
Ihr Artikel lädt zum Weiterdenken ein, Herr Heyden. Savisaar ist nämlich kein liberaler Russenfreund, sondern ein skandalumwitterter Populist. Und Freundschaft mit Russland wünsche ich sowohl Deutschland wie auch Estland, aber einige Entwicklungen im gegenwärtigen Russland geben eben doch Grund zu großer Sorge. Da wird es nicht reichen, sich mal eben über die Grenze hinweg "brüderlich" die Hand zu reichen, und Gutsherrenpolitik eines Herrn Schröder dient der Freundschaft mit den anderen Ostseeländern auch nicht. Und Ansip hat eben doch ziemlich unbedacht gerade vor dem 9.Mai das Denkmal versetzt - "intelligent und umsichtig" kann man das nicht nennen.
Aber wir haben wohl gemeinsam, dass wir uns eine bessere Analyse auch der estnischen Kooperation mit Nazi-Deutschland wünschen, auf beiden Seiten (es auch auf russischer Seite zu erhoffen, dazu braucht es aber wohl noch einige Zeit - oft wird da nur mit pauschalen Diffamierungen gearbeitet). Niemand ist ja pauschal zu verurteilen - aber Kriegsverbrecher sollten in jedem demokratischen Land ihrer Strafe zugeführt werden, und die entsprechenden Themen Teil des einheimischen Bildungswesens werden.
Jelena Karutz schrieb:
Vielen Dank für diesen Beitrag! Endlich traut sich jemand in Deutschland die Realität in den baltischen Staaten wenigstens leise anzusprechen. Gestatten Sie mir bitte einige Bemerkungen zum Thema zu machen.
1. Glauben Sie wirklich, dass die aus den sowjetischen Zeiten noch in den baltischen Staaten lebende russischsprachige Bevölkerung alles Russen sind? Die Begriffe "Russen" und "Russland" sind in den europäischen Medien unbewußt so negativ belegt, wie das völlig normale und gesunde Wort "Patriotismus" in Deutschland.... Daher wäre es sinnvoll, diese Bezeichnung von baltischen "Unbürgern" (so werden sie dort genannt) vor der Benutzung immer zuverlässig und belastbar zu prüfen.
2. Es ist nich ganz richtig, dass in den baltischen Staaten die NS- und SS-Vergangenheit ehemaliger Mittäter nicht thematisiert wird. Was ist denn mit den Renten, die diese Menschen vom Staat wohlwollend in verhältnismäßig bedeutender Höhe gezahlt bekommen? Stellen Sie sich nur vor, alles, was zur Ehrung damaliger Taten dieser Menschen im Baltikum stattfindet, von entsprechenden Gesetzen bis zu den öffentlichen Maßnahmen, würde in Deutschland 1:1 realisiert...
3. Die beschrieben Haltung und das Verhalten baltischer Staaten und auch Polens zum Thema "Russland" ist doch einzig und allein durch die Unterstützung der USA so dramatisch. Oder glauben Sie, die genannten Staaten würden ohne USA im Rücken, die guten, ausgeglichenen Beziehungen zu anderen europäischen Ländern durch ewige "Zickerei" gefährden?
4. Leider ist dem deutschen Leser durch in Deutschland vorhandene Medien das Nachdenken und das kritische Hinterfragen abgewöhnt worden. Leider sind die aggressiven "Weltspiele" der USA nicht für den Frieden in der Welt und zur Völkerverständigung gedacht und geeignet.
Leider verbinden zu viele Menschen, auch Dank zielgerichteter Medienpolitik, die Hoffnungen auf friedliches Miteinander in dieser Welt, mit den USA.
Leider ist das eine Sackgasse, denke ich.
Leider spricht man und schreibt man darüber in Deutschland verschwindend wenig. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Sinne - vielleicht begreift Deutschland doch noch seine historische Rolle in Europa in der Zusammenarbeit mit Russland! Ich denke dabei zum Beispiel an Bismark.
Mit freundlichen Grüßen