
ENERGIEPOLITIK
Über die Energieabhängigkeit der Europäischen Union (EU) gegenüber Russland wird viel geredet und noch mehr geschrieben. In grellen Farben malen alle möglichen „Experten“ immer neue sicherheitspolitischen Folgen an die Wand. Und immer wieder wird gemahnt, endlich zu einer gemeinsamen Europäischen „Energie-Sicherheitspolitik“ zu finden oder gar eine „Energie-NATO“ einzurichten, um der „russischen Gefahr“ zu begegnen. In all diesen Szenarien spielt die Ostseeregion eine herausgehobene Rolle. Doch halten die gezeichneten Schreckensbilder der Wirklichkeit überhaupt stand?

LETTLAND

Lettland hat hoch gepokert und ist tief gefallen. Das Land steht, wie das Baltikum insgesamt, kurz vor der Pleite. Reichlich unvorbereitet haben die Menschen den Boom genossen. Jetzt kommt der Kater. Stark gekürzte Durchschnittsrenten treiben die Ruheständler zum Betteln auf die Märkte. Die Verluste der Spekulanten werden sozialisiert. Junge Fachkräfte zieht es ins Ausland. So haben sich die Menschen den Kapitalismus nicht vorgestellt.

LETTLAND

Billigflieger machen die lettische Hauptstadt Riga zum begehrten Reiseziel für Wochenendtouristen aus Westeuropa. In Großbritannien gilt Riga mittlerweile als Eldorado für Junggesellenabschiede. Zahlreiche Agenturen haben dafür sogar Pauschalangebote ins Internet gestellt. Lettische Gästeführerinnen begleiten die jungen Männer in einschlägige Nachtclubs und Kneipen. Immer häufiger arten diese Partys jedoch inzwischen in Saufgelage aus. Frauenorganisationen prangern diese Touren inzwischen sogar als verdeckten Sextourismus an.

BALTIKUM
Im Baltikum boomt die Wirtschaft, in vielen Orten herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Doch die Zeitungen quellen immer noch über vor Stellenangeboten, in vielen Branchen fehlen inzwischen sogar Arbeitskräfte. Die Balten selbst zieht es ins westliche Ausland. Und Arbeiter aus der nahen Ukraine machen in Estland, Lettland und Litauen allenfalls Station, um nach Skandinavien weiterzuziehen. Also werben baltische Unternehmer jetzt Chinesen an – und diskutieren schon über IT-Mitarbeiter aus Indien oder Näherinnen aus Pakistan und Bangladesch.

ESTLAND
Das unter Protesten der russischen Minderheit in Tallin demontierte Sowjet-Denkmal soll am 8. Mai an einen neuen Standort wieder eingeweiht werden.

ESTLAND

Über die estnische Küche, die Sprache der Menschen und wie ungezwungen die Mädchen des Landes sich geben. Vom Hundertsten ins Tausendste – auf einer Reise durch Kneipen und über Land, Begegnungen mit Italienern und Reflexionen auf wenig psychoaktives deutsches Einheitsbier.

LITAUEN

Auf einem Hügel im litauischen Siauliai verbinden sich Volksfrömmigkeit und Freiheitsdrang zu einem nationalen Wallfahrtsort von einzigartiger Symbolkraft. Sowjetische Herrscher ließen ihn einst platt machen. Unter Gorbatschow kam er auf die Liste der nationalen litauischen Kulturdenkmäler. Längst hat auch der Tourismus das „litauische Golgatha“ entdeckt. Sogar ein Hotel soll jetzt in seiner Nähe errichtet werden.

ESTLAND

Die estnische Hauptstadt ist berühmt für ihre UNESCO-geschützte historische Altstadt. Wenige Meter davon entfernt entsteht das junge Tallinn mit Hochhäusern und gläsernen Einkaufszentren. Nicht alle Hauptstädter sind darüber erfreut.

EINE REISE INS BALTIKUM

Viel Schweiß wurde schon vergossen, um das Zentrum Europas zu vermessen. Geographische Gegebenheiten spielten dabei meist eine Nebenrolle, der wahre Vater der Mittelpunktbestimmung ist die Sehnsucht, das kontinentale Zentrum unweit der eigenen Landesmetropole zu wissen. Auch in Litauen, nahe der Hauptstadt Vilnius, will man das Herz Europas ausgemacht haben. Tobias Mindner machte sich auf die Reise …

REISEN INS BALTIKUM

Die drei neuen EU-Beitrittsländer an der Ostsee – im Baltikum wird
sie „Westsee“ genannt - sollen Touristen aus aller Welt schmackhaft
gemacht werden - der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft stellt
wenig bekannte Seiten der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen
vor.
Vereinbarungen zwischen estnischen Gewerkschaftlern und Arbeitgebern kommen oft nur zustande, um den EU-Beitritt des Landes nicht zu gefährden. Wilhelm Johann Siemers sprach mit Gewerkschaftsvertretern aus Tartu.
Das Baltikum hat die Finanzkrise in Europa am besten gemeistert. Beispiel Lettland: Nach einem rasanten Absturz wächst dort die Wirtschaft bereits wieder, die Staatsverschuldung ist niedrig. Der Aufschwung liegt auch am Optimismus der Letten, die trotz niedriger Löhne und schwieriger Lebensbedingungen nach vorne schauen.
Nach Jahren des Booms mit zweistelligen Wachstumsraten hat die Krise nun auch den baltischen Tiger Estland fest im Griff. Doch die Probleme sind hausgemacht, zu lange setzte die kleinste der drei baltischen Republiken nur auf Konsum, ohne echte wirtschaftliche Substanz zu schaffen. Die Immobilienblase platzte bereits vor der globalen Krise, die dem Land jetzt noch den Rest gibt. Fünf Jahre nach dem EU-Beitritt steht Estland, das ob seiner Technik- und Internet-Begeisterung schnell die Etikette „E-Stonia“ verpasst bekam, eine lange Durststrecke bevor. Eesti, wie Estonia in der Heimatsprache heißt, ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen und quasi wieder weitgehend offline.
Seit Litauen 1991 unabhängig wurde, genießen seine Bürger Reisefreiheit, und davon machen sie auch regen Gebrauch. In den letzten 18 Jahren haben ungefähr 400.000 Litauer das Land verlassen. Eine beträchtliche Zahl, wenn man berücksichtigt, dass die baltische Republik derzeit gerade mal 3,3 Millionen Einwohner zählt. Die meisten der litauischen Auswanderer haben in Großbritannien, Irland und in den USA eine neue Heimat gefunden.
Es geht in Estland nicht nur um die Verlegung eines russischen Kriegerdenkmals, sondern um viel tiefer liegende Probleme. Ein Drittel der Bevölkerung sind Russen. Bis heute ist es nicht gelungen sie in den neuen Staat zu integrieren. 130.000 Russen haben nur den sogenannten „grauen Pass“. Bei den Parlamentswahlen haben sie kein Stimmrecht.
Vor einem Jahr öffnete das größte Museum des Baltikums, das Kunstmuseum „Kumu“ in Estlands Hauptstadt Tallinn. 200.000 Besucher aus aller Welt schauten sich den futuristischen Bau bereits an. Ausländern hat es dabei vor allem die Abteilung mit Bildern aus der Sowjetzeit im Stile des Sozialistischen Realismus angetan.
In der litauischen Politik hallt die Sowjetzeit vernehmlich nach. Die Furcht des kleinen baltischen Landes, erneut unter die Kontrolle des mächtigen Nachbarn Russland zu geraten, ist groß. Premier Algirdas Brazauskas musste kürzlich sogar zurücktreten, weil sein Koalitionspartner Verbindungen zu Russland unterhalten haben soll. Mit Andrius Kubilius gilt nun ein Mann als Favorit für die Nachfolge, der sich mit Warnungen vor dem Einfluss Moskaus profiliert.
Direkt hinter seinem Wahrzeichen, der Hermannsburg, verläuft in der alten Stadt Narwa die Grenze zu Rußland. Das ist so, seit Estland 1991 seine Selbständigkeit durchsetzen konnte und sich von Moskau lossagte. Seit dem Beitritt Estlands zur Europäischen Union im Mai 2004 ist diese Grenze auch die EU-Außengrenze. Doch noch immer liegt die Stadt tief im Osten. Jetzt soll Tourismus ihr etwas Wohlstand bescheren.
Zwischen Rußland und Lettland schwelt ein Konflikt über den Umgang mit der Geschichte lettischer SS-Kämpfer. Das russische Revolverblatt „Komsomolskaja Pravda“ hat nun seine Leser zum Boykott lettischer Lebensmittel aufgefordert.
Die Litauer haben sich ihre ganz eigenen Weihnachtstraditionen bewahrt
Am 14. September entscheiden die Esten uber ihre Zukunft in der Europäischen
Union. Trotz demokratischer Stabilität und aller ökonomischen Erfolge
sind sie die größten Skeptiker unter den neuen Beitrittsländern.