22.06.2013

Falschmeldung über Jakunins Rücktritt: Scherz oder Kreml-Intrige?

EM - Die Meldung vom Rücktritt des russischen Eisenbahnchefs Vladimir Jakunin, die am Abend des 19. Juni 2013, auf der Seite der Regierung Medwedjew erschien, verbreitete sich wie ein Lauffeuer über alle Agenturen zu den Medien und drang sogar in das Petersburger Wirtschaftsforum. Eine halbe Stunde war alles wie erstarrt, bis die ersten Dementis einsetzten. Bei Vladimir Jakunin handelt es sich immerhin um einen der engsten Freunde von Präsident Putin (aus St. Petersburger Zeiten) und einend er einflussreichsten Männer des Imperiums. Als Nachfolger sei laut Regierungsseite der Erste Stellvertreter Jakunins, Eisenbahnvizepräsident Alexander Mischarin, ernannt worden. Dieser Vorgang interessierte die russische Öffentlichkeit mehr als der uns bewegende Streit Merkel-Putin um die Beutekunst.

Sofort machten sich Regierung, Geheimdienste und Medien ans Werk, wer denn der Übeltäter war und wie die Fake-Meldung rein technisch auf der Regierungsseite landen konnte. Die Meldung wurde zwar sofort gelöscht, aber sie hatte „schwarz auf weiß“ dagestanden und wurde sogar von Yandex gecached.

Aber wo kam sie her und wie auf die Seite der Regierung? Man stellte fest, die Meldung hatte eine andere IP-Adresse und war vermutlich von einem Server in Irkutsk oder Moskau ausgegangen. Inzwischen wurden auch die Zugänge zu den abgefangenen Meldungen gesperrt, aber die ursprüngliche Meldung, wenn einmal erschienen, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden!

In ersten Stellungnahmen machte Jakunin deutlich, es handele sich nicht nur um eine Cyberattacke, sondern um mehr, im eine Provokation, ja um eine Intrige gegen ihn als Leiter einer mächtigen und milliardenschweren Institution – nämlich der Russischen Eisenbahnen. Offenbar gibt es jemanden, der Jakunin aus dem Amt jagen möchte.

Jakunin ist inzwischen 64 Jahre alt. Bei ihm handelt es sich um einen ehemaligen KGB-Mann der in St. Petersburg zu Putins engstem Kreis zählte und wie dieser in der Außenspionage tätig war. Seit 2000 arbeitet er im Transportwesen und ist seit 2005, also seit acht Jahren, Eisenbahnchef. In seinem Aufsichtsrat hat auch Ex-Bundesbahnchef und Berliner Airport-Sanierer Hartmut Mehdorn seinen Sitz hat. Jakunin hat nach Ansicht einiger Leute in Moskau lange genug gewirkt. Er sei ein Mann alten Schlages und sollte durch einen „jüngeren, echten Eisenbahner“ wie Mischarin (54 Jahre) ersetzte werden.

Experten gingen noch weiter, der Vorfall, der nicht der einzige Angriff gegen Jakunin war, sei Teil der immer schärfer werdenden Klan-Kriege im Kreml. Nach Putins Antritt zu seiner zweiten Präsidentschaft, deren Legitimität ebenso wie die der Dumawahlen und vieles andere in Frage gestellt wurde, wuchs die Unruhe und Unzufriedenheit in der Gesellschaft über Putins Regierungsstil, die gesellschaftliche Verhärtung und die unbefriedigende Wirtschaftslage. Diese Unzufriedenheit entlud sich nicht nur in Demonstrationen im ganzen Lande, sondern auch in erbitterten Kämpfen zwischen den rivalisierenden Politiken und Klans an der Spitze des Landes. Diese positionieren schon jetzt ihre Stellung für die Zeit danach, nach Putin.


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