07.05.2014

Wie Putin tickt - Roman über den Kreml-Herrscher

EM, 07.05.2014 - Er ist der Regisseur. Auf Russisch heißt Regisseur „Poßtanowschtschik“. Und als solcher agiert Wladimir Wladimirowitsch Putin 350 Seiten lang genau so, wie die Welt ihn jetzt kennenlernt.Im Roman „Der Mann aus Grosny“ von Olenin Terek werden die Wurzeln des russischen Präsidenten offengelegt.Das Buch ist 2002 erstmals erschienen, zwei Jahre nachdem Putin seine erste Amtszeit als Präsident Russlands begonnen hatte. Ein Jahr später wurde in Moskau der „Eurasische Bund“ gegründet, wie am Ende des Romans geschildert wird. Bei dem Ereignis wurde ein Transparent mit einem Zitat Putins entrollt. Es lautet: „Russland ist ein euroasiatisches Land“. Es muss die „Rolle des Befreiers Europas“ übernehmen. Der gemeinsame Feind sei die politische, wirtschaftliche und kulturelle Okkupation durch die USA. Moskau müsse eine „eurasische Achse“ aufbauen, zu der Europa, Russland, Iran, Indien und China gehöre. Die Gründer des „Eurasischen Bundes“ bezeichneten sich als „konsequente Anhänger des eurasischen Föderalismus“.

In der Ukraine stehen sich nun die Ideen und Strategien des Westens und des eurasischen Russlands unversöhnlich gegenüber. Putin wird in deutschen Medien schon als Dschings Khan mit Internet bezeichnet, als Amokläufer und Kriegstreiber. Ihm gegenüber versammeln sich die Vertreter der amerikanischen Freiheitsideale und versuchen den russischen Agressor durch wirtschaftliche Strangulationsmaßnahmen in die Knie zu zwingen, um selbst mit der Ukraine ins Geschäft zu kommen.

Putins Charakter griffig herausgearbeitet

Im Roman „Der Mann aus Grosny“ plant Putins engster Freund Igor Rassow ein Attentat auf den damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer. Dieser wurde seinerzeit von russischen Politikern und Medien als Totengräber der deutsch-russischen Beziehungen bezeichnet. Rassow ist ehemaliger Tschetschenienkämpfer in Grosny und hat vor allem eines gelernt: zu töten. Der Russe kommt seinem Ziel bis auf Tuchfühlung nahe...

Fischer ist inzwischen Prof. in den USA, Putin russischer Präsident, Altbundeskanzler Schröder Manager im deutsch-russischen Gasgeschäft. Die Protagonisten von damals haben ihre Rollen weitergespielt. Viele Ereignisse von Putins Abgang als KGB-Mann in Dresden bis zu seinem Aufstieg in Moskau und das Deutschland der Wendezeit werden in dem Buch wieder lebendig. Die Schlussszene spielt in Helmut Kohls Lieblingslokal in Bonn. Der „dicke Buddha“ (so Fischer) sitzt beim Essen. Im Hintergrund tagen die Grünen. Rassow ist eigentlich am Ziel - wäre da nicht die schützende Hand des russischen Geheimdienstes.

Olenin Terek hat für seinen Thriller umfangreiche Recherchen in St. Petersburg angestellt, unter anderem an der juristischen Fakultät, in der Putin studiert hatte und im Regierungssitz Smolny. Und er hat vor allem den Charakter von Putin- Poßtanowschtschik griffig herausgearbeitet.

Ursula von der Leyen: Putin hat sich verändert

Heute wird gelegentlich beklagt, dass Putin sich seit der Wendezeit stark verändert habe, dass er im Gegensatz zu damals ein machtbesessener und skrupelloser Akteur geworden sei. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erweckte in der Sendung „Günther Jauch“ vom 4. Mai diesen Eindruck, Putin sei früher anders gewesen, man hätte ihn als Modernisierer erwartet und als einen der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion langfristig am Westen orientiert. Aber darin irrt sie, wie so viele. Olenin Terek hat ihn offenbar besser verstanden. Putin ist ein vom KGB elitär geschulter russischer Patriot. Daran hat er auch nie einen Zweifel gelassen. Nicht zuletzt hat er dies unterstrichen mit dem Satz, der Untergang des kommunistischen Imperiums Sowjetunion sei „die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“. Das ist seine tiefste Überzeugung.

Dass US-Präsident George W. Busch Putin als seinen Freund bezeichnete, mutet rückblickend noch komischer an als damals. Im Juni 2007 während des G8-Gipfels in Heiligendamm posierte er sogar mit dem Mann aus Moskau für die Kameras mit doppeltem Händedruck, wie ein alter Weggenosse. Vielleicht wollte Bush den russischen Präsidenten mit solchen Gesten nur übertölpeln. Gelungen ist ihm dies sicher nicht.

Putins Handeln folgt einem Plan

Tereks Roman führt zu den Wurzeln des Wladimir Wladimirowitsch, dessen Familie Tod und Verderben kennenlernte, während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Eine Weile sah es so aus, als würde der ehemalige KGB-Resident von Dresden den Deutschen die Hand entgegenstrecken, als er 2001 seine berühmte Rede vor dem Berliner Parlament hielt. Ergriffen hat sie niemand in der aktiven deutschen Politik. Dennoch: In Tereks Roman rettet er als Poßtanowschtschik buchstäblich in letzter Sekunde aus staatspolitischer Räson den deutschen Außenminister vor dem Tod, fällt seinem Freund Rassow quasi in den Arm.

Inzwischen ist viel Wasser die Newa und die Moskwa hinuntergeflossen. Putin agiert noch immer an der Spitze des russischen Staates. Sein Charakter ist derselbe geblieben, den Olenin Terek herausgearbeitet hat. In der Ukraine zieht der die Fäden zugunsten Russlands und eines eurasischen Imperiums. Manchen mag der Verdacht beschleichen, dass Putin vielleicht der einzige am Schachbrett dieses großen Spiels ist, der einen Plan hat und mit seinen Zügen ein klares Ziel verfolgt.


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