15.01.2014

Stalin-Kalender 2014 der Russisch-Orthodoxen Kirche: eine Verhöhnung der Opfer des Stalinismus

EM 15.01.2014 Mit ihrem Kalender für das Jahr 2014, der dem sowjetischen Diktator Joseph Stalin (1953-2013 60. Todestag) gewidmet wurde, rief die Russisch-Orthodoxe Kirche weithin Empörung hervor. Die Bilder machten im Internet die Runde und lösten selten Bewunderung, vielmehr scharfe Kritik und bissige Kommentare zur Rolle des Moskauer Patriarchats im Kommunismus aus.

Der Kalender, der von der Verlagsdruckerei des Moskauer Patriarchats herausgegeben wurde, enthält Fotos und biographische Details, die Stalins Leben von seiner Jugend als Seminarstudent in Georgien bis zum ergrauten und gefürchteten Sowjetführer dokumentieren. http://id-dostoinstvo.ru/page/49.html.

Das Machwerk, das allenfalls noch für Historiker interessant sein könnte, wird auf der Webseite des Verlagshaus namens „Dostoinstvo“ (deutsch: „Würde“) „exzellentes Geschenk für Veteranen und Geschichtsliebhabern“ angepriesen. Der Kalender mit einer Auflage von 6000 ist online und in Buchhandlungen erhältlich für 200 Rubel (= 6 Dollar oder 5 Euro). Der Verlag rühmt sich einer erlauchten Kundschaft von einstigen „Parteigenossen“, Offizieren, Dumaabgeordneten, Regierungsmitgliedern bis hinauf zum Präsidenten.

Kirchenhistoriker Mikhail Babkin stieß durch Postierung einer ganzen Fotogalerie mit Stalin-Fotos zu einer heftigen Kontroverse in der Internetzeitschrift „LiveJournal“ an. Das Moskauer Patriarchat halte offenbar an der „engen, ja sakrosankten Verbindung zu Stalin“ bis heute fest, meinte er.

In der Diskussion wiesen Kommentare auf die Wandlung der Russisch-Orthodoxen Kirche zu einem Geschäftsunternehmen und der Kirchen in Geschäfte für religiöse Relikte, Kerzen, Publikationen und Dienste wie Taufe, Trauung und Beerdigung hin. Die Gläubigen werden zu „Kunden“, an denen sie sich bereichert.

Die Aktion der Russisch-Orthodoxen Kirche sei eine Beleidigung der Millionen Opfer des Stalinismus, die verfolgt wurden und in sibirischen Lagern umkamen, hieß es im Blog. Die Orthodoxe Kirche habe wohl vergessen, dass auch ihre Leute unter Stalin lange gelitten haben: Kirchen wurden geschlossen oder in Turnhallen, Märkte und Lokale umgewandelt, Gläubige, Priester und Bischöfe wurden zu Tausenden inhaftiert oder sogar hingerichtet.

Anstelle der Religion war nach der Oktoberrevolution des Jahres 1917 der militante Atheismus. Erst während des Zweiten Weltkriegs, als es im Widerstand gegen die deutschen Truppen auf die Solidarität aller Sowjetbürger ankam, da entspannte sich das Verhältnis des Kreml zur Kirche: sie durfte wieder öffentlich tätig sein, wenn auch unter strenger staatlicher Aufsicht und zum Lobpreis des Sowjetregimes.

Stalin selbst hatte auch persönlich ein zwiespältiges Verhältnis zur Kirche: als Jugendlicher in Georgien, wo er in der Stadt Gori unter dem Namen Joseph Wissarionowitsch Dschugaschwili geboren war, hatte er das Geistliche Seminar in Tiflis besucht, das damals als eine Brutstätte des „Obskurantismus“ und der Opposition gegen den Zarismus galt. Stalin wurde aus nicht ganz geklärten Gründen aus dem Seminar ausgeschlossen, man sagt wegen Nichterscheinen zum Abschlussexamen, wegen ausstehender Schulgebühren oder linker Umtriebe.

Die bedenkenlose Edition eines solchen Kalenders ist mal wieder ein Indiz für die Irrwege und die Misstände in der Russisch-Orthodoxen Kirche, die die Frauengruppe „Pussy Riot“ mit ihrer provokativen Aktion anzuprangern versuchte. Man stelle sich mal vor, unsere Kirchen würden einen Jahreskalender mit Hitlerfotos - von seiner Jugendzeit bis zu seinem Untergang in Berlin publizieren, das gäbe in Deutschland einen Riesenskandal!


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