28.04.2015

Ukrainer haben Probleme bei Bewertung eines Armenier-Genozids

EM, 28.04.2015 - Die Ukrainer gelangen bei Beurteilung des Genozids an den Armeniern vor 100 Jahren im Osmanischen Reich in eine missliche Lage: Einerseits nehmen sie Holocaust, Holodomor und Armeniergenozid gleichwertig in einer Reihe wahr. Andererseits sehen sie die gegenwärtige Ukraine in einer ähnlichen Lage wie die Türkei vor 100 Jahren, nämlich in der Abwehr von Terror und Separatismus im Gefolge eines Konflikts mit Russland.

Aller Massenmorde der Menschheitsgeschichte gedenken!

Wie die noch anhaltende Kontroverse um das Menschenrechtsmuseum in Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Prärieprovinz Manitoba, gezeigt hat, sind die ukrainischen Diasporaverbände erbost darüber, dass in dem Museum zuvorderst der Holocaust an den Juden herausgestellt wird. Zusammen mit dem Deutsch-kanadischen Kongress forderte der Ukrainische Weltkongress, das Museum nicht nur dem Holocaust, sondern allen Massenmorden zu widmen. Dazu rechnen sie die Verbrechen an Indianern und Inuits in Amerika, die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, die schätzungsweise zwei Millionen Tote zur Folge hatte, den „Holodomor“ (Massenhungertod) unter Stalin in der Ukraine und den „Genozid“ an den Armeniern vor 100 Jahren sowie weitere Massenmorde in aller Welt.

Ukrainer und Osmanen mussten sich des Separatismus erwehren

Nun bestreiten einige Medien und Kritiker die historischen Gemeinsamkeiten in der Frage der Massenmorde und der Opferrolle von Ukrainern und Armeniern. Stattdessen weisen sie auf eine überraschende Parallele zwischen der Situation des Osmanischen Reiches und der heutigen Ukraine. Beide hatten und haben in einer Auseinandersetzung mit Russland gegen Separatismus im Osten ihres Landes zu kämpfen.

Damals unterstützte Russland die Separatismusbestrebungen der Armenier im Osten der Türkei in der Region des „Van-Sees“ und heute unterstützt es den Separatismus der Russen in der Ostukraine. In beiden Fällen hätten die beiden betroffenen Staaten, das Osmanische Reich und die Ukraine, das Recht, die territoriale Integrität ihrer Staaten zu verteidigen. Zudem stünde Armenien heutzutage wiederum im Bunde mit Russland, also auf der Gegenseite der Ukraine. Wenn also Russland den Genozid der Armenier anerkennt, müsse die Ukraine nach Meinung von proukrainischen Bloggern die Anerkennung folglich ablehnen.

Trotz des brutalen Vorgehens der osmanischen Polizeikräfte gegen die armenische Bevölkerung sei es nicht opportun, den Massenmord an den Armeniern als Genozid anzuerkennen. Auch im Vergleich zum Holocaust sei die Lage der Armenier eine andere gewesen: Während der Holocaust an Millionen friedlicher jüdischer Bürger verübte wurde, musste sich das Osmanische Reich gegen armenische Terrorakte und Freischärlertruppen wehren.

So der Kommentar des russischen Bloggers Alexei Roschtschin zur Haltung proukrainer Blogger zum armenischen Genozid. Warum proukrainische Blogger begannen, am Genozid der Armenier zu zweifeln, Nesavisimaja gaseta, 22. April 2015. (Roschtschin ist Sozialpsychologe und Sektionsleiter beim Moskauer Zentrum für politische Technologien).


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