10.11.2014

Beisetzung im Wald: „Begrabt mich an den Wurzeln meiner Lieblingsbuche“

EM, 10.11.2014 - Im November denken Menschen in den Ländern der nördlichen Hemisphäre häufiger an Tod und Sterben als zu anderen Zeiten. Das schlägt sich auch in Umfragen und Medienbeiträgen nieder. Zum Beispiel über Sterbehilfe. Der Deutsche Bundestag hat dazu eine Mammut-Debatte von fünf Stunden anberaumt.

Die Mehrheit der Deutschen befürwortet den Umfrageinstituten Emnid und Allensbach zufolge eine Regelung, die es Ärzten erlaubt, schwerstkranken Menschen Sterbehilfe zu leisten. Vom „selbstbestimmten Tod“ ist die Rede. Man könnte in Abwandlung eines feministischen Slogans auch sagen: „Mein Tod gehört mir“. Dieser Satz gibt die sich wandelnde Einstellung zu „den letzten Dingen“ ziemlich treffend wieder.

„Begrabt mich an den Wurzeln meiner Lieblingsbuche“ - solche und ähnliche Anweisungen für die Beerdigung stehen neuerdings in vielen Testamenten und Willenserklärungen zur Wahl des Grabes. Bäume spielen im kollektiven Bewusstsein der Menschen eine immer größere Rolle. Auch über den Tod hinaus. Für viele ist inzwischen auch der Wunsch nach dem „selbstbestimmten Begräbnisort“ Teil der Würde ihres Ablebens. Und hier geht der Trend statt zu Weltraum oder Weltmeer längst zum deutschen Wald. In asiatischen Ländern, vor allem in China und Japan, werden große Hochregallager zur Aufbewahrung der Urnen angelegt, die für Angehörige einmal im Jahr, am Todestag, für einige Minuten zur Andacht vom Stapel geholt werden.

In unseren Breiten wird stattdessen das individuelle Einzelgrab unter dem lange vorher bestimmten Lieblingsbaum immer öfter als letzte Ruhestätte gewählt. Dörthe Hein berichtet in der Tageszeitung DIE WELT anhand eines dpa-Artikels unter der Überschrift„Der eigene Lieblingsbaum als letzte Ruhestätte“: „Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Begräbnis im Wald. Mit dem aufsteigenden Trend der Friedwälder haben die klassischen Friedhöfe eine naturnahe Begräbnisalternative und Konkurrenz bekommen.“

Seinen Lieblingsbaum wachsen sehen, unter dem man dereinst die letzte Ruhe findet

Friedwald oder Ruheforst werden die naturnahen Begräbnisstätten genannt. Der Baum, unter dem man begraben sein möchte, wird zu Lebzeiten ausgesucht. Dörthe Hein: „Sonntags am eigenen Grab vorbeispazieren. Den Baum fotografieren, unter dem man einmal liegen wird. Für immer mehr Deutsche ist das Realität.“ Sie zitiert Matthias Budde vom Unternehmen RuheForst mit Sitz in Erbach im Odenwald (Hessen), einem der großen Anbieter von Naturbestattungen, mit den Worten: „Es würde wohl kaum einer regelmäßig zu seinem künftigen Grab auf dem Friedhof gehen“, und das dürfte absolut richtig sein. „Wer sich für die Beisetzung im Wald entscheidet, tut das sehr bewusst“, sagen die Bestatter.

Urnenbeisetzungen unter persönlich ausgesuchten Bäumen sind demnach längst kein bloßer Trend mehr, sondern fester Bestandteil der Bestattungskultur in Deutschland. Die Zahlen gehen sprunghaft nach oben. Wichtig ist für die meisten Anwärter auf ein Baumgrab, dass sie sich ihren Lieblingsbaum zu Lebzeiten aussuchen und ihm beim Wachsen zusehen können.

Praktisch jeder Deutsche hat seinen Lieblingsbaum

Alte und neue Umfragen bestätigen, dass praktisch jeder Deutsche einen Lieblingsbaum hat. Derzeitiger Spitzenreiter ist die in Mitteleuropa als „Mutter des Waldes“ geltende Buche.

Lieblingsbäume und Baumverehrung haben in Deutschland eine lange Tradition

Baumverehrung hat in Deutschland Tradition. Hermann Hesse sagte „Bäume sind Heiligtümer“. Ludwig van Beethoven bekannte: „Ein Baum ist mir lieber als ein Mensch.“ Kein Wunder also, dass Menschen in diesem Land sich auch im Tod zu ihren Bäumen hingezogen fühlen und bei ihnen sogar begraben sein möchten.

Bäume gehören zu den größten Lebewesen auf Erden und sie haben mit ihren Wurzeln und der Sauerstoffproduktion den Planeten in hunderten von Millionen Jahren für Menschen überhaupt erst bewohnbar gemacht. In fast allen Kulturen gelten sie auch als Sitz der Götter.

Der deutsche Biochemiker und Zellforscher Prof. Dr. Joachim Rassow hat entdeckt, dass wir sogar in unserem Innersten das Bild eines Baumes tragen: In den Mitochondrien der Zellen, dort wo unsere Lebensenergie erzeugt wird, gäbe es einen Proteinkomplex, der im „elektronenmikroskopischen Bild [aussieht] wie ein großer Laubbaum, an den seitlich eine Leiter angestellt ist“. In einigen Bereichen der mitochondrischen Membran stünden diese Proteinkomplexe dicht beieinander, ähnlich wie Bäume in einem Wald. (Zitiert hier.)

Der heute 17jährige Baumaktivist Felix Finkbeiner, Gründer der Organisation „Plant-for-the-Planet“, die schon Milliarden neue Bäume gepflanzt hat, erinnert daran, dass Bäume nicht nur zusammen mit den Cyanobakterien der Ozeane die Sauerstoffatmosphäre der Erde geschaffen haben, sondern macht klar: „Bäume sind die einzigen Systeme, die das gefährliche Treibhausgas CO2 binden“ und damit diese Atmosphäre auch erhalten können.

Viele Menschen wollen schon zu Lebzeiten ihren Lieblingsbaum bei sich haben

Bäume sind demnach für das Leben auf Erden nach wie vor Grundvoraussetzung. Bäume retten den Lebensraum Erde, sie werden seit Jahrtausenden besungen und sie stehen Menschen als Lebewesen sehr nahe. Jetzt möchten also immer mehr von uns ihnen auch im Tod nahe sein und unter den ihnen besonders liebenswert erscheinenden Exemplaren begraben werden, wie die Bestattungszahlen belegen.

Doch auch zu Lebzeiten versuchen viele Menschen heute ihren Lieblingsbaum möglichst nahe bei sich zu haben, zum Anfassen, zur Beruhigung und oft auch als magisches Zeichen der Verbundenheit. Menschen wie Felix Finkbeiner oder der Nabu-Vorsitzende von Duisburg, Jürgen Hinke, sagen: Bäume haben etwas Mystisches.

Baumamulette vom Lieblingsbaum – das Glückszeichen der Lebenden

Das empfinden auch die Vielen so, die sich neuerdings an einem Baumamulett erfreuen, das sie um ihren Hals tragen. Dabei geht es nicht um irgendeinen Holzschmuck aus dem Wald, sondern um ein Stück vom persönlichen Lieblingsbaum. Das ist das Glückszeichen der Lebenden .

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