„Erotik ist der Puls des Lebens“EM-INTERVIEW

„Erotik ist der Puls des Lebens“

„Erotik ist der Puls des Lebens“

Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad bricht mit ihrem erotischen Kulturmagazin „Jasad“ („Körper“) bewusst Tabus in einer Gesellschaft, die den Körper weitgehend verhüllt und verschweigt. Libanon ist das einzige arabische Land, in dem das Magazin frei verkauft werden kann. Doch selbst dort ist es umstritten.

Von Susanne Schanda

Joumana Haddad  
Joumana Haddad  
  Zur Person: Joumana Haddad
  Joumana Haddad ist libanesische Dichterin, Journalistin und Kulturredakteurin der Tageszeitung „An-Nahar“ in Beirut. Mit „Jassad“ (Arabisch für „Körper“) gibt sie das erste erotische Hochglanzmagazin der arabischen Welt heraus. Es erscheint seit Dezember 2008 vier Mal im Jahr.

Joumana Haddad hat bisher fünf Gedichtbände geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Auf Deutsch: „Damit ich abreisen kann“ (Lisan-Verlag Basel) und „Liliths Wiederkehr“ (Verlag Hans Schiler). Die Autorin spricht sieben Sprachen und hat mehrere Bücher übersetzt. 2006 erhielt sie den „Arab Press Prize“.

E Eurasisches Magazin: Warum provozieren Sie die arabische Welt gerade mit dem Körper?

Joumana Haddad: Als ich zum ersten Mal ein Gedicht las, hatte ich eine Empfindung, als hätte mich jemand mit seinen Fingernägeln gekratzt. Ich war damals zwölf und wusste, dass es genau dies war, was ich bei anderen bewirken will, wenn ich schreibe: Mein Körper ist das Universum, in dem sich mein poetischer Ausdruck bewegt. Schreiben ist für mich ein stark physischer Prozess. Ich sage immer, dass ich mit meinen Fingernägeln schreibe, auf meine eigene Haut, auf meinen Körper. Ich will die Oberfläche wegkratzen. Dazu benutze ich meine Nägel und meinen Körper, sie sind meine Werkzeuge. Erotik ist der Puls des Lebens und gibt mir am meisten das Gefühl, lebendig zu sein. Wobei Erotik sehr nahe bei der Todeserfahrung liegt.

EM: Hat die Nähe von Erotik und Tod für Sie mit ihrem Leben im Libanon zu tun - einem Land, das einerseits von Krieg und Gewalt geprägt, anderseits äußerst vital, energetisch und kreativ ist?

Haddad: Als der Bürgerkrieg im Libanon begann, war ich vier Jahre alt, als er endete, 21. Die Gewalt ist bis heute präsent. Ich weiß nicht, ob es angebracht ist zu sagen, dass ich dankbar bin für all die schrecklichen Dinge, die ich erlebt und gesehen habe, aber sie haben mich zu derjenigen gemacht, die ich jetzt bin. Ich gebe nie auf. Ich versuche immer wieder etwas Neues, suche voranzuschreiten, wirklich zu leben. Und das hat mit all dem Tod zu tun, den ich gesehen und erfahren habe. Ich suche immer neue Herausforderungen, das ist wie eine Sucht.

Ein eigener kleiner Verlag garantiert meine Unabhängigkeit

EM: Ihre jüngste Herausforderung ist „Jasad“, das Erotikmagazin, das Sie seit Ende 2008 herausgeben. Wie ist es dazu gekommen?

Haddad: Ich hatte immer über den Körper und Erotik geschrieben und deshalb viele Probleme bekommen. Warum also nicht die Grenze weiter hinausrücken und ein Kulturmagazin über den Körper machen? Ich gründete meinen eigenen kleinen Verlag, um unabhängig zu bleiben, entwickelte das Konzept und suchte freie Mitarbeiter für die erste Ausgabe.
 
EM: Weit verbreitete gesellschaftliche Tabus in der islamischen Welt: Homosexualität, Gewalt zwischen Männern und Frauen, Nymphomanie oder Ehrenmorde. Solche Themen finden Widerhall in „Jasad“. Wie finanzieren Sie das Magazin?

Haddad: Leider kann ich keine hohen Honorare zahlen, aber ich bezahle die freien Mitarbeiter für ihre Beiträge. Wer immer in diesem Heft schreibt, tut dies auf Arabisch und in seinem eigenen Namen. Ich habe selbst Geld hineingesteckt, die Verkäufe laufen sehr gut. Ein Exemplar kostet zehn Dollar. Ich fing mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren an, heute sind es 6.000.

EM: Wie funktioniert der Vertrieb?

Haddad: Im Libanon kann man es überall kaufen. Es hat eine versiegelte Nylonhülle mit einem Siegel, auf dem steht „Nur für Erwachsene“. In der übrigen Welt wird es mit der Post an die Abonnenten versandt. In Europa kann man es in je einer Buchhandlung in Paris und London kaufen.

Mein Magazin ist kein arabischer Playboy

EM: Normalerweise sind Erotikmagazine Männersache. Vertreten Sie einen weiblichen oder feministischen Ansatz?

Haddad: „Jasad“ ist ein Magazin über den Körper. Erotik ist selbstverständlich stark präsent. Aber es geht nicht nur um Erotisches. Es ist ein Kulturmagazin, das auch über Erotik in der Philosophie, Religion und allen ihren Repräsentationen spricht. Es ist kein „Playboy“. Ich bin nicht ein Hugh Hefner (Gründer des „Playboy“) der arabischen Welt. Ich bin viel gefährlicher.

EM: Inwiefern?

Haddad: Weil ich eine Frau und eine Araberin bin und weil ich kein Magazin mache, das Männern eine Masturbationsvorlage bietet. Mein Magazin trägt zur Reflexion all der Tabus bei, die wir heute in der arabischen Welt haben – und die wir vor 1.000 Jahren nicht hatten.

EM: Was war damals anders?

Haddad: In unserem kulturellen Erbe des 9. und 10. Jahrhunderts finden sich eine immense Freiheit des Ausdrucks und ein Ausmaß an Sinnlichkeit, Erotik und Unverblümtheit, die verschwunden ist.

EM: Und warum?

Haddad: Es gibt zahlreiche Gründe. Einer ist der religiöse Extremismus. Ein weiterer ist die defensive Reaktion auf alles, was man als Invasion der westlichen Werte ansieht. Die Araber versuchen, ihre eigenen Werte zu schützen. Aber je mehr man das eigene schützt, desto introvertierter, verschlossener, engstirniger und frustrierter wird man. Das ist traurig.

Die Autoritäten im Land ärgern sich über mein Erotik-Magazin

EM: Wie reagieren die religiösen Autoritäten auf „Jasad“?

Haddad: Religiöse wie nichtreligiöse Autoritäten sind verärgert über das Magazin und versuchen es zu stoppen. Glücklicherweise sind zwei Schlüsselfiguren in der Regierung, der Informations- und der Innenminister - weltoffene, gescheite Intellektuelle. Sie hätten die Macht, das Magazin zu verbieten. Dagegen könnte ich überhaupt nichts tun. Doch beide haben den Druckversuchen bisher standgehalten.

EM: Ihr Magazin lässt Frauen und Männer über ihre ersten sexuellen Erfahrungen sprechen. Ist es nicht schwierig, Personen zu finden, die dies offen tun und mit ihrem Namen unterschreiben?

Haddad: Es ist sehr anstrengend, Menschen zu überzeugen, in ihrem Namen über diese Dinge zu schreiben. Vor einem Monat erhielt ich eine wunderschöne erotische Geschichte von einer Frau über ein Paar, das sich beim Sex gegenseitig filmte. Die Autorin wollte sie aber nur unter falschem Namen publizieren. Das lehnte ich ab. Dann schrieb ich ihr alle paar Tage eine E-Mail und forderte sie auf, das Risiko einzugehen, den Mut aufzubringen für diese schöne Geschichte. Schließlich erklärte sie sich einverstanden, dass die Geschichte unter ihrem Namen erscheint. Für mich ist das ein großer Sieg. Ich glaube an die kleinen Schritte bei der Veränderung der Gesellschaft.

Klischees dominieren das Bild der arabischen Frauen im Westen

EM: Da müssen Sie noch viele Schritte tun. Im Westen sehen wir uns heute wachsenden muslimischen Gemeinschaften gegenüber, die sich mit ihren rückwärtsgewandten religiösen Ideologien abschotten. Woher kommt diese Tendenz?

Haddad: Ich habe gerade ein Buch verfasst, das sich mit den Klischees beschäftigt, die im Westen über arabische Frauen kursieren. Die frustrierte, verhüllte, unterwürfige Frau. Die Mehrheit der arabischen Frauen ist tatsächlich so. Aber was mich wütend und traurig macht, ist, dass die Minderheit der arabischen Frauen, die nicht so ist, die es verdient, gesehen, anerkannt und diskutiert zu werden, weil sie die Hoffnung auf Veränderung verkörpert, ignoriert wird. Eine Araberin, die wie eine Westlerin daherkommt, wird gar nicht als Araberin wahrgenommen. Daher ist das traditionelle Modell das einzige, das im Westen präsent ist. Es ist wie ein Teufelskreis. Je mehr die Europäer diese defensiven radikalen Immigranten sehen, desto mehr tendieren sie dazu, gegenüber den Arabern furchtsam und feindselig zu sein. Und je feindseliger sie sich gegenüber den Arabern verhalten, desto radikaler werden diese.

EM: Konservative Muslime hüllen bereits die Köpfe ihrer kleinen Mädchen in ein Kopftuch, um sie vor vermeintlich lüsternen männlichen Blicken zu schützen. Warum gilt der Körper als so gefährlich?

Haddad: Das war früher nicht so. Die Araber schrieben früher über Sexualität und Erotik auf spontane, natürlich Art - ohne Einschränkungen und Scham. Heute dominieren dagegen Doppelmoral und Schizophrenie. Einerseits werden Mädchen zu anständigem Verhalten angehalten, aber andererseits können bereits 13jährige Mädchen verheiratet werden. Das ist institutionalisierte Pädophilie. Es gibt sogar Gesetze, die es erlauben, ein Baby zu heiraten.

EM: Kann ein Magazin wie „Jasad“ diese Schizophrenie auflösen?

Haddad: Es kann dazu beitragen. Es ist allerdings nur ein kleiner Schritt von vielen, die noch gemacht werden müssen. Ich habe mich für das Thema des Körpers entschieden. Andere kämpfen auf anderen Gebieten. Wenn wir alle für unsere Überzeugungen einstehen, können wir etwas verändern und die Welt zu einem besseren Ort für uns alle machen.

EM: Frau Hadad, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch

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© Qantara.de 2009, www.qantara.de

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